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ſend rannte der Graf im Ballanzuge und ohne Hut, zur nicht geringen Ve⸗ luſtigung der vor dem Hauſe verſammelten Gaffer, hinterdrein, aber vergebens! Die Schnelligkeit des Geſpannes und eine Quergaſſe entzogen in kurzem dem Verfolger die Spur des Wagens. Indeß war ihm die Beſinnung wieder ge— kommen, und er belächelte ſich ſelbſt. Thor, der du biſt! ſchalt er heimlich, wird die Gräfin Jemand geladen haben, deſſen Name und Aufenthaltsort ihr unbekannt iſt?— und in Eile rannte er zurük zur Geſellſchaft der Gräſin Noailles. Der Marquis, der ihn am Eingange erwartet hatte, trat ihm ent, gegen:„Mais, mon Dieu!— wie ſehen Sie aus?— Ihre Friſur, Ihr Aeußeres ſo— wie ſoll ich ſagen?— ſo nachläſſig deutſch?— Ihre Friſur hält nicht, Sie müſſen ſich künftig bei Carnot friſiren laſſen, Carnot iſt der erſte Haarkräusler der Welt— er macht die wohlriechendſte Extrait de Trou badour“—
„Ich bitte Sie, laſſen Sie mich, und taſten Sie die Ehre meines Kam merdieners nicht an“, ſagte Gulden,„ich bin eine halbe Stunde barhäuptig in freier Luft herumgelaufen.“—„Eine halbe Stunde? barhäuptig 2 in freier Luft?— Le comte s'amuse!“—
„Ach, führen ſie mich zur Gräfin, ich muß nothwendig ſogleich mit ihr ſprechen!“—
Der gefällige Franzoſe führte ſeinen Freund in das Zimmer, wo die Hausfrau ſich in einem Kreis von Damen und in gewählter Geſellſchaft befand, die aus vertrauten Freunden des Hauſes beſtand; ſie trat den Eintretenden mit freundlichem Lächeln entgegen. Nach den gewöhnlichen Begrüßungskompli⸗ menten, erbat ſich der deutſche Graf einige Worte. Die gefaͤllige Haus frau trat ſogleich mit ihm in ein Fenſter. Mit ſieberhafter Heftigkeit ergriff der Graf ihre Hand und ſprach die geflügelten Worte:„Um des Himmels Willen, verehrte Gräſin, ich bitte, ich beſchwöre Sie, geben Sie mir Auskunft über die beiden Damen, die ſo eben hinwegfuhren.“
Die Gräfin machte ihre Hand aus der ſeinen los, und beſah ihre Fin⸗ ger, die er roth gedrükt hatte.„Hu, wie das ſprudelt und kocht,“ ſagte ſie lächelnd,„kaum hätte ich Euch phlegmatiſchen Deutſchen ſolche glühende Em pfindungen zugetraut!— Was ich von dieſen Damen weiß, iſt wenig. Man nennt ſie die Baroneſſe von Odenau mit ihrer ſchönen Nichte Amalie, ſie ſind auf einer Reiſe begriffen, berührten bei dieſer Gelegenheit Paris und wurden mir durch eine Badebekanntſchaft aus Ems freundlich empfohlen. Das iſt Alles, was ich erfuhr, als eigene Bemerkung füge ich noch hinzu, daß die ausgezeichnete Schönheit des Mädchens allgemeine Bewunderung erregt, eine Beobachtung, die Sie, Herr Graf, wie es ſcheint, bereits ſelbſt gemacht ha⸗ ben— dennoch dürfte ein Zug von Schwermuth in ihrem Geſichte, und ihr ſtilles, melancholiſches Hinbrüten, wenn ſie ſich unbeobachtet glaubt, andeuten, daß ſie nicht glüklich iſt. Sie lebt zurükgezogen, ſieht Niemand in ihrem Hauſe, beſucht ſelten öffentliche Vergnügungsorte und noch ſeltener Geſell⸗ ſchaftszirkel. Eine ihrer Sonderbarkeiten iſt, daß ſie vor Mitternacht jede Unterhaltung verläßt, was um ſo mehr in höhern Kreiſen auffällt, da man hier gewohnt iſt, ſich erſt ſpaät zu verſammeln. Vielfältig bierüber befragt und aufgezogen, weicht ſie jeder Antwort aus, und einer meiner Freunde, der mit ihr in einer Stadt auf dem Feſtlande zuſammentraf, erzählte mir, daß man


