526„ 05
3
gelegen, zwar hatte ihr Geliebter jezt viel zu thun; aber— e ſie— der Liebe iſt kein Weg zu weit, kein Hinderniß zu groß— ſie überwindet es gern und leicht. Endlich als er vier Wochen ſich nicht ſehen ließ, wurde die Bedau— ernswerthe mißmuthig, traurig und zuſehends bläſſer und magerer. Nichts zer— ſtreute, nichts erheiterte ſie: nicht vermochte es ihr ſelbſt übelgelaunter Vater, nicht ihre Arbeit, nicht ihr Garten, nicht ihr Federvieh, nicht ihr treues Lamm; des Nachts wich der Schlummer von ihrem Lager und kaum gewann ſie noch durch das Gebet vorübergehende Ruhe. Der Alte ſah ſie leiden und litt mit ihr, ohne helfen zu können. Den Geliebten aber aufzuſuchen, davon hielt ſie jener weibliche Stolz ab, der ein Gemeingut aller ehrbaren Frauen iſt.
Ja und wäre nur das unerklärliche Ausbleiben Neinhards die einzige Ur— ſache ihres Kummers geweſen! Aber ſo beſtärkte gerade dieſe Abweſenheit das Mädchen in dem früher ängſtlich zurükgewieſenen Argwohn, daß ſie ein bloßer Spielball in der Hand eines Unwürdigen, der ſie ſchwerlich geliebt, war, und der, als er ihrem Vater einen Theil ſeiner Habe abgenommen, ihrer ſich eben— ſalls entledigte. Anfangs wohl ſträubte ſich ihr Herz gegen dieſen furchtbaren Gedanken; wenn ſie jedoch ſo manche früheren Züge aus dem Betragen Rein hards mit ſpäteren verglich; wenn ſie ſich daran erinnerte, wie er oft aufbrauſend und zornig ſich gezeigt habe, ſobald ſie nicht blindlings ſeinen Forderungen, die im— mer in Geldzuſchüſſen beſtanden, genügte, wie er ſorgſam das Vermögen ihres Vaters berechnet, wie er ſie dringend beſchworen habe, Lezteren zu bewegen, Alles zu Gelde zu machen und von dem Erlöſe durch ihn anderswo eine Mühle anzukaufen; wenn ſie überlegte, wie er doch eigentlich niemals recht heiteren und zufriedenen Sinnes, immer unſtäten und verworrenen Weſens und in Ge— ſprächen über Gott und Religien ein Spötter geweſen ſei— ſo konnte ſie nicht umhin, nur mit Zittern und Schmerz in ihre Zukunft zu bliken und ihr un⸗ verdientes Schikſal zu beweinen. Sie wollte ihn darum vergeſſen— und in je— dem ihrer Gedanken war er verflochten; ſie wollte ihn verdammen— und ent- ſchuldigte doch ſelbſt das, was nicht entſchuldigt werden konnte; ſie ſagte ſich täglich:„er iſt ſchuldig“— und doch klammerte ſie ſich an Kleinigkeiten feſt, die ihr Hoffnung und Troſt gewährten, doch ſuchte ſie das Harte und Leidenſchaftli— che in ſeinem Benehmen aus den bitteren Erfahrungen ſeines Lebens, aus ſei⸗ nen düſteren Familienverhältniſſen zu erklären, von denen ſie freilich nicht ahnete, daß ſie nur durch ihn getrübt wurden, doch liebte ſie ihn auch jezt, denn er war der Mann ihrer erſten, wahren Liebe. Als daher ein von ihm geſendeter Vote die Nachricht überbrachte, daß er nächſtens kommen und ſeine Braut ehelichen werde, waren aus Lieschens Bruſt alle finſteren Ah— nungen verſcheucht: ſie war wieder ganz das fröhliche, an den ſchönſten Hoffnun— gen reiche Mädchen. So ſchwach iſt das menſchliche Herz! Pläne und Entſchlüſſe der Vernunft, ſeien ſie noch ſo richtig und heilbringend, mögen ſie uns felſenfeſt dünken, zertrümmert das Herz mit ſeinen Wünſchen, ſeinem ungeſtümen Verlan— gen! Oder waren Lieschens Zweifel gelöſt, hatte ſich Reinhard gerechtfertigt und bewieſen, daß man ihm unrecht thue? O nein! Eine Zeile an ſeine Braut zu ſchreiben, hatte er für überflüſſig befunden, und die dunklen Reden des Voten waren beſſer geeignet, Beſorgniſſe wie Hoffnungen zu erregen. Ach und hätte man der Armen geſagt, daß ihr Geliebter ſchon ſeit Jahren von Liſt und Be— trug lebe; daß er, der Faul heit, dem unſtäten Leben und anderen niedrigen


