Nr. 52.
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Samstag, den 31. Dezember 1932.
Rückblick von hier und dort".
Was ist im alten Jahr all passiert? Es sei chronologisch hier registriert; Und wenn es genau nach der Reihe nicht geht, Dann hat nur der Wind das Blatt mal verweht Vom Schreibtisch unter dem Tintenfaß, Das macht im allgemeinen mir wenig Spaß. Für den Reichstag hatte man genug gewählt, Und wenn man dann die Stimm' gezählt, Da betam die Wahl stets ein and'res Gesicht, Aber genutzt hat die Sache uns allen nicht. In Genf ward vielmals vergeblich debattiert Und wenn auch Kanonen wär'n aufmarschiert. Mit Knallerbsen schossen so manche zwar nicht, Das Ergebnis im ganzen steht in arg trübem Licht. Aus der Näh', in dem Frankfurt, der Handelszentrale, Da feierte man ungezählte Male
Den Altmeister Goethe, oh, wenn er es wüßt',
Er hätte vom Olymp uns sicher gegrüßt.
In Bad Nauheim, da wurde auch viel debattiert,
Viel' Kongresse wurden da arrangiert;
Der Menschheit zum Nutzen, dem Arzt nicht zum Schaden, Wer möchte sein Herzlein dort start nicht mal baden. Der Flugsport in Hessen, er blüht und gedeiht, Und als man so manchen Hafen geweiht,
Auch manch neues Schwimmbad im Hessenland, War rasch ein politischer Streit entbrannt. Auch in Gießen, da wurde gejubelt sogar, Denn' s Theater ist gebaut vor 25 Jahr, Das städtische Oberhaupt feiert auch mit, Weil' s 25 Jahr führt die Geschide mit Glüd. Drum hat man geehrt ihn, den Hessensohn, Mit dem Ehrenbürgerbrief als bleibenden Lohn. Die städtischen Finanzen sind leidlich gar dran, Man hat auch erweitert die elektrische Bahn. Man siedelt auch hier wie im ganzen Reich, Nur bringt man nicht alle Wünsche zugleich. Das Marokko im Süden, das wandert bald ab, Man verlegt es ins Nordend der Musenstadt. Doch sind die Besizer im Gartenfeld
Ueber diese Verlegung nicht so zufrieden gestellt. Und wenn man so alles dann noch überschaut, Bedenkt, daß so wenig heut wird gebaut,
Dann muß man sich jagen, Schuld trägt nur daran, Daß nur fehlte im Reich der Finanzenmann,
Der mit weiterer Voraussicht hätte alles gespürt, Was an Dalles im großen Berlin allein passiert. Das trod'ne Amerika wird jetzt wieder naẞ, Bald zapft man das Bier auch wieder vom Faß. Dann findet auch Absatz der deutsche Wein, Und das wird den Winzern willkommen sein. Du herrliches föstliches Rebenblut,
Was schmeckst du den Kennern und Nichtkennern gut. Und so wollen wir sagen: du„ Alt- Jahr" ade! Und wenn du bereitet hast mancherlei Weh, Dann sage, daß alles ein Ende mal hat, Und ,, 33" vielleicht dir Besseres aufwart'.
Drum fort mit dem Trübsinn, mit Hoffnung aufs neu', Im neuen Jahr gibt's ja 2 mal die 3,
Und da diese Zahl voller Heiligkeit ist, Beginn ich es freudig als Optimist.
Ich wünsche den Lesern in Stadt und in Land, Daß nehmen sie öfter die Zeitung zur Hand, Und leben aufs neue in lichtfroher Zeit, Komm' ,, Kronos", wir sind dazu alle bereit, Gib Gesundheit uns allen, vernichte den Streit Und fitte zusammen, was sich hat entzweit,
gen, an dem kein Falsch war, wie einen Sohn.
,, Sieh mal, Theo," begann er zögernd, ich bin damals auf ein Jahr zu euch gekommen. In dieser Zeit habe ich versucht, meine Pflicht zu tun."
,, Sie haben noch viel mehr getan," unterbrach Theo ihn. ,, Das weiß ich nicht. Es mag wohl sein. Und wenn nun mein Vertrag abgelaufen ist...“
,, Ach, ein Vertrag," meinte der Fußballspieler traurig. ,, Uns bindet doch mehr, als ein solches Stück Papier. Ich habe wenigstens geglaubt, daß das, was uns trennen tönnte, etwas ganz anderes, etwas." Er stockte und fuhr dann leise fort: Ich weiß überhaupt nicht, was das sein könnte."
,, Du überschätzt mich, Theo. Es gibt doch auch noch andere Trainer."
,, Ja, gewiß... noch andere," nickte der Mittelstürmer be= flommen. Er dachte nach, ehe er langsam fortfuhr, als müßte er sich jedes Wort abringen: Sängt Ihr Fortgang irgendwie mit unserer Mannschaft oder überhaupt mit unserm Verein zusammen?"
,, Nein, bestimmt nicht... Deshalb wird mir der Abschied auch sehr schwer."
Der Mittelstürmer erhob sich. Eine hoffnungslose Traurigkeit überfam ihn und ohne zu wissen, seufzte er tief auf.
„ Ich will jetzt nach Hause gehen," sagte er dann gleich mütig, während ihm das Herz in der Brust klopfte. Mit einer müden Bewegung nahm er seinen Hut, der auf dem Stuhl lag.
,, Nein, Theo, bleib noch. So wollen wir nicht auseinan= dergehen. Ich will dir jetzt erzählen, warum ich diesen schwerwiegenden Entschluß gefaßt habe, euch zu verlassen." Der Spielführer stand an der Tür.
,, Ja, aber nicht heute abend," entgegnete er ausweichend. Ich mochte jetzt allein sein. Wie ich hierher kam, dachte ich, es würde noch alles gut."
Der Tariner stand neben dem Fußballspieler und legte ihm die Hand auf die Schulter.
,, Es ist das erste Mal, Theo, daß wir uns nicht verstehen. Ich habe die ganze Zeit über das Gefühl gehabt, als säße ich auf der Anklagebant. Gewiß, der Schein spricht auch ja gegen mich. Aber sieh mal, mein Junge, solange du nicht die Gründe kennst, die meinen Fortgang veranlassen, darfst du mich auch nicht verurteilen."
,, Gießener Zeitung"
Damit wir, wenn du ins Grab wirst gesenkt, sagen können: Du hast uns beschenkt!
Du hast uns gegeben neuen Mut,
Was früher verdorben, es ist wieder gut.
Und so hoff' ich, daß all unser Wünschen wird wahr. Gott segne dich und uns, du neues Jahr!
Kritikus.
Glückwunsch und Sonderwunsch.
Heil Gießen, heil Wieseck, Ihr kurbelt an, Jetzt ist sie gebaut, die Elektrische Bahn Und was man so lange hatte bedacht,
Was lang währt', wird schließlich doch gut gemacht Und so will ich mich kurz fassen in meinem Lobgedicht, Denn auch ein läng' res bezahlt die Redaktion nicht. Es hat geklappt und es ist wohl getan, Gießen und Wiesed, sie haben ihre Bahn. Man kann vom Lindenplatz zum Lindenplatz, Von Gießen nach Wiesed mit seinem Schatz, Von Wiesed nach Gießen bis an die Bahn, Mit seinem ,, Lies'che" elektrisch fahr'n. Der Autobus der geht zur Ruh', Läßt lause seine Pneumatic- Schuh Wir danken, danken vielmals dir.
In irgend einem ,, Neu- Revier";
Und hat auch der eigne Zweckverband
Den Großverkehr Hessen" einstens erstand, Die Wiesecker Kass' arg angegriffen. Schluß damit, mal darauf gepfiffen; Schon vieles wurde falsch gemacht Und hinterher hat man gesagt, Warum mußte es so lange dauern. Wozu der Streit zwischen Städter und Bauern, Laßt uns doch alle einig sein
Und gründen rasch mal den Verein, Der Neid und Mißgunst unterbind', Daß Beamte, Freiberufler einiger sind; Daß wieder Treu und Glauben echt Und Herr und Knecht sich verstehen möcht, Dann wird's mit uns auch vorwärts gehn, Wie's mit dem Bahnbau ist gescheh'n, Laßt's uns ein gutes Zeichen sein Und steigt mit in die Bahn jetzt ein; Sie bring uns hin bis an das Ziel. Hab Fahrgäst' jederzeit recht viel, Daß sie ausscheid' als Zuschußbetrieb, Dann wird sie erst den Gießnern lieb; Und laßt auf furze Strecke fahr'n, Für nur 10 Pfg., wie einmal vor Jahr'n, Dann ist auch stets der Wagen voll.
Kein Fremder sagt mehr, das ist ja toll, Wie oft ich schon gehöret hab',
Wenn zu Besuch bei mir ein Musterknab( Reiseonkel). Wie's fommt, da fährt der Kondukteur,
Als einz'ger Fahrgast hin und her?
Ich sagt, das liegt an dem Tarif,
Die Bahn läuft grad, die Einnahm' schief. Das wird jetzt besser, wohlauf, wohlan: Hoch endlich die Elektrisch Straßenbahn', Daß sie in bessere Zukunft fährt, Als was uns war, bisher beschert. Und daß es bald kommt in die Reih', Daß ein Riß friegt der Vertrag von Versailles, Daß Arbeit wieder hat jeder Mann Und er 8 Stund' stets täglich schaffen kann; Daß Werkstatt, Werkplatz und Büro Gefüllt mit Menschen, die nur froh Und fröhlich ihr'm Beruf nach geh'n; Ich wünsch, ich könnt' dies noch einmal sehn'! Kawa, Gießen.
Theo hatte wieder Platz genommen. „ Ich kann es immer noch nicht glauben, daß Sie wirklich fort wollen, Herr Bringhoff," erklärte Theo verzagt und müde wie ein Läufer, der sein Aeußerstes hergegeben und dennoch als letter angekommen ist. ,, Meine Kameraden wissen, daß ich heute abend hier bin. Sie rechnen gewiß damit, daß es mir gelingen wird, Sie zum Bleiben zu bewegen. Es geht uns eben allen überein. Ich glaube, es gibt nicht viele Mannschaften, die so an ihrem Trainer hängen wie wir. Das wissen Sie doch auch, Herr Beringhoff. Wenn Sie fortgehen... ich weiß nicht, ich werde das Gefühl nicht los, als müßte dann unsere Mannschaft an Kampfgeist und Gemeinschaftsgefühl verlieren Wenn ich Sie nun bitte, Herr Bringhoff, von Herzen bitte, auch im Namen meiner Kameraden, bei uns zu bleiben, könnten Sie Ihren Entschluß nicht doch noch ändern?"
Der Trainer hatte den Kopf in die Hand gestützt und sah sinnend vor sich hin. Er hatte geglaubt, durch ein paar Worte eine Verbindung zu lösen und dabei vergessen, daß es eine Jugend gab, die in ihrem heißen Wollen und in ihrer rührenden Treue stärker war als alles
,, Ich weiß von unserm Vorsitzenden, daß man Sie gestern schwer gekränkt hat," fuhr der Mittelstürmer erregt fort und ballte seine braunen sehnigen Fäuste unter dem Tisch. ,, Das war feige und gemein. Ich bin gerne bereit, Ihnen Genugtuung zu verschaffen. auch mit der Faust!"
Bringhoff war ausgestanden.
,, Laß nur, Theo. Du meinst es gewiß gut, aber mit roher Kraft sind die gestrigen Vorfälle nicht aus der Welt zu schaffen. Da gibt es nur zweierlei: Das Feld zu räumen oder den Glauben an den deutschen, fairen Fußballspieler nicht zu verlieren
Damit ging er zum Schreibtisch, nahm einen Brief in die Hand und riß ihn mitten durch.
,, Das war meine Zusage an die englische Mannschaft. Ich bleibe bei euch, Theo, und... es fällt mir nicht schwer." Unten an der Haustür nahmen sie Abschied.
,, Am Freitag habe ich Geburtstag, Herr Bringhoff. Dazu werde ich meine Kameraden einladen. Ich möchte auch Sie bitten, zu kommen. Wir wollen mal recht vergnügt sein." ,, Ja, gewiß Theo."
Langsam ging der Mittelstürmer die Straße hinunter.
Neujahr 1933!
Von Wilhelm Reuter, Dornholzhausen. Gib mir die Hand, du deutscher Bruder, Da Abschied nehmen wir vom alten Jahr, Es stand die Not an unsers Schiffes Ruder Und ein Begleiter blieb uns die Gefahr. Und Gram und Sorgen schreiten mit hinüber. Wird dornenvoll nicht auch das Neue sein? Wird nicht der Himmel uns noch täglich trüber Und unser Deutschland ohne Sonnenschein?
Dir stredt die Not die Hand entgegen,
Nr. 52.
Und Wahn ist's, was aus deutschen Augen blidt, Millionen Hände, die sich nimmer regen, Millionen Herzen, die der Sturm gefnidt; Millionen, die das Hoffen längst verlernten,
Millionen, auch der kleinsten Liebe bar; Millionen, die vom Glauben sich entfernten, Millionen treten so ins neue Jahr.
Und du Soldat vom alten Heere Bist müde du und hoffnungsmatt? Zerschlug man dir auch Schwert und Ehre, Soldat bleibt der, der Willen hat! Du darfst nicht träg am Wege liegen, Wo alles fällt und liegen bleibt,
Du darfst nicht feig zu Kreuze friechen,
Wo dein Befehl dich fämpfend vorwärts treibt.
In Reih und Glied hast du gestanden,
So lang dein Aug die Fahne sah, Jedoch vom Vaterland der Not zu schanden, Steh'n stark noch uns're Besten da! Soldaten steh'n wo Schwache fallen Und tapf're Jungen treibt es in die Front, Und ,, Deutschland über Alles" hörst du schallen, Und staunend siehst du, was die Not gekonnt.
Das ist das Wunder dieser Zeiten:
Daß starke Männer rastlos vorwärts geh'n; Daß Jene unserm Volk den Weg bereiten, Die wir als Kämpfer in der alten Front geseh'n! Verdun und Flandern bauten Ewigkeiten, Loon und Somme reden von der Pflicht, Die Toten hielten ihren Schwur vor Zeiten; Ihr Lebenden wer hält ihn heute nicht?
Laßt weit dahinten Not und Sorgen
Und stellt das Wollen in den neuen Tag. Das neue Deutschland braucht den lichten Morgen Und treuer Herzen jubelvollen Schlag. Braucht Regimenter willensstarter Krieger, Braucht Männer, bieder, treu und wahr. Sie werden sein die frohen Sieger An jedem Tag im neuen Jahr!
Nachbarliche Hilfe.
Für die Arbeitslosen und alle, die von der Not der Zeit besonders betroffen werden, wurde auch in diesem Jahr in den Stadt- und Landgemeinden die Winterhilfe eingesammelt. Es ist das ein Anzeichen dafür, daß die Zeit vorbei ist, wo man alle Lasten sozialer Hilfe auf die breiten Schultern des Staates und seiner Versicherungs- und Unterstützungsorgane abwälzen zu können glaubte. Darüber mußten die lebendigen Kräfte nachbarlicher Hilfe erlahmen und absterben. Darum ist es gut, daß, je mehr die Not wächst und die großen Kassen des Staates sich leeren, es nun wieder ankommt auf das ganz persönliche Helfen von Mann zu Mann, von Nachbar zu Nachbar, wo nun
,, Nun ist alles wieder gut", dachte er und flötete das Landsknechtslied.
Am Freitag abend saßen die Fußballspieler im Klubzimmer der ,, Sportklause", um Theos Geburtstag zu feiern. Auch Bringhoff war erschienen. Adolf Müller führte an dem langen Tisch das Präsidium. Vor ihm standen ein Gong und ein Notenständer.
,, Das ist das Mikrofon," erklärte er lachend. ,, Wir wer den die Feier auf den Rundfunk übertragen. Gleich geht es los..
Als die Uhr acht schlug, setzte er den Gong in Bewegung und stand auf.
,, Hier ist der Sender Foulsdorf auf Welle 0,0! Meine Da men und Herren! Wir übertragen heute abend aus der Sporttlause das Festbankett, das Herr Hansen anläßlich seines Geburtstages veranstaltet...
Ich darf Sie wohl zunächst kurz mit den teilnehmenden Herren bekannt machen:
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Mir zur Linken Günter Freund, der reine Tor, der auch das Tor auf dem Spielfeld stets rein hält. Neben ihm Ernst Gehle, Rechtsaußen, Scheitel auf der linten Seite, Schlips, Schuhnummer 44... Weiter unten Karl Schäfer, Rechtsinnen, frisch rasiert, kleine Krater im Gesicht, aber nicht verheiratet, Daneben Otto Drees, Linksaußen, Mamas Liebling, Betragen sehr gut, Statspielen mangelhaft. Mur gegenüber Theo Hansen auf bekränztem Stuhl, Mittelstürmer, Spielführer, Geburtstagskind und nicht mehr zu haben Neben ihm Herr Bringhoff, Trainer der Landsfnechte, Mädchen für alles... An der rechten Seite Willi Hoffmann, Linksinnen, blauer Anzug, Nichtraucher... Weiter Erich Janßen, linker Läufer, energisch, aber noch nicht vorbestraft Nun kommt Fritz Körner, rechter Läufer, der Mann, der nie lacht. Wenn er heute abend lachen sollte, werden wir Ihnen das sofort mitteilen. Er hat eben schon einen Anlauf gemacht, aber das war noch nicht recht was... Daneben Hans Zille, genannt Bubi, linker Verteidiger, Lodenkopf, Liebling aller jungen Mädchen... Neben mir Hugo mit dem seltenen Namen Schmidt, rechter Verteidiger, Nichtsänger und Statspieler Zum Schluß darf ich mich Ihnen selbst vorstellen: Adolf Müller, Mittelläufer, Sprecher, bescheiden und schweigsam. Sie hörten eben den Beifall der Anwesenden.. ( Forts. folgt.)


