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Nr. 2.

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Gießener Zeitung

Erscheint Samstags.

( Gießener Tageblatt)

Bezugspreis 1,50 RM vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüd­embung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

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Bolitische Rundschau.

Der Führer der Parlamentsfraktion der englischen Arbeiter­artei, Lansbury, forderte in einer Rede wiederum die völlige Streichung aller Tributzahlungen und Kriegsschulden.

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Frankreich gibt seine Forderung auf Reperationen auf, penn seine Schulden an Amerita gestrichen werden, Frankreich ge Rüstungen um mindestens 25 Prozent herab, dafür die Bereinigten Staaten den Garantiepakt vom Jahre 1919 unterzeichnen.

Botschafter v. Neurath stattete am Donnerstag dem eng­lischen Außenminister Simon einen Besuch ab und legte ihm 10hmals den deutschen Standpunkt zur Tributfrage und zur Frage der Lausanner Konferenz dar.

In den diplomatischen Besprechungen, die während der letz­ten Tage zwischen Berlin, Paris und London geführt wurden, ist der Gedanke vertieft worden, im Zusammenhang mit der Abrüstungskonferenz eine Begegnung der führenden Staats­nänner aller interessierten Mächte herbeizuführen.

Es ist zu erwarten, daß die Stillhalteverhandlungen heute jum Abschluß lommen und daß das neue Ablommen dann unter: jeichnet wird.

Die angekündigte Antwort der Reichsregierung auf die Denkschrift Adolf Hitlers in Sachen der Reichspräsidentenwahl ist nunmehr fertiggestellt. Man rechnet damit, daß ihre Ver­öffentlichung heute erfolgt.

Jm Haushaltsausschuß des Reichstages wurde am Freitag die zweite Lesung des Pensionstürzungsgefeges abgeschlossen und mit den Stimmen der Sozialdemokraten und Kommunisten wurde der Beschluß erster Lesung aufrechterhalten, wonach die Höchstpension 12 000 RM. beträgt.

Der Reichsrat beschäftigte sich am Donnerstag mit der vom Reichsfinanzminister vorgelegten Zusammenstellung über die am Haushaltsplan für 1931 vorgenommenen Aenderungen.

Der Reichskommissar für Preisüberwachung hat für Hessen und Hessen- Nassau den Stadtrat a. D. Dr. Heinrich Langer ( Frankfurt) als Landesbeauftragten eingesetzt.

Der hessische Minister des Innern empfing am Freitagvor­mittag eine Abordnung der hessischen Berufsbürgermeister in den Landgemeinden zur Aussprache über die Besoldungslage.

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Der Landesvorstand der Hessischen Staatspartei trat vergangenen Samstag in Frankfurt a. M. zu einer Sigung zu= ja mmen, die sich hauptsächlich mit dem Ausbau der Parteiorga­nisation befaßte.

Die bayerischen Landtagswahlen finden am gleichen Tage wie die Wahlen in Preußen, am Sonntag, den 8. Mai, statt. Am 15. Januar 1932 waren bei den Arbeitsämtern rund

5 966 000 Arbeitslose gemeldet. Die Zunahme seit dem Jahres­eride belief sich auf annähernd 300 000.

Nachdem MacDonald die Einladung nach Paris abgelehnt hat, gilt es für ebenso unwahrscheinlich, daß Herr Laval die Einladung MacDonalds annimmt, noch an diesem Wochenende nach London zu kommen.

In der Provinz Barcelona sind ernste Unruhen ausgebrochen. Die Regierung hat ein starkes Militäraufgebot nach Manresa emtfandt und ist entschlossen, die Unruhen mit größter Energie Junterdrüden.

In Bombay tam es am Donnerstag wieder zu Zusammen­tößen zwischen Kongreßanhängern und der Polizei und muß­ten zwölf Personen schwer verlegt ins Hospital gebracht werden. Die provisorische Regierung von El Salvador hat in sechs Departements wegen fommunistischer Unruhen den Belagerungs­ustand erklärt.

Der griechische Ministerpräsident Venizelos ist in Rom ein­getroffen. Er wurde von Außenminister Grandi empfangen. Ein britisches Unterseeboot ist auf der Höhe von Ventnor an der Insel Wight gescheitert.

Nach Verichten aus chinesischer Quelle sind in den legten weiden Jahren 164 551 Personen durch Banditen der Provinz Supeh getötet worden und 946 000 Personen werden vermißt.

In der 11- Uhr- Pause fam es in der Berliner Universität am Freitag zu schweren Zusammenstößen und Schlägereien zwi: fihen linksstehenden und rechtsstehenden Studenten.

In Demnitz bei Fürstenwalde a. d. Spree starb im 79. Lebensjahre der ehemalige Chef des preußischen Militärlabi­metts Generaloberst Moritz Freiherr von Lynker.

Jm Sllarekprozeß wurde am Freitag der 50. Verhandlungs­tag erreicht, ohne daß man jedoch auf dieses goldene Sklaret­Jubiläum" einging.

Das Saargebiet soll Pfand sein!

Paris, 22. Jan. Vor der Außenpolitischen Kommission des Senats schilderte Senator Ordinaire die wirtschaftliche Lage Des Saargebiets. Er behauptete, daß die öffentliche Meinung bes Saargebiets für die Aufrechterhaltung des Status quo mach 1935 sei und daß die französische Regierung sich nicht wei­gern könne, dem Ruf des Landes Folge zu leisten. Der In­#ranfigeant fordert für den Fall, daß ,, Deutschland nicht bezahlen wolle", das Saargebiet über 1935 hinaus besetzt zu halten. Das ist das letzte Pfand, das wir besitzen," erklärt das Blatt. Wer kann uns daran hindern, zu erklären, daß das Saargebiet uns bis auf weiteres als Pfand für die unbezahlten Schulden Dient?

Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postschedkonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.

Samstag, den 23. Januar 1932

( Neueste Nachrichten)

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Nummer 3

Zu Beginn der ersten Abrüstungskonferenz.

GR. BRITANNIEN

BELGIEN

NIEDE

DERLANDE

Von Oberst a. D. K. v. Dergen.

Helgoland

Kowno

Königsberg

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Lotzen

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Wilhelmshaven

DEUTSCHLAN

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Köln

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530000

Warschau

POLEN

TSCHECHOSLOWAKEI

Königstein

Coblenz

Eger

Mainz

Prag

Paris

Verdun

Langres Toul

Germersheim Straßburg Kehl

Ulm

Dijon

Belfort

Besançon

SCHWEIZ

4100 000 FRANKREICH

612000

JTALIEN

Jm Juni 1919 versicherte Clemenceau als Wortführer der gegen Deutschland verbündeten Mächte, diese würden sofort" mit den Verhandlungen beginnen, die eine allgemeine Herab­setzung der Rüstungen bezwedten. Länger als 12 Jahre hat es gedauert, bis die erste Abrüstungskonferenz zusammentritt. In­zwischen hat abgesehen von den 1919 entwaffneten Staaten

Wien

Krakau

3200000

140000

1000000

OSTERREICH UNGARN

250 000 3500000

das Wettrüsten wieder begonnen. Präsident Hoover hat vor einigen Monaten festgestellt: Die Welt gibt jährlich nahe­zu 5 Milliarden Dollar für Rüstungen aus, d. h. ungefähr 70 Prozent mehr als vor dem Kriege. Beinahe 5 Millionen Menschen stehen im aktiven Kriegsdienst und 20 weitere in Re­serve. Die Rüstungsausgaben haben sich wie folgt vermehrt: Die Vereinigten Staaten gaben aus: 1913 1,2 1931 3 Milliarden England 2,2 Milliarden Frankreich 3,2 Milliarden Rußland 2,7 Milliarden Deutschland dagegen hat seine Wehrmachtsausgaben her­abgesetzt von 2,1 milliarden RM. auf 650 Millionen RM. im Jahre 1931. Von einer Abrüstung ist also in den wehrpolitisch freien Staaten gar feine Rede; auch nicht in Frankreich. Die von Paris aus in dieser Hinsicht in die Welt gesetzten Be­hauptungen sind Märchen.

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In Frankreich wird nach wie vor jeder waffenfähige junge Mann für den Krieg ausgebildet. Die Herabsetzung der Friedensdienstzeit von 3 auf 1 Jahr ändert an der Kriegsstärke nicht das geringste. Um die durch Herabsetzung der Dienstzeit eingetretene Verringerung der Friedensstärke auszugleichen, hat man die Berufsfoldaten auf 140 000 vermehrt( also auf 40 Pro­zent mehr als das gesamte deutsche Reichsheer beträgt) und stellt wesentlich mehr Eingeborene ein als vor dem Kriege. Im ganzen liegt eine Herabjegung der Friedensstärke um etwa 6 Prozent vor, nicht wie eine Dentschrift des Ministers Briand behauptet, eine solche um 60 Prozent.

Die Wirkung der verkürzten Dienstzeit auf die Ausbildung wird dadurch wieder wettgemacht, daß man die jungen Leute vor Eintritt in das Heer bereits militärisch schult: in der mi litärischen Jugendausbildung, die in aller Welt( besonders auch in Frankreich) außerordentlich gründlich betrieben wird. Die jungen Leute sollen soweit gefördert werden, daß sie bei Ein­tritt in die Kasernen die Rekrutenschule schon hinter sich haben und sofort mit der eigentlichen Gefechtsausbildung begonnen werden kann.

Der Völkerbund hat 1925 die sogenannte Vorbereitende Abrüstungskommission eingesetzt, die den Weg bahnen sollte, auf dem man zur allgemeinen Abrüstung kommen wollte. Diese Kommission ist unverrichteter Sache auseinandergegangen. Sie hat nur den vollständig unzureichenden Entwurf zu einem Ab­rüstungsabkommen hinterlassen. Dieser Entwurf geht an den eigentlich wichtigen Bestandteilen der Rüstung achtlos vorüber. Jeder weiß, daß im Kriegsfalle der größte Teil des Heeres aus Angehörigen des Beurlaubtenstandes besteht. Aus diesem wer­den die Regimenter auf Kriegsstärfe gebracht und die zahlreichen Reserveformationen gebildet. Um diese auszurüsten, liegen be­reits im Frieden große Bestände an Waffen, Munition und son­ſtiger Ausstattung bereit. Der Beurlaubtenstand und das ge= samte in den Arsenalen aufgespeicherte Material soll, nach dem irregeleiteten Willen der Vorbereitenden Kommission, bei der Abrüstung überhaupt nicht berücksichtigt werden. Eine solche Abrüstung ist natürlich feine tatsächliche Abrüstung, sondern nur eine Scheinabrüstung. Deutschland hingegen wurde im Versailler Vertrage eine ganze Reihe besonders wirksamer Waffen untersagt: Schwere Geschütze, große Minenwerfer, Tanks, die chemischen Kriegswaffen, Flugzeuge, U- Boote, Kriegsschiffe über 10 000 Tonnen. Alle diese Verbote fehlen in dem Entwurf der Vorbereitenden Kommission; abgesehen von dem Verbot der Verwendung chemischer Kriegsmittel. Aber nur ihre Verwendung ist verboten; nicht die Vorbereitung ihrer Verwendung. Man muß also trotz des heute bestehenden Verwendungsverbotes da überall Gastruppenteile bereitge= stellt werden, damit rechnen, daß diese Kriegsmittel aus gegenseitigem Mißtrauen doch verwandt werden.

Im Gegensatz zu den Grundsätzen des Völkerbundes hat sich nach dem Kriegsende Frankreich mit Belgien, Polen, der Tsche= choslowakei, Rumänien und Südslawien verbündet und diese

SÜDSLAWIEN

Festungen

266000

geschleift

Hauptflughäfen Sperren

Friedensheeresstärke

Kriegsheer entmilitarisierte Zone

gegen

Deutschland

Länder verpflichtet, ihm gegebenenfalls Waffenfolge zu leisten. Betrachtet man von diesem nur die, die an Deutschland unmittelbar angrenzen, also Frankreich, Po­len, Belgien und die Tschechoslowakei, so ergibt sich, daß diese Staaten verfügen über rund 10 Millionen ausgebildeter Sol­daten( Deutschland 100 000; also auf einem deutschen Wehr­mann 100 Feinde); 45 000 Maschinengewehre( Deutschland 1926); leichte Geschütze 9 938( 288); schwere Geschütze 3007( 0); Tanks 4100( 0); Flugzeuge 4700( 0). Wir sehen also, daß Deutsch­lands Sicherheit in vollem Umfange aufgehoben ist. Es hängt machtpolitisch von dem guten Willen seiner Nachbarn ab. Trozdem wird immer von der Sicherheit Frankreichs; nie von der Deutschlands gesprochen. Dabei hat Frankreich unmittelbar an den deutschen Grenzen umfangreiche ,, Hindenburgstellungen" angelegt; während Deutschland überall im Westen aber auch im Osten verboten ist, in seinen Grenzprovinzen Befestigun­gen irgendwelcher Art anzulegen.

Die deutsche Regierung hat daher mit Recht den Entwurf der Vorbereitenden Kommission abgelehnt; würde er zur Grund­lage des endgültigen Abrüstungsabkommens genommen, so bliebe alles beim alten. Besonders hat der Art. 53 des Ent­wurfs Entrüstung in ganz Deutschland hervorgerufen. Dieser Artikel enthält die ungeheuerliche Bestimmung, daß Deutschland den Bestimmungen der kommenden Abrüstungstonvention nicht unterfallen soll. Deutschland soll anscheinend noch einmal aus der Reihe der gesitteten Nationen ausgeschlossen werden ,,, weil es mit der Kriegsschuld belastet ist." Völlig ausgeschlossen ist, daß ein Vertreter Deutschlands ein solch ungeheuerliches Abfom­men unterzeichnet, das das Reich unter ein Ausnahmerecht stellt.

U.S.A. 3100

FRANKREICH 2800

ENGLAND 2400

RUSSLAND 1700 JTALIEN 1500

POLEN 1000

TSCHECHOSLOWAKEI 600

JAPAN 1000

DEUTSCHLAND

Reine!

Deutschland geht nach Genf mit der Forderung, daß seiner na­tionalen Sicherheit in demselben Maße Genüge geschieht, wie der Sicherheit aller anderen Völker. Es verlangt daher, daß die anderen Nationen nach den gleichen Grundsägen abrüsten, wie sie Deutschland auferlegt wurden. Der Völkerbund fennt nur Mitglieder mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten. Versucht er, seine Mitgliedstaaten in vollberechtigte und ent­rechtete Völker einzustellen, so zerstört er die Grundlagen seiner Existenz. Darum muß in Genf der Grundsatz der Gleichberech­tigung aller Mitgliedstaaten durchgesetzt werden. Wer dafür fämpft, dem stehen Recht und Gerechtigkeit zur Seite; der streitet für Wahrheit und Frieden.