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Geſchichte Gaetano's iſt eine ſehr ſchlimme, ich geſtehe es. Die Italiener, zu ihrem Ruhme ſei es geſagt, ſezen ſelten großes Vertrauen auf jene Liebe,
welche durch koſtbare Geſchenke erkauft wird; ſie kennen ſie beſſer— aber wenn l
ſie einmal in dieſe Thorheit gerathen, ſo iſt ihre Ausſchweifung und Ver⸗ ſchwendung grenzenlos. So war es mit dem Jünglinge. Nachdem er unter je⸗ dem Vorwande, Geld von ſeinem Vater erlangt und an ſeine Geliebte ver— ſchwendet hatte, minderte ſich die Wärme ihrer Liebe und bald darauf ver⸗ ſchloß ſie dem armen, geldloſen Bewerber ihre Thüre ganz. Warum er Nina anſiel, ſchien unbegreiflich. Vielleicht war auch ein Gefühl von Rache gegen das ganze Geſchlecht mit im Spiele. Der einzige wirkliche Weiberhaſſer iſt der, welcher von dem Zauber eines Weibes gefeſſelt wird, das er verachten muß.
Doch ich habe es blos mit That ſachen zu thun. Als Nina die Erzäh⸗ lung hörte, bedauerte ſie ihn mehr als je, ja ſie machte einen ſo tiefen Ein⸗ druk auf ihr Gemüth, daß ihr Charakter ganz davon umgeändert wurde. Statt eines lachenden, gedankenloſen Mädchens wurde ſie mit einemmale ein Weib. Ihre Stirn war ruhiger, ein milderer Glanz ſchien aus ihren Augen und ein ſüßeres Lächeln ſpielte um ihre Lippen. Glük, dachte ſie, ſollte nicht getheilt werden. Es gibt keinen größern Irrthum, als den, zu glauben, die Charaktere jeden Geſchlechtes würden blos durch die erſten Antriebe der Liebe gebildet. Jede Leidenſchaft, wenn ſie nur ſtark iſt und ſelbſt körperli⸗ cher Schmerz kann dieſelbe Wirkung haben, und ſogar ſchon im frühen Alter. Die Seele Nina's wurde durch das Mitleid gewekt. 5
Das Verhör kam; Gaetano's Vater eilte nach Piſa und beſchäftigte ſich viel mit ſeinem Advokaten wegen der Vertheidigung ſeines Sohnes, ohne die— ſen ſelbſt zu ſehen. Man wollte ſeine That durch momentanen Wahnſinn ent⸗ ſchuldigen; aber man richtete nichts aus. Als er für ſchuldig erklärt wurde, kehrte der Vater nach Piſtoja zurük und dankte dem Himmel, daß er noch ei— nen andern Sohn habe, der ſein Erbe ſein könne— einen Knaben, den er bisher kaum beachtet hatte und der um dieſe Zeit für die Kirche erzogen wur⸗ de. Nina handelte beſſer; ſie ging heimlich zu den Richtern, kniete vor ih⸗ nen und hat ſie flehentlich um das mildeſte Urtheil. Wirklich ſiel das Urtheil milder aus, als man erwartet hatte— drei Jahre harte Arbeit.
Als Gaetano unter den andern Verurtheilten erſchien, eilten alle Be⸗ kannten zu Nina, um ſie auf ihn aufmerkſam zu machen. Ohne dieſe Andeu⸗ tung hätte ſie ihn wahrſcheinlich nicht wieder erkannt. Er ging vor ihrer Thüre mit jenem düſtern Blike vorbei, der jenen, die noch Scham haben, von Natur eigen wird, und mit dem ſie zu gleicher Zeit Alles und nichts zu ſe⸗ hen ſcheinen. Sie ſah ihn furchtſam an, ſprach aber kein Wort. Immer ei— nen Menſchen, der uns beleidigt hat, wegen dieſer That bei harter Arbeit und in Ketten zu ſehen, muß mit der Zeit das Mitleid des Härteſten erre— gen. Man ſollte glauben, Nina's weiches Gemüth habe den Anblik gar nicht ertragen können. Keineswegs; ſtatt ihm aus dem Wege zu gehen, ging ſie
abſichtlich durch jene Theile der Stadt, wo er arbeiten mußte, ſchritt ſogar häufig vor ihm vorbei, in der Hoffnung, ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen,
bloß damit er ſehe, wie bekümmert ſie ſei, dann, glaubte ſie, würde er ru⸗ higer und glüklicher ſein. Als ſie aber nach einiger Zeit vermuthete— und der Leſer wird auf einen ſo natürlichen Uebergang wohl vorbereitet ſea


