Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
238
 
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ergreifendes Spiel, durch den ſeelenvoll ſten Geſangsausdruk. Die liebliche Po- lacca(Son' vergin' vezzosa) trug ſie mit liebenswürdiger, nekiſcher Naivität vor, ſo daß die Wiederholung ſtürmiſch verlangt wurde. Unvergleichlich war ſie in der Arie des 2. Akt., u. gewiß iſt es, daß heutzutage keine deutſche Sängerin dieſe parthie kunſtvollendeter durchzu führen im Stande iſt. Die vielfach ge ſpendeten Beifallsbezeugungen, ſo wie die Kränze friſcher Blumen u. Gedichte worunter einige mit dem Portraite der Künſtlerin geziert und ein ſehr ſin niges in ungariſcher Sprache mögen der Künſtlerin einen Beweis der gerechten Anerkennung ihres Wirkens liefern. Nie wurden dergleichen Aus zeichnungen würdiger angewendet. Vorzüglich war noch Hr. Leithner(Sir George), der dieſen italieniſchen Ge⸗ ſangspart mit echt italieniſcher Methode durchführte. Die gemüthlichen Stel len gelangen Hrn. Steiner(Arthur) beſſer, als die Energie bedingenden. Ue berhaupt war er in dem lezten Akte ſchon erſchöpft. Weniger Eifer ſchien Hr. Rötzer ſeinem Parte zugewandt zu ha ben. Die Chöre leiſteten Verdienſt liches und ſo war ziemlich Alles vereint, den Opernfreunden einen vergnügten Abend zu bereiten. Am 7. ſahen wir Mad. Deſſoir als Sabine in Töpfers: Einfalt vom Lande; ſie ſpielte dieſe Gurli-Nolle ganz köſtlich, das Schel miſche wußte ſie mit dem Gemüthlichen ſo zu verweben, daß ſich der Charakter ganz nach dem Wunſche des Dichters als ein höchſt liebenswürdiger beraus ſtellte. Dergleichen Mimili-Rollen ſchei nen, weil ſie dankbar ſind, auch leicht darſtellbar, doch nur Wenigen gelingt es, den rechten Ton anzuſchlagen, der bei Charakteren, die ſo zu ſagen auf die Spize geſtellt ſind und gar leicht ins Lächerliche, wenn nicht gar ins Wi derliche gezogen werden können, oft

ſchwierig zu treffen iſt. Outrlrt ſpiel te Herr Poſinger den alten Murr warum toujours Quaſimodo? Es gibt gewiſſe Gränzen, die der denkende Schau ſpieler ſtets im Auge behalten ſoll, und was mir am Paul gefällt, muß mir das beim Peter auch gefallen? Lobens⸗ werth ſpielte Herr Kalis ſeine Geken rolle. Hr. Wagner war ein etwas kalter Liebhaber u. er möge das Memo⸗ riren nicht vergeſſen. Am 8. ſezte Mad. Deſſoir ihr Gaſtſpiel als Julie in Shakſpeare's unvergleichlicher Lie bestragödie:Romeo und Julie fort. Sie ſpielte das von heißer, inniger Lie besglut entflammte italieniſche Mädchen in ſeiner vertrauensvoller Hingebung, in ſeinem bittern Schmerze mit rühren der und ergreifender Wahrheit. Wun derlieblich gab ſie die berühmte Balkon⸗ Szene. Einſtimmiger Beifall lohnte die treffliche Leiſtung. Romeo war Herr Wagner und hatte einzelne gelungene Momente. Sehr lobenswerth war Hr. Roſenſchön als Mereutio. Die Uebri⸗ gen genügten. Tags darauf erſchien unſer liebenswürdige Gaſtin wieder in einem ganz entgegengeſezten Genre. Sie gab denPariſer Taugenichts. und ſtellte dieſen zwar dankbaren. aber doch nicht leichten Charakter mit viel Vivacität dar. Sie wußte die gutmü thige Schelmerei des lokern Jungen, der bei ſeinen loſen Streichen doch das Herz auf dem rechten Fleke hat, mit ent- ſprechenden Farben aus zumalen. Ganz vorzüglich war die Szene mit dem Ge⸗ neralen, der in Hrn. Berg einen treff⸗ lichen Repräſentanten fand. Mad. De ny war vorzüglich; Hr. Kalis nicht in ſeiner Sphäre. Mad. Deſſoir ward nach jedem Akte mehrere Male gerufen. Semper idem.

Mignon Zeitung Petersburg. Auf einem Mas⸗ kenballe des Fürſten Sugutſchoff war