Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
306
 
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306

großattige Muſik zu hören, und faſt noch begieriger, den berühmten Komponi ſten zu ſehen, deſſen Name mit Begeiſterung in Deutſchland, ja, in ganz Eu ropa genannt wurde. Nun waren alle Pläze eingenommen, und ein Gemiſch von heiterer Beweglichkeit und geſpannter Erwartung ſpiegelte ſich auf dem Ange ſichte der Vornehmen und Geringen ab. Nur in eine Seele drang kein Lichtſtrahl der Freude und keine freudige Erwartung: es war der immer Geplagte, der fortwährend Gehezte, der es Keinem recht machen konnte, der immer etwas mußte verſehen haben, es war der Requiſiten-Meiſter des Theaters, mit Namen Sen nefelder. An gewöhnlichen Spieltagen war er ſchon ein Märtyrer ſeines Amtes zu nennen, und nun, bei der erſtmaligen Aufführung von Mozart'sDon Juan! Vollauf mit der Muſik beſchäftigt, hatte man alle Sorge für die mise-en-scéne dem Regiſſeur überlaſſen. Dieſer hatte ſich begnügt, dem Meiſter Sennefel der einige unbeſtimmte Angaben zu machen, und hatte damit noch ſogar in ſeiner gewöhnlichen Saumſeligkeit bis zum lezten Augenblike gewartet, um ihm die Requiſitenliſte zu übergeben. Da lief der arme Mann denn nach Rechts und Links zur Anſchaffung der Laterne des Leporello, er fertigte die lange Papier rolle an, auf welcher die Galanterie- Abenteuer ſeines Herrn ſollten verzeichnet ſtehen, er verſicherte ſich, daß die Prügel gut ausgeſtopft ſeien, er ſtimmte die Saiten der Guitarre. Zugleich mußte er die Feſtigkeit des Balkons prüfen, auf welchem Elvira die treuloſe Serenade ihres Gatten vernehmen ſollte, er mußte für das Koſtüm der Figuranten ſorgen, die ſpaniſchen Bärte in Reihe und Glied legen, und was alles noch der geplagte Mann zu beſchaffen hatte. Es war ein großer, feierlicher, gefährlicher Abend für ihn. Endlich kam der große Augen blik heran.

Auf dem Theater hörte man, wie die Muſiker ſich auf ihren Pläzen ein fanden; nun erſchien der berühmte Tondichter, begleitet von dem Direktor und einem jungen Regierungs-Aſſeſſor aus Poſen, einem ausgezeichneten Dilettanten. Er war ausdrüklich nach München gekommen, um ſich Mozarten vorſtellen zu laſ ſen, und der Aufführung der Oper beizuwohnen. Man nannte ihn Theodor Hoff mann. Der erſte Negiſſeur geſellte ſich zu dieſer Gruppe und erwartete, daß der Direktor das Zeichen gebe. Dieſer, nachdem er ſich mit Mozart beſprochen und, durch die kleine Oeffnung im Vorhang ſehend, ſich vergewiſſert hatte, daß die Muſiker ſich alle, den Kapellmeiſter an ihrer Spize, auf ihren Poſten befanden, gab dem Regiſſeur ein Zeichen, welcher aus den Händen Sennefelder's einen ſchweren Stab nahm, und damit zu drei wiederholtenmalen feierlich aufſchlug. Da hörte man denn ſogleich den Anfang jener großen und ſchreklichen Sympho nie, welche den Zuſchauer auf eine ſo wunderbare Weiſe an die Schwelle der Myſterien der Unterwelt führt, die ſich vor ihm entwikeln ſollen. Bald ſind es Klagen und Seufzer, die man zwiſchen grauenvollen Ausbrüchen eines hölliſchen Lachens vernimmt; dann hört man den Kommandeur mit ſeinem verſteinerten Gebein auftreten auf dem kalten, feſten Marmorboden. Nun erhob ſich der Vor hang mit einem feierlichen Schauer. Nie magDon Juan vortrefflicher auf geführt worden ſein. Hoffmann hat in ſeinen phantaſtiſchen Erzählungen merk würdige Notizen über die Sänger dieſes Abends und über die Art, wie ſie ihre Parthien ausführten, der Nachwelt zurükgelaſſen.

Mozart, damals ſchon von dem Körperleiden ergriffen, das ihn im fünf unddreißigſten Jahre ſeines Lebens ins Grab führen ſollte, genoß in melancho