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welbern wegſchieben muß, um die Kleidung rein und ganz zu behalten? Ich wette, wenn man den tölpelſchſten deutſchen Vauer eine Zeitlang nach Paris ſchikte, unter der Bedingung, daß er in den engen Gaſſen täglich einige Stun⸗ den ſpaziren gehen müſſe, er würde ſo gewandt nach Hauſe kommen, wie ein Leipziger oder Berliner Dandy.
Bei den ſonntäglichen Volksvergnügungen geht es meiſtens ordentlich und friedlich her, und mit Ausnahme der Faſtenzeit, hört man in den Tanz; ſälen vor den Varrieren nie jenes unbändige Geſchrei und Gekreiſch, wodurch unſere Kirchweihen und andere Volksfeſte oft ſo unangenehm geſtört werden. Die Franzoſen ſind zwar zu Neuerungen, aber wenig zu Unordnungen geneigt; von Natur ſind ſie ſanft, freundlich und geſittet. Wenn der ungezogenſte Ga— min von Paris, den Kopf rükwärts gekehrt, gegen einen Vorübergebenden auf der Straße anrennt, ſind ſeine erſten Worte: Je vous demande bien pardon, Monsieur! und wenn man ihm auch nur den geringſten Gefallen er— weiſt, ihm z. B. mit den Füßen ſeinen Spielball anhält oder zuſtößt, erma n⸗ gelt er nie, ſein Merci bien, Monsieur! zu rufen.
Während nun das eigentliche Volk vor den Barrièren von Varis ißt, trinkt und in ſeiner Weiſe luſtig iſt, während die Bourgeoiſie vor dem Thore von Paſſy und Auteuil, in Sèvres, Saint-Cloud, Vincennes und andern umliegenden Ortſchaften tanzt und ſich vergnügt, iſt Paris ſelbſt ungewöhnlich ſtill, und im Vergleich gegen die Tage in der Woche, faſt wie ausgeſtorben. Ich babe oft Sonntag Nachmittags in der ganzen langen Rue Neuve-des-Pe- tit-Champs und Rue Richelieu, wo ſonſt ein ewiges Wagengeraſſel und Menſchengedränge auf der Straße und den Trottoirs iſt, kaum ein Duzend Wagen und einige hundert Menſchen gezählt. Dieſen Umſtand wiſſen ſich auch die Diebe zu Nuze zu machen, und neulich haben ſie eines Sonntags an hel- lem Tage, zwiſchen vier und acht Uhr, in der Rue Saint-Honorés, eine der belebteſten Straßen von ganz Paris, das Magazin und die Kaſſe eines Mar chand de nouveautés von unten bis oben ausgeleert; der gute Bürgersma nn hat ſein Sonntagsvergnügen theuer bezahlen müſſen. Erſt gegen Abend, wenn es dunkel wird, fangen die Straßen der Hauptſtadt wieder an, ſich zu beleben, und bald fluthet eine unabſehbare Menſchenmenge auf den Boulevards, in den elyſäiſchen Feldern und im Garten des Palais-royal auf und ab. In den Concerts des Champs Elysées und des Jardin Ture auf dem Boulevard du Temple iſt bald kein Stuhl mehr zu haben, und kein Bienenkorb iſt voller als der Garten und das Café Turc. Ebenſo gedrängt voll iſt es vor dem Gar— ten, und die breiten Trottoirs des Boulevards haben nicht genug Raum für die Maſſe, welche ſich berbeidrängt, um das Konzert mit anzuhören. Dieſe Konzerte im Freien ſind erſt ſeit wenigen Jahren in Paris aufgekommen, haben ſich aber durch die aufmunternde Tbellnahme des Publikums in dieſer kurzen Zelt außerordentlich vermehrt. Sommers kann man jeden Abend, ſo oft die Witterung günſtig iſt, die Ouvertüren der beſten und neueſten Opern, die beliebteſten Quadrillen und Walzer in den Champs Elysées und im Jardin Turc ſpielen hören; auch für den Winter braucht man dieſes Genuſſes nicht zu entbehren, denn die Direktoren der Konzerte in den Champs Elysées ha— ben einen eigenen Konzertſaal zu dieſem Zweke in der Rue Saint-Honorsé ein- richten laſſen, und ſeit dem lezten Winter erſezen die Konzerte in den Sa—


