f 9
— übrigens iſt die lezte Annahme nicht. Wie könnte ein Mann mit ſo vielen Schachteln bepakt reiſen? Ich brachte ſogleich aus meinem Portefeuille ein Porträt der Mars hervor. Wahrhaftig! frappant das Geſicht des brau— nen Mannes! Nimmt man die Perrüke weg, glättet das Geſicht ein wenig und belegt es mit weißer und rother Schminke, ſo iſt die große Künſtle— rin fertig. Wahrſcheinlich reiſt Mademoiſelle Mars durch die Schweiz in⸗ kognito, vielleicht wirft ſie ſchon im nächſten Städtchen dieſe häßliche Puppen⸗ hülle ab und flattert als bunter Theaterſchmetterling über die Bühne. Und welch ein Fang für die Journaliſten! Und welch ein Fang auch für mich, der ich zuerſt dieſe hundertjährigen Reize unter dem braunen Roke eines Landſchul⸗ meiſters und der rothgewürfelten Krawatte auskundſchaftete! Ich erhizte mich ſo bei dieſem Gedanken, daß ich ſchon Tag und Stunde feſtſezte, wo ich im Schauſpiele ſizen und vor Enthuſiasmus vergehen wollte. Es war nun ausge— macht, daß ich den braunen Mann nicht mehr aus dem Geſichte ließ. Als ſein Wagen aus dem Thorweg lenkte, fuhr auch der meinige dicht hinterdrein. Nun war ich derjenige, deſſen Begleitung man nicht los werden konnte; wir hatten die Rollen vertauſcht.
Als wir in G. anlangten, hatte ich einige Schwierigkeiten zu überwinden, um in demſelben Gaſthofe Plaz zu finden. Es gelang mir ſo gut, daß ich ſogar ein Stubennachbar des Gegenſtands meiner geſpannteſten Neugier wurde. Man brachte mir mit dem Mittageſſen einen gigantiſchen Theaterzettel, der mit Vuch— ſtaben in allen möglichſten Größen, und bald in windſchiefer Stellung, bald platt gedrükt und bald geſpenſtiſch in die Länge gezogen, dem Publikum kund that, daß eine berühmte Künſtlerin aus Paris heute die Rolle der Semiramis geben werde. Der Name war nicht genannt, die Künſtlerin wollte ſich errathen laſſen. Wer konnte es anders ſein als die Mars? als meine Mars 2
Gegen die Theaterſtunde hörte ich eine ungewöhnliche Bewegung im Zim— mer des braunen Mannes.„Oh!“ rief ich,„die Metamorphoſe geht vor ſich!““ Mit einem Sprunge war ich auf dem Gange, und mit noch einem Sprunge vor der Thür meines Nachbars. Sie wurde von einem recht hübſchen Kammermäd— chen geöffnet(der braune Mann hatte ein Kammermädchen), und ich warf einen flüchtigen Blik in's Zimmer. Vor dem Spiegel ſtand eine Dame und ſezte eben einen gigantiſchen eiergelben Hut auf, mit einer Feder von derſelben Farbe. Ich habe nie die eiergelben Hüte leiden können, aber diesmal überwand ich meinen Abſcheu, und als die Dame das Zimmer verließ, folgte ich ihr in einiger Ent— fernung auf die Straße. Sie lenkte dem Theater zu. Es waren noch zwei Stunden bis zum Beginn der Vorſtellung, aber eine Dame wie die Mars hat Zeit zur Toilette nöthig. Dieſer monſtröſe Kopf mit dem noch monſtröſern Hute mußte ſich in ein Köpfchen mit braunen Loken verwandeln dieſer mittelalter— liche Gang mußte in den Sylphidenſchritt einer jungen Heldin übergehen; dieſe Füße, die von faſt fabel hafter Größe und Plattheit waren, bekamen Sandalen und wurden zum Küſſen reizend. Alles dieſes mußte in zwei Stunden geſchehen. Allerdings noch eine ſehr kurze Zeit für ſo viel Verwandlung!
Ohne zu wiſſen, was ich that, war ich in das dunkle Theatergebäude ein— getreten, und jezt erſt beſann ich mich, daß dies der Dame im gelben Hute ſehr auffallend ſein mußte. Was wollte ich hier?„Madame,“ begann ich ſtotternd, „ſind Sie nicht die fremde Künſtlerin, die heute ankam?“—„Die bin ich,
*


