Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
403
 
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403 einigen Sekunden ſaß Linar ſchon auf dem Wagen, der ihn doppelt ſo ſchnell, als ſeine Füße erlaubt haben würden, dem mütterlichen Wohnſiz entgegenführte.

Fontaines-les-Bois war in der Bretagne wohl bekannt, nicht allein wegen ſeiner zwölf Springbrunnen am Ende der ſchönſten Allee von Kaſtanienbäumen, ſondern wegen ſeiner biedern Beſizerin, der Frau von Linar. Die Marquiſe, die, wenn auch ſechzig Jahre, dennoch die Statur und Gelenkigkeit einer dreißig jährigen Dame hatte, war durch ihres Geiſtes und Körpers unverwüſtliche Ju⸗ gend berufen geweſen, die Veratherin und der wohlthätige Engel der Gegend zu ſein. Weil ſie ihre Hilfe und Gaben ohne Unterſchied den Blauen und den Weißen austheilte, war ſie geliebt von beiden Parteien. Die Patrioten nannten ſie ihre gute Mama oder Bürgerin Linar, die heimlichen Loyaliſten hießen ſie ihre Prinzeſſin. Wie die Mutter, ſo waren auch ihre Töchter geworden. Zwei von denſelben lebten noch im Hauſe der Mutter; die älteren waren an Edel leute in der Nachbarſchaft verheirathet. Dieſe Edelleute aber, die vor Zeiten ein großes Vermögen und bedeutenden Hausſtaat kommandirt hatten, gingen jezt in Blouſen und Holzſchuhen einher, wie andere Vauern. Ihre Haare flogen lang und ungepudert unter der blauen Wollmüze im Winde; ihre Sprache war ausgeſucht bäuriſch geworden; ſie waren die Erſten, wenn's darauf ankam, den abgeſchafften Adel zu ſchmähen.

Mit einem dieſer Schwäger, die Amédse haßte, weil ſie ſich ihrem Stamm ſo ſehr entfremdet, führte ihn der Zufall zuſammen, juſt da der ſehnſuchtsvolle Sohn dem Hauſe ſich näherte. Linar wurde von dem Neubauer nicht erkannt; da der Leztere indeſſen Maire des nahgelegenen Dörfchens war, ſtellte er den fremden Wanderer auf der Straße zur Rede und fragte ihn polizeimäßig aus. Das Laissez- passer des Nepräſentanten that ſeine Wirkung. Dennoch fragte der Maire weiter, und zwar mit barſchem Tone:Was willſt du in jenem Hau ſe?Was ich dort will? Ich babe mit Madame Linar zu reden.Mit der Bürgerin Linar? Sie iſt nicht daheim. Ich komme eben von ihrer Woh nung.So werde ich ſie erwarten.Sie wohnt der Hochzeit eines braven Patrioten von Rocour bei und kommt erſt in der Nacht zurük. Gleichviel.Willſt du bei ihr betteln?Ich hab' ihr etwas auszu⸗ richten.Was?Einen Gruß von ihrem Sohne. Der Maire macht ein verdrießliches Geſicht.Iſt der Thunichtgut wieder im Lande? 500 aber bereits auf dem Marſch gegen die Deutſchen. Er iſt requirirt worden. Deſto beſſer; ſo wird bald eine Kugel ihm ſein Recht anthun. Kannſt nur wie der umkehren; ich werde ſchon den Gruß an deiner Statt ausrichten. Den Marquis überlief der Zorn.Scheere dich an deine Geſchäfte, Ex⸗Vicomte Cor⸗ beron! ſagte er dreiſt und verächtlich.Willſt du deine Schwiegermutter vor aller Welt ſequeſtriren? Ich werde ſchon dem Bürger Repräſentanten berichten, wie man hier zu Lande die perſönliche Freiheit begreift. Die Nennung ſei⸗ nes Namens, die drohende Erwähnung des Konventſtatthalters und die keke Haltung des ruppigen Boten machten den tiefſten Eindruk auf den Maire. In der Furcht, es möchte hinter der lumpigen Maske ein wichtiger Agent und Auf- paſſer ſteken, zog der Vicomte verlegen ſeine Müze und ſtarrte wie verſteinert dem jungen Mann nach, der rüſtig ſeinem älterlichen Schloſſe zuſchritt.

(Beſchluß folgt.)