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Gießener Zeitung
Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder RüdSendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
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Bolitische Rundschau.
Der Reichspräsident von Hindenburg hat dem neuen Präsident der französischen Republit, Paul Doumer, aus Anlaß Der jeines Amtsantritts ein Glückwunschtelegramm gesandt. französische Präsident hat dem Reichspräsidenten sofort gedantt.
Macdonald und Henderson haben die Einladung der deutichen Regierung endgültig angenommen und werden voraus: fichtlich am 17. Juli in Berlin eintreffen, wo sie bis zum 19. Gäste der Reichsregierung sind.
Der amerikanische Staatssekretär Mellon wird voraus: fichtlich am 21. Juli nach seinem Besuch in Paris und Rom in Berlin eintreffen.
Die Verhandlungen über die Gewährung eines Zwischentredits von 250 Millionen Mart an das Reich sind abgeschlossen.
Die in der Notverordnung vorgesehenen Leistungsfürzun gen der Arbeitslosenversicherung sollen erst zum legtmöglichen Termin, d. h. an den Zahltagen in der Woche vor dem 13. Juli, in Kraft treten.
In einem Berliner Vortrag über die Ursachen der Welttrise wies der schwedische Nationalökonom Gustav Cassel auf die Goldverknappung hin und bezeichnete die Aufhebung aller Revisions- und Kriegsschuldenzahlungen auf einige Jahre als das am schnellsten Erfolg versprechende Mittel zur Behebung der Krise.
( Gießener Tageblatt)
Bei seiner Besichtigungsreise im Gebiet des MittellandKanals erklärte Reichsverkehrsminister von Guérard, er habe fich davon überzeugt, daß unter feinen Umständen davon die Rede sein könne, das große Werk des Mittelland- Kanals aufzugeben oder vorläufig einzustellen.
Jm belgischen Senat erklärte der Finanzminister in Beantwortung einer gestellten Frage, die belgische Regierung denke nicht daran, irgendwelche Abänderungen des Reparationszahlungsplanes zuzulassen.
Die deutsch- rumänischen Handelsvertragsverhandlungen nehmen einen erfolgreichen Verlauf. In unterrichteten Kreisen wird mit der Unterzeichnung des Vertrages für Anfang oder Mitte nächster Woche gerechnet.
Der früher der Wirtschaftspartei angehörige Reichstags= abgeordnete Colosser, der mit dem Führer der Wirtschaftspartei, dem Abgeordneten Drewig, sehr ernste Auseinandersetzungen hatte, ist jetzt der Staatspartei beigetreten. Die Staatspartei erhält durch diesen Zuwachs wieder Fraktionsstärke( 15 Mitglieder).
Im Sächsischen Landtag nahm Ministerpräsident Schied im Namen der sächsischen Staatsregierung gegen die Notverordnung Stellung, da sie das Ziel, die Sicherung der Finanzen, nicht erreiche.
Im badischen Landtag fand ein nationalsozialistischer Antrag Annahme, der die Einführung einer Warenhaus: und Filialsteuer anregt. Die Ausführungseftimmungen des Gesetzes werden noch ausgearbeitet.
Auf Antrag der Nationalsozialisten wurde das Verbot des Schächtens von Tieren im braunschweigischen Landtag angenommen. Nach dem 1. Juli 1931 darf das Vich nur nach vorheriger Betäubung geschlachtet werden.
Der seitherige christlich- soziale Reichstagsabgeordnete Pfarrer Teutsch, der in Baden gewählt war, hat sich der nationaljozialistischen Reichstagsfraktion angeschlossen, die damit auf 108 Abgeordnete wächst.
Auf der Tagung des Parteivorstandes und der Wahlkreisvorsigenden der DVP. wurde festgestellt, daß mit der Ablehnung der Reichstagseinberufung die politische Entscheidung nur ver: schoben sei, daß der Kampf aber weitergehe.
Wie wir von zuständiger Stelle erfahren, trifft die von dem Organ der revolutionären Nationalsozialisten( Strasser) aufgestellte Behauptung, daß der frühere Reichsbankpräsident Dr. Schacht seinen formellen Eintritt in die Hitlerpartei vollzogen habe, in teiner Form zu.
Die seit April bei der Eisen-, Elettro- und Maschinenindustrie eingegangenen Aufträge Rußlands erreichen den Betrag von 200 Millionen Mart,
Der österreichische Bundespräsident hat den Abg. Bundesfanzler a. D. Dr. Seipel mit der Bildung der Regierung betraut. Dr. Seipel hat die Betrauung angenommen und wird sofort Verhandlungen mit allen Parteien aufnehmen.
Der neue spanische Botschafter in Berlin, Professor Ame= rigo Castro, veranstaltete einen Empfang für die Presse, an dem die führenden Vertreter der deutschen und der ausländischen Presse in Berlin teilnahmen.
Gerüchtweise verlautet, daß Henderson sämtliche europäischen Außenminister zur Tagung des Koordinationsausschusses nach Genf einzuladen beabsichtige.
Am ersten Tage seines Aufenthalts in London hatte der amerikanische Schatzsekretär Mellon eine Unterredung mit Mac: donald, an der auch Henderson teilnahm.
Der französische Finanzminister und der Handelsminister haben gestern nachmittag mit den französischen Bankiers und Industriellen verhandelt, die sich demnächst zu einer Studienreise nach Mitteleuropa begeben werden.
Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postschedkonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.
Samstag, den 20. Juni 1931
40- Stundenwoche
für die Behörden- Angestellten.
Weitere Gehaltskürzung.
Berlin. Wie der Gewerkschaftliche Pressedienst mitteilt, hatte die Reichsregierung die Angestelltenorganisationen zu einer Besprechung wegen Einführung der in der Notverordnung vorgesehenen 40Stundenwoche bei den Reichsverwaltungen und Behörden eingeladen. Der Sprecher der Regierung erklärte eingangs, daß auch auf die Länderregierungen ein Drud ausgeübt werden müsse, damit sie sich dem Vorgehen des Reiches anschlie ßen. Die Einführung der 40Stundenwoche solle eine entspre= chende Gehaltstürzung nach sich ziehen. Die hierdurch freiwerdenden Mittel sollen bedürftigen Angestellten zugute kommen.
Nach eingehenden Erörterungen gaben die Angestellten- Organisationen die Erklärung ab, daß sie bindende Erklärungen noch nicht abgeben könnten.
Frankreichs Finanzkampf.
Berlin. Nachdem bis zum Donnerstag die Devisenabzüge bei der Reichsbank bis auf etwa 10 Millionen Mark zurückgegangen waren, ist am Freitag ein neuer Anstieg auf 50 bis 60 Millionen eingetreten. Wiederum handelt es sich um die Auswirkung ausländischer Kreditkündigungen, und zwar nunmehr in stärkstem Maße von französischer Seite. Die französischen Banken haben im Gegensatz zu den Empfehlungen der Bank von Frankreich schon Anfang der Woche begonnen, Gelder zurückzuziehen, zum großen Teil auch durch mittelbare Kündigungen, die Guthaben in Holland und in der Schweiz betrafen und Abzüge durch die Banken dieser Länder in Deutschland zur Folge hatten. Da nicht abzusehen ist, wie lange diese vorwiegend aus politischen Gründen bestimmte Attade andauern wird, muß die Frage einer neuen Diskonterhöhung als akut bezeichnet werden, obwohl die Reichsbank bisher keinerlei solche Absichten erkennen ließ. Aber die Vorsorge für die Finanzierung des Ultimo wird, wenn nicht alsbald eine völlige Beruhigung auf dem Devisenmarkt eintritt, der Reichsbank weitere Entschlüsse nicht sparen.
Hoovers Europa- Interesse.
Washington. Präsident Hoover erklärte gestern, er habe mit mehreren Führern beider politischen Parteien über Maßnahmen gesprochen, die geeignet seien, zur wirtschaftlichen Wiedergefundung sowohl in den Vereinigten Staaten als im Ausland beizutragen und insbesondere eine Stärkung der Lage in Deutschland herbeizuführen. Man sei sich noch nicht über bestimmte Pläne schlüssig geworden, aber die Art, in der die Vertreter beider Parteien auf die Angelegenheit eingegangen seien, sei durchaus befriedigend gewesen. Dazu wird ergänzend aus London berichtet: Der Präsident hatte zuerst eine längere Unterredung mit dem Staatssekretär Stimson, hierauf eine mit den Führern der beiden Senatsfraktionen und schließlich eine mit dem Unterschatzsekretär Mills. Der Präsident der Senatstommission für Finanzen, Smoot, ist eiligst telegraphisch nach Washington berufen worden. Die Konferenzen selbst wurden dann am Nachmittag fortgesetzt; Hoover empfing den Unterstaatssekretär Klein, der Sachverständiger für Fragen des Außenhandels ist, und eines der ältesten Mitglieder der Finanztommission des Repräsentantenhauses, Bacharach.
Die neue Steuerverordnung für Zigaretten.
Die neue Zigarettensteuer fommt, wie wir erfahren, am Sonnabend heraus. Mit ihr wird eine Steuerverlagerung eintreten, die uns wieder das alte System und vor allen Dingen die alten Preise bringt. Es wird also ab 1. Juli eine Staffelungssteuer eingeführt, die für Konsum- wie Qualitätszigaretten ( Konsumware= Ware bis zu 6 Pfennig pro Stüd) bei 30 Prozent beginnt und bis über 40 Prozent hinausgeht. Der Verkauf wird wieder nach dem Dezimalsystem durchgeführt werden. Zehnerpadungen enthalten also wie vor der Preiserhöhung wirklich zehn Zigaretten. Der Preis für Einzelzigaretten ist reduziert worden. Eine Vierpfennigzigarette zum Beispiel kostet nicht mehr 4,4, sondern 4 Pfennige.
Der Vorschlag, auch den Einzelverkauf wieder nach dem alten Maßstab einzuführen, ist allerdings auf Ablehnung gestoßen. Lediglich die Konsumzigaretten dürfen ab 1. Juli einzeln verkauft werden und dies nur aus den Fünfzigerpadungen. Die Durchführung der neuen Verordnung stellt Handel und Industrie vor nicht leichte, in einzelnen Fällen sogar unausführbare Aufgaben. Die Fristsetzung bis zum Inkrafttreten der neuen Verordnung ist so knapp, daß die Mehrzahl der Händler kaum die Mög lichkeit haben wird, ihre alten Bestände, die Padungen zu 9 und 27 Stüd, abzusetzen. Die Industrie hat schon fürzlich die Erflärung abgegeben, daß es technisch nicht möglich sei, die noch im Handel befindlichen Bestände umzutauschen.
Die Deutsche Staatspartei und die hessische Regierung. Auf der letzten Sigung des Landesvorstandes der Deutschen Staatspartei in Hessen wurde eine Entschließung gefaßt, in der Abg. Schreiber aufgefordert wird, die Fraktionsgemeinſchaft mit der Demokratischen Vereinigung aufzuheben. Außerdem stellte der Vorstand in dieser Entschließung fest, daß die Staatspartei seit ihrer Gründung im Hessischen Ministerium nicht vertreten ist.
( Neueste Nachrichten)
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Nummer 49
Schrumpfung des Einkommens.
Ueberaus einschneidend sind die Wirkungen der Krise auf die Entwicklung des deutschen Volkseinkommens. Noch liegt zwar darüber feine genaue Aufrechnung vor, die den gesamten Umfang der Wirtschaftstragödie von dieser Seite, von der Seite der Einkommensschrumpfung her, im exakten Ziffernbilde widerspiegelt. Es ist jedoch heute bereits möglich, sich an Hand untrüglicher Merkmale einen ungefähren Ueberblick über die Schäden zu verschaffen, die der Wirbelsturm der Krise auf diesem Gebiet angerichtet hat.
Am deutlichsten offenbaren sich die Verhältnisse beim Ar= beitseinkommen. Die gewaltige Höhe der Arbeitslosig= feit hat zu ganz erheblichen Einkommensausfällen geführt. Jm Monatsdurchschnitt 1929 waren etwa 2 Millionen Arbeitnehmer ohne Verdienst, wurden also als Arbeitssuchende in den Listen der Arbeitsämter geführt. Im Jahre 1930 war das Heer dieser Notleidenden monatsdurchschnittlich auf 3% Millionen Menschen angewachsen. Im Jahre 1931 hat diese Armee des Elends weiteren Zuzug erhalten. Im Durchschnitt der ersten drei Monate dieses Jahres war die Zahl der Arbeitslosen um rund 1,6 Millionen größer als in der entsprechenden Zeit des Vorjahres. Mit anderen Worten: die Gesamtzahl der Einkommensbezieher ist im ersten Vierteljahr dieses Jahres um 1,6 Millionen gcringer gewesen, als im gleichen Zeitraum von 1930. Das bedeutet einen Ausfall von nahezu einer Milliarde Arbeitsstunden bezw. dem entsprechenden Verdienst. Ein trübe Bilanz! 3war gelangen durch die Arbeitslosenunterstützung Beträge zur Auszahlung, die den Arbeitslosen den nadten Lebensunterhalt ermöglichen. Diese Beträge aber sind auf dem Wege der A:- beitslosen- Versicherung oder auf dem allgemeinen Steuerwege von dem Einkommen der anderen Erwerbstätigen abgezweigt, sie bedeuten also kein ursprüngliches Einkommen der Arbeitslosen, feine neue Kaufkraft.
Wenn man noch dazu berücksichtigt, daß sich auch die Kurzarbeit wesentlich ausgebreitet hat sie bedeutet für die Betroffenen ebenfalls eine beträchtliche Einkommensminderung-, so wird man im Anschluß an die Schätzungen des Instituts für Konjunkturforschung für die ersten drei Monate dieses Jahres mit einem Ausfall an Arbeitseinkommen gegenüber dem Vorjahrsstand von etwa 1,2 Milliarden RM. rechnen können. Je= der weitere Monat wird diese Summe vorerst um mindestens % bis% Milliarde erhöhen.
Damit aber nicht genug. Auch die Lohn- und Gehaltssentungen, die Kürzungen der Bezüge der Arbeiter, Angestellten und Beamten, haben das Masseneinkommen erheblich vermindert. Diesen Einkommensausfall berechnet das Institut für Konjunkturforschung für das erste Vierteljahr 1931 im Vergleich zum Stande von 1930 auf ungefähr 1,5 Milliarden RM., eine Summe, die zurzeit ebenfalls noch beträchtlich anwächst.
Berücksichtigt man schließlich noch, daß sich infolge schlechten Geschäftsganges auch das Einkommen der Gewerbetreibenden, der Kaufleute, Unternehmer und der Angehörigen freier Berufe zum Teil beträchtlich vermindert hat, so erhält man einen ungefähren Eindrud von dem gewaltigen Einkommensschwund in Deutschland. Klarer als viele Worte beweisen diese wenigen Angaben, wie schwer das deutsche Volk um seine Existenz zu ringen hat, in wie hohem Grode seine durchschnittliche Lebenshaltung bereits herabgedrückt ist, wie hart es unter der ohnehin untragbaren Bürde der Reparationen zu leiden hat.
Amerika der Weltgläubiger.
Wie wird sich Amerika verhalten? Diese Frage spielt in der Debatte um eine Revision des Youngplans, um die Befreiung des deutschen Volkes von untragbaren Reparationslasten eine wichtige Rolle. Tatsächlich sind es vor allem die Vereinigten Staaten, die den Schlüssel zur endgültigen Lösung des gesamten Reparations- und Schuldenprogramms in Händen halten, der Frage also, die heute die Welt am meisten beunruhigt. Neben dem Youngplan umspannt bekanntlich ein ganzes Netz politischer Schuldverträge den europäischen Kontinent; alle Fäden laufen ja doch letzten Endes in den Vereinigten Staaten zusammen. Die Reparationsempfänger verwenden nämlich den größten Teil der von Deutschland einströmenden Tributzahlungen dazu, ihrerseits ihre Schulden abzutragen.
Diese interalliierten Schulden sind eine Erbschaft des Krieges. Sie gehen in der Hauptsache darauf zurüd, daß unsere Gegner den Krieg z. T. durch Aufnahme von Krediten ausländischer Herkunft finanzierten. Als Gläubiger treten im wesentlichen die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich und in ge= wissem Umfange auch Italien in Erscheinung. Das Gesamtbild stellt sich in seinen wesentlichen Grundzügen etwa folgendermaßen dar: Rumänien, Jugoslawien und Griechenland borgten bei Frankreich; Frankreich seinerseits, ebenso Italien, Jugoslawien, Griechenland, Portugal und Rumänien bei England; England, Frankreich, Italien, schließlich sind sie fast alle Belgien, Jugoslawien, Rumänien, Griechenland- an die Vereinigten Staaten, dem Hauptgeldgeber und Kriegslieferanten- verschuldet, und zwar mit gewaltigen Summen.
Nach dem Krieg entstand ein internationales System von Abkommen, das diese interalliierten Schulden durch Festsetzung


