Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
184
 
Einzelbild herunterladen

184

Ihnen: blemkt öffentlich zu danken. Je doch Ihre zarte Aufmerkſamkeit konnte mit beſtem Willen unmöglich all die heitern Karnecvals freßken, wie ſie in den bunten Reihen unſe rer Bälle, Pikniks und Amuſements auftauch⸗ ten, wiedergeben. Es iſt liebenswürdige, in⸗ ſtinktmäßige Kaprize unſerer Zauberinen, nicht nur ihre Toilette, ſondern auch ihre Tugenden, Thaten und Launen imSpie gel glänzen zu ſehen Sie entwikelten, mein Herr Spiegel, während dieſes Karne⸗ vals unglaubliche Avanturen; Sie zeigten vom Kommenden und vom Vergangenen ſtets ein überraſchendes Miniaturpanorama, aus welchem man jenes ahnen und dieſes in lebhaſter Farbenpracht wieder finden konn te. Zaubern liegt außer dem Bereich Ihrer Beſtimmung und ſo wenig der künſtlichſte Handſpiegel das Geſammtbild einer Stadt auf ein Mal veranſchaulicht, eben ſo wenig vermochten Sie die manigfaltigen Ballgenuſſe des heurigen Karnevals erſchöpfend wie der zu geben. Allein in der flüchtigen Bemer kung: die Geſelligkelt unſerer Schweſterſtädte babe in der diesjährigen Ballſalſon ein hal bes Jahrhundert nachgeholt, geben Sie das treffendſte Bild unſeres Karnevals. Die Maskeraden im, Nationaltheater, die Piknits u. die Bälle im Kaſſino, in den Redouten u. in den Konverſatlonsſälen derKönigin v. Eng⸗ land wurzeln tief im Andenken der Theil⸗ nehmer derſelben. Wer wird noch die Fabel von dem Paris u. die Mährchen von den Gra⸗ zien bezweifeln, wo ein Geſchwiſterpaar Kr und Des, ein mastirtes Zwiegeſtirn mit der geiſtreichen Bezeichnung: Les inseperables, blond und ſchwarzköpfig, doch von un⸗ gleichen, frapirenden Geiſtesgaben, ein Quintett bezaubernder Euphroditen in die Gy: 3i, po, Al, Ro und Or, mit Worten, Bliken u. Mienen, Heldenſchaa ren an ihre Triumphwagen ketten? Mögen ſie kommenden Karncval, im bei terſten Wohlſein ihrer Siege ſich erfreuen; und in Ihnen, HerrSpiegel, das heiterſte Lebensbild abgeben wünſcht Dero hochachtungsvoller 8 ä Belobung. Die löbliche Komitats-De⸗ putation zur Leitung des ungar. Theaters in Peſth hat ſo eben an Hrn. v. P ati ſz, Stadthauptmann der k. Freiſt. Peſth, wegen

den anter ſeiner Aufſicht gehandhabten mu⸗ ſterhaften Ordnung, bei Gelegenheit der ab gehaltenen Bälle im ung. Theater, ein böchſt ſchmelchelhaftes Dankſagungsſchreiben erlaſſen.

g Die Marienwalzer. Schön ſind dieſe Walzer Lanner's, das muß man ibnen laſſen; aber was zu viel iſt, iſt zu viel! Auf allen Redouten, Bällen, Pikniks gaben dieſe Marienwalzer den Ton an; ich mochte mich tehren und wenden wohin ich wollte, überall berührten dieſe bekannten Dreiviertel-Takte mein Ohr. Der Faſching iſt aus und meine Frau ſpielt mir auf dem Piano die Marken- walzer vor. Ich fliehe und auf dem Hausflur drehorgelt ein barſüßiger Jüngling die Ma- rienwalzer herab. Ich eile fort u. aus jedem dritten Hausthor laſſen ſich andere Drehor geln mit den Marienwalzern vernehmen. Ich komme in dem Kaffehauſe an und da geiat mir tichtig ein Quartet die Marfenwalzer aus den Noten berab. Vom Kaffehaus auf die Straße und alle Schuſterbuben machen Chorus mit den Marienwalzern. Nun erſt Abends, beim Soupee im Gaſthauſe, da wie derholt die Spieluhr alle Viertelſtunde die Marlenwalzer. Verzweiflungsvoll eile ich nach Hauſe, da lullt das Kindermädchen mit den Marienwalzern mein halbjähriges Tochterlein in den Schlaf. Ich werfe mich ins Bett: eine Serenade in der Nachbarſchaft weiß nichts Beſ ſeres als die Marienwalzer vorzutragen. Ver gebens ſuche ich den ruhigen Schlaf; die gan⸗ ze Nacht hindurch ſchwirren u. ſummen mir durch den Kopf die Marienwalzer!

Die Schiffbrüke. Spät zwar kam heuer unſere Schiffbrute, aber ſie kam doch, und zwar in einer faſt ganz neubeholzeten Geſtalt. Wer ſich von der Importanz einer Brute zwiſchen Peſth u. Ofen hätte einen Be⸗ griff machen wollen, der hätte am 15. März, um 2 Uhr Nachmittags, an Ort und Stelle ſein ſollen, als das Glotlein verkündete, daß die Schiffbrute wieder gang u. fahrbar ſei. In einem Nu geſtaltete ſich ein Bild des be⸗ wegteſten Lebens. Hunderte von Equipagen und Laſtwagen, befrachtet und unbefrachtet, eine Unzahl von Ochſen, Pferden u. Thleren anderer Art u. eine ungeheuere Volksmenge, das Alles ſeit dem Morgen der Vollendung harrte, wogten von beiden Seiten in dem, bun⸗ teſten Gewirre u. in langen, unüberſehbaren Zugen über die Bruke, welches Getreibe bis

ſpär in die Nacht dauerte. In der Thar war dies ein Anblik, wie ihn nur eine große Welt⸗

ſtadt bieten konnte!

Herausgeber und Verleger Franz Wieſen.