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Schritt vor Schritt folgen. Auf den Beliſar kam der Oſſip, dann der Abbé de l'Epée, König Lear u. Tell. In jeder dieſer Rollen ſtellte er uns ein anderes herrliches Gebilde, eben ſo tief durchdacht in der Auffaſſung als meiſterhaft in der Durchführung auf. Die Krone aller Leiſtungen aber war unſtreitig der Lear. Hier mag er in Deutſchland einzig da ſtehen. Shak— ſpears Geiſt wandelt lebendig in al— ler ſeiner Erhabenheit, in aller ſeiner Grandioſität vor uns. Anſchütz liefert uns in der Durchführung des Lear ei— ne ganze Encyklopädie der dramatiſchen Kunſt. Die hervorgebrachte Rührung iſt koloſſal; ſie berührt das Gemüth in den tiefſten Tiefen und ſchlägt die Saiten des Herzeus an. Die Malerei der Leidenſchaften iſt ſo kräftig, ſo natur— wahr gehalten, daß wir dabei ſtets auf dem Schauplaze der Wirklichkeit und der Möglichkeit verweilen. Ueberall Mafſeſtät, überall Adel, im Glüke wie im Mißgeſchike. Der gewaltige König verläugnet ſeine Würde auch unter dem Druke des Schikſals nicht.— Es iſt ei⸗ ne geraume Zeit verſtrichen, als Tieck ſeine„dramaturgiſchen Blätter“ ſchrieb, und darin eine umſtändliche Abhand— lung u. Würdigung über Hrn. Anſchütz als Lear aufſtellte, aber dieſer Zeit— raum hat in der Darſtellungsweiſe un⸗ ſers großen Künſtlers ſo weniges zu ſeinem Nachtheile geändert, daß wir unſere Leſer, die mehr und Gründli— ches über dieſen Lear erfahren möchten, noch immer auf jenen trefflichen Auf— ſaz hinweiſen können. Uns erlaubt der viel zu beſchränkte Raum dieſer Blät— ter keine größere Umſtändlichkeit, und wir begnügen uns nur noch zu bemer— ken, daß der Kunſtſinn unſerer Stadt ſich dadurch in's ſchönſte Licht ſezte,
daß das Haus(es war die Benefize.
des Hrn. Anſchütz) außerordentlich ge—⸗ füllt war. Die Aufnahme verſteht ſich
von ſelbſt: ſie war in allen Thei⸗ len glänzend.— Mad. Anſchütz, welche den Julius(in Kotzebues„Abbé“) und die Cordelia gab, ſtand ihrem Gat— ten würdig zur Seite. Beſonders ent⸗ wikelte ſie als Taubſtummer ein ſehr erfreuliches mimiſches Talent. Ihre Geſten waren voll lebendigen Ausdruks, ſo wie ihre Tournüre liebenswürdig und voll Anſtand iſt.— Sie erhielt reichlichen Applaus.— Von den Umge- bungen iſt uns hier nur vergönnt anzu— führen, daß Mad. Kalis-Padjera, als Gräfin Olga u. Goneril, Hr. Deſſoir, als Iſidor, St. Alme, Edgar, Melch— thal, Hr. Dietrich als Fürſt Wolo⸗ dimir de. de. ausgezeichnet waren und Anerkennung erhielten.— Die zweite Gaſtrolle des Hrn. Meaubert war der Bürgermeiſter von Saardam. Noch mehr als das Erſtemal bewies der geſchäzte Gaſt, wie ſehr ihm Laune und Humor zu Gebote ſtehen. Er erheitert das Publikum durch gewählte Mittel und wirkt auf die Lachmuskeln, ohne ſich durch Gemeinheit u. Gemeinpläze ge— mein zu machen. Der Beifall war ein⸗ ſtimmig. Er ward wiederholt gerufen. — Die dritte Gaſtrolle des Hrn. Meau⸗ bert, am 10. d. M., war Schelle in Raupachs„Schleichhändlern.“ Aber—⸗ mals eine grotesk-komiſche Leiſtung bei einer hier ganz neuen Auffaſſung. Ap⸗ plaus u. Hervorrufen. Hag.
Mignon ⸗Zeitung.
Preßburg. Seit erſtem Juli erſcheint hier eine neue ungariſche Zei— tung, betitelt:„Hirnok“, politiſchen, literariſchen und unterhaltenden In— halts, herausgegeben von dem rühmlich bekannten ungariſchen Literaten Joſeph v. Oroſz. Die Zeitung, deren Gehalt ſich erſt in der Folge wird ganz beur—⸗ theilen laſſen, zeichnet ſich ſchon durch ihr Aeußeres ſehr vortheilhaft aus,


