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Samstag, den 26. März 1932
,, Gießener Zeitung"
Für Haus und Gewerbe.
Stärkt den Binnenmarkt!
Neunzehn Millionen Reichsmart weniger brachte der deutsche Außenhandel im Februar 1932. Die deutsche Handelsbilanz im Februar schließt mit einem Ausfuhrüberschuß von 86 Millionen Marf gegenüber dem tatsächlichen Ausfuhrüberschuß von 105 Millionen Mart Januar ab. Einschließlich der Reparationsjachlieferungen beträgt der Überschuß 97( Januar 117) Millionen Mart.
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Der zweifelhafte Wert einer auf den Außenhandel sich stüßenden Wirtschaft wird immer deutlicher. Unsere jezige Ausfuhr ist ja überhaupt fein natürlicher wirtschaftlicher Vorgang, sondern eine Art Ausverkauf. In den meisten Fällen sind die Gestehungskosten für die deutschen Erzeugniffe höher als im Ausland. Das fommt von den Steuern, den Tributen und den schematischen tariflichen Bindungen, die ganz zwangsläufig- ob wir wollen oder nicht und teurer arbeiten lassen als das Ausland. Wir verfaufen also in vielen Fällen im Ausland billiger als unsere eigenen Gestehungskosten betragen. Wir müssen verfaufen, weil wir Geld brauchen, um Löhne, Steuern, Miete usw. zu bezahlen, und weil das Inland bei rückläufiger Kauffraft einen immer fleineren Teil der Erzeugung abnehmen und bezahlen fann. Wir müssen verkaufen, weil Leihgeld durch die Distonterhöhungen so teuer ist, daß die Zinsen auf feinen Fall herausgewirtschaftet werden können.
Wenn aber die Zeichen nicht trügen, sc naht der Augenblick einer besseren ökonomischen Einsicht. Die Periode der internationalen Otonomie hat allenthalben, wie die Weltfrise zeigt, Fiasto gemacht. Die Nationalötonomie beginnt ihrem Namen wieder Ehre zu machen und einer ausgesprochenen Nationalwirtschaft das Wort zu reden. Wir erleben es, daß ein Staat nach dem andern unter dem Druck der Wirtschaftslage zur nationalen Wirtschaft zurückkehrt.
Auch in Deutschland mehren sich die Stimmen, die die Soeben haben Wichtigkeit des Binnenmarktes betonen. die Vereinigten Stahlwerte A- G. ihren Geschäftsbericht herausgegeben. Darin wird ausgeführt, daß alle Preisermäßigungen und inneren Ersparnisversuche der Werksleitung das Mißverhältnis zwischen Selbstfosten und Erlösen in der deutschen Wirtschaft nicht haben beseitigen fönnen, das durch überspannung der steuerlichen und sozialpolitischen Belastung und durch die Wirtschaftspolitik im Zeichen des Druds der Tribute von außen hereingetragen wurde. Immer stärfer wurde der Wirtschaft seitens der öffentlichen Hand das Betriebskapital entzogen, so daß schon allein dadurch die Schrumpfung des Absages auch im Inlande immer weitere Fortschritte machen mußte.
Entsprechend war auch bei dem Unternehmen weitere Berringerung der Belegschaften um insgesamt 40 000 Wertsangehörige nicht zu vermeiden, und die Entlassung sonstiger 15 000 Leute fonnte nur durch fostspielige Sondermaßnahmen, Kurzarbeit und Feierschichten noch hintangehalten werden. Technische Neuanlagen und Jnangriffnahme von Neubauten verboten sich damit von selbst. Die Rolle der öffentlichen Hand, die aus einem Gewinnbeteiligten zum auf seinem Schein bestehenden Rentenempfänger ohne Rücksicht auf die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens geworden ist, hat es mit sich gebracht, daß der Fremdumsaß vom besten Monat des Jahres 1929 bis zum Januar 1932 um 73 Prozent, die Steuerbelastung aber nur um 21 Prozent zurückgegangen ist.
Die Verwaltung fiebt die einzige Möglichkeit einer Besserung der Verhältnisse in bewußter Umstellung auf durchgreifende Stärtung des inneren Marktes. Die Hungerausfuhr der leßten Monate sei unwirtschafts lich, ein gesunder Außenhandel nur möglich auf der Basis eines gesunden, die hauptsächliche Absazbasis bildenden Binnenmarktes.
Je schneller diese Erkenntnis sich überall in Deutschland, insbesondere bei der Regierung, durchsetzt, desto eher wird es möglich sein, gangbare Wege zu dieser Umstellung zu finden. Wege, die uns aus unserm jeßigen wirtschaftlichen Elend hinausführen.
F. H.
Der mißverftandene Sokrates.
Der Frevel an den hübschen Figuren des Märchenbrunnens im Berliner Friedrichshain ist noch in aller Gedächtnis. Übermütige Kinderhände hatten in gänzlicher Verkennung des sittlichen Inhaltes und des erzieherischen Wertes echter fünstlerischer Arbeit recht pietätlos den Nasen und Fingern der dort aufgestellten Märchenfiguren mitgespielt. Die Kunst muß viel leiden. Das zeigt auch ein anderes Vorkommnis, das vor Jahren in Bayreuth sich ereignet und nun doch noch ein glückhaftes Ende gefunden hat.
In einem Vorort der Richard- Wagner-, Jean- Paulund Stirner- Stadt belustigte sich die dortige Jugend da mit, ein aus dem Park det benachbarten Eremitage ver irrtes Sofrates- Standbild mit Steinen zu bombardieren, wobei die Kolossalfigur schwere Beschädigungen an den Gliedmaßen, am Kopf und auch am Rumpf erlitt. Diese feindselige Behandlung des Monumentes war auf einen Volkswiz und die Deutung der Sofratesgeste zurückzuführen, der mit der linken Hand das Gewand in der Seite nach dem Rücken raffte, während die rechte Hand mit dem Zeigefinger an der Stirn die delphische Mahnung ausdrückte: Erkenne dich selbst!"
Diese Gefte des nach der Innenstadt gerichteten Dentmalblickes führte zu der Auslegung, die man den Einwohnern des benachbarten Dorfes in den Mund legte:„ Ihr bummen Brandenburger!", während die Bayreuther der dem Dorfe Bindlach zugewendeten Rückansicht des Dentmals die etwas weit ausholenden, nicht näher zu bezeichnenden Worte unterlegten: Ihr Bindlacher könnt.." asw., das übrige ist bei Goethe nachzulesen.
Vom Cage.
Geldpreise für Erfindungen Im Rahmen ihrer( nappen Mittel hat die Deutsche Reichsbahn- Gesellschaft für nüßliche Erfindungen auf dem Gebiete des Eisenbahn wesens wieder eine große Zahl von Geldpreisen an ihre Bediensteten verteilt. Die Gesamtsumme der Geldpreise, die im vergangenen Jahre zur Auszahlung gelangten, beträgt, wie jetzt bekannt wird, etwa 125 000 Mart Hieran sind 462 Erjinder beteiligt. Nicht nur für solche Erfindungen, die patentiert wurden oder als Patent oder Gebrauchsmuster schutzfähig sind, find Geldpreise gegeben worden, sondern darüber hinaus ganz allgemein für Verbesserungsvorschläge auf dem Gebiete der Technit, des Betriebes, des Verkehrs, der Wirtschaftsführung und der Organisation
Was noch übrig blieb. Der Direttor eines norddeutschen Finanzamtes erhielt zu seinem Geburtstag folgenden Glückwunsch eines Steuerzahlers: Nachdem ich meine Umsatz-.
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Man wird ja schließlich, im Vertrauen Auf beff're Zeiten, wieder bauen, Doch dann beginnt die große Qual: ,, Wo frieg' ich bill'ges Material?" Ganz unter uns und ganz privat: Versuch's mal mit' nem Inserat!
Einkommen, Vermögen, Hauszins, Grundvermögen, Gewerbekapital, Gewerbeertrag, Lohn, Hunde, Getränke, Bürger-, Kirchen-, Stempel-, Auto-, Betriebsstoff-, Ledigen., Krisen, Krisenlohn, Aufbringungs-, Eintommenzuschlag-, Kapitalertrag, Börsenumsaß, Wertzuwachs, Geschenksteuer nebst Berufsschul-, Krantentassenbeiträgen, Invaliden-, Angestellten-, Arbeitslosen, Lebens, Feuer, Einbruch und Haftpflichtversicherungen bezahlt habe, bleibt mir gerade noch das Porto, um Ihnen herzlichst alles Gute zum heutigen Tage zu wünschen."
Die Deilwirkung der Ameifenfäure.
Seit je wissen die Naturvöller, Jäger, Landwirte und alle Leute, die in Wald und Feld leben, daß Ameisenbisse und Bienenstiche, so unangenehm sie auch sind, ganz ausgezeichnete Heilerfolge bei bestimmten Krankheiten haben Die Ameisensäure ist ja nicht nur infolge ihrer Schärfe eine Waffe dieser Tiere, sondern ein Desinfektionsmittel, dessen batterientötende Eigenschaft die Wohnungen und die Vorräte der Ameisen und Bienen vor Fäulnisbazillen schützt.
Am bekanntesten ist seit uralten Zeiten die Heilwirkung der Ameisensäure bei gichtischen und rheumatischen Erkrankungen Aber sich in einen Ameisenbaufen hineinzulegen oder sich von einem Bienenvolf zerstechen zu lassen, ist nicht jedermanns Sache, ist auch nicht ganz ungefährlich. Wie ist nun aber auf andere Weise Ameisensäure in den menschlichen Körper hineinzubringen? Diese scharfe Säure innerlich einzunehmen, war
Dieser Streit zwischen Bayreuth und dem in der Nähe befindlichen Dorfe hatte zur Folge, daß die Jugend der
Festspielhalle in Bayreuth. Bayreuther Vorstadt das Dentmal mit Steinwürfen bombardierte, bis endlich die Stadt diesem Unfug durch Wegnahme des Dentmals von dem Standort und über
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nicht ratsam, sie äußerlich einzureiben, blieb ein unvollkommenes Mittel. So stand die Frage offen, die den Apotheker Han Weiß. Berlin- Marienfelde, immer wieder beschäftigte, nach dem er in seiner mebr als dreißigjährigen Apothekerpraxis die recht unvollkommenen oder gänzlich verjagenden Wirkungen der üblichen Heilmethoden, Badeturen Moorpackungen, Diathermie, Massage, Mineralwasser usw. gründlich kennengelernt hatte. Nach jahrelangen Versuchen gelang es Weiß, die bisher nicht gelannte Borameisensäure zu finden Da Bor die Eigenschaft hat, mit organischen Säuren neue Verbindungen einzugeben, fonnten- wenn man Borametsensäure in den menschlichen Körper brachte- bet Bindung der schädlichen organischen Säuren durch das Bor von der im menschlichen Organismus dadurch frei werdenden Ameisensäure besonders günstige Seilwirkungen erwartet werden Und nachdem weitere Studien ergeben batten, daß die Abtötung schädlicher Bafterten im Organismus vollkommen wird, sobald der Borameisensäure fleine Mengen organischer Orufäuren zugefeßi werden, da war die Lösung der Frage gefunden. Salatiba nannte Apotheker Weiß das Produft seiner Forschungen
Die bakteriologischen und pbyfiologischen Untersuchungen des Privatdozenten Dr. Kötbner der eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten darüber veröffentlicht bat, sowie die flinischen Erprobungen an verschiedenen Universitätskliniken bestätigten vollauf die Richtigkeit der Weißschen Überlegungen und Beobachtungen und die außerordentliche Wirtsamfeit des von ihm gefundenen Salatiba.
Die batterienabtötende, den Stoffwechsel regulierende und anreizende Wirkung des Salatiba bat ich bei den verschiedensten Krankheiten in allen Fällen glänzend bewährt Es ist ja auch ganz flar, durch die im Salafiba enthaltenen Säuren werden bie frankheitserregenden Aulagerungen und Ausscheidungsprodufte in den Drüsen, Blasen und andern Organen aufgelöst und abgeführt, während die langsam und ständig im Körper sich bildende Ameisensäure ungemeiner belebend und erneuernd auf den gesamten Organismus wirfi
Überraschend schnell und vollständig sind die Heilerfolge von Salatiba bei Gelbsucht, Zuckerbarnrubr. Gicht, Rheumatismus, Herenschuß, aber auch bei allen anderen Stoffwechselfrantbeiten, insbesondere den in der Frauenwelt weitverbreiteten schmerzhaften Schwellungen der Beine und Fußgelente, Erschlaffung der Haut, Fettaniay an unrechter Stelle. Die von der Chemischen Fabrit Apotheter H. Weitz, BerlinMarienfelde weitergeführten Forschungen und Arbeiten über die mannigfachen, vielseitigen Wirkungen der Borameisensäure find voraussichtlich dazu berufen, der medizinischen Wissenschaft noch manche willkommene Überraschung zu bringen
Um die Dauszinssteuer.
Die wirtschaftliche Not in Ostpommern hat, wie überall im Deutschen Reich. ihren Höhepunkt erreicht Ende vorigen Jahres hai in Stolp( Pommern) eine überwältigende Versammlung von Handwerkern, Kaufleuten, Landwirten stattgefunden, in welcher die Tatsachen aufgezeigt wurden, die be weisen, daß die ostpommersche Volkswirtschaft am Erliegen ist. Einstimmig batte die Versammlung eine Entschließung gefaßt, in welcher als wichtigstes Hilfsmittel in höchster wirtschaftlicher Not die Beseitigung der auszinssteuer bon gewerblichen Räumen und erhebliche her. abseßung der 3insen für hvpotheten unb Personalfredti gefordert wurde
Landtagsabgeordneter Voigt( Friedenau), der Bundes präsident des deutschen Handwerkerbundes& V., hatte deshalb im Preußischen Landtag eine Anfrage an das Staats. ministerium gerichtet, ob es gewilli fet, dieser Anregung zu entsprechen und die erforderlichen Schritte einzuletten
Darauf ist jetzt folgende Antwort des preußischen Finanzministers eingegangen:" Hinsichtlich des Abbaues der Hauszinssteuer um 20 Prozent ab 1 April 1932 wird auf Artikel III,§ 2, der 8 weiten Sparverordnung vom 23 De zember 1931 Pr. Gefeßsammlung. 293 hinsichtlich des weiteren Abbaues der Hauszinssteuer und der Sentung der Zinsen wird auf Stap 1, Zweiter Teil, und auf Rap III, Erster Teil, der Vierten Verordnung des Reichspräsidenten vom 8. Dezember 1931 RGBI 1, 699- verwiesen Darüber hinaus tann im Einzelfall nur eine Stundung und Niederschlagung der Hauszinssteuer gemäß§ 9 der Hauszinssteuerverordnung erfolgen"
Der Hinweis auf dte Zwette Notverordnung bezieht sich auf die angeordnete Senfung der Hauszinssteuer um 20 Prozent vom 1 April 1932 ab; die angezogenen Kapitel der Vierten Berordnung besagen, daß der Zinssaß, wenn er mehr als 6 bis 8 Prozent beträgt, im Verhältnis von acht zu sechs herabzusetzen ist. Das ist alles, was das Finanzminifterium tun fann Diese Anordnungen sind ja schon befannt, und ebenso befannt ist es, daß sie bei weitem nicht genügen, dem erlahmenden Handel und Gewerbe neue Lebenstraft zu geben.
führung in den Hof eines städtischen Gebäudes ein Ende bereitete. In dem Berliner Fall ist der angerichtete Schaden bereits wieder beseitigt, und das Tentmal steht zur Freude aller Friedrichshain- Besucher wieder in alter fünstlerischer Schönheit da.
Anders erging es dem armen Sofrates, der viele Jahre unbeachtet in einer dunklen Ecke weiter verwahrlosen mußte, bis er schließlich Gefahr lief, eines Tages in Schutt und Asche völlig zu verfinfen. Da meldete sich plößlich die frühere Besizerin des Standbildes, die Schloßund Parkverwaltung Eremitage, deren längeren und vielseitigen Bemühungen es schließlich gelang, von der Stadt Bayreuth das alte schwerbeschädigte Standbild zurüdzuerhalten. Die entstandenen Risse und Brüche wurden von einem tüchtigen Bayreuther Bildhauer wieder ausge bessert, so daß eines Tages die Figur völlig hergestellt war. Vor furzem hat nun die Wiederaufrichtung der Monumentalfigur in einer Parfnische, rechts, gleich bei Eintritt in den Part, stattgefunden, wo der früher mit anderen Denkmälern und Steinbildnissen auf dem soge nannten Barnaß vereinigte Sofrates an herrlichster Stelle wieder sich sehen lassen lann, zum Vorteil der von zahlreichen Gästen alljährlich aufgesuchten Eremitage und zum Ruhme aller funstsinnigen und begeisterten Personen, denen die Wiederentdeckung, die Restaurierung und die endgültige Neuenthüllung dieser Sofrates- Statue zu verdanken sind. Jezt lehrt der brave Sofrates seine Rückseite dem Waldrande zu, ohne unziemlichen Deutungen ausgesezt zu sein, während er schon von weitem jeden Besucher des Parkes durch die geschilderte Geste die mahnenden Worte ins Gedächtnis ruft:
„ Ertenne dich selbst!"


