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,, Gießener Zeitung"

Nr. 53

Samstag, den 4. Juli 1931

Giftige Farben?

Von Prof. Dr. P. Krais, Dresden.

Als alter Farbenchemiker möchte ich zu einigen Fragen Stellung nehmen, die in letzter Zeit mehrfach die Presse und somit auch die Gemüter beschäftigt haben. Unter giftigen Farben versteht man zweierlei. Es können Farben sein, die dem Auge giftig erscheinen; von ihnen singt schon Wilhelm Busch in seiner Kritik des Herzens, wo die zweite Tante sagt:

Ich schlage vor, wir entscheiden

Uns für ein Kleid in Erbsengrün. Das mag Sophiechen nicht leiden.

Es können aber auch Farben sein, die auf den Organismus als Gifte wirken. Solche gibt es wohl, z. B. Zinnober als Qued­filberverbindung. Schweinfurtergrün als Arsenikverbindung. Sie sind aber durch strenge Gesetze vom Gebrauch für Anstrichfarben, Tapeten, Gebrauchsgegenstände und Spielwaren ausgeschlossen. Die moderne Industrie der Teer- und Mir eralfarbstoffe, die heute über die Zusammensetzung und etwaige Lerunreinigungen ihrer Produkte aufs Genaueste Bescheid weiß, chließt alle Mög­lichkeiten sorgfältig und vollständig aus, die zu einem schädlichen Gehalt an Giften führen könnten. Was ist denn überhaupt giftig? Als Studenten fanden wir in unseren Lehrbüchern manch­mal den Ausdrud:" Wirft im Uebermaß genossen giftig". Wo ist nun das Uebermaß? Einer Familienmär zufolge ist eine meiner vier Urgroßmütter eines Abends am Genuß von zuviel ' Kartoffelsalat gestorben. Sollte man nun feinen mehr essen? Man wird sich aber auch Pfeffer oder Zimt oder Stecknadeln oder gar Glassplitter nicht dick aufs Butterbrot streuen, weil sie uns sonst das Gras von unten ansehen lassen ohne daß man diese Stoffe als Gifte bezeichnet. Ebenso könnte es bei einem Versuch mit Teerfarbstoffen geschehen, obwohl ich es nicht einmal ficher versprechen kann, werden doch manche Farbstoffe sogar medizinisch verordnet und wirken als Heilmittel. Es gibt natür­lich dicke Lehrbücher über die Gifte, und wenn das Konversations: legifon aus dem Jahre 1859 mit Gift alles bezeichnet ,,, was in geringer Menge in den lebenden Körper gebracht, mechanisch oder chemisch das Leben gefährdet", so ist damit auch nicht gesagt, wo das Uebermaß anfängt.

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Recht merkwürdig aber ist es, daß nicht nur der Laie, son­dern auch mancher Arzt heute noch ohne Bedenken die Farbstoffe verantwortlich macht, sobald sie mit dabei sind, wenn irgend etwas passiert. Ganz besonders bei Blutvergiftungen, Ekzemen, Furunkeln und dergl. ist es immer die gefärbte Tapete oder der Anstrich des Zimmers, das gefärbte Stroh des Hutes, die Farbe in der Wolle oder Seide, die die Uebeltäter sein sollen. Dabei weiß jeder, daß der weiße, frisch gewaschene Stehkragen Furunkel hervorrufen kann, wenn man die scharfen Kanten nicht mit Glättolin oder wenigstens mit einem Kerzenstümpchen abschleift.

geheurer wirtschaftlicher Schade angerichtet werden kann, wenn| gemeinschaft" im Gange, die ähnliche Ziele verfolgt und die sie ohne Prüfung solche Nachrichten weitergeben, die unsre über allem hochstehende, gewissenhafte und mit allen Mitteln der mo­dernsten Wissenschaft und Technik arbeitende Industrie verdächti­gen. Denn nichts von alledem ist wahr, nichts kann bewiesen werden, wenn man den Dingen auf den Grund geht! Unsere

Geſetze über den Umgang mit Giften und über die Giftfreiheit unserer Lebens- und Gebrauchsmittel sind so streng, daß es, ab­gesehen von aller durch die Vernunft und im eigenen Interesse gebotenen Vorsicht und Rücksicht, ganz ungeheuerlich töricht wäre, wenn sich die In istrie nicht sorgfältig in Acht nähme, alles Schädliche aus ihre Produkten fernzuhalten. Wenn nun troß­dem von Zeit zu Zeit solche Enten herumfliegen, so sei hier die Bitte ausgesprochen: Publikum, glaubs nicht! Und wer es hört, der gebe es nicht weiter, ehe ganz bestimmte Beweise da sind! Wer es aber doch tut, der ist schuldig, den guten Ruf, den unsere chemische Industrie als Hersteller der Farbstoffe und die verarbei­tenden Industrien wie z. B. die Färbereien, Druckereien, Ta­petenfabriken usw. cls Verbraucher derselben in der ganzen Welt genießen, empfindlich zu schädigen, denn diesem guten Ruf geht es genau wie jedem anderen: Wird er auch nur durch einen Hauch getrübt, so bleibt etwas davon an ihm hängen.

Dieses leichte Hineinfallen auf die Farbe als Giftstoff hat wohl noch mit dem erstgenannten Begriff der giftigen Farben in unferem Unterbewußtsein zu tun, und wie uns schon die Mutter verboten hat, beim Malen mit Wasserfarben den Pinsel mit der Bunge zu spitzen, obwohl man ihn so am schönsten bekommt, so haben wir auch heute noch eine gewisse Giftangst vor den Farb­stoffen und sind geneigt, ihnen Uebles in die Schuhe zu schieben. Ganz mit Unrecht.

Wenn nun gar solche Nachrichten in die Presse gelangen, ist der Teufel los. Es gibt gewiß feine gewissenhaftere und forgfältigere Tagespresse in der ganzen Welt als die deutsche, und doch verbreiten sich solche Nachrichten, wie über durch arsenik­haltige Tapeten, durch aufgefärbte Kleider oder durch enganlie­gende Hüte verursachte Schäden, die Ausschläge, Tod und Ver­derben über die Menschheit gebracht haben sollen. Sie verbreiten sich mit unheimlicher Schnelligkeit und werden mit Wonne von denen ausgeschlachtet, die sich ein Geschäft davon versprechen. Natürlich kann nicht von den in der Presse tätigen Herren die fachwissenschaftliche Vorbildung und Kenntnis auf dem Gebiete der Chemie vorausgesetzt und verlangt werden, mit welcher der artige Ammenmärchen auf ihren Wert oder vielmehr ,, Unwert" zu prüfen sind; sie müssen sich aber bewußt sein, welch un­

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