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Thiermedieinische Rundschau etc.
1890. No. 4.
binationen mehrerer Infectionskrankheiten, von denen dann die eine als die primäre, die andere als secundär anzusehen ist.
Koch erwähnt ferner der neueren Unter- suchungen über die Giftbildung der Bakterien sowie ferner über das Wesen der Immunität, zu deren Prklärung namentlich der Kampf zwischen den eindringenden Parasiten und den Phagocyten herbeigezogen wurde, eine Ansicht, die immer mehr an Boden verliert und durch die Ansicht verdrängt wird, dass auch hier wahrscheinlich chemische Vorgänge die Hauptrolle spielen. Auch die zahlreichen Untersuchungen über den Einfluss der Wärme, Kälte, des Austrocknens, des Lichtes und chemischer Substanzen auf Bakterien haben manche Ergebnisse geliefert, die sich prophylak- tisch verwerthen lassen. Unter diesen Factoren ist das Licht der wichtigste. Koch giebt von den Tuberkelbacillen an, dass dieselben, wenn sie dem Sonnenlichte ausgesetzt sind, je nach der Dicke der Schicht in wenigen Minuten bis einigen Stunden getödtet werden. Aber auch das zer- streute Tageslicht übt, wenn auch langsamer, dieselbe Wirkung, denn die Culturen der Tuberkel- pacillen sterben, wenn sie dicht am Fenster auf- gestellt sind, in 5— 7 Tagen ab. Für die Aetio- logie der Infectionskrankheiten ist auch die That- sache von Wichtigkeit, dass Bakterien nur in feuchtem Zustande sich vermehren können und nicht im Stande sind, von feuchten Flächen aus eigenem Antriebe in die Luft überzugehen.
Hat nun die bakteriologische Forschung das, was sie zur Zeit ihrer ersten Entwicklung zu versprechen schien, erfüllt oder sogar übertroffen, 80 hat sie dennoch den Erwartungen, zu denen sie berechtigte, in anderen Theilen nicht ent⸗ sprochen. So ist es nicht gelungen, trotz der immer weiter verbesserten Färbungsmethoden und Linsensysteme tiefer in die Structur der Bak- terien einzudringen. Erst in letzter Zeit scheinen neue Forschungsmethoden ihre Aufschlüsse über den Bau der Bakterien zu geben. An mehreren Stellen hat uns die bakteriologische Forschung vollkommen im Stich gelassen, indem es bei einer Anzahl von Infectionskrankheiten, die wegen ihrer ausgesprochenen Infectiosität ganz leichte An- griffspunkte für die Forschung?u bilden schienen. nämlich bei den exanthematischen Infections- krankheiten(Masern, Scharlach. Pocken, exanthe- matischem Typhus) den betreffenden Krankheits- erreger nicht zu finden gelang. Dasselbe gilt von der Hundswuth, Influenza, Keuchhusten und Prachea, Gelbfieber. Rinderpest. Lungenseuche u. s. w. Koch glaubt. dass es sich bei den ge- nannten Krankheiten gar nicht um Bakterien, sondern um andere Gruppen von Mikroorganismen handelt, und zwar namentlich um Protozoen.
Was nun die practischen Folgen der Bakteriologie betrifft, so sind dieselben nicht gar so kümmer- lich wie angenommen wird. Koch erinnert an die grossen Fortschritte auf dem Gebiete der Desinfection, an die Anwendung der bakterio- logischen Methode zur Controle der Wasserfil- tration, an die Aufschlüsse, welche die bakterio- logische Untersuchung über die fliltrirenden Figenschaften des Bodens geliefert hat und die wichtigen Folgerungen, die sich daraus für die Verwerthung des Grundwassers zur Wasserver- sorgung und für die richtige Construction der Brunnen ergeben. In gleicher Weise wie für das Wasser würde dieselbe auch zur Controle der Milch wie zur Untersuchung anderer Nahrungs- mittel und Gebrauchsgegenstände zu benutzen sein. Die Untersuchung der Luft in Schwemm- canälen, in Schulzimmern, der Nachweis von pathogenen Bakterien in Nahrungsmitteln und im Boden stehen in innigem Zusammenhang mit der Praxis. Zu den practischen Erfolgen sind ferner zu rechnen die mit Hilfe der Bakteriologie ermöglichten Diagnosen vereinzelter Fälle der asiatischen Cholera und der ersten Stadien der Lungentuberkulose Alles das sind aber Vor- theile, welche sich im Kampfe gegen die Bak- terien nur indirecr verwerthen lassen. Direct wirkende, also therapeutische Mittel können wir jetzt den indirecten kaum an die Seite stellen. Das Finzige, was sich in dieser Beziehung an- führen lässt, sind die Erfolge, welche Pasteur und andere mit den Schutzimpfungen bei Hunds- wuth, Milzbrand. Rauschbrand und Schweineroth- lauf erzielt haben.
Obwohl nun gerade in dieser Richtung die bakteriologische Forschung trotz unendlicher Mühe nur so unbedeutende Resultate aufzuweisen hat, so ist Koch trotzdem nicht der Meinung, dass das immer so bleiben wird. Er hat im Gegen- theil die Ueberzeugung, dass die Bakteriologie auch für die Therapie noch einmal von grösserer Bedeutung sein wird. Allerdings verspricht er sich weniger für Krankheiten mit kurzer Incu- bationsdauer und mit schnellem Krankheitsverlauf. Bei diesen Krankheiten, wie z. B. bei der Cholera, wird wohl immer der grösste Nachdruck auf die Prophylaxe zu legen sein, er denkt vielmehr an Krankheiten von nicht zu schnellem Verlanf, und unter diesen fordert keine die Forschung mehr heraus als die Tuberkulose. Durch solche Ge- danken bewogen, hat denn Koch auch sehr bald nach der Entdeckung der Tuberkelbacillen an- gefangen, nach Mitteln zu suchen. welche sich gegen die Tuberkulose therapeutisch verwerthen lassen und hat diese Versuche bis jetzt un- ablässig fortgesetzt. Der Grund, dass das Re- sultat der zahlreichen Forschungen über diesen


