Jahrgang 
Band 2 (1837)
Seite
538
 
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Indeſſen beunrubigte der empfangene Zettel ſie außerordentlich. Zum erſtenmal war ſie mit einem jungen Mann in ein geheimes, enges Verhältniß getreten. Seine Kühnheit ſezte ſie in Schreken. Sie warf ſich ihrerſeits ein unvorſichtiges Betragen vor und wußte nicht, was ſie zu thun habe; ſollte ſie nicht mehr am Fenſter ſizen und durch Gleichgiltigkeit dem jungen Offizier die Luſt benehmen, ſſe länger zu verfolgen? ſollte ſie ihm den Zettel zu⸗ rükſenden? Oder kalt und entſchieden antworten? Sie hatte Niemanden, den ſie um Rath fragen konnte, keine Freundin, keine Gouvernante. Sie beſchloß zu antworten.

Sie ſezte ſich an den Schreibtiſch, ergriff Feder, Papier und verſank in Nachdenken. Mehreremal fing ſie ihre Antwort an und zerriß ſie: bald ſchienen ihre Ausdrüke ihr zur freundlich, bald zn ſtrenge. Endlich gelangen ihr einige Zeilen, mit denen ſie zufrieden war:Ich bin überzeugt, ſchrieb ſie,daß Sie redliche Abſichten haben und daß Sie mich durch unüberlegte Schritte nicht kränken wollen; aber unſere Bekanntſchaft darf nicht auf ſolche Weiſe beginnen. Ich ſende Ihnen Ihr Schreiben zurük und hoffe, daß ich in Zukunft keine Urſache haben werde, mich über unverdiente Geringſchaͤßzung zu beklagen. 5 5

Als Liſa am nächſten Tage Herrmann kommen ſah, ſtand ſie von ihrem Nährahmen auf, ging in den Saal, öffnete dort ein Fenſter und ließ, auf die Gewandtheit des jungen Offiziers rechnend, ihr Schreiben auf die* fallen. Herrmann eilte berbei, ergriff es und trat in eine Kondite Er riß das Siegel auf und fand ſeinen Zettel nebſt eine, Anenet es erwartet und kehrte, mit ſeiner Intrigue ſehr beſchäftigt, nach Hauſe zu

Drei Tage ſpäter erhielt Liſa durch ein junges lebhaftes Mädchen in kleines Billet von einer Mode handlung. Sie öffnete es mit einiger Unruhe, weil ſie eine Geldforderung vorausſezte, und erkannte Herrmann's Schriftzüge.

Sie haben ſich geirrt, meine Liebe, ſagte ſie,das Billet iſt nicht für mich. N

O nein, es iſt für Sie! antwortete das dreiſte Mädchen, ohne ein liſtiges Lächeln zu verbergen.Belieben Sie es nur durchzuleſen.

Liſa durchlief das Billet. Herrmann bat um eine Unterredung. 5

Das iſt nicht möglich! rief Liſa aus, erſchrekt über die Bitte und über das Mittel, ſie ihr zukommen zu laſſen.Es iſt beſtimmt nicht für mich geſchrieben. Sie zerriß das Billet in kleine Stüke. f

Wenn das Billet nicht für Sie iſt, warum zerriſſen Sie es? ſagte das Mädchen;ich hätte es Demjenigen zurükgeſtellt, der es mir gab.

Ich bitte dich, rief Liſa aus, von dieſer Bemerkung ergriffen,brin⸗ ge mir künftig keine ſolche Billete, und dem, der dich ſandte, ſage, daß er ſich ſchämen ſolle.

Herrmann aber ließ ſſch nicht abſchreken. Täglich erhielt Liſa Zettel von ihm, bald auf dieſe, bald auf jene Weiſe. Sie waren ſchon nicht mehr aus dem Deutſchen überſezt. ö

Herrmann ſchrieb ſie ſelbſt, von Leidenſchaft begeiſtert, und ſprach ſeine eigene Sprache, die zugleich die Unerſchütterlichkeit ſeiner Wünſche und die Unregelmäßigkeit einer ungezügelten Einbildungskraft ausdrükte. Liſa dachte ſchon nicht mehr daran, ſeine Zettel zurükzuſenden; ſie begann ihm zu ant⸗

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