Teil eines Werkes 
Band 1 (1886) Programm der Enquête und Ergebnisse der Erhebungen
Entstehung
Seite
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Betrachtet man das in den beiden vorſtehenden Ueberſichten enthaltene Ergebniß neeſunus der Erhebungen in der Geſammtheit, ſo kommt man ganz unverkennbar zu dem rgebniß der Reſultat, daß trotz der mannigfachen Einkommensverluſte, welche ein großer Theil Lehelnſegen der landwirthſchaftlichen Bevölkerung in dem letzten Decennium gehabt hat, die Ver⸗ ſrumtheit. ſchuldung der Landwirthe doch im Allgemeinen bei weitem nicht die vielfach beſorgte Höhe erreicht; ja man muß nach den Erhebungen annehmen, daß in allen Landes⸗ theilen und Kulturzonen noch Gemeinden vorhanden ſind, in denen nicht blos eine relativ geringe Verſchuldung, ſondern auch ſogar eine Kapitalanſammlung be⸗ ſtehen, und wenn auch vielleicht viele Landwirthe in der neueren Zeit mehr als früher Schulden gemacht haben, ſo iſt doch nicht zu vergeſſen, daß ſich einestheils die Kaufſchillinge ſehr ſtark vermehrten und daß anderntheils der Viehſtand, ſowie das tote Inventar und das umlaufende Betriebskapital weſentlich erhöht werden mußten. In bedauernswerther Armuth befinden ſich eigentlich nur die Gemeinden in von der Natur ſehr ſtiefmütterlich bedachten Gegenden, in denen eben Reichthümer niemals zu holen waren, die aber freilich durch die Verhältniſſe der Neuzeit, gewöhnlich auch durch die größere Entfernung vom Markte, in verſchiedener Beziehung doppelt gedrückt wurden und denen theils eine mittelbare, theils eine unmittelbare Hülfe ſeitens des Staates jederzeit gut thut. Im Uebrigen ſind die meiſten der im Rückgang befindlichen Landwirthe, abgeſehen von ſolchen, die von beſonderem Mißgeſchick betroffen wurden, durch wirth⸗ ſchaftliche Fehler auf abſchüſſige Bahnen gerathen und gerade deßhalb erſcheinen die Vorſchläge unter I A, die in dem Grundſatz der Selbſthülfe wurzeln, bezw. die auf Verbeſſerung der Technik und der Oeconomie gerichtet ſind, beſonders zahlreich und beachtenswerth, während die andern Vorſchläge, die in dem Grundſatz der Staatshülfe wurzeln, bezw. die auf Verbeſſerung oder Veränderung der öffentlichen Einrichtungen gerichtet ſind, nur auf einige wenige Beſtrebungen beſchränkt bleiben, die von jeher von gebildeten Landwirthen vertreten waren. So wenig aber die dermalige Ungunſt der äußeren Verhältniſſe die vorzugsweiſe Urſache der mißlichen Lage mancher Land⸗ wirthe iſt, da letztere, wie aus allen Umſtänden deutlich hervorgeht, in der Regel auf ſeit langer Zeit begangene wirthſchaftliche Fehler zurückzuführen iſt: ſo wenig darf erwartet werden, daß Vorſchläge zur Beſſerung ſofort Erfolg haben; erſt die kom⸗ mende Generation kann deren Früchte ernten.

In Folge der unaufhaltſamen Zunahme der Bedürfniſſe des privaten und öffent⸗ lichen Lebens ſind die auf dem landwirthſchaftlichen Betriebe laſtenden und für die Familien unentbehrlichen Ausgaben, namentlich auch die Communallaſten erheblich gewachſen, während die Preiſe der Erzeugniſſe in Folge der Umgeſtaltung unſerer Verkehrsverhältniſſe und augenblicklich ungünſtiger Conjunkturen nicht überall dem Wachſen der Ausgaben gefolgt ſind, theilweiſe ſogar heruntergingen. Die eine Aus⸗ gleichung dieſer Mißverhältniſſe ermöglichende Steigerung der Roherträgniſſe iſt aber eine erſt in der folgenden Zeit zu löſende Aufgabe, und die ſich bei dieſer Sachlage ergebenden Einnahmeausfälle machen ſich in einzelnen Landestheilen, je nach dem Wirthſchaftscharakter, namentlich aber bei vorwiegendem Getreidebau, wie er leider faſt noch in ganz Heſſen herrſchend iſt, naturgemäß mit beſonderer Schärfe geltend.