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Aber— was das Herz nicht vermag! ich war an ihrer Seite zehn Jahr jün⸗ ger geworden, und es ging. Und welch ein Lohn wartete meiner!
Oben auf dem kleinen, durchbrochenen Thurm(der große ward vom Bliz getroffen und ſtürzte zuſammen) iſt eine der herrlichſten Ausſichten, die Sach⸗ ſen aufzuweiſen hat. Wenn die Menſchen nur fär ein beſſeres Geländer ge⸗ ſorgt hätten; ſtark genug iſt es, von diken, gehauenen Steinen, aber auch durchbrochen und die Mittelöffnungen in jedem Fach ſo weit, daß die lieben Kinder bei jedem unvorſichtigen Schritt hinunterſtürzen konnten. Den Anblik konnte ich nicht ertragen; auch meine Fremde ward ängſtlich und trat von der Brüſtung zurük, um die Kinder zu halten. Um ihr den Genuß unverkümmert zu erhalten und, aufrichtig geſprochen, weil mich die ermüdeten Beine kaum mehr tragen wollten, ſagte ich:„Laſſen Sie mir die Kinder, meine Gnädige; ſehen Sie, ich bin ſelbſt ein wenig ſchwindlig, da will ich mich hier nlederſe— zen und die Kleinen zu mir nehmen. Wir ſehen dann durch die Oeffnungen in's Weite, und Sie mögen ungenirt am Rande ſtehen und in die Tiefe hinab⸗ ſchauen und uns erzählen, wie es da ausſieht.“—„Allerliebſt,“ ſagte ſte; „hier rechts die Stadt mit ihren unregelmäßigen, hügeligen Straßen and al⸗ terthümlichen Gebäuden, deren höchſte Giebel zum Theil noch in den Strahlen der untergehenden Sonne erglühen, dann tief unten die maſſive Brüke über den ſchönen Strom, und dieſſeits das Leben auf demſelben, die Schiffe und Kähne, die Pferde, die in die Schwemme geführt werden, die kleinen Buben, die nakend in's Waſſer laufen und die Enten vor ſich hertrelben. Alles freut ſich der ſchönen Gotteswelt und ſieht ſo glänzend ſonntaͤglich aus in dem röth⸗ lichen Abendſchein, ſo friſch und rein nach dem Regen. Und nun die Ferne! Sehen Sie nur drüben die herrlichen Weinberge mit den unzähligen Terraſſen und Häuſerchen, und den durchragenden Felſenmaſſen, dann das ferne Thal zwiſchen den Bergen und Hügeln, mit all den Schlöſſern, Kirchthürmen, Dörfern und einzelnen Landhäuſern— und der prachtvolle Hintergrund!— Was mögen das für hohe Verge ſein?““—„Das iſt die ſächſiſche Schweiz, und gleich darunter ſehen Sie die Dresdner Thürme über die Weinberge em⸗ porragen.“—„O Mama!“ rief die älteſte Tochter;„wie ſchön iſt es doch hier oben in Gottes freier Welt!“ Und in dem Augenblike tönte von unten herauf ein wahrhaft himmliſcher Geſang. Im Dom war Vetſtunde. Da ſtan⸗ den wir hoch oben in der reinen Himmelswölbung, und wer nicht blind war, der ſah Gott in ſeiner herrlichen Schöpfung, und tief unter uns im Erden⸗ thal betete der Menſch den Himmliſchen an, und die glokenreinen Töne der betenden Sänger drangen herauf zu uns, hinauf zu Ihm— Er hat ſie ge⸗ wiß vernommen!— Es war die bollendetſte Andacht.* e
Auf dem Rükwege, der weniger beſchwerlich war, hing ſie vertraulich an meinem Arm; eine ſolche Stunde, zuſammen durchempfunden, bringt die Menſchen einander ſehr nahe. Es war Nacht, als wir das Wirthshaus wieder erreichten, Coteletten und Bohnen erwarteten uns und ſchienen ihr zu munden. Mir wollte nichts ſchmeken, auch ward ich ſtiller und ſtiller. Sollte ich ſie nun auf immer verlaſſen? ſollte ich das Glük nur geſehen haben, um es auf immer zu verlieren? Und was war denn für mich auf immer? zehn, höchſtens zwanzig Jahre. Aber gerade dieſe lezten Lebensjahre zu beglüken, hat der Menſch einen unwiderſtehlichen Trieb. In der Jugend hat er Zeit genug, die Erſaz für


