Samstag, den 24. September 1932.
,, Gießener Zeitung"
Hausbesik und Handwerk zum Wirtschaftsprogramm der Reichsregierung.
In einer Presse besprechung machte der Präsident des Zen-, lebung der Wirtschaft durch die Notverordnung vom 4. Septemtralverbandes, Stadtrat Humar, Ausführungen über die Stellungnahme, die der organisierte Haus- und Grundbesitz und das Handwerk zu dem neuen Wirtschaftsprogramm der Reichsregierung einnimmt. Das jetzt vorliegende Wirtschaftsprogramm werde zwar den Forderungen des Hausbesizes nicht in vollem Umfange gerecht, lege dem Hausbesit jedoch die Pflicht auf, von den gebotenen Möglichkeiten nunmehr nach Kräften Gebrauch zu machen, um an der Ueberwindung der allgemeinen Krise zu seinem Teil mitzuarbeiten und um zu beweisen, daß tatsächlich im Haus- und Grundbesitz für die Arbeitsbeschaffung ein Gebiet erschlossen werden kann, in einer Größe, wie es kaum in einem anderen Wirtschaftszweig vorhanden ist. Industrie, Handel, Gewerbe, Handwerk und Grundbesitz erhalten zur Be
Die hessische Regierung zum§ 218. Der Gesetzgebungsausschuß des Hessischen Landtages beschäftigte sich am Donnerstag mit einem sozialdemokratischen Antrag auf Milderung der Strafbestimmungen des§ 218 StGB. Die Regierung teilte hierzu mit, daß sie eine allgemeine Amnestie und allgemeine Straferleichterung nicht zugestehen könne, daß sie jedoch in Fällen, wo Härten vorliegen, auf Antrag im Gnadenwege Abhilfe schaffen werde. Der Antrag wurde hierauf für er ledigt erklärt.
Endlich Zinssentung!
In der Sikung des Zentralausschusses der Reichsbank vom 21. September teilte Reichsbankpräsident Dr. Luther mit, daß das Direktorium der Reichsbank beschlossen hat, den Dis fontsatz von 5 auf 4 v. H. und der Lombardsatz von 6 auf 5 v. H. mit Wirkung vom 22. September ab zu ermäßigen. Die letzte Ermäßigung der Säße um je ½ v. H. erfolgte am 28. April dieses Jahres.
Preisvereinbarung verboten!
ber 1932 Steuernachlässe und Lohnprämien in Form non Steuergutscheinen, von denen auf den Hausbesitz etwa 350 Millionen RM. gegen Entrichtung der Grundsteuern entfallen. Dieses Vertrauen der Reichsregierung zur freien Wirtschaft and insbesondere die Bestrebungen zur Stützung und Kräftigung des deutschen Mittelstandes legen dem erwerbstätigen Bürgertum auch die Pflicht auf, den Kampf gegen die ungeheure Arbeitslosigkeit aufzunehmen. Daher habe der Zentralverband in einem allgemeinen Aufruf mit der Parole Hausbesiger gebt Arbeit!" seine etwa 800 000 Mitglieder aufgefordert, im Rah men der vom Gesetzgeber gebotenen Möglichkeiten mit der Wiederinstandsetzung und Modernisierung seines Eigentums zu beginnen.
Der Verband Rheinisch- Hessischer Kohlenhändler hatte in einem Vertrag zwischen Kohlengroßhandel und Platzhandei Strafmaßnahmen gegen solche Händler festgesetzt, die festgelegte Mindestpreise unterschreiten. Der hessische Innenminister untersagte die Durchführung dieser Straßbestimmungen, wobei er darauf hinweist, daß ,, der Versuch, einen Geschäftsmann zur Forderung höherer Preise zu zwingen, als er sie nach seiner eige= nen gewissenhaften Kalkulation für notwendig hält, in der gegenwärtigen Notzeit und in der Zeit der Preissenkung nicht mehr angängig ist". Das Verbot tritt sofort in Kraft.
21200 neue Wohnungen.
Einfamilienhäuser errichtet. Von sämtlichen 4232 erstellten Wohngebäuden waren im 1. Halbjahr 1932 56 v. H. Kleinhäuser mit 1 bis 4 Alfte 1931. d. in der 1. Jahreshälfte 1931: Der Anteil der Einfamilienhäuser ist von 22 v. H. im 1. Halbjahr 1931 auf 45 v. H. im Jahre 1932 gestiegen. Sie enthielten 12 v. H. aller erstellten Woh
Der Wohnungsbau im 1. Halbjahr 1932. Im ersten Halbjahr 1932 wurden dem Wohnungsmarkt 21 200( 1931: 54 900) Wohnungen zugeführt, um 61 v. H. weniger als im Vorjahr. Durch Umbau allein wurden von Januar bis Juni 5600 Wohnungen geschaffen, etwas über ein Viertel des gesamten Wohnungszuganges, während 1931 in der gleichen Zeit nur 2500 Umbauwohnungen oder 5 v. H. sämtlicher neuerrichteten Wohnungen erstellt wurden. Von Januar bis Juni zusammen wurden 14 800 Wohnungen in Angriff genommen, um über die Hälfte weniger als in der entsprechenden Zeit des Vorjahres. Bei den Bauplanungen sind durchweg Rückgänge zu verzeichnen. Das gesamte Er gebnis des 1. Halbjahrs blieb hinter dem des Vorjahres bei den genehmigten Wohnungsbauten um 49 v. H., bei den Bauanträgen um 56 v. H. zurück.
Die vom Baujahr 1931/32 ab eingetretene Verminderung der für den Wohnungsbau zur Verfügung stehenden Mittel der öffentlichen Hand kam bei den Bauvollendungen seit Dktober 1931 zum Ausdruck. Mit Unterstüßung aus öffentlichen Mitteln wurden errichtet:
Januar
nungen.
Dem Zugang an Wohnungen stand in der 1. Jahreshälfte ein Abgang von 2700 Wohnungen durch Abbruch, Brände usw. gegenüber, so daß sich ein Reinzugang von 18 500 Wohnungen( im Vorjahr 52 700) ergab.
Silft's nichts, so schadet's nichts.
Von Dr. Wolfgang Schmidt, Aschaffenburg. Kommt jemand in die Verlegenheit, irgendwie helfend eingreifen zu müssen, obwohl er eigentlich nicht recht weiß wie, dann hilft er sich meist, indem er höchst salomonisch zu etwas rät, was nicht direkt schadet; sagt man doch im Voltsmund hilft's nichts, so schadet's doch auch nichts!"
Besonders in gesundheitlichen Fragen, wer wollte nicht verfährt der Laie oft nach diesem bequemen Helfer sein Grundsay. Man riskiert ja nichts mit einem„ harmlosen, ungiftigen Hausmittel," man ist gefällig und ,, hilit's nichts, so schadet's nichts!"
Monat 1931
Prozent sämtlicher Wohnungen erstellten Woh
nungen
9 087 6.902
85
87
Prozent sämtlicher Monat Wohnungen erstellten Woh 1931 nungen November. 77 Dezember 68
7176 6 193
5 860
85
8317
84
5561
83
1932 Januar
3471 372
11521 12524
90
Februar
1584
92
9 883
89
März. April
1754
53 57
9971
85
Mai
7710
75 Juni
1443 1559 1897
45 49
48
Februar
März
April
Mai
Juni
Juli
August
September Dftober
FREKSELKAR
Ist diese Meinung richtig, oder liegt ihr nicht doch ein verhängnisvoller Denkfehler zu Grunde?
Infolge der Einschränkung der öffentlichen Zuwendungen traten unter den Bauherren die privaten Auftraggeber in den Vordergrund. Sie erstellten in der 1. Jahreshälfte 49 v. H. des Wohnungszugangs gegen nur 37 v. H. im 1. Halbjahr 1931; mit 45 v. H. folgten die gemeinnützigen Bauvereinigun gen( 1931: 57 v. H.); mit 6 v. H. die öffentlichen Körperschaften und Behörden( 1931: 5 v. H.). Von sämtlichen Bauherren wurden in der Hauptsache Kleinwohnungen erstellt.
Nehmen wir ein Beispiel:
Moderner Infanteriekampf.
-
Nr. 38
Die hier beschriebene neuzeitliche Kampfesweise der Infanterie wird gelegentlich des 1. Hessischen Grenadiertages am 1. und 2. Oktober in Gießen von dem dortigen 1. Batl. 15. Inf. Regt. am Sonntag, 2. Oftober, im Rahmen einer militärsportlichen Veranstaltung dem Publikum praktisch vorgeführt wer= den. Der Besuch dieser sehenswerten Veranstaltung ist bestens zu empfehlen. ,, Das Ganze Halt!" Die Manöver find für dieses Jahr beendet, die Truppe sammelt und rüct in ihre Quartiere. Auch der Schwarm der Schlachtenbummler verläuft sich allmählich, jedoch kehren viele nach Hause zurüd, ohne recht befriedigt von dem Erlebnis zu sein: Sie haben nichts gesehen! Die ,, Leere des Schlachtfeldes", abgeleitet aus den Lehren des Weltkrieges und der Wirkungsweise neuzeitlichster Waffen, hat ihre Erwartungen enttäuscht. Jedoch ist gerade dieser Grundsatz bestimmend für die heutige Gefechtsführung:
In einer Familie ist der kleine Willi frank geworden. Ganz plötzlich wurde es ihm schlecht, er erbrach, hatte Bauchschmerzen und wurde zunächst einmal ins Bett gesteckt. Tante Malchen, die gerade da ist, sagt zu der besorgten Mutter: Liebe Schwester, das tut gar nichts, der Junge hat zuviel Obst gegessen, da gibt es nur eins: ordentlich Brechmittel, das Zeug muß raus!" Die Mutter ist keine Freundin so starker Mittel, aber die energische Tante hat den armen Neffen schon in die Kur genommen und figelt mit einer Feder im Rachen des kleinen Patienten herum. Natürlich wird der Junge
Der Anteil der Kleinwohnungen an den fertiggestellten Wohnungen, der in den letzten Jahren ständig zugenommen hatte, ist im Vergleich zum Vorjahr kaum verändert. Von 100 Wohnungen enthielten I bis 3 Wohnräume( einschließlich( Küche) im 1. Halbjahr 1927: 31,2, 1928: 38,6, 1929: 41,1, 1930: 49,5, 1931: 53,6, 1932: 53.5.
Dagegen werden seit der Loslösung der Baufinanzierung von der öffentlichen Hand in steigendem Maße Klein- und
Besuchen Sie das
Besuchszeit: Montag, Mittwoch, Freitag 10-3
schlechter und die Mutter zweifelt an der Kunst der Helferin. Ihrem Zweifel begegnet Tante Malchen mit dem üblichen ,, hat's Willi nicht geholfen, so hat's ihm nicht geschadet."
Im Morgengrauen waren die Truppen dem unter dem Schutz der Nacht ausgewichenen Gegner nachgestoßen. Wie ein Ameisenhausen sah der Berg plötzlich aus, als die Infanterie antrat. ,, Entfaltet", also in fleinste Einheiten zerlegt, um bei plötzlichem Feuer keine allzu großen Verluste zu erleiden, be= wegte sie sich vorwärts.
Der Arzt, der nach zwei Tagen den Jungen sah, ist leider nicht erbaut; der krante Wurmfortsatz ist durch die verzögernde Behandlung" durchgebrochen, das Bauchfell schwer entzündet, wer fann heute garantieren, ob die Operation Willi noch rets ten wird.
Ein anderes Beispiel! Emilie hat Halsweh. Sie sagt es ihrer Mama, die glüdliche Besizerin eines ,, Doktorbuches" ist. Schnell wird nachgeschlagen, da steht Halswickel, Gurgeln, bei Fieber heiße Limonade zur Schweißerzeugung". Schnell ist alles zurecht gemacht und wie der Mann abends heim kommt, fann ihm seine Frau mitteilen, daß sie ,, viel Geld für den Arzt gespart habe."
Doch schon nach wenigen Stunden hat sich das Bild völlig verändert. Der Gegner hat sich wieder festgesetzt und nun heißt es erneut, ihn aus seiner Stellung zu werfen.
Dort liegt eine Gruppe vorderer Linie, weit auseinandergezogen. Zwischenräume von etwa 10 Metern trennen Mann von Mann, der Gruppenführer liegt fast 50 Meter entfernt. Dicht angeschmiegt an den Boden, jeden Grasbüschel zur Dedung ausnutzend, liegen die Leute. Die Maschinengewehrgeschosse streichen pfeifend über sie hinweg, zwischen ihnen steigen Erdfontänen auf.
Da hämmert das leichte Maschinengewehr der Gruppe los und hier und dort schnellt ein Mann hoch, rennt bis zur nächsten Deckung und wirft sich wieder zu Boden. Jetzt greifen die Schützen zum Gewehr und zwingen durch ihr Feuer den Maschinengewehrschützen dort drüben, Dedung zu nehmen. Schon ist dieser Augenblick der Schwäche ausgenutzt, das eigene Maschinengewehr hat Stellungswechsel nach vorne gemacht und feuert bereits wieder.
Emilie hat am nächsten Tag mehr Fieber, also nochmals die Schwitzprozedur. Bis der Vater wieder von seiner Tagesarbeit nach Hause kehrt, hat sich die Sache gar nicht gebessert. Er möchte gern den Arzt noch holen, aber seine Frau hat noch ein Mittel gefunden, das ,, wenn's nicht hilft, auch nicht schadet". Emilie ist inzwischen tränker geworden, sie atmet schwer, so daß in der Nacht nun doch zum Doktor geschickt werden muß. Sein erstes Wort nach kurzer Untersuchung ist:„ Diphtherie". Die Mama fällt aus den Wolken, an Diphtherie hat sie nicht gedacht, es war doch vorgestern kein Belag da, da konnte man doch mit den ,, einfachen Hausmitteln" es versuchen!
Von den unerkannten, mit„ harmlosen(!)" Mitteln lange Zeit ,, behandelten" Krebsleiden wollen wir gar nicht erst reden!
So wird schießend und von Deckung zu Dedung springend, Meter um Meter an Boden gewonnen. Kein Vorgesetzter steht neben dem Stürmer, nur sein Kämpferwillen treibt ihn vorwärts, hinein in die Maschinengewehrgarben und das Feuer der feindlichen Artillerie.
Jetzt bricht der Nachbar im Vorwärtsrennen zusammen, überall umher sprigt der Dred auf, eng schmiegen sich die Leute in die schützenden Bodenfalten ein schweres Maschinengewehr hat die Gruppe mit seinem Feuer erfaßt. Es geht nicht mehr weiter. Da steigt von dort, wo der Zugführer liegt, eine grüne Leuchtkugel auf, nimmt Richtung auf das Maschinengewehr und erlischt. Eine zweite folgt. Mit feurigem Finger zeigen Sie den gefährlichen Gegner.
Jch höre nun sagen:„ Da dürfte man also Hausmittel und ähnliches gar nicht gebrauchen und müßte wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt gehen? Ganz gewiß nicht, das wollen die Aerzte selbst nicht, daß man mit allen Bagatellen gelaufen tommt. Worauf es einzig und allein ankommt, ist die Beantwortung der Frage, die sich jeder Helfer ernsthaft stellen soll: ,, Kenne ich die Grenzen meines Wissens und Erkennens, wenn ich diese oder jene Diagnose" für wahrscheinlich halte und diese oder jene„ Behandlung" als Nichtsachmann empfehle?" Sat man Zweifel und ein solcher Zweifel ehrt mehr, als zu großes Selbstbewußtsein! so verzichte man selbstverständlich auf jeder Raterteilung und überlasse sie dem dazu Berufenen, dem Arzt. So wird man bestimmt sich nie Vorwürfe machen müssen.
Minuten untätigen nervenfolternden Harrens folgen. Dann ein dumpfer Abschuß von rückwärts. Die Minenwerfer haben das Zeichen aufgenommen und ihr erster Gruß gurgelt hinüber. Bruch. Zu weit.
Die nächste. Dicht davor. Die dritte wird ihn fassen.
Aber denen dort drüben war bereits die letzte zu nahe und schon laufen sie mit dem Gewehr zurück in die Dedung und Deschwinden.
Da drängt die Infanterie mit neuem Mut nach vorne, haben sie doch gesehen, auf die Kameraden bei den schweren Waffen können sie sich verlassen.
Springen, Schießen, Springen, Schießen, Kriechen so geht es immer weiter vorwärts.
amstag, den
Auch schwere Maschinengewehre hämmern jetzt in den Feind hinein. Ebenso verstärkt der Gegner sein Feuer, denn nur noch 100 Meter trennen Freund und Feind. Jetzt ist die Hölle los. Die Artillerie zertrommelt das heißumfämpfte Stückchen Erde, leichte und schwere Maschinengewehre fnattern dazwischen, aufsteigende Leuchtkugeln zeigen den Artilleriebeobachtern die vor dere Linie, dort jagt ein Infanterieflieger über die brodelnde Erde.
,, Er sucht uns!" Schon sind die weißen Fliegerbücher in vorderster Linie ausgelegt und wenige Augenblicke später weiß die eigene Artillerie genau, wie weit unsere Infanterie vorgekommen ist.
Die Menschen in diesem Hexentessel beherrscht nur ein
al
er
AI
Sonderzüg Am Samstag dorf, Gießen 41 Uhr, M hr, Londor Sonntag, beßen ab 3.44 Uhr, Cin 0.02 Uhr,
Drang, vorwärts, ran an den Feind. Die Handgranate fertig in der Faust, in der anderen Hand die heißgeschossene Waffe mit aufgepflanztem Seitengewehr, liegen sie jetzt 40 Meter vor dem Gegner. Da dringt ein schriller Pfiff zu ihnen hinüber. Die Handgranate fliegt los, und schon stürzen die Schützen mit Hurra auf den Gegner. Noch einmal bellt dort drüben das Maschinengewehr los, dann steigt da, wo es eben noch stand, eine gelbe Leuchtkugel hoch und meldet zurüd: Hier sind wir. Feuer vorverlegen."
Auf der vierten Seite dieser Nummer ist das offizielle Programm des 1. Hessischen Grenadiertages veröffentlicht. Nicht allein die alten gedienten Soldaten und die Frontsoldaten werden dieser Veranstaltung, die der Förderung des deutschen Wehrgedankens dient, größtes Interesse entgegenbringen, sondern alle deutschen Jungens der hiesigen Gegend mögen aufmerksame Zuschauer sein.
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