Samstag, den 3. September 1932.
Zirkus
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,, Gießener Zeitung"
Ein Gleichnis der Welt!
Zum Gastspiel Straßburgers. Von Emil Wader.
Jm Zirkus ist die Erde noch eine Scheibe im Sinne der Alten und der Himmel ist das Zelt. Ringsum der Ozeanfluß, das flutende, brandende beifallspendende Publikum, den ,, Schaumtöpfchen" des Meeres vergleichbar, des tausendäugigen. Der 3irtus ist ein Gleichnis der Welt und du siehst im Laufe feiner Vorstellung die blasse, sägemehlbepuderte Scheibe sich bevölkern mit schwarzen, braunen, gelben, weißen Menschen und mit der bezähmten Kreatur beider Hemisphären. Auch das Zeltfirmament belebt sich mit beseelten Planeten, mit schwebenden, schwingenden Himmelstörpern zwischen einem hier sichtbaren System astronomischer Ordnung. Denn alles ist sichtbar in der 3irfuswelt, es fehlt die Rüdendeckung des Theaters; von allen Seiten muß sich das Spiel der Gautler sehen lassen.
Unzählige Lampen strahlen von der langen Ruppel in die Menge nieder. Der große menschenerfüllte Raum liegt in mattem Licht. In Abständen dunkeln geheimnisvoll die roten Lämpchen der Notbeleuchtung. Hoch oben, von den Galerien, hört man hastige Atemzüge, man spürt, wie fiebernde Span= nung aus Tausenden von Augen springt.
Menschen sitzen da. Sie sind satt des Theaters, sie sind müde des Filmes, was sie wollen, ist das Leben. Denn das Leben selbst ist viel eindringlicher als jeder Spiegel. Sie wollen Realität, aber von jenem Schimmer der Romantik umkleidet, der alles letzten Endes doch nur als Spiel erscheinen läßt. Die haarscharfe Grenze zwischen Leben und Spiel, zwischen todesnaher Wirklichkeit und Arenazauber reizt sie. Das ist berauschender als hundert Filmdramen oder Theaterstücke es sein tönnen. Worum es hier in jeder Sekunde geht, das ist das Leben, aber das Leben als Spiel erfaßt. Jeder der Spieler dort unten hat als Einsatz seinen Körper aufs Programm ge= setzt. Und der Mensch begreift, daß das Spiel der Manege das aufregendste aller Spiele ist: Das Symbol des großen Da= seinstampfes, wo jede Minute den Absturz aus greller Scheinwerferhelle in schwindelnde Tiefe bringen kann. Es ist ein
Spiel von Mensch zu Mensch, zwischen Mensch und Tier, ja ein Spielen mit dem Tod und es gehört dazu, daß der Akrobat nach einem halsbrecherischen Kunststick ins Publikum lächelt, als sei das alles gar nicht so schwer, man möge es nicht so ernst nehmen. Künstliche Sonnen lassen alles im rosigsten Licht erschei= nen: die kriegerische Marschmusik begleitet nur ein Spiel, die französische Generalslivree ist hier ebenso ungefährlich wie die tscherkessische Uniform der Kapelle. Es gilt die soldatische Ehrenbezeigung der Handaufnahme. Weltbürger ist, wer zum Zirkus gehört.
fahrvolle Arbeit so zur Schau gestellt, daß sie heiteres Spiel zu sein scheint. Wenn der Trapezbünstler hoch oben, ehe er zu arbeiten beginnt, so gemächlich herabschaut, so sieht das aus, als wolle er eben mal ein bißchen schaukeln und der Schein der Mühelosigkeit, als sei das Radschlagen etwa doch das natürlichste Fortbewegungsmittel, beschämt den Zuschauer, der jetzt erst merkt, was sein Körper alles nicht kann. Und wenn dann plötzlich die Musit mitten im Satz abbricht und jener Kleine Ausruf dieses kurze Hopp" der Bravourleistung erklingt, sind wir ganz verzaubert und außer uns.
In diesem lebensgroßen Humpty- Dumpty- Spielzeug, in dieser geliebten Welt des Sägemehls, der Gala und des unvergeßlichen Artistenzeremoniells, in diesem Zelt der Spannungen und Geistesgegenwärtigkeit, wird mühselige, langjährige, ge=
Ein Jnvalidenrentner bezog vor dem 8. 12. 31 eine Rente von Auf Grund der Notverordnung vom 8. 12 31 erfolgt eine Kürzung von
50,- RM. 25,- RM.
Es verbleiben somit von der Invalidenrente 25,- RM. Erneuter Abzug auf Grund der Notverordnung
vom 14. 6. 32.
Es verbleiben somit an Invalidenrente
6,-RM.
19,- RM.
Nr. 35
Staatsminister a. D. von Ewald gestorben. Darmstadt. 2. September. Heute nachmittag starb im Alter von 80 Jahren der letzte großherzogliche Staatsminister Karl von Ewald, ein Mann, der sich um Hessen große Verdienste erworben hat, die auch wiederholt von den Regierungen der Nachkriegszeit anerkannt worden waren.
Arbeiterneneinstellungen im Westerwälder Kohlengebiet.
Die Braunkohlengrube Alexandria", die einzige noch im Betriebe befindliche Grube des Westerwaldes, die vor Jahren noch über 1000 Arbeiter beschäftigte, verzeichnet einen stärkeren Absatz in der letzten Zeit. Es mußten bereits in jüngster Zeit zweimal eine größere Anzahl von Arbeitern neu eingestellt wer den. Nach Bendigung der Ernte rechnet man mit einer er höhten Belebung des Herbstgeschäftes.
Hermann Bangs Zirkusmelancholie fällt uns ein, wir den Allgemeine Sport- Nachrichten
fen an Beckmanns seltsam verwandeltes Akrobatenerlebnis oder an Otto Nüdels Gauklerromantik, an die lebendige Beziehung und Blutsverwandtschaft von Kunst, Artistik und an die Vorliebe der Dichter für Zauberer und Clowns, für den Menschen im Tier, für Gala und Trikot.
Jm vorliegenden Fall ist die letzte Rentenfürzung nicht zulässig und muß rüdgängig gemacht werden. Zahlbar bleibt in diesem Falle die Invalidenrente in Höhe von 25,- RM. Es wird im besonderen bemerkt, daß die Kürzung nur auf Grund eines Antrags rüdgängig gemacht werden kann.
Aus Rab und Fern. Nah
Scheuern brennen nieder.
Diese unaufhörliche Handlung, diese höchste Spannung mit glücklichem Ausgang, dieses Theater der Kraft, des Gleichgewichtes, der körperlichen Geschicklichkeit und des persönlichen Mutes, ist eine Schule vieler Künste.
Denn es ist ja nicht nur die artistische Bravourleistung, sondern ihre Schönheit, die entzüdt, wie etwa das Bänderschwingen der Chinesen, die adlige Hohe Schule, die Zopffahrt oder das Emporsteigen auf in den Zeltraum gespanntem Seil.
Auch beim Zirkus gibt es Stilwandlungen. Es besteht wie bei der Bühne Neigung zur symphonischen Regie. Die Individualität opfert sich dem Kollektivspiel und bringt so oft eine Steigerung der ästhetischen Wirkung, aber auch eine kleine Verbilligung der Einzelleistung mit sich. Die früher fast umständliche tänzerische Zeremonie bei Vorstellung der Akteure zu Beginn ihrer Nummer hat schon an Stil und Anmut eingebüßt. Ballettartige Zwischenspiele als kleine Zugeständnis an das neue Publikum vergißt man willig zum Beispiel über der vollendeten Grandezza etwa des Direktors Straßburger im Umgang mit seinen Freiheitspferden oder bei seiner prachtvollen Hohen Schule.
Heuchelheim. Ein Schadenfeuer vernichtete am Dienstag hier zwei gefüllte Scheuern der Landwirte Ad. Reuschling 2. und Ludwig Rinn, letzterer ist ,, Kronenwirt" in Krofdorf. Das Feuer griff, durch die Heu- und Strohvorräte genährt, rasch um sich, und gefährdete das Spritzenhaus und die anliegenden Wohnhäuser. Beide Scheunen mit Nebengebäuden brannten bis auf die Grundmauern nieder, das Vieh konnte gerettet wer= den. Dem rasch und tatkräftigen Eingreifen der Heuchelheimer
Die Welt als Kurzweil, das ist das Gleichnis, das uns der Zirfus lehnt. Die Menschen, die, mit den Augen blinzelnd, wieder auf die Straße treten, sind ein wenig nachdenklich. Es mag ihnen durch den Kopf gehen, daß der Zirkus eine größere Spannweite hat als Kino und Theater. Zirkus läßt nirgends Fühlen, daß der Schein mit unserem Empfinden nur sein Spiel Es ist wahrhaftigstes, grausamstes und doch unendtreibt. lich befreiendes Leben. Und gerade in den Tagen der Sachlichkeit und der dokumentarischen Kunst müßte seine Auferstehung kommen, allen jenen zum Trotz, die ihn längst für tot erklärten.
Wehr gelang es vor dem Eintreffen der Kreismotorspritze aus Gießen den Brand zu löschen. Der Schaden wird auf etwa 12 bis 15 000 Mart geschätzt, der zum Teil durch Versicherung gedeckt sein soll.
Bad Nauheim. Bis zum 1. September 1932 betrug der Gesamtbesuch 20 258 Gäste, darunter 3397 Ausländer. Anwesend waren an diesem Tage 2720 Gäste.
Für die Deutsche Fußball- Meisterschaft 1933 wurden die Termine wie folgt festgesetzt: Vorrunde am 7. Mai, Zwischenrunde am 21. Mai, Vorschlußrunde am 28. Mai und Endspiel am 11. Juni 1933.
Eine Olympia- Revanche im 100- Meter- Lauf soll anläßlich der Westfalen- Kampfspiele in Bochum am 11. September zwis schen den beiden amerikanischen Negern Tolan und Metcalfe sowie dem als Dritten placierten deutschen Meister Arthur Jo= nath stattfinden.
Friedberg. Der 100 000- RM.- Gewinn der Preußisch- Süddeutschen Klassenlotterie, der nach Hessen siel, tommt im Kreise Friedberg zur Austeilung. An dem Gewinn sind durchweg Eleine Leute beteiligt, die den unverhofften Geldzuwachs sehr gut gebrauchen können.
Auch ein Zeichen der Zeit.
Drei Olympiafieger, und zwar der Pole Kusocinsky und die beiden Finnen Lehtinen und Jsohollo, gehen am 17. und 18. September in Warschau an den Start, wo sie den 5000- Meterund 10 000- Meter- Lauf bestreiten.
Schotten. Kennzeichnend für die Not der Zeit ist eine Betanntmachung der Stadt Schotten mit folgendem Wortlaut: ,, Die Stadt warnt nochmals die Hausbesitzer, ortsfremde Personen und Familien, die nach Schotten ziehen wollen und nur der Gemeinde zur Last fallen, bei sich aufzunehmen. Die Hausbesitzer machen wir für alle daraus entstehenden nachteiligen Folgen verantwortlich."
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Serton, der amerikanische Olympiasieger im Kugelstoßen, verbesserte in seiner Heimatstadt New York den Weltrekord im Kugelstoßen abermals auf 16,16 Meter.
Der Deutsche Fußball- Buns verhandelt mit Desterreich über das Zustandekommen eines neuen Länderkampfes.
In New Yort eingetroffen sind die beiden deutschen Boxer Adolf Heuser und Max Schmeling. Schmeling fämpft im September gegen Walker, während Heuser um die Halbschwergewichts- Weltmeisterschaft demnächst auf den Titelhalter Rosen bloem trifft.
Nur noch ein Bürgermeister in Worms? Worms. Am 1. September lief die Amtszeit von Bürgermeister Schulte, einem der vier Oberbeamten der Stadtverwaltung, ab. Bürgermeister Schulte gehört der SPD. an und wurde vor 10 Jahren zum Bürgermeister gewählt. Wie befannt wird, beabsichtigen die Nationalsozialisten im Stadtrat einen Antrag einzubringen, wonach die Zahl der vier Oberbeamten auf einen reduziert werden soll.
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