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„Das macht zuſammen zwei.“
„Nur langſam, und ein dritter zu Eau de Cologne.“
Dieſen Abend unterſchrieb ich Bob's Wechſel und am ondern Morgen nahmen wir Abſchied von einander. Ich bedauerte Bob von Herzen. Nach ſei— ner Abreiſe kamen einige üble Tage für mich; meine Fröhlichkeit verſchwand, und wenn man mich allein und traurig an den Orten berumgehen ſah, die ich mit Bob ſo häufig durchwandert hatte, mußte ich wie ſein Schatten ausſehen.
Ich erfuhr allerlei über die Ausgaben Bob's, und nach vier Monaten, zwei Monate vor dem Verfalle des Wechſels, hatte ich Grund genug zu glau- ben, daß er nicht bezahlt werden könne. Mir ſelbſt war es unmöglich, die 190 Pf. St. zu zahlen, und ich verbrachte einige Wochen in einer nicht zu beſchreibenden Angſt und Unruhe. Eines Morgens nach dem Frühſtüke, als ich verdrießlicher als gewöhnlich ausgegangen war, irrte ich einige Stunden lang hier und da umher, bis ich mich in Park Lane dem Hauſe gegenüber be— fand, worin die Geliebte Bob's wohnte.„Ach,“ dachte ich,„wenn Bob jezt der Eigenthümer dieſes Hauſes wäre, ginge Alles vortrefflich; er hat ein gu— tes Herz, der arme Teufel; aber ehe er mich in Veſiz des kleinen hübſchen himmelblauen Zimmers mit dem Bade mit drei Hähnen ſezt, laufe ich Gefahr, in das Gefängniß zu wandern und meinen Namen entehrt zu ſehen.“ Als ich die Augen zu dem Balkon emporſchlug, bemerkte ich dort eine Dame, welche Geraniumſtöke begoß; ſie blikte eben nach mir hin, ſchien mich zu erkennen und grüßte mich freundlich. Es war meine Freundin und nahe Verwandte, Miſtreß Simmons, die mir winkte und mir zurief:„Ich freue mich, dich zu ſehen; wir ſind ſeit zwei Tagen in London und wohnen bei dem Herrn Mo— lesworth. Komm herein, ich will dich vorſtellen.“
Ich klopfte mit ſchwer zu beſchreibender Bewegung an die Thür, an die Thür eines Hauſes, worin ich bereits ein— mir im Voraus beſtimmtes— Zimmer mit himmelblauen ſeidenen Vorhängen und einem wohl riechenden Bade beſaß. Ich wurde in den Salon geführt und meine Freundin ſſellte mich Herrn Molesworth, einem alten von der Gicht geplagten Manne, und deſſen einzi⸗ gen Tochter vor, einer hübſchen Blondine von etwa achtzehn Jahren. Ich ver⸗ brachte ſpäter mehrere glükliche Tage in dieſem Hauſe. Da ich das Geheimniß des jungen Mädchens kannte— ohne daß ſie es ahnte— ſo gewann ich ihre Freundſchaft leichter, als wenn ich geglaubt hätte, dies vermeiden zu müſſen, damit man nicht meine, ich habe Abſichten auf ihr Herz und ihre Hand. Alle unſere Bekannten ſprachen von unſerem innigen Verhältniſſe, ohne daß ich dar⸗ an dachte, wir könnten einer Liebſchaft nahe ſein.
Eines Tages hatte ich meine Freundin, Miſtreß Simmons, frübzeitig beſucht, vor dem Tage, an welchem Bob's Wechſel verfiel, und Miſtreß Sim⸗ mons fragte mich, warum ich ſo traurig und unruhig ſei. Ich antwortete ausweichend, da ich meine Geldberlegenheit nicht geſtehen mochte.
„Kleinigkeit!“ entgegnete Mrs. Simmons, die dem Sinne meiner Worte entgegenkam,„tritt kek vor und bringe deinen Antrag an. Deine Fa— milie iſt angeſehen und wie auch deine Lage gegenwärtig ſein mag, ſo erlau— ben dir doch deine Hoffnungen, Alles von der Zukunft zu erwarten. Uebrigens hat ſie genug für zwei.“
„Sie?“ fragte ich verwundert,„von wem reden Sie?“


