Nr. 36
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Samstag, den 10. September 1932.
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Es besteht Veranlassung n dem Reichskommiss Preisschilder in de
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,, Gießener Zeitung"
Großmacht Vorurteil!
Vorurteile wirken wie Bazillen. Das richtige Gegengift gegen sie ist der Mut zu einfachem und klarem Denken. Die Maßnahmen der Regierungsstellen zur Befestigung der nationalen Wirtschaftskräfte sind umsonst, wenn weiterhin törichte Vorurteile einen großen Tell des Volkes bestimmen und zur Deckung gerade des Alltagsbedarfs zu Einkäufen ausländischer Waren und Lebensmittel beeinflussen. Hier äußern sich berufene Männer und Frauen zu diesen Fragen, die als Grundfragen eines deutschen Wiederaufstieges gelten I
Frauen an die Front!
Mit unserer Macht ist nichts getan das ist das schlimmste Vorurteil, welches Millionen von Frauen in ihrer vollswirtschaftlichen Leistungsfähigkeit hemmt, und fie hindert, ihre Aufgaben im Alltag zu erkennen, die ebenso wichtig sind, wie die eines Finanzministers.
„ Rein Zweifel", so sagte unserem Mitarbeiter Herr Prof. Eulenburg von der Handelshochschule Berlin, die deutsche Hausfrau, durch deren Hände der größte Teil des deutschen Volkseinkommens geht, besitzt eine vollswirtschaftliche Allmacht.
Wenn am Tage bloß 10 oder 20 Pfennige anders als
bisher, namentlich zugunsten deutscher Erzeugnisse verwandt werden, so gibt das der gesamten deutschen Wirtschaft einen sehr fühlbaren Aufschwung.
Hierbei muß man bedenten, daß die Einfuhr sogenannter Luruswaren nur 5 Prozent der gesamten Einfuhr betragen. Entscheidend fallen ins Gewicht bei der heutigen Einstellung der großen Masse der deutschen Frauen, die für ihre Familie Anschaffungen machen, die Dinge, die für den täglichen Bedarf benötigt werden." " Ungefähr die Hälfte des durch die Hände der Hausfrau rollenden Vermögens" so sagt uns eine bekannte Führerin der Hausfrauenbewegung wird für die Ernährung verbraucht. Es ist nicht übertrieben, wenn auch die gesamten Bekleidungsausgaben unter die Ausgaben der Hausfrau gerechnet werden. Ungefähr ein Viertel der Hausfrauenausgaben sind für den Einkauf von Stoffen und sonstigen Kleidungsstücken für Frau und Familie zu rechnen."
Es ist flar, daß eine Bevorzugung der ausländischen Ware durch die große Armee der einlaufenden Hausfrauen einfach alle Außenhandelsbilanz und somit den Etat überhaupt so beeinflußt, daß allen Maßnahmen der Regierungsstellen zur Balancierung des Etats durch eine derartige plan und sinnlose Richtung des Einkaufswillens einfach entgegengearbeitet wird. Irgendwelche bewußten Gründe gesundheitlicher oder finanzieller Art für die Bevorzugung ausländischer Lebensmittel treffen nicht
zu.
Man fann lediglich das alte berüchtigte Vorurteil für die Bevorzugung ausländischer Waren verantwortlich machen.- Es ist so bei uns Deutschen, als ob wir den nüchternen Einkauf von Kartoffeln, Zucker oder ein Stück Stoff mit einem besonderen Nimbus versehen müßten. Die Kartoffeln dürfen beileibe nicht daher fommen, woher auch die der Frau Nachbarin tommen. Und es muß englisches Tuch sein, weil der Aberglaube einer besonderen englischen Luft für die Stoffherstellung deinen Willen bestimmt. Aber erst der Zucker das muß indischer Rohrzucker sein- nur fein Jnland zucker. Die Geheimnisse des Oriente teilen sich wahrscheinlich dem Rohrzucker mit.
Unsummen werden für die Einfuhr von fremdem Obst und Südfrüchten ausgegeben. Kein Mensch zweifelt daran, daß das deutsche Obst ebenso nahrhaft und be tömmlich ist, wie das ausländische. Je mehr die deutsche Hausfrau dazu übergebi, für solche Zeiten, in denen frisches deutsches Obst nicht am Markt ist, einzumachen, um so stärker wird sie der heimischen Landwirt schaft, und zwar in zweifacher Hinsicht, helfen. Es tritt ein Mehrverbrauch deutscher Früchte, eine Eindämmung unnötigen Imports ein und überdies haben wir die gute Möglichkeit, den Verbrauch an Zuder zu steigern, der ja ein hervorragender, Gesundheit und Leistung steigernder Kraftspender ist.
Womit sollen wir uns kleiden? Das ist eine Frage ganz nüchterner Art, die reizvoll genug durch die modische Phantasie der Frau gemacht werden tann. Die volkswirtschaftliche Verantwortlichkeit führt auf einen Gedankengang, den uns Frau Dr. Margis, vom Reichsverband deutscher Hausfrauen vereine entwidelt. Sie sagt ungefähr folgendes: „ Die Wolleinfuhr belastet unsere Außenhandelsbilanz sehr start, und um das auszugleichen, sind wir auf die Ausfuhr unserer Fertigfabrikate, gewebter Tuche, angewiesen. Wie steht es aber damit? Umgekehrt hat sich die Einfuhr von Fertigfabrikaten, besonders von eng. lischen Tuchen, gesteigert!
gungsmöglichkeit beschneidet. Da die Hausfrauen auch bei der Auswahl der Herrenstoffe maßgebenden Einfluß ausüben, müssen sie auf die unbedingte nationale Pflicht hingewiesen werden, deutsches Tuch zu bevorzugen, da es dem ausländischen gleichwertig ist.
Gerade in den besser situierten Kreisen wird ohne einen Schimmer von Berechtigung und Kenntnis des wirklichen Zusammenhanges fremdem, besonders englischem Tucherzeugnis bessere Qualität zugesprochen. Tatsächlich aber stellt die deutsche Tuchindustrie qualitativ das selbe her, wie die ausländische und auch die vielgerühmte englische! Gegen 1926 ist die deutsche Einfuhr in wollenen Tuchen um 310 Prozent gestiegen! Diese Tuchmenge
Kealtfahrzeuge und Ehetzteile
60 Millionen RM.
Parfumerien
12 Millionen RM
Schuhe und Lederwaren
27 Millionen RM
Butler und Käsc 466 Millionen
RM.
Eler
Eisenwaren
224 Millionen RM
225 Millionen RM
Welsen
231 Millionen BM
Küche
Haus Deulubland
Wein
60 Millionen RM
Ge00gel
62 Millionen
RM
Obsi
Gemüse
210 Millionen RM
Schweine- Schmet Millionen
RM
115 Millionen RM.
1st diese Einfuhr notwendig?!
Room
entspricht der jährlichen Normalproduktion von 30 beutschen Tuchfabriken mittleren Umfanges. Da jede drei Meter Tuch, die aus dem Auslande bezogen werden, eine deutsche Arbeiterfamilie für mindestens einen Tag brotlos machen, so bedeutet diese Einfuhr fremder Ware für die deutsche Textilindustrie einen Ausfall von rund 1 650 000 Arbeitstagen! Es muß also heute von der deutschen Hausfrau als dem bedeutendsten Käufer verlangt werden, daß sie nicht ausländische Waren den deutschen vorzieht, wenn diese in gleicher Güte und Preiswürdigkeit zu haben sind."
Was werden wir essen?
Wir verwiesen schon darauf, daß Unsummen für den Einkauf ausländischer Lebensmittel der deutschen Landwirtschaft verloren gehen, für Lebensmittel, die ebenso gut im Inland zu beziehen wären, oder die bei einer Umstellung der Ernährungssitten durch
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anderes Nahrungsmittel, welches sich so feu und reft los in Ernährungsenergien imenschlichen Körper umsett. Es gibt aber au fein anderes Nahrungsmittel, dessen Mehrverbrauch so viele merkwürdige Vorurteile ent gegenstehen. Da wird z. B. behauptet, daß durch die Ernährung, die zu viel Kohle
hydrate enthalte, die Zuckerkrankheit hervorgerufen oder dem Körentzogen
Kalt
per würde. Gerade in der
letzten Zeit hat es die
oberste Behörde für Volksgesundheit in Deutschland, das Reichsgesundheitsamt, für notwendig gehalten, diesem Vorurteil flärend entgegenzutreten. Die Wissenschaft hat es längst widerlegt.
-
Die Wissenschaft weiß auch, daß die Behauptung, der Zucker schade dem kindlichen Organismus oder wirke zerstörend auf die Zähne, in das Reich der Fabel zu verweisen ist. Wenn man sich bemüht und dies ist das Wichtigste in unserem Zusammenhang solchen Vorurteilen nachzugehen, so enthüllt man ein dunkles Kapitel vulgärer Ernährungsanschauungen, die an den Aberglauben, den viele manchen wundertätigen Kurpfuschern entgegenbringen, erinnern. Man vergleicht das indische Zuckerrohr mit einem Sonnen- Akkumulator, welcher die geheimnisvollen Energien der Sonne in sich aufspeichert, ganz im Gegenteil zu der unterirdischen Zuckerrübe, die fast ohne Sonnenbestrahlung aufwachse.
Die Ernährungssachverständigen, wie vor kurzem Prof. Spengler und Dr. Ragnar Berg, weisen aber durch chemische Analysen nach, daß der sogenannte indische Zucker dasselbe Produkt ist wie der deutsche Rübenzucker. Wenn von den„ Reformern" der modernen Ernährung trotzdem geantwortet wird, daß sie instinktiv den Auslandszucker vorziehen, so ist gegen ein solches Vorurteil bis jetzt noch fein Kraut der Erkenntnis gewachsen. Das eine steht allerdings fest. Es stände um die Gesundheit unseres Volkes besser, wenn wir in den Dingen der Ernährung feine Urteile fällen, die vor der kritischen Prüfung unserer Vernunft nicht standhalten können.
Das Reich der Hausfrau
Wissen Sie schon- daß Sie feine Angst vor der Arznei zu haben brauchen? Die Gesetzgebung hat Gefahren, die mit den Heilmitteln verbunden sind, ernsthaft und nachdrücklich durch die Einrichtung der Apotheken als dem Spezialgeschäft für Heilmittel, durch die genauen Vorschriften, die sie für den Betrieb der Apothefen, die Herstellung und Prüfung der in ihnen verabsolgten Mittel vorschreibt, vorgebeugt, insbesondere auch durch die staatlich vorgeschriebene jahrelange und sorgfältige Ausbildung des Apothekers zu seinem ernsten und für die Voltsgesundheit verantwortlichen Beruf. Der Krante möge diese Fürsorge des Staates anerkennen und sich zunuze machen, indem er teine Arzneimittel vom Hausierer, sondern nur aus ben Spezialgeschäften für die Heilmittel, aus den guten deutschen Apothefen tauft.
Wissen Steschon
daß der Saft von frischen grünen Gurten ein sehr gutes Hautpflegemittel ift? Man legt abends einige Gurtenscheiben auf Stirn und Wangen und läßt den Saft ein paar Minuten einwirken. Die Haut wird davon weiß und glatt und die Runzeln verschwinden.
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daß man häßliche Fliegenflecte, die jetzt im Sommer überall auftreten, mittels Spiritus oder Salmiaf aus Seidenstoffen herausbekommt? wissen Ste schon- daß ein sehr gutes Gesetz in Vorschlag gebracht wurde zur Erhebung eines sogenannten Müttergroschen". Die Frauenhilfe", die seit Jahrzehnten auf dem Gebiet der Mütterfürsorge in eigenen Mütter- Erholungsheimen und der Mütterschulung hervor. ragend gearbeitet hat, hat diesen Vorschlag eingebracht. Am erften April und am ersten Oktober des Jahres sollen 10 Pfennige vom Arbeitnehmer und vom Arbeitgeber erhoben werden, die ganz einer rechtzeitigen Mütter- Erholung und gründlichen mütterlichen Schulungsarbeit zugeführt werden.
andere Nahrungsmittel aus der deutschen Scholle zu ersezen sind.„ Wir erzeugen", so führt Regierungsrat Dr. Dornedden vom Reichsgesundheitsamt aus,„ in Deutschland dreimal so viel Startoffeln wie wissen Sie schon wir verbrauchen. Und wir wissen erkenntnismäßig, daß die Kartoffel eines der hervorragendsten Nahrungsmittel ist und daß aus ihr die mannigfaltigsten Speisen zu bereiten sind, die gerade dem deutschen Geschmack außerordentlich entsprechen. Ähnlich liegt es mit Hülsenfrüchten, mit billigen Erbsen- und Bobnensuppen, die es, was den Ernährungsgehalt anbelangt, mit manchen viel teureren Nahrungsmitteln aufnehmen. Wie tommt es aber, und dieses ist nach den Ausführungen einer Reihe von hervorragenden Sachverständigen, die wir hierzu befragten, der Fall, daß dem weißen Gold unserer Landwirtschaft, dem Zuder, so merkwürdige Vorurteile entgegenstehen. Befanntlich wird in anderen Ländern viel mehr Zucker verbraucht, als bei uns in Deutschland, obwohl wir daran Überfluß befizen. Es wäre für die Landwirtaußerordentlichem Nachteil,
Der gedankenlose Eintauf englischer Tuche bewirkt, daß der deutsche Abnehmer von der deutschen Wirtschaft unmöglich niedrigste Preisgestaltung erwarten fann, wenn schaft E3 er selbst durch unnötigen Einlauf ausländischer einfach weniger Zuckerrüben angebaut werden. Ware der deutschen Wirtschaft die notwendige Beschäfti- ist ein wichtiges Kapitel mit dem Zucker, denn es gibt kein
von
wenn
etwa
Wissen Sie schon-- daß ein Volt an den Kindern ftirbt, die ihm nicht geboren werden- daß Berlin in der ganzen Welt die Stadt mit der niedrigsten Geburtenziffer ift daß auch schon auf dem Lande das Vorurteil des Zwet oder Einfindersystems sich sehr schädlich für das Wachstum des deutschen Bolles auswirkt.
lgt.)


