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Nr. 13

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Samstag, den 2. April 1932.

,, Gießener Zeitung"

Auto jago in Veiner Stübe

Sportreportagen nach for Stoppuhr

Von Hermann Schreiber, Chefredakteur der Funkzeitschrift ,, Europa- Stunde".

In der Stube ist es lautlos, man ist gefesselt, ganz Ohr für das, was der Lautsprecher in der Ede im Augenblick zu ngen hat. Es geistert so etwas wie eine Sensation im Rimmer! Es ist beinahe so, als ob man dabei wäre und als b man den guten braven alten Hanne Sobed sehen müßte, pie er fraftvoll, verfolgt von der Meute, den Ball vor sich bertreibt und ihn dann plöglich mit einem Schuß, wie ihn hur Hanne fertigbringt, mitten durchs feindliche Tor fegt. Oder man sieht den jungen Jänide, wie er elegant übers Eis fligt und mit seiner verblüffenden Sicherheit das Gros der Gegner umspielt und dann einschießt, ein geradezu inallender Punkt hinter einer fabelhaft ausgeflügelten Rechnung. Oder man sieht die von einem mächtigen Bogen in die blaue Luft hineingeschossene Silhouette des fühnen Springers auf der Schanze, man sieht fauchende Ungeheuer über die Bahn brausen, oder auch die wirbelnde Drehung, mit der ein schlanker Sportler die rotierende Scheibe weit über die geſtedten Fähnchen hinwegschleudert. Und dann fieht man das tobende Publikum, erlebt seine Spannung, ist mitten unter ihm, ist genau so fieberhaft gepadt wie jeder, der wirklich mit seinen Augen und seiner ganzen werten Persönlichkeit dabei ist.

Das alles sieht man, wenn man gut verpadt in seiner warmen Stube sigt und ein geschickter Reporter irgendwo da braußen vor dem Mitrophon steht und, selbst mitgerissen, von der Stimmung eines spannenden Wettkampfes erzählt und plastisch ausmalt und jede Sekunde des Ablaufs mit Worten zu paden versucht, aufs äußerste interessiert, was fich im nächsten Augenblid ereignen wird. Man sieht das alles, weil man es miterlebt und die Phantasie den rein afustischen Bericht des Lautsprechers sofort auch optisch nach zeichnet. Man ist also dabei und spart dazu noch Zeit und Sie Rosten der Bahnfahrt nach dem Ort, wo der Sportkampf usgetragen wird.

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Das ist alles sehr einfach und praktisch denkt jetzt der Zaungaft am Lautsprecher. Irgend so einer mit einer großen Schnauze" nimmt ein Mikrophon auf den Buckel, spaziert da hinaus und erzählt uns was. Das ist doch keine große Sache. Nimmt er an. Weit gefehlt! Wenn er wüßte, mit welchen technischen Vorbereitungen und welchem Auf­wand an Organisation, Geduld und auch Glück das Gelingen einer solchen Sportreportage verbunden ist, er würde mit etwas mehr Hochachtung der Stimme des Mannes lauschen, der ihm wie das Selbstverständlichste von der Welt eine Autojagd, ein Steherrennen oder einen Großkampf auf dem grünen Rasen in sein behagliches Zimmer zaubert.

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Ein kleiner Hörbericht über ein Sportereignis( es fann ich auch um eine andere Begebenheit handeln) soll stets die Geschlossenheit einer Handlung haben. Es soll etwas assieren. An und für sich wäre der Kampfablauf eine in ich abgeschlossene Handlung. Nun steht aber dem Mann am mikrophon für seine Reportage nur eine recht furz bemessene Zeit zur Verfügung. Und dann diese Zeit ist auch noch figiert! Also in der Zeit von 14.30 bis 14.55 Uhr darf der Reporter sich einschalten. Unerbittlich steht die Uhr vor ihm, Die ihm das Ende seines Berichtes ankündigt. In diesen 25 Minuten muß er also so etwas wie eine Handlung hineinlegen. Wenn er Glück hat, häufen sich wirklich zwischen 14.30 bis 14.55 Uhr die Ereignisse. Es gibt wilde Jagden, ein Tor löst das andere ab, es gibt spannende Momentbilder, der Stoff fliegt ihm überreichlich zu, er hat kaum Atem, mit seinen Worten den hastenden Sensationen nachzujagen; die Ereignisse selbst tragen den Bericht und machen ihn zu einer spannenden Handlung. Wie aber, wenn der arme Reporter das Pech hat, gerade in eine Zeit hineinzugeraten, wo es auf dem Kampfparkett ziemlich flau zugeht, wo es große Pausen gibt, weil die Langläufer noch nicht in Sicht sind oder der Bob Deutschland 2 noch nicht startfertig ist. Das gibt peinliche Lüden, die irgendwie aus­gefüllt werden müssen. Deshalb eben muk der tüchtige Reporter seine Vorbe­reitungen treffen. Er sichert sich vorsichts. halber einige Interviews mit Fachleuten, Sporttanonen oder mit irgend jemand, der über das zu sendende Ereignis irgend etwas Interessantes zu sagen hätte. baut sich also selbst eine Sandlung af, die die Aufmerksamkeit der Hörer in der warmen Stube auf­rechterhält und sie in der Span nung für das beläßt, was jeden

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eintreten wird. Ein guter Re­porter muß also nicht nur interessant und flüssig erzählen fönnen, er muß auch ein guter Regisseur sein, der Tage, ja sogar Wochen vorher alles bis aufs J- Tüpfelchen genau vor­bereitet.

Man hat vielfach darüber gestritten, ob der Reporter, der den Hörer an irgendeinem Sportereignis unmittelbar teilnehmen lassen soll, selbst Sportfachmann" sein muß oder nur Erzähler, d. h. ein Mensch mit starkem journalistischen Instinkt, der die Dinge auf sich wirken läßt und sie in Worten rein subjektiv schildert. Beide Forderungen haben ihre Be­rechtigung. Ein guter Reporter muß selbstverständlich die Materie, die er gestalten will, beherrschen, aber er spricht nicht zu Fachleuten, sondern zum großen Publikum, er ist gewissermaßen dieses große Publikum, er empfindet mit ihm und er denkt mit ihm. Schließlich soll ja der Reporter ein Bild des Ganzen geben, ein Schauspiel, in dem das Milieu eine gewichtige Rolle spielt, zumal dem Hörer am Laut. precher das optische Bild fehlt. Ein Nur- Fachmann mag ja eine Sache recht gut beherrschen, aber damit ist es nicht Jetan. Der Mann am Mikrophon soll ja malen, Erlebnisse übermitteln, einen Eindrud vermitteln, der weit über das Fachliche hinausgeht. Er muß also ein Künstler sein, ein Gestalter, der aus sich selbst den Stoff formt, ihm Leben gibt und letz­ten Endes Wirkung. Der Mann am Mi­frophon ist Journalist, der das Wesent­liche vom Unwesentlichen zu scheiden ver­mag und die Seele seines Publikums tennt. Er spielt auf einer Klaviatur, und er kann sie nur spielen, wenn der gewisse Funten in ihm glüht, der eben den Rünstler ausmacht.

In der Stube am Lautsprecher hat man dafür ein sehr empfind­liches Ohr. Man will nicht nur wissen, wer Erster wird und wie die Phasen des Sportkampfes stehen, man will auch an diesem Rampf selbst teil. nehmen, diesen Rampf selbst er­leben, die Span­nung, das Flui­dum, die Unge­

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derb den Der

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tommt also alle Hände und Ohren voll Arbeit, die Laut. stärken der verschiedenen Milieugeräusche aufeinander ab­zustimmen. Zuweilen wandert auch das Mikrophon dem Ereignis nach, dann wäre es sehr peinlich, wenn bei diesem Spaziergang die Länge des Verbindungstabels nicht aus. Einem jungen Reporter wäre ein solches reichen würde. Versehen vor einiger Zeit beinahe zum Verhängnis gewor den. Er wollte mit seinem Mikrophon in der Hize des Ge. fechts einen noch günstigeren Standort erreichen. Als er nahezu Ende einer war, Treppe angelangt mertte er zu seinem Ent­sehen, daß die Schnur sei­nes Mikrophonkabels zu Ende war. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als so schnell wie ihn seine Beine tragen konnten, die Treppe

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herunterzuhasten,

um seinen alten Poster wieder einzunehmen. Zur

EUROPA STUNDE

wißheit, gesagt verventigel.

Glück war er jung und ein ausgezeichneter Läufer, aber es gab immerhin eine Pause von nahezu zwei Minuten, was den ganzen Hörbericht geschmissen" hätte, wenn zufällig zur gleichen Zeit im Rampffeld eine Entschei dung oder irgendeine spannende Phase des Kamp­fes eingetreten wäre. Solche Vorfälle zeigen, wie außerordentlich wichtig die technische Seite der Re­portage ist.

Am Lautsprecher selbst tlingt alles flar und sauber; eine Stimme spricht und erzählt euch etwas. Und dann ist's vor­bei, und der Ansager im Funthaus fündigt den Bericht irgendeiner Märchentante an. Die ganze Herrlichkeit, die Arbeit von Tagen ist vorübergerauscht, ohne irgend etwas zu hinterlassen als höchstens ein bißchen verflungene Spannung und das Gefühl, wirklich bei einem interessanten Schauspiel dabeigewesen zu sein. Anscheinend genügt das. Man er­sieht dies wenigstens aus dem immer stärker werdenden In­Der teresse der Hörermassen für solche Sportreportagen. Sport ist nun einmal zu einer wirklichen Volkssache gewor. den. Da ist es begreiflich, daß gerade für Sendungen, die die Laut werden, durch Sportereignisse getragen Blättert der werden. sprecher gern eingeschaltet Hörer einmal aufmerksam in seiner Funkzeitschrift, seiner treuesten Ratgeberin, nach, dann wird er mit Zufriedenheit feststellen können, daß die deutschen Sendegesellschaften diese Einstellung des großen Publikums sehr bereitwillig nach­tommen. Gooft ein Lokalereignis von besonderer sportlicher Bedeutung startet, findet man bestimmt an irgendeiner Stelle der Kampf- Arena den Mann am Mikrophon, der mit Tem­perament und leidenschaftlicher Anteilnahme die Dinge schildert, die dem Hörer in seiner Stube so wichtig sind. In den deutschen Sendegesellschaften regiert ein recht großzügiger Geist( die hohen Rundfunkgebühren erlauben ja einen statt. lichen Dispositionsfonds). Ist ein deutsch- französischer Fuß­ball- Länderkampf in Paris angesetzt, dann wird auch der deutsche Funtreporter nach der Seinestadt reisen, um dafür zu sorgen, daß die zu Hause auch wirklich alle dabei sind. Da gibt es die Berichte von der Olympiade und den Europa­Meisterschaften. In aller Erinnerung dürfte noch der vor­zügliche Hörbericht über den legten Schmeling- Rampf aus Amerita sein. So gibt es fast jeden Tag irgendwo im Wir tungsbereich der deutschen Sendegesellschaften( also in der ganzen Welt) interessante und spannende Sportkämpfe, die man zu Hause in seiner Stube miterleben kann. An Hand eines genau eingeteilten Fach- und Stundenpro­gramms wird es dem Hörer sofort möglich sein, schon zu Beginn jeder Woche sich einen Plan der Sportereignisse auf­zustellen, die von den Gendern aus ganz Deutschland über­tragen werden. Denn der Hörer wird erst dann die Mög­lichkeiten des Rundfunks erkennen, wenn er nicht nur seinen Apparat tennt, sondern auch darüber Bescheid weiß, was ihm die mannigfaltigen Programme der Gender bieten. Dann wird er sich sicherlich zur angezeigten Stunde mit pünktlich vor seinem Lautsprecher einfinden, um Hochachtung vor der technischen und journalistischen Leistung der Reportage sich eine halbe Stunde Spannung, Autojagb oder Borkampf, Rugby oder Radrennen in seine Stube hineinreden zu lassen.

Hörer ist ein Spie­ter, er hat Sympathien und Antipathien, er geht mit seinem Liebling mit, er will ihn siegen hören, er will sich für ihn äng­stigen, er ist voller Teilnah­me, voller Besorgnis, vol. ler Wut gegen den Gegner. Das Tor seiner Fußball- Liga ist ihm Triumph, der konzen­trierte Sturm der anderen jagt ihm das Zittern in die Knie, er ballt die Fäuste, er erlebt Enttäuschungen, verliert sich in Hoffnungen und empfindet alles das mit, was für die die übrigen am ,, Tatort" Spannung des Augenblics bedeutet. Das alles hat der Mann am Mikrophon zu be­rücksichtigen. Was dem Hörer im Augenblick seines Erleb. nisses fehlt, hat er zu ersehen: das Optische, die Farbe, die Augen. Gelingt es dem gu­ten Reporter, durch seine Wortgestaltung das Bisuelle zu übermitteln, dann wird es ein guter Hörbericht, und der Kritiker am Lautsprecher ist zu­frieden.

Dem Reporter zur Seite steht der Techniker. Bei der großen räumlichen Ausdeh­nung mancher Sportkämpfe ist es oft notwendig, verschie dene Mitrophone aufzustellen. Es muß demnach eine ganze Inzahl Rabel gelegt werden. Der Mann am Verstärker be­