Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
358
 
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Mittelſtraße zwiſchen dem hoch Tragi ſchen und gemüthlich Naiven hält, ſagt dem lieblichen, weichen Organe, das mit wundervoller Kraft zum Herzen dringt, wieder ganz zu und wird durch dieſe Nachtigallenkehle zu unbeſchreibli chem Zauber erhoben. Die Polacca im erſten Akte wurde mit lieblich nekiſcher Grazie vorgetragen, daher die Wieder bolung ſtürmiſch verlangt; in der Arie im 2. Akte entfaltete die Künſtlerin ihr herrliches Portamento, nur bemerkte man am Schluſſe ein kleines Derange ment; im dritten Akte war auch das Spiel ein ausdruksvolles, ergreifen des zu nennen. Ueber die Beſezung der übri gen Rollen ſchreibe ich, wenn ich einmal beſſer bei Laune das Publik um ſprach ſein gerechtes Urtheil über ein ſolches Enſemble unzweideutig aus, nur Herr Steiner bot im dritten Akte einige ge lungene Momente und tauchte wie ein Irrlicht hervor. Das Haus war in allen Räumen überfüllt u. gab bei der glän zenden äußern Beleuchtung ein impoſan⸗ tes Bild. In der etwas veralteten ſpaniſchen Komödie:das Leben ein Traum, ſpielte Hr. Moriz Rott den Roderich. Mit greller Natürlich keit war der rohe Wüſtling mit ſeiner Unbändigkeit des Willens gezeichnet; der Uebergang zur milderen Denkungs art, zu ſanfteren Geſinnungen mit freundlicheren Farben markirt und der Schluß, wo ſich Reue und ein gewiſſes Inſichgehen, das Erwachen eines edle ren Selbſtgefühles kund geben, wurde durch die treffliche Darſtellung unſeres Gaſtes von entſchiedenem Effekte. Ein Meiſterſtük der Deklamation war der Schlußmonolog des 3. Aktes. Fer ner ſahen wir Hrn. Rott als Baron Wallenfeld in Iffland's:Spieler. Man kennt ja dieſe Thränodie, wo fünf Akte lang um einige lumpige Gulden gejammert, geächzt und lamentirt wird, ſo daß man wie der geniale Neſtroy

nach einem berühmten Kritiker in einer ſeiner Poſſen ſagen läßt nur eine Kollekte im varterre machen dürfte, um all dem Trübſale ſchon nach dem erſten Fallen des Vorhanges ein Ende zu ma chen, wobei doch die zartfühlenden, zum Salzwaſſer disponirten Damen wenig ſtens ihre geſtikten Vattiſttücher ſchonen würden und doch iſt mir dieſes Pha rodrama mit ſeinen herzloſen, vorneh men Herrn, mit ſeinem ſchurkiſchen Po ſert, mit dem 64jährigen Lieutenant, mit der bei ihres Gatten Lebzeiten ſchon unglüklichen Wittwe mit dem liebens würdigen Champagnerlumpen und mit dem biedern Kriegsminiſter, der dann, ein Deus ex machina, der Geſchichte bald ein Ende macht, eines der liebſten des Theater-Lafontaine's: Iffland. Mit jugendlichem Feuer gab Hr. Rott ſeine Rolle, jede der Nüancen wußte er aus⸗ druksvoll hervor zu beben und drama tiſch wirkſam hinzuſtellen. Er ward von Mad. Grill, den Herren Verg, Roſen ſchön und Dietrich auf lobenswert he Weiſe unterſtüzt. Den Cyklus ſeiner Gaſtſpiele ſchloß Hr. Rott mit Schil⸗ ler's:Wilhelm Tell. Es war ein herrliches Charakterbild, das uns der Darſteller vorführte; die biedere Schwei zerſeele, die zufrieden im eigenen Haus halte, ſtets zum Helfen bereit, die, ohne ſtolz zu ſein, im edlen Selbſtbewußtſein ihres Werthes, ihrer Kraft männlich eingedenk, ſelbſt dann, wo ſie, durch un erhörte Grauſamkeit empört, zur Ver geltung aufgeſtachelt wird, nicht aus Nachſucht, ſondern in der Ueberzeugung, als Befreier des Volkes aufzutreten, den wahren Meiſterſchuß zu thun, den Mord vollbringt ſo hat ſich Schil ler ſeinen Tell gedacht und ſo hat ihn Rott aufgefaßt. Sehr effektvoll war Mad. Kalis(Hedwig) im 4. Akte. Das ſehr zahlreiche Publikum ſpendete reichlichen Beifall und nahm die beſchei dene Dankrede, in welcher der Gaſt die