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Mittwoch, den

Mittwoch, den 22. April 1931.

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leere Worte geredet oder große Verwaltungsapparate aufge zogen werden, sondern daß die verantwortlichen Stellen evtl. durch Notverordnung recht bald den Mut aufbringen ehe es zu spät ist wirklich durchgreifende Maßnahmen, unabhängig von der zersetzenden Parteipolitik, in die Tat umzusehen zum Wohle unseres ganzen Volkes in allen seinen Schichten.

Kommunistische Zellenbildung bei Reichswehr und Schupo.

Berlin. Im Auftrage des Oberreichsanwalts wird seit eini­gen Wochen eine Untersuchung gegen fommunistische Funktionäre geführt, die der Zersetzung bei Reichswehr und Polizei beschuldigt werden. Von dem Reiterregiment in Fürstenwalde waren meh­rere Soldaten festgenommen worden, und auch in Berlin wurden Verhaftungen vorgenommen. Seit einigen Tagen sind eine Reihe von Beamten der Berliner Schutzpolizei in diesem Zu­sammenhang vom Untersuchungsrichter und dem Reichsgericht vernommen worden, weil festgestellt werden sollte, wie weit die Bemühungen der Kommunisten bei der Schutzpolizei Erfolg hatten.

Lokales.

Schlechte Aussichten für Baudarlehen.

Das Kreisamt Gießen teilt uns mit:

Gießener Zeitung"

2. Den Boranschlag der Block'schen Stiftung für Rechnungsjahr 1931.

Antr. d. Stadtverw., z. b.:

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Der in Einnahme und Ausgabe mit 2 248,79 RM. Worten: Zweitausendzweihundertachtundvierzig Reichsmark 79 Rpf. abschließende Voranschlag wird genehmigt. 3. Baugesuch der Frau Dr. Klewig Wwe. zur Errichtung eines Wohnhauses Am Nahrungsberg.

4. Neubauten in der Schottstraße; hier: Vergebung der Elektro­Installationsarbeiten.

5. Wohnungsbauten in der Schwarzlach; hier: Bergebung der Weißbinderarbeiten.

6. Mitteilungen der Stadtverwaltung.

* Stadttheater. Heute abend in Neu- Einstudierung Schil­lers Jungfrau von Orleans", mit Beatrice Doering in der Titelrolle. Am Sonnabend Gastspiel des Mainzer Stadttheaters: ,, Die toten Augen" von Eugen d'Albert.

Nach einer Verfügung des Herrn Ministers für Arbeit und Wirtschaft vom 15. April 1931 hat der Kreis Gießen nur 8 Bau­Darlehen für 1931 zu erhaiten. Die Ursache dieser ungeheueren Verringerung der zur Verfügung stehenden Baudarlehen ist darin zu sehen, daß im Staatsvoranschlag des Rj. 1931 zur Förderung der Bautätigkeit im Jahre 1931 zwangsläufig nur 5 Millionen Reichsmart im Gegensatz zu 10 Millionen RM. im Vorjahre vorgesehen sind. Dieser Betrag von 5 Millionen RM. wird für die Instandsetzung und Tilgung der für den Wohnungsbau in den Städten und Landgemeinden in den früheren Jahren auf­genommenen Anleihen fast vollständig verbraucht, so daß nur die Rückflüsse aus Verzinsung und Tilgung der in den früheren Jahren gewährten Baudarlehen für die Förderung der Neubau­tätigkeit im Jahre 1931 verfügbar bleiben.

* Konsularnachricht. Der zum polnischen Generalkonsul in Frankfurt ernannte Dr. Thaddäus Dalbor ist anerkannt zur Vornahme konsularischer Verrichtungen im Volksstaat Hessen.

Nr. 32

schaftsbericht über das Jahr 1930 war ersichtlich, daß der Ver­fehrsbund Oberhessen auch im abgelaufenen Geschäftsjahr eine rege Tätigkeit auf den verschiedenen Gebieten der Verkehrs­werbearbeit entfaltet hat, wobei er bei den Fahrplanfragen eng mit dem Hessischen Verkehrsverband in Darmstadt zusammen­arbeitete, der ihm auch auf andere Weise fördernd zur Seite stand. Das Ergebnis dieser Verkehrswerbearbeit konnte als sehr befriedigend bezeichnet werden. Aus dem Kassenbericht für 1930, den der Bundesrechner Bürgermeister Mengel- Schotten erstattete, war eine gesunde finanzielle Lage des Vereins ersichtlich. Die Red, nungsablage wurde einstimmig genehmigt und dem Vorstand einstimmig Entlastung erteilt. Mit gleicher Einmütigkeit wurde der Voranschlag für 1931 bewilligt. Gegenwärtig ist der Ver­tehrsband Oberhessen mit der Herausgabe eines Hotel- und Gaststättenverzeichnisses beschäftigt, das in wenigen Wochen er scheinen wird. Weiter wurde die Herausgabe einer Reliefkarte von Oberhessen beschlossen, zu welcher der hessische Staat einen Zuschuß gewährt. Dieses neue Werbemittel hofft man noch im Laufe dieses Jahres der Oeffentlichkeit übergeben zu können.

* Hessische Verkehrsunfall- Statistit. Ein betrübliches Bild bietet die hessische Verkehrsunfall- Statistik für die Zeit vom Oftober bis Dezember 1930. Danach wurden in Hessen während dieses Zeitraums nicht weniger als 13 Personen durch Verkehrs­unfälle getötet und 333 Personen verlegt. Insgesamt ereigneten sich 406 Kraftfahrzeug- Unfälle.

* Günstige Entwicklung der Umschuldung bei den hessischen Gemeinden. Anfang dieses Jahres betrug der Anteil der schwe­benden Schulden bei den hessischen Gemeinden nur noch 38 Pro­zent gegen 42 Prozent am 30. Juni 1930. Jn Hessen- Nassau da­gegen ist der Anteil der unfundierten Gemeindeschulden in der­selben Zeit von 60 Prozent auf 62 Prozent gestiegen. Die Ge­samtverschuldung der Gemeinden des Landes Hessen beträgt nun­mehr 256 Millionen Mark gegenüber 524 Millionen Mark in Hessen- Nassau.

Wie in den Vorjahren, so hat sich auch in diesem Jahre eine sehr große Anzahl von Bauinteressenten bei dem Kreisamt Gie­ßen um die Zuteilung von Baudarlehen beworben. Da nur 8 Darlehen zur Verteilung zur Verfügung stehen, von denen wie­derum 4 für Gemeinden mit besonders großer Wohnungsnot re­serviert bleiben müssen, haben schriftliche Gesuche und besonders persönliche Vorstellungen bei dem Kreisamt feinen 3wed. Mit den 8 Baudarlehen werden die dringlichsten Fälle bedacht, alle übrigen müssen leider infolge des durch die Verordnung des Herrn Reichspräsidenten vom 1. Dezember 1930 erzwungenen Ausfalls an verfügbarer Sondergebäudesteuer für dieses Jahr unberücksichtigt bleiben.

* Stadtratssigung. Für die Sitzung des Stadtrats am Frei­tag, dem 24. April 1931, 17 Uhr, im Stadthaus Bergstraße, Sigungssaal, liegt folgende Tagesordnung vor:

1. Boranschlag der Stadt Gießen und der städtischen Nebenkassen für das Rj. 1931.

Antr. d. Fin.- Aussch., z. b.:

* Aerztehonorar und Wirtschaftslage. Die hessische Aerzte­tammer hat zu der Frage der Aerztegebühren in der Privat­praxis Stellung genommen. Die Kammer nahm einstimmig fol­gende Stellungnahme ein: Die Hessische Aerztekammer verurteilt jede Ueberspannung des ärztlichen Honorars in der Privat­praxis. Sie ersucht die ärztlichen Kreisvereine, bei Festsetzung von Honorarrichtsätzen der heutigen wirtschaftlichen Notlage ge­recht zu werden. Zugleich bittet die Kammer die gesamte hessische Aerzteschaft, in der Privatpraxis die wirtschaftliche Leistungs­fähigkeit ihrer Patienten tunlichst zu berücksichtigen.

,, Der im Entwurf vorliegende Voranschlag für das Rj. 1931 wird unter Festsetzung der Einnahmen und Ausgaben in der Betriebsrechnung auf 6 456 914,49 RM. 833 731,83 RM.

in der Vermögensberechnung auf

genehmigt.

Der in der Betriebsrechnung verbleibende Fehlbetrag von 304 800,91 RM. soll zunächst aus Vermögensmitteln ge­deckt werden.

Ferner werden die im Entwurf vorliegenden Voran­schläge der städtischen Nebenkassen genehmigt.

* Tödlicher Motorradunfall. Am Sonntag abend stürzte an der Rödger Chaussee ein Installateur Gabriel aus Großen- Bu­sed mit seinem Motorrad. Der Berunglückte ist in der Nacht noch seinen schweren Verletzungen erlegen.

Der Stadtrat setzt die Realsteuersätze für das Rj. 1931 in Höhe der Ausgangssäge unter Abzug der vorgeschriebenen Senfungssätze fest.

Aus Nah und Fern.

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Langgöns. Ende voriger Woche machte auf Grund wirts schaftlicher Sorgen ein 65jähriger Molkereibefizer von hier durch Erschießen seinem Leben ein Ende. Seine Frau solgte ihm durch Gifttod.

Butzbach. Ohne das ein fester Termin festgelegt ist, wurde in Darmstadt beschlossen, die Friedberger Schupoabteilung rest­los nach Buzzbach zu verlegen. Es liegen dann in Bußbach drei Hundertschaften.

* Wiedersehensfeier und Regiments- Appell des ehemaligen Königin Augusta- Garde- Grenadier- Regiments Nr. 4 und seiner Tochterregimenter Res. Inf.- Rgter. Nr. 55 und 202 in Koblenz vom 6. bis 8. Juni 1931. Mit der Feier ist die Neuweihe des wiederhergestellten Augustasteines verbunden. Nähere Auskunft durch R. Knebel, Berlin- Friedenau, Rheinstraße 39a.

Die Erhebung sämtlicher Steuern erfolgt in 6 Zielen und zwar jeweils bis zum 25. der Monate Mai, Juli, Sep­tember, November 1931 und Januar und März 1932."

Für 1931 wird die Bürgersteuer mit einem Zuschlag von Hundert vom Hundert zu den Mindestsätzen des Landes er­hoben."

Krisenstunden des Weltkrieges*).

Aus den Erinnerungen des Marschall Foch. Das Ende der Marneschlacht.

Friedberg. Infolge des Beschlusses des Provinzialausschuss ses der Provinz Oberhessen, mit der Preag erneut in Verhand lungen einzutreten, hat die Verwaltung der Hefrag beschlossen, die Stillegung des Tagebaues um 14 Tage hinauszuschieben. Nach den Plänen der Verwaltung hätte die Stillegung des Tagebaues Samstag erfolgen müssen.

Friedberg. Montag nadmittag beging in einer hiesigen Metzgerei ein 17jähriger Lehrling aus Modſtadt Selbstmord durch Erhängen. Der Grund zu der Tat soll in Liebesgeschichten: zu suchen sein.

Ober- Mörlen. Hier schlüpfte vor einiger Zeit ein Gänschen aus dem Ei, das vier Füße hat. Das Tierchen ist hierdurch gar nicht behindert. Mit zwei Füßen bewegt es sich ganz behende, während es die beiden anderen nach hinten ausstrect.

Mainz. Das Bezirksschöffengericht verurteilte den hessischen sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten Kaufmann Jakob Stephan aus Oppenheim wegen Körperverletzung zu zwei Monas ten Gefängnis. Die Jmmunität des Angeklagten hatte der Land­tag für diesen Fall aufgehoben. Stephan hatte den 19jährigen Köth, einen Nationalsozialisten, auf der Straße so mißhandelt, daß er bewußtlos niederstürzte und sich eine Gehirnerschütterung zuzog.

* Kein Anspruch auf Nachurlaub. Das Reichsarbeitsgericht wurde in letzter Zeit verschiedentlich um Entscheide angegangen, die sich mit der Urlaubsfrage für Arbeitnehmer befassen. Es hat in einer neuen Entscheidung den Standpunkt vertreten, daß ein Arbeitnehmer, der während seines ihm tariflich zustehenden Ur­laubs erkrankt, feinen Anspruch auf Nachurlaub für die Zeit seiner Krankheit erheben kann. Die Erkrankung während des Urlaubs ist, so heißt es in der Begründung, als ein nur den Arbeitnehmer persönlich treffendes Mißgeschid ohne Zusammen­hang mit der arbeitsvertraglichen Beziehung der Parteien an­zusehen. Aus dem Erholungszweck des Urlaubs tann vom Ar­beitnehmer keine Vertragspflicht des Arbeitgebers, diesen Er­holungszwed zu gewährleisten, gefolgert werden. Läuft der Ur­laub, so hat der Arbeitgeber seine Verpflichtung erfüllt und sie wird, wenn nicht vertraglich anderes bestimmt ist, durch die Er­frankung des Arbeitnehmers im Urlaub rechtlich nicht berührt.

Die Schlacht an der Marne ging zu Ende. Sie war das Meisterstück des einen Mannes, der sie seit dem 24. August vorbereitet und ihre Verwirklichung bis zum Ende durchgesetzt Unmittelbar nach hatte, des Oberbefehlshabers Joffre. unjeren Niederlagen an der Grenze hatte er den Kampf ab­gebrochen und nicht gezögert, seine Kräfte anders zu verteilen, sich im Westen eine Operationsarmee zu schaffen, die Führer­stellen neu zu besetzen und den Rückzug bis zum rechten Augen­blid fortzusetzen. Als aber dieser Augenblick eintrat, fom­mandierte er energisch kehrt, nun Angriff und Verteidigung Flug verbindend. In einem wunderbaren Gegenschlag hat er dem Einbruch des Feindes den Todesstoß versetzt.

Paris, das Herz des Landes, war durch einen Sieg ge­rettet worden, zu dem der Gouverneur seine Truppen geschickt

Hauptversammlung des Verkehrsbundes Oberhessen.

Montag fand hier die diesjährige Hauptversammlung des Verkehrsbundes Oberhessen statt. Aus dem von dem Bundes­vorsitzenden Beigeordneten Dr. Hamm- Gießen erstatteten Rechen­

Wetzlar. In den städtischen Anlagen fand man einen frem den Mann mit Vergiftungserscheinungen tot auf. Aus hinter lassenen Briefen geht hervor, daß er sich das Leben nahm, weil er infolge Stellungslosigkeit feine Aussicht auf Heirat hatte.

Dillenburg. Eine 63jährige alte Frau wurde beim Feuer­anzünden von den Flammen erfaßt und stand bald in hellen Flammen. Die Greisin erlag ihren schweren Verletzungen.

Frankfurt a. M. In der Alzeyer Gegend wurden weite Strecken durch Regen und schweren Hagelschlag stark beschädigt. Durch einen Blitz wurden vier Arbeiter auf dem Felde so schwer verletzt, daß der eine starb, und die drei anderen betäubt und gelähmt wurden.

Wiesbaden. Die Stadtverwaltungen von Mainz und Wies baden haben beschlossen, gemeinsam die Frage eines Rhein­brücken- Neubaues zu behandeln und Untersuchungen anzustellen über die Durchführbarkeit und Zweckmäßigkeit einer Linie, die im Zuge des die Landesgrenze zwischen Preußen und Hessen bildenden Landgrafenweges über die Westspizze der Petersaue an der Ostspitze der Rettbergsaue vorbei über die Ingelheimer Aue und den Floßhafen hinweg zwischen Alt- Mainz und Mainz­Mombach hindurch zur Binger Straße führt. Die Vorarbeiten sind eingeleitet.

hatte, weil er wohl begriff, daß er dort das Schicksal der Haupt­stadt entschied. Der deutsche Plan brach zusammen, und mit ihm der Zauber der deutschen Waffen. Der schnelle und ungeheure Einbruch, der Frankreich außer Gefecht setzen sollte, war nicht nur aufgefangen, sondern auch zurückgedrängt, ja teilweise über den Haufen geworfen worden. Unter welchen Umständen sollte sich der Feind wieder festsetzen und seine Unternehmungen auf der Westfront von neuem anfangen? Konnte nicht inzwischen die Ostfront das Gewicht ihrer schweren Massen fühlbar machen? Würden die Zentralmächte einen Feldherrn von solcher Größe finden, daß er hinfort auf zwei Fronten einen Krieg mit ge­teilten Kräften führen könnte, nachdem er schon gescheitert war, als er sich nur auf eine Front zu beschränken brauchte? Als ich am 28. August die Führung der IX. Armee übernahm, verkündete der Tagesbericht einen siegreichen Einbruch des Feindes von der Somme bis zu den Vogesen". Der vom 10. September hieß: Der Sieg der Franzosen bestätigt sich...."

*) Mehr als 12 Jahre nach Abschluß des Weltkrieges wird das große persönliche Erinnerungswerk des Marschall Foch ver­öffentlicht, in der Art der Darstellung und dem Aufbau nach ein Gegenstück zu dem Ludendorffs. Konnte der deutsche Feldherr in der ihm nach Kriegsschluß auferlegien unfreiwilligen Muße seine Erinnerungen sojort niederschreiben, blieb dem dienstlich start in Anspruch genommenen, fürzlich verstorbenen Ober­Befehlshaber der feindlichen Armeen wenig Zeit, an seinem Werke zu arbeiten, so daß es erst heute der Deffentlichkeit über­geben werden kann. In ritterlicher Anerkennung deutscher Lei­stungen ein Ruhmesblatt für das deutsche Heer, läßt das Werk den unerbittlichen Siegeswillen eines Feldherrn erkennen, der schon 1914 in verzweifelter Lage rettete, was zu retten war, der im März 1918 das drohende Auseinanderbrechen der französisch­englischen Front verhinderte und der, als ihn das Eintreffen der amerikanischen Truppen aus der größten Bedrängnis erlöjte, zu ungeahnt frühem Zeitpunkt den Entschluß zum entscheidenden Gegenstoß faßte. Wir bringen mit Erlaubnis des Verlages K. F. Koehler in Leipzig eine Folge von Abschnitten aus dem inter­essanten, Ende März erschienenen Wert.

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eine starke Artillerie bei sich. Wenn sich die belgische Armee eingräbt, wird sie ihre Stöße parieren und eine Sperre bilden können, die bald von französischen Truppen verstärkt wird. Digmuiden ist schon von einer Marineinfanteriebrigade besetzt, und an deren Festigkeit ist nicht zu zweifeln. Das ist ein fester Punkt, an den die neue Verteidigung angeknüpft werden kann. Der König empfängt mich einige Augenblide später. Gr befindet sich in dem weiten, herrlich ausgeschmückten Schöffen saal mit seinem großen Kamin. Dort glänzt ein Feuer, das man bei der Kälte und Feuchtigkeit des Tages recht angenehm empfindet. Es ist das erstemal, daß ich dieser großen Persön lichkeit, dieser edlen Gestalt der Ehre und Pflicht gegenüber trete. Nicht ohne eine gewisse Verlegenheit wende ich mich an ihn, aber ich bin fest entschlossen, vor allen Dingen die gemein jame Sache der Rettung Belgiens zu verteidigen und an einer Schlacht festzuhalten, die von den Verbündeten geschlagen wer den soll. Das Echo auf diese Gedanken läßt nicht auf sich war ten. Belgien ist nur noch ein Fetzen Landes, auf den sich seine Regierung und seine Armee geflüchtet haben. Wenn sie noch 20 Kilometer weiter zurückgehen, dann hat der Gegner einen Anspruch auf Belgien, er hat es vollkommen in seiner Gewalt, er kann darüber verfügen und es verschwindet von der Karte Europas. Wird es am Tage des Friedens wieder erstehen? Gewiß ist die belgische Armee sehr erschöpit, meint der König, aber auf den Ruf ihres Führers wird fie alle ihre Tat kraft wiederfinden, um den Rest ihres Vaterlandes zu vertei digen. Sie wird sich an die Vier antlammern, bis die verbün deten Truppen Zeit gewonnen haben, ihr zu Hilfe zu eilen. Seine Entschlüsse und seine Maßnahmen werden das bezeugen. Der König ist bereit, seine ganze Armee zu opfern. Sein Entschluß steht in schroffem Gegensatz zu der Kopflosigkeit eini ger seiner Untergebenen. Denn in demselben Augenblid, wo wir in Furnes diese Entschließung jassen, kommt der damalige Marineminister aus dem belgischen Großen Hauptquartier, das er am Vorabend zuvor verlassen hat, nach Doullens und ver langt von meinem Chef des Stabes, General Weygand, die Vorbereitung von Untertünften in der Umgebung von Calais, um dort die belgische Armee in Sicherheit zu bringen und neu zu bilden. Denn nach den Worten ihrer Führer können dieje nichts anders tun, als sich von dem Kampf zurückzuziehen.

Und wieder einmal müssen wir auf der Straße von Dün­kirchen nach Furnes dem grauenvollen Wirrwarr der Bevölke rung begegnen, die vor dem Einfall der Feinde flieht. Eine dichtgedrängte Masse, besonders von Frauen, Kindern, jungen Mädchen, Nonnen, Priestern, Greisen, zieht in der Verwirrung einer übereilten Flucht dahin. Sie sind müde von einem Marsch ohne Rast, ohne Obdach; sie haben Nächte unter dem Sternen­zelt oder unter den Regengüssen des Oktober hinter sich. Furnes ist vollgestopft von belgischen Truppen; auch sie sind von der schweren Beschießung von Antwerpen und einem achttägigen Rückzug sehr mitgenommen.

Ich begebe mich mit unserem Gesandtschaftschef, Oberstleut­nant Brecard, in das belgische Hauptquartier; Herr von Brocque­ville geht uns voran. Dort treffe ich die Generäle Hanotaur, den Chef, und Wielemans, den Souschef des Generalstabs. Sie stehen noch inmitten der Verwirrung und Aufregung, die stets mit einem langen und schwierigen Rüdzug verbunden sind. Ich nenne ihnen die Gründe, die ein Anhalten dieses Rückzuges rechtfertigen, und die Mittel, die es erlauben, dem Feind wieder die Stirn zu bieten. Die deutschen Truppen uns gegenüber ge= hören zum 2. Aufgebot; es find Reservetorps. Ihre Infanterie hat nicht dieselbe Kampftrajt, wie die Heere, die wir in Frank­reich aufgehalten und zurüdgedrängt haben, aber sie hat sicher

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