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Thiermedicinische Rundschau ete.

1886/87. No. 6.

2. Die Neigung des specifischen Rheumatismus, sich, ausser in den Gelenken, vor Allem auch am Herzen oder Herzbeutel zu localisiren. Hat also Jemand schon von früher her am Herzen einen Klappenfehler, der nicht auf Atherom zurückführbar ist, so erscheint er damit von vorn- herein suspect und eventuell rheumatisch prä- disponirt. Kommt es ferner in einem anfänglich zweifelhaften Falle noch nachträglich zu Endo- carditis oder Pericarditis, oder gar zu einer acuten Gelenkaffection, so ist alles dieses natür- lich für die Diagnose des specifischen Rheuma- tismus von grossem positiven Werthe.

3. Die Neigung des acuten Rheumatismus zu epidemischem Auftreten. Herrscht also gerade eine Epidemie dieser Krankheit am Orte. so werden ausser den regulären Fällen von Gelenkrheumatismus auch weit eher, als zu anderen Zeiten, anomale und larvirte Formen zu gewärtigen sein, und man wird dementsprechend auch weit eher dann befugt sein, solche in concreto zu diagnosticiren.

4. Der specifische Heileffect der Salicyl- präparate und nicht minder des Antipyrins in allen echt-rheumatischen Affectionen. PDieses Kriterium ist von allen das practisch- wichtigste, kann aber begreiflicherweise, wie jedes diagnos- tische Beweismittelex juvantibus, nur dazu

dienen, eine schon vorgefasste Diagnose noch nachträglich zu bestätigen.

Ich eile zum Schlusse und erwähne nunmehr im Gegensat?e zu dem bisher Aufgezählten eine Reihe von Affectionen, die zwar vielfach auch rheumatische noch genannt werden, aber doch jedenfalls nicht zum Rheumatismus(im specifischen Sinne dieses Wortes) gezählt werden dürfen, oder deren Stellung zum wenigsten zweifelhaft ist. Es gehören sicher nicht zum Rheumatismus die Rheumatoiderkrankung der Gonorrhoiker und der Scarlatinösen, weil wir für diese dem acuten Gelenkrheumatismus ähnlichen, darum rheumatoiden Erkrankungen, trotz mancher Dunkelheiten über den Hergang im Einzelnen, doch andere specifische Ursachen in Anspruch zu nehmen benöthigt sind, und weil ausserdem die vorhin von mir aufgezählten Kriterien für sie grossentheils nicht zutreffen. Dasselbe gilt von der Rheumatoiderkrankungder Bronchiektatiker, mit welcher wir vor etlichen Jahren durch die Publication des Herrn Collegen Gerhardt ¹) näher bekannt gemacht worden sind. Auch die rheumatoiden Symptome bei Haemophilie ge- hören nicht zum Rheumatismus, desgleichen nicht die rheumatoide Purpura oder sogenannte Peliosis rheumatica. Ich begegne mich, was 5 ¹) Deutsches Archiv f. klinische Mediein. Bd. XV, i

approbirte Thierärzte die Prüfung im Hufbeschlagen vor Offizieren als Prüfungscommissäre ablegen müssen, die weder einen theoretischen, noch einen praktischen Unterricht in diesem Fache genossen haben, während der Fxaminand bereits eine bezügliche Prüfung vor Fachlehrern bestanden hat, habe er sich oft gefragt, woher eine solche Uebung sich ableite. Sie habe ihren Ursprung darin: der Ritter habe früher sein Pferd selbst beschlagen; der Hufbeschlag gehörte daher zu den edlen, den ritterlichen Beschäftigungen. Heute beschlägt der Schmied allein, nicht mehr der Bitter; aber die ritterliche Seite des Geschäftes nehmen auch heute noch der Offizier für sich in Anspruch, als die ihm gewissermassen vererbte, während die handwerkmässige dem PThierarzt verblieben sei.

Mit den letzten Anführungen sind in der That die wesentlichsten Umstände genannt, welche der Entwicklung des Militär-Veterinürwesens noch immer entgegenstehen. Wie aber dieselben be- seitigen? Was zunächst das wichtigste Hemmniss betrifft, das Vorurtheil, so sagt Dr. Lydtin bei der genannten Gelegenheit sehr treffend:ein solches Vorurtheil, das auf Unkenntniss unseres Faches beruhe, lasse sich nicht so leicht be- seitigen; es sei gewissermassen ein Felsen, der nur langsam unterspült werden könne und der

erst mit der Zeit verwittere; Zeit und Arbeit,

sowie massvolle Forderungen an Gesellschaft und Staat, würden endlich auch dieses Vorurtheil be- siegen. Der Erfolg könne nicht ausbleiben, wenn man dem vorgesteckten Ziele trotz aller Wider- wärtigkeiten beharrlich entgegenstrebe, wenn man mässig fordere und diesen mässigen Forderungen durch PFinigkeit Nachdruck verleihe. Nach dieser Richtung hin aber dürfte seitens der Be- theiligten, gewiss noch etwas mehr als bisher geschehn können. Gelegentlich der zu haltenden Vorträge der dienstlichen und ausserdienstlichen Thätigkeit, wird der Militär-Thierarzt recht viel dazu beitragen können, um in ihm nicht mehr den Hufthierarzt von ehedem zu sehn, sondern den medicinisch und naturwissenschaftlich tüchtig gebildeten, praktisch befähigten Veterinär zu schätzen und zu achten, der im Stande ist nicht nur gelegentlich Thiere zu heilen, sondern auch den Berather für die Vorbauung von Krankheiten, Verbesserungen in der Pflege und Haltung u. d. gl. in weitem Masse abzugeben. Wenn in Bayern das Militär-Vetarinärwesen auf einer besseren Stufe stand und noch steht, so wolle man, abgesehn von dem geringeren Vorurtheil, das zu beseitigen, nicht vergessen, dass die Thätigkeit der bayrischen Militär-Veterinäre doch recht erheblich in obiger Weise beigetragen haben dürfte.