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Allernsthigſten; ſie theilte lange das traurige Loos aller Mitglieder wandern⸗ der Banden. Endlich wurde es ihr ſo gut, in London auftreten zu können, wo ſie bald die Gunſt des Publikums gewann. Schönheit hatte ihr die Natur verſagt; aber ſie beſaß, was auf der Bühne nüzlicher und effektvoller iſt, als Schönheit— ausdrukvolle Züge. Sie war eine Kapitalſoubrette; es paßte auf ſie, was Lichtenberg an der Abington bemerkte, die, ſonderbar! eben wie die Mellon einen Mann gefeſſelt hatte, der an Glüksgütern wenige ſeines Gleichen in England hatte. Lichtenberg fah die Abington als Harlekine ſich herumzauſen mit. den Albernheiten des armen und reichen Pöbels und dabei im anſtändigen Duell mit den Thorheiten der Großen. Auch Harriet Mellon wußte niedrige Rollen vom Staub der Werkſtätte zu reinigen, war zugleich ſchlau und nekiſch, gewandt und einfach, naiv und kurz angebunden. Klug genug, nicht aus ihrer Sphäre zu gehen, wurde ſie bald die Erſte darin. Nicht ſo zierlich, als die Farren, nicht ſo gefügig, als die Jordan, übertraf ſie beide in den Rollen, wo ſich Grazie mit Troz paaren ſoll. Manches Jahr ging ihr ſo hin, ohne daß ihr ein anderes als das gewöhnliche Bühnengeſchik beſtimmt ſchien. Covent-Garden und Drury-Lane brannten ab; das Engage— ment ſtokte; Miß Mellon befand ſich in faſt bedrängten Umſtänden. Da ge— ſchah es, daß ihr Fortuna auf einem andern Weg entgegen kam. Coutts, der reiche Bankier, ein Mann in den Siebzig, aber immer noch ein Freund der Bühnen und ihrer Zierden, erklärte ſich als ihr Verehrer. Natürlich gab das viel Gerede; die Läſterſchule wurde vom Publikum aufgeführt; Miß Har⸗ riet Mellon wurde geſchmäht, verleumdet, lächerlich gemacht; die Einen wuß⸗ ten nicht, wie ſich das Verhältniß geſtaltet hatte; die Andern beneideten der Aktrice den reichen Anbeter; aber die Einen und die Andern waren gleich
eifrig im liebloſen Urtheil. Coutts war verheirathet— aber er war ja nahe
an Achtzig! Er war ein Mann von Einſicht und troz ſeiner Jahre noch ſehr lebhaft; die Unterhaltung der muntern Soubrette ſagte ihm zu; ſie erheiterte ihm den ſpäten Lebensabend. Coutts hatte ein Beiſpiel vor ſich, das ihn, wenn nicht rechtfertigt, doch entſchuldigt. Carl Derby, ein Mann von Anſehen in der vornehmen Welt und als geiſtvoller Geſellſchafter allgemein geſucht, lebte auf gleichem Fuß mit Miß Farren, wie Coutts mit Miß Mellon. Gegen ihn, den Ariſtokraten, war die öffentliche Meinung nachſichtig; mit dem Plebejer nahm ſie es ſchärfer!— Wie dem ſei, Coutts ließ ſich nach dem Tod ſeiner Frau mit Miß Mellon trauen und hinterließ ihr, als er ſtarb, ein Vermö⸗ gen, deſſen jährlicher Ertrag auf Vierzigtauſend Pfund Sterling(vier Mal hunderttauſend Gulden C. M.) angeſchlagen ward. So war die arme Sou— brette, die mit Mühe und Noth ein paar Guineen die Woche verdient hatte— die ihr noch obendrein Sheridan oft ſchuldig blieb!— auf ein⸗ mal in den Beſiz eines fürſtlichen Reichthums gekommen. Ihr nächſter Schritt war berechnet, zu dem Geld auch Rang zu bekommen. Ob ſie damit die Sum— me ihres Glüks vermehrte, mag dahin geſtellt bleiben. Es ſoll ihr als Kind eine Zigeunerin geweisſagt haben, ſie werde als Herzogin ſterben. Sie konnte es nun einrichten, daß die Prophezeihung eintreffen mußte. Am 16. Juni 1827 gab ſie dem Herzog von St. Albans ihre Hand am Altar. Da Miß Mel⸗ lou am 31. Januar 1795 als Lydia Languiſh(in Sheridan's Rivals) im Dru⸗ rylanethegter debütirte, ſo war ſie beim Eingehen der zweiten Ehe ſchon etwas


