—— 4
Eine tröſtliche Szene, eine bedeut ſame Neujahrs⸗Allegorie! Die ſtolze Kraft der herriſchen, eroberungsſüchtigen, achſelzukenden Zeit zur Seite! Die Thaͤ⸗ tigkelt, die keinen Zoll vergibt, in Präliminarlen mit der launenhaften Zukunft begriffen! Ein tete a tete des männlichen Willens mit der troz⸗ köpfiſchen Zufälligkeit, und nebenan der Humor, der den intereſſanten Wortkampf, ſeine Schnellenkappe ſchüttelnd, belächelt.— Bald hätte ich des drolligen Hans wurſtes vergeſſen, der uns zwar nur den Rüken zeigt, deſ⸗ ſen bausbakiges Geſicht aber aus dem hohen Wandſpiegel uns zurükſtrahlt, in welchem er ſich wohlgefällig beäugelt. Er hat ſich mitten in den Saal gedrängt; wo es am hellſten iſt, will er mit ſeinem närriſchen Aufzuge para— diren; er glaubt vielleicht ſogar, daß all' die Helle“ von ihm ausgehe; weil er auffalle, meint er zu gefallen. Paſſt er nicht ganz zu einem Repräſentan— ten des Zeitgelſtes, oder der Mode, oder der Tages literatur, welche ſich in jedem Vall, den die Zeit der Erde gibt, mit eindrängt; ſich toll und läppiſch geberdet; auffällt, um verlacht zu werden; verlacht, um aufzufallen, und, ſich mlt ärgerlicher Aufgeblaſenheit im großen Trümeau des Lebens ſpiegelnd, ausruft: Anch' io son pittore?
Welche Aehullchkeit, ruf ich alſo nochmal, zwiſchen unſerem Pari ſer— Genre- Bilde und der Sylveſter⸗Nacht? Scheinen nicht all' die hi⸗ ſtoriſchen und hyſteriſchen Charakter-Masken Allegorien der Anſichten, Wün— ſche, Hoffnungen, Plane, Täuſchungen und Enttäuſchungen, mit welchem ſich die Phantaſie des Menſchen beim Jahreswechſel beſchäftiget?— Ich glaube daher meinem Vermögen, Aehnlichkeiten zu entdeken, Ehre gemacht zu haben; ja ich entdeke zum Schluſſe ſogar noch eine Aehnlichkeit, die mir Gelegenheit gibt, mit einem herzlichen Wunſche zu ſchließen.
Sie ſehen, meine lieben Leſer, wohl einen Maskenball vor ſich; ie haben, meine lieben Leſer, auch in dem anbrechenden. Jahre eine Mas— kerade vor ſich; denn alles Leben iſt wenig mehr, als ein Mummenſchanz. An Schminke kann's und darf's im Leben, wie auf dem Balle, nicht fehlen. Wenn wir immer im klaren Sonnenſcheine, am hellen Tage wandelten, ſo könnten wir ſie entbehren; wenn wir wüßten, daß einmal ein neues Jahr uns die Sonne leuchten ließe, die wir ſeit Jahrtauſenden ſuchen, um uns zu ſonnen, ſo könnten wir die Schminke kühn und freudig abſtreifen. Aber, Sie wiſſen ja,—„keine Sonne unter dem Neuen!“
Eines aber bemerken Sie hier in dieſer Ballſzene, und dieſes Eine iſt auch mein Wunſch zum neuen Jahre. Sie bemerken wohl Masken,— aber keine Larve! Jeder trägt ſein eigenes Geſicht zur Schau, zwar in wunder— lichem Rahmen; geſchminkt, damit der Lichterglanz der Kronleuchter und Aſt— ral- Lampen es nicht zur Frazze entſtelle, aber doch ſein eigenes Geſicht, und — keine Larve! Alſo weg mit den Larveu auch im Ballſaale des Lebens, in der Neujahrs- Redoute, zu der wir geladen ſind, im Kaſino⸗Gewühle der Zeit.
Jal keine Larvel Laßt uns frei der Freude In's freie, unverlarpte Antliz ſeh'n! Laßt— muß es ſein— uns auch dem düſtren Lelde Mit offner Stirne kühn entgegen geh'n.


