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in der Wahl ſeines Sujets, nahm er dieſe immer von der Straße, aus dem Volke in Lumpen, und ſeine Kompoſitionen hatten, als ſie ſchon von ſich ſprechen mach— ten, noch immer etwas Aermliches an ſich. So ſpiegeln ſich die Leidenſchaften der Menſchen ſtets in allen ihren Werken ab.
Bertholozzi hätte bei dem glüklichen Inſtinkt, den er vom Himmel hatte, unabhängig ſein müſſen; ſtatt deſſen fühlte er ſich bei dem Meiſter, der ſeine Studien leitete, beengt: ſo lehnte er ſich denn wider ſeine neue Stellung auf, und endlich des ewigen Kampfes mit ſeinem Schikſal üderdrüſſig, verſuchte er ſein Glük auf eigene Hand. Er drükte den Kummer in Holz und in Marmor aus; die Bitterkeit ſeines Gemüthes ging in ſeinen Meißel über, und ſeine Sta⸗ tuen litten alle an den Leiden ihres Schöpfers: er ſchuf Ausſäzige, Bettler, Hinkende, Märtyrer, Geſchundene. Seine Werke fanden Käufer und er bekam Geſchmak am Gelde. Er war nun ernſt darauf bedacht, ſich ein Vermögen zu ſammeln, und bekam ſo einen Kaufmannsſinn.— Von da ab war die ganze Zukunft Bert holozzis getödtet; da aber die Liebhaberei für ſeine ſchmerzerfüllten Statuen nachgelaſſen hatte, ſo ſuchte der Künſtler die bisherige Neugier in Devotion zu verwandeln: er machte Kruzifixe: anfangs für reiche Städte, dann für Privatkapellen, dann für Muſeen, endlich für Kathedralen. Bertholozzi war nun keinen Augenblik müßig; es drängten ſich die Käufer in ſeiner Werkſtatt. Das regte ſeinen Stolz an, und ſein Erfolg wekte die eingeſchlafenen Leiden— ſchaften wieder auf; er fand ſich oft begeiſtert, und man ſagte dann von ihm, was man mit Bezug auf deſſen olympiſchen Jupiter bereits von Phidias geſagt hat: daß er für Mehrung der Religion der Völker beitrage.
So ſtand es um Vertholozzi, als die republikaniſchen Armeen Frankreich's in Ober⸗Italien einfielen. Der Schreken bemächtigte ſich aller Gemüther; die großen Städte ergaben ſich, die Dörfer wurden leer, und unſer Künſtler, gewiß, überall Geld zu verdienen, was nun ſein Dichten und Trachten war, wanderte, den Namen Bonaparte verfluchend, nach Tyrol aus.— Aber auch an Tyrol kam die Reihe der Knechtſchaft: unſere Soldaten nahmen es in Beſiz, der Sie⸗ ger von Italien ließ dort ſeine dreifarbigen Fahnen wehen, und Vertholozzi, aus ſeinem neuen Aſyl verjagt, mußte mehrere unvollendete Chriſtusbilder im Stich laſſen, die ihm nicht wegen ihrer Schönheit, ſondern wegen des Geldes leid thaten, das er daraus hätte löſen können.
Die Habgier war bei ihm an die Stelle des Genies getreten. Er verlies Tyrol noch erboſter auf den General, der Konſul geworden war, und zog ſich einſtweilen in eine kleine Stadt unfern Wien's zurük, wo er ſeine Arbeiten bald wieder vorzunehmen und ſich der Güter zu bemächtigen hoffte, die ihm bis da⸗ hin immer unter der Hand verſchwunden waren. Vergebene Hoffnungen! die Fürſten und Könige ſchwankten auf ihren bedrohten Thronen; Frankreich, das lange in Schlummer gelegen hatte, war erwacht, bei ſeiner Donnerſtimme er— bebten die Hauptſtädte hinter ihren Feſten, und der kaiſerliche Adler, der die drei Nationalfarben in ſeinen mächtigen Klauen hielt, ſchien noch nicht Luſt zu haben, ſeinen Herrſcherflug einzuſtellen. Vertholozzi hörte zum dritten Mal den Donner des Erzes brüllen, das die gedemüthigten Reiche niederwarf, und die Wände ſeiner Werkſtatt erbebten von der Dröhniß der heranſprengenden Reite— rei: er glaubte alſo noch einmal vor dem verderblichen Genius des Krieges, der ihn überall verfolgte, flüchten zu müſſen.


