gepflückt werden, weil sie zur Zeit der vollen Reife gegen Winde wenig widerstandsfähig ist. Bei der Ernte und bei dem Versand verlangen die Früchte eine besonders vorsichtige Behand- lung, weil sie durch jeden Druck leicht fleckig werden. Dies ist weniger bei frühzeitig im September geernteten, als bei reiferen Früchten der Fall. In ihrer Heimat gibt es eine große Zahl von Spielarten dieser Sorte, die sich durch größere und schnellere Fruchtbarkeit, durch spätere Reife und durch längere Haltbarkeit auszeichnen. Die Frucht des„geflammten Kardinal“ wird vielfach fälschlich als Gravensteiner verkauft.
Eigenschaften des Baumes.
Der Gravensteiner fällt von seiner Jugend an, schon in der Baumschule, durch seinen kräftigen Wuchs, durch sein starkes, braunrotes Holz und durch sein großes, glänzend dunkel- grünes Blatt auf. Auf ihm zusagendem Boden behält er diese Eigenschaften und bleibt auch in späteren Jahren einer der am stärksten wachsenden Apfelsorten. Aeltere Bäume erreichen einen gewaltigen Umfang. Man kennt in Deutschland gesunde, mehr als hundertjährige Bäume. Der Gravensteiner ist ein Baum der norddeutschen Tiefebene. Je näher der Seeküste, umso präch- tiger gedeiht er. Alle Berichte unserer Mitarbeiter bestätigen dies. In Mittel- und Süddeutsch- land gedeiht er weniger gut und nur unter besonders günstigen Verhältnissen; z. B. findet man ihn am Bodensee in vielen älteren, gesunden Bäumen, die reiche Ernten liefern.
Der Baum hat einen aufstrebenden Wuchs und trotzdem eine breite Krone. Er liebt es, einzelnen Seitenzweigen das Uebergewicht über die Krone zu geben. Die beigegebene Abbil- dung nach einer photographischen Aufnahme auf dem Klostergute in Adersleben lässt dies deutlich erkennen. Diese Eigentümlichkeit zeigt sich auch schon am jungen Baume. Die Sorte darf nur in den ersten 2 bis 3 Jahren zurückgeschnitten werden. Sobald sich kräftige Holztriebe entwickeln, muss jeder Rückschnitt, durch welchen nur die Fruchtbarkeit verzögert wird, auf- hören. Im besonderen gilt dies von allen auf Wildling veredelten Gravensteinern.
Die Sorte beansprucht zu ihrem Gedeihen und für ihre Fruchtbarkeit einen ausgesprochen feuchten Boden, der auch im Sommer nicht trocken wird. Sie bevorzugt Wiesengelände und die Nähe von Wasserläufen, Teichrändern und feucht gelegenen Straßen. Zu hoher Grund- wasserstand, saure Wiesen wirken ungünstig und erzeugen Frostschäden und Krebs. Ein milder, feuchter Lehmboden ist der ihr zusagendste.
Mit Rücksicht auf den starken Wuchs müssen Gravensteiner auf einen Abstand von 12 m gepflanzt werden. Zur Spalierform eignet er sich nicht, weil er, auch auf Zwergunterlage veredelt, zu Starktriebig bleibt und zu spät mit dem Tregen beginnt. Bei dem regelmäßigen Schneiden wachsen die Augen fast immer zu Holztrieben durch. Die Endknospen der 15 cm und längeren Seitentriebe sind meistens keine Blütenknospen.
Ueber eine lohnende Verwendung der Sorte für Pyramiden- und Buschform liegen nur wenige Erfahrungen vor. Von verschiedenen Seiten ist eine reiche Fruchtbarkeit bei Veredelungen auf Doucin, von anderen solche auf Paradies beobachtet. Auch Pyramiden und Buschbäume müssen auf 4— 5 m Entfernung gepflanzt und wenig geschnitten werden.
Die Blätter werden oft und sehr stark vom Fusicladium befallen, die Früchte seltener. Gegen Frostschäden und gegen Krebs ist der Gravensteiner nicht unempfindlich. Infolge seines starken Wachstums heilen die Wunden aber sehr bald aus und schädigen ihn nicht.
Der Gravensteiner ist eine der am frühesten blühenden Sorten. Die Blüte ist sehr groß und schneeweiß. Die Fruchtbarkeit des Baumes beginnt sehr spät, 15 bis 20 Jahre nach der Anpflanzung. Es sind sehr seltene Ausnahmen, daß jüngere Bäume schon früher regelmäßig und reich zu tragen beginnen. Aber auch dann wird der Gravensteiner nie ein Massenträger,


