Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
219
 
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Der Marquis ſtarrte ſie nicht weniger an als Gulden.Nun, Herr Marquis, ſind Sie ſtumm? wer iſt die Dame? N

Ich weiß nicht! ſtammelte der Marquis,ein ſchöneres Weſen ſah ich noch nie! 45

Wie! Sie kennen ſie nicht, rief der Graf etwas ärgerlich,Sie, der Sie mir die ganze Pariſerwelt vorſtellten! Nebmen ſie alle ihre Anek⸗ todenkrämmerei zurük, und ſagen Sie mir, wer iſt dieſer Engel?

Ganz gewiß eine Fremde, und wenn ich nicht irre, von deutſcher Ab kunft; doch will ich meine Ehre verwetten, daß ſie noch nicht drei Tage in Paris ſich beſindet, und noch keinen Fuß, in ein hieſiges Palais geſezt hat, denn ſonſt wüßte ich auf jede Ihrer ungeſtümmen Fragen eine genügende Antwort.

Nun wohlan! ſagte der Graf,ſo muß ich mir ſelbſt nähere Aus⸗ kunft zu verſchaſſen ſuchen, ich laſſe wahrhaftig dieſen Engel nicht mehr aus den Augen.

In dem Augenblik kam der Wagen der Königin, die mit den Prinzeſ⸗ ſinen Marie und Clementine den Zug verberrlichte, zur Seite ritt der Her⸗ zog von Nemour. Alles drängte ſich berzu, die Handwerker aus der Vorſtadt St. Marcel hatten ſich mit ibren Fäuſten Plaz gemacht, und zeigten die königliche Familie ihren Weibern und Kindern. Gulden verwünſchte dieſen Zufall, aber es war ihm unmöglich obne ein Auſſeben zu erregen oder gar ein Unglük anzurichten, durch den immer dichter werdenden Haufen der Neu- gierigen zu dringen, der wie eine ſallende Labine ſich immer vergrößerte. Er war gezwungen dem Gewühle langſam nachzuſolgen, und als ſich die Menge endlich in den Kaſſezelten und Gaſtbuden zerſtreute, hatte er den Wagen der ſchönen Unbekannten zugleich aus dem Geſichte verloren. Der Marquis machte ihm den Vorſchlag an die Barierre du trone zurükzureiten und die heimkeb⸗ rende ſchöne Welt paſſiren zu ſehen, aber auch dieſes blieb ohne Erfolg, die liebenswürdige Geſuchte war nicht unter den Nükkehrenden, obgleich die beiden Kavaliere bis in die einbrechende Nacht ritterlich auf ihrem Poſten ausharr⸗ ten, und gleich den Zöllnern, wenn ſie Kontrebande wittern, jede Equipage mit ſcharſen Bliken muſterten. 1 0h.

Den Pfeil im Herzen kehrte der Graf in ſeine Wohnung zurük; ihn verfolgte das Bild der ſchöͤnen Deutſchen in Traum und Wachen, in der Ein⸗ ſamkeit und im Kreiſe der lärmenden Freude. Er las täglich in den Journa⸗

len die Liſte der Vergnügungen, die in dieſem ſchau- und luſtſüchtigen Paris

ſtatt fanden, beſuchte dieſe Orte alle, rannte aus der Oper ins Theatre⸗fran⸗ cais, in die Variétés, und in den Circus, Franconis muſterte alle Logen, beſuchte Vormittags die Kirchen und umkreiſte die Boulevards, durchſtreifte das Palals⸗royale und die Tuilerien, ſabh nach allen Fenſtern und in jeden Wa⸗ gen, ging in jede Kaufmannsbude, wohin er eine reizende Käuferin geben ſah. Doch alles vergebens! Mit jedem Tage kam er mißmuthiger und troſt⸗ loſer nach Hauſe, denn jeder Hoffnungsſtrabl, der ihm leuchtete, verloſch und endlich ſah er ſich gänzlich nur von der Finſterniß der peinigenden Ungewißbeit umnachtet. Schon glaubte er die Dame babe Paris längſt wieder verlaſſen, und war im Begriffe gleich einem abenteuerlichen Ritter, die Welt zu durch ſtreifen, um ihre Spur aufzufinden, da trat eines Morgens der Marquis in ſein Zimmer, eine Karte in der Hand haltend.Ich bin heute ein Bote des