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Rein Wunder bei ſolchen Anſchauungen, daß ein Mädchen aus guter Familie, das die Not zwang, einen Beruf zu er⸗ greifen, doppelt und dreifach zu leiden hatte. Arbeit war ihr fremd, für irgendwelche Ausbildung hatte niemand Sorge ge⸗ tragen. Dazu quälte ſie das Bewußtſein— und gerade fein⸗ fühlige Frauen litten darunter am ſchwerſten—, daß ſie als eine für Geld arbeitende Frau ſich von allen geſellſchaftlichen Beziehungen losgelöſt ſah. Dieſelben Kreiſe, denen ſie in ſorg⸗ loſen Zeiten angehört, in denen man ſie verwöhnt und bewun⸗ dert hatte, dachten nicht daran, zu ihr zu ſtehen, nun ſie den bitteren Ernſt des Lebens koſten mußte. Wir brauchen nur an die Rolle zu denken, die den oft aus beſten Familien ſtam⸗ menden Stützen und Fräuleins in gar vielen häuſern zu ſpielen zugemutet wurde. Nicht die Arbeit, die ſie auf ſich nehmen mußten, war dieſen Mädchen das ſchwerſte, wohl aber das ſelbſtverſtändliche Ueber⸗ſie⸗hinwegſehen, das Sich⸗gehen⸗Laſſen ihnen gegenüber, das Außerachtlaſſen jeder ſonſt üblichen Form und Rückſichtnahme im Verkehr mit ihnen. Ein Mädchen, das für Geld arbeitete, ſo meinten viele, könne Rückſichten nicht verlangen, nur der„Dame“ brachte man ſolche entgegen. Die ſo vielen Stellengeſuchen hinzugefügte Notiz:„Kuf hohes Salair wird weniger geſehen als auf gute Behandlung“ war ein trauriges Seichen von dem Ciefſtande des Empfindens und des Taktgefühls unſerer höheren Geſellſchaftsſchichten, denen häufig freilich nur der Reichtum den Schein von Bildung verlieh.
Wenn das Unwürdige, Unhaltbare ſolcher Knſchauungen mehr und mehr zutage trat, wenn man ſich ſolcher Vorurteile zu ſchämen und auch in der Frau den arbeitsfähigen und zur Krbeit verpflichteten Menſchen zu achten begann, ſo iſt das einzig und allein der Frauenbewegung zu danken, die ſchon bei ihrem erſten Kuftreten in Deutſchland— bei der Grün⸗


