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ungeduldig zu ſprechen. Dies erzürnte den Vater noch mehr; er ließ das Fen⸗ ſter noch einmal öffnen, aber ſeinem Fluche antwortete ein Strom des Unwil⸗ lens von dem Volke auf der Straße, und ein armer Krüppel, ein Bettler rief:„Still, ſtill, ſchamloſer Greis!“ und man hörte nichts mehr.
Nina bahnte ſich jezt einen Weg durch die Menge. Sie war eben, bleich und niedergeſchlagen, aber nicht ermüdet, angekommen. Unbekümmert um die Umſte⸗ henden, kniete ſie dicht neben Gaetano nieder, mit über der Bruſt gekreuzten Ar⸗ men, wie ein Engel Raphaels, und bat ihn, ihr zu vergeben. Ihre liebliche Stimme klang ihm wie eine Stimme vom Himmel; er ſchlug die ſchweren Augen⸗ lieder auf und ſah, wer zu ihm ſprach.„Vergeben Sie mir,“ entgegnete er; „ich vergebe Allen, Allen, ſelbſt meinem Vater, jedem außer mir!“ Er ver⸗ ſuchte, ſich von der Thürſchwelle zu erheben, ſank aber ohnmächtig in der Jungfrau Arme. Sie glaubte, ſein Herz ſei gebrochen, er ſei geſtorben oder dem Tode nahe und rief um Hilfe. Das Fenſter über ihr öffnete ſich nicht.
Viele von den Umſtehenden ſprangen zu ihrer Unterſtüzung herbei, und ſie trugen Gaetano in ein Gaſthaus, während Nina, ſeine Hand in der ihri— gen haltend, ohne ein Wort zu ſagen, neben ihm ging. Am folgenden Mor— gen lag er in einem heftigen Fieber, welches nach einigen Tagen ſein Leben bedrohte. Nina pflegte ihn ſorgſam und allein, ohne auf das Reden der Leute zu achten. Der Bruder beſuchte ihn oft, aber nur ins Geheim und in der Nacht, wie ein Liebhaber die Geliebte. Endlich hatte Nina die Freude, die Geneſung eintreten zu ſehen, und während ſie ſich mit ſüßem Lächeln über ihn beugte, ſah er ſie an und vergaß, daß er unglüklich ſei. Nach wenigen Tagen war es ihm faſt unglaublich, daß er wieder unglüklich ſein könne. Die Roſen erblühten auf ihren Wangen friſcher und ſchöner als je. Aber nie ſpra⸗ chen ſie davon, daß ſie einander liebten— denn keines von beiden zweifelte daran Eines Abends, als der Bruder kam, wunderte er ſich nicht wenig, als er hörte, ſie wären getraut worden. Er freute ſich mit ihnen, umarmte Oae⸗ tano und küßte die Hand ſeiner Schwägerin.
Es war eben eine gute Gelegenheit, eine Schnupftabak handlung in Prescia zu eröffnen, und das junge Paar nahm ſich deshalb vor, ſich dort nie⸗ deczulaſſen. Die Tante mit allen Waarenvorräthen wurde von Piſa dahin gebracht. Gaetano fand ſich bald in das Geheimniß der Gewichte, Pakete gc. eingeweiht und freute ſich ſeiner Beſchäftigung, da ſein junges ſchönes Weib ſich neben ihm befand. Bisweilen nur fuhr ihm ein ſtechender Schmerz durch die Bruſt, wenn er an ſeinen Vater dachte. Nach einem halben Jahre endlich kam eines Tages ein Mönch und ſagte ihm, ſein Vater habe ihm vergeben. Aber er hatte ihm nur als Chriſt vergeben, mit der Beſtimmung, daß er ihn nie wiederſehe, und er ihm keinen Pfennig hinterlaſſe. Bald darauf ſtarb der alte Mann. Der Bruder erbot ſich ſogleich, das Erbe mit ihm zu theilen, und Gaetano nahm endlich nach langem Bitten einen Theil davon an.
Die Tante iſt märriſcher als ſonſt. Es gibt ſo viel Geſchichten von der Schande eines Adeligen, der ein Krämer wird, und von den achtbaren Mäd⸗ chen, welche Verbrecher heirathen, daß ſie ſehr reizbar geworden iſt. Sie ver— ſichert überall, ſie habe nichts dabei zu thun gehabt, es ſei ihr nie etwas Aehnliches in den Sinn gekommen.


