Nr. 42.
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Gießener Zeitung
Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüdsendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
43. Jahrg.
Politische Rundschau.
Der Reichsminister der Finanzen hat bestimmt, daß Anmeldungen zur Ausfuhr von Weizenmehl mit dem Anspruch auf Erteilung von Einfuhrscheinen mit Wirkung vom 5. 6. 1930 an nicht mehr zulässig sind.
Die fünf bisher in Mainz und Bingen stationierten Kanonenboote der Rheinland- Flottille haben diesen Hafen verlas= fen und sind nach Straßburg beordert, das in Zukunft ihr Heimathafen sein soll.
Jm Reichsrat wurde der Handelsvertrag mit Polen mit 40 gegen 25 Stimmen bei einer Enthaltung Mecklenburg- Schwe= rins angenommen.
Das Zündwarenmonopolgesetz wird mit dem 1. Juni in Kraft gesezt.
Die bolivianische Gesandtschaft in Washington teilt mit, daß Präsident Siles von seinem Posten zurüdgetreten ist.
Ein Wolkenkratzer von 309 Meter Höhe ist in Newyork eingeweiht worden. Damit hat der Eiffelturm aufgehört, das höchste Beuwerk der Welt zu sein.
Eine neue Rede Moldenhauers
über die Finanzreform.
Wittenberg( Elbe), 29. Mai. Reichsfinanzminister Dr. Moldenhauer sprach in Wittenberg über die Finanzreform. Er führte aus, daß die indirekten Steuern für die deutsche Wirtschaft eher tragbar seien als direkte Steuern. Im gegenwärtigen Augenblid drohten viele neue Gefahren. Bei der Aufstellung des jetzigen Haushaltes sei man von der Annahme ausgegangen, daß auch im Jahre 1930 mit durchschnittlich 1,2 Millionen Arbeitslosen zu rechnen sei. Statt dessen habe man nach den neueren Berechnungen mit 700 000 Arbeitslosen mehr zu rechnen. Infolgedessen sei ein
( Gießener Tageblatt)
Mehraufwand von 450 Millionen Mark notwendig. In dieser Woche noch werde es voraussichtlich zu einer Verständigung über die Mobilisierungsanleihe kommen. Dadurch würden etwa 400 Millionen Mark zur Verfügung stehen, die für werbende Anlagen verwendet werden könnten. Von der Kreuger- Anleihe würden etwa 300 Millionen Mark für innere Kredite Verwendung finden können. Dadurch werde der gesamte innere Geldmarkt an Flüssigkeit gewinnen.
Moldenhauer lehnte ein Arbeitsbeschaffungsprogramm ab, das nur durch die Hereinnahme ausländischer Gelder durchgeführt werden könne.
Verstärkte Mittel würden dem Baugewerbe zugeführt werden. Bis zur Durchführung der Reichsreform seien Mittel und Wege zu finden, um Einfluß auf die Finanzgebarung der Gemeinden zu nehmen. Eine Erhöhung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung sei nicht zu umgehen, es müsse aber in anderer Weise ein Ausgleich für die Wirtschaft gefunden werden. Auch eine Reform der Krankenkassenversicherung solle erfolgen.
Lakehurst auf den Empfang des..Graf Zeppelin" vorbereitet.
Lakehurst, 29. Mai. Die letzten Vorbereitungen für den Empfang des„ Graf Zeppelin" sind getroffen. Hundert Marinesoldaten sind von Philadelphia hierher beordert worden um die hiesige ständige Bodenmannschaft, die 300 Köpfe zählt. zu ergänzen. Obwohl die Bodenmannschaft infolge der Benutzung des neuen beweglichen Landungsmastes nicht mehr so stark zu sein braucht wie früher, wird das gesamte Personal des Flugplazes doch bei der Landung des Luftschiffes Dienst haben. ,, Graf Zeppelin" wird von einem Empfangskomitee der Marine und dem Präsidenten der Goodyear Zeppelin- Gesellschaft, Litchfield, empfangen werden. Während des etwa 48stündigen Aufenthaltes des Luftschiffes in Lakehurst wird ein Sonderzug für seine Passagiere zum Besuch Newyorks bereitgestellt wer den.
Am Sonnabend voraussichtlich über Kuba. Newyork, 29. Mai. Wie aus Habanna gemeldet wird, wird ,, Graf Zeppelin" hier voraussichtl. gutes Wetter antreffen. Regenfälle sind wenig wahrscheinlich. Man nimmt an, daß das Luftschiff in der Nacht zum Sonnabend oder am Sonnabendvormittag Kuba erreichen wird.
Das Mißtrauensvotum gegen die englische Regierung abgelehnt.
London, 29. Mai. Am Spätabend des Mittwoch wurde der fonservative Mißtrauensantrag gegen die englische Regierung im Unterhaus mit 270 gegen 241 Stimmen abgelehnt. Von den Sozialisten enthielten sich diesmal fünf radikale Abgeordnete der Stimme.
Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen. Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postschedkonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.
Samstag, den 31. Mai 1930
Vorfeier zur Befreiung der Pfalz.
Heidelberg. Laut Beschluß der Vertreter von Bürgermeisterämtern, Verkehrsvereinen, Winzervereinen usw. aus der Pfalz und Vertreter von Heidelberg wurde beschlossen, am 22. Juni beginnend, im Schloßhof zu Heidelberg eine Vorfeier zur Befreiung der Pfalz abzuhalten.
Kraftwagen vom D- Zug überfahren.
Münster. In der Nacht zum Donnerstag fuhr der D- Zug 137 an dem beschränkten Wegübergang am Ostende des Bahnhofs Bruchmühlen auf einen mit sechs Personen besetzten Kraftwagen der Firma Kurdelmeyer in Osnabrück. Von den Insassen war der Bäder Frizz Arning sofort tot. Der Milchhändler Stagge, sowie das Gastwirtsehepaar Rosenbaum wurden schwer, der Führer des Kraftwagens, der Fahrlehrer Biel und der Schlosser Bergjohann leicht verletzt. Der Kraftwagen wurde völlig zerstört, die Lokomotive leicht beschädigt. Die Schranke war bereits für den gemeldeten D- Zug geschlossen. Durch wiederholtes heftiges Rufen der Insassen des vor der Schranke haltenden Kraftwagens hatte sich der Schrankenwärter verleiten lassen, die Schranke wieder zu öffnen, um den Kraftwagen noch vor dem D- Zug durchzulassen.
Flüchtiger Bankdirektor.
Stuttgart. Nach Veruntreuung und Unterschlagung von 130 000 RM. ist seit gestern aus Stuttgart der Bankdirektor Wilhelm Kicherer flüchtig, der am 12. Dezember 1882 in Heidenheim geboren ist. Kicherer ist im Besitz von Auslands= pässen und wird vermutlich versuchen, über Berlin eine Hafenstadt zu erreichen.
Unterschlagung.
Berlin. Die Kriminalpolizei hat in Hamburg beim Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband eine große Unterschla gung aufgedeckt. Der seit einigen Jahren bei dem Verband tätige Kassierer Arthur Rulf ist nach Unterschlagungen von 107 000 RM geflüchtet.
Verhaftung russischer Eisenbahner.
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Mostau, 29. Mai. Der Volkskommissar für Verkehrswesen, Rudzutak, gibt die Verhaftung von einer großen Anzah Eisenbahnern wegen grober Fahrlässigkeit bekannt. Die Leute werden für den Brand eines Eisenbahnpersonenwagens in der Nähe von Moskau am 16. April verantwortlich gemacht, bei dem 45 Personen eines grausigen Flammentodes starben und 23 Personen verletzt wurden. Die Mitfahrenden konnten aus den Wagen nicht heraus. Der Brand entstand durch achtloses Fortwerfen eines brennenden Streichholzes auf den Boden, auf dem Alkohol ausgegossen worden war.
Anfurbelung der Wirtschaft.
Alles schreit nach Ankurbelung der Wirtschaft. Die Kurbel hat man, es fehlt nur der Apparat, den man anfurbeln will. Genau so wie beim Stein der Weisen. Den Stein hat man schon längst, allein die Weisen fehlen. Trotz allen billigen Geldes bemerkt man nirgends eine Ankurbelung, vielmehr eine Abnahme der Steueraufkommen, ein Versiegen der vorhandenen Steuerquellen. Da sind nun behufs gründlicher Abhilfemaßnahmen die Sozialdemokraten rasch bei der Hand: die Festbesoldeten sollen monatlich einen Teil ihres Einkommens für die Arbeitslosen hergeben. Warum, so fragt man sich, bringen nicht die Sozialisten aus eigener Kraft und aus reiner Menschenliebe das Opfer auf. Die Nichtsozialisten sollen die Kosten tragen; wer spart und arbeitet, wird also bestraft. Das solcher Unsinn zum Untergang führt, wissen auch die intelligenteren Soziali= sten, aber es gilt für sie die sozialdemokratischen Massen bei der Stange zu halten. Deshalb machen sie jetzt dieselben folgendes weiß: Wir brauchen keine Kapitalbildung. Kapital hat die Privatwirtschaft genug(!). Was not tut, ist die richtige Kapitalverwendung(!). Zu dem Zweck soll Geld aus dem Ausland geholt werden und zwar ganz allein für den Staat und die Städte, d. h. die öffentliche Hand. Denen soll man fein Hindernis in den Weg legen, möglichst viel Geld, also Schulden aufzunehmen. Mit diesem geborgten Geld bauen dann die staatlichen und kommunalen Behörden alle möglichen Betriebe aus. Die öffentliche Versorgungswirtschaft wird vergrößert, Volfshallen, Volksbäder, Kranken- und Fürsorgeanstalten für das Volk werden planmäßig verteilt und in stattlicher Zahl aufgeführt. Solcherweise kommt Geld in die Massen, so hebt sich der Massenkonsum von selbst, so wird angefurbelt. Ganz einfach, man nimmt eben ein Loch, wickelt Blech drum und hat eine Trompete.
Das Wahnsinnige solcher sozialistischen Maßnahmen sehen aber mit der Zeit selbst die dummsten Wähler ein. Der Heiligenschein des Sozialismus ist in ständigem Verblassen, überfüllte Volksversammlungen, z. B. eine solche in der großen Volfshalle in Gießen, bringen die Genossen nicht mehr zusammen. Jetzt rächt sich die verkehrte Wirtschaft des Marxismus bitter. Bald ist die Arbeitszeit ganz abgeschafft, bald hat man die ersehnte fünftägige Arbeitswoche. Das deutsche Vaterland aber, das ist das traurige, muß die sozialistischen Wahnideen mit seinem wirtschaftlichen Untergang bezahlen.
( Neueste Nachrichten)
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Nummer 43
Baulandgesek
oder Wohnheimstättengesek.
Nach dem 33. Bundestag deutscher Bodenreformer. Adolf Damaschte hat wieder einmal„ große" Tage hinter sich! Ihm, der alles Elend und alle Not auf Gottes Erden beseitigen und ebenso wie die Helden von 1918 das Volk herrlichen Zeiten" entgegenführen will, wurde durch die trationelle Wiederwahl zum Vorsitzenden des Bundes Deutscher Bodenre: former, auf dem Ende April dieses Jahres in Würzburg stattge= fundenen 33. Bundestag von seinen Freunden das volle Ver= trauen ausgesprochen. Sein Aüheilmittel, der vom„, Ständigen Beirat für Heimstättenwesen beim Reichsarbeitsministerium" ausgearbeitete ,, Wohnheimstättengesezentwurf", wurde für einzig richtig und wahr befunden. Kein Zweifel: für den„ Volksbeglücker" Adolf Damaschte ein erhebender Augenblick. Ein Augenblick, wo die Demagogie Orgien feierte.
Damaschte ist um keine Antwort verlegen! Auch der Berliner Grundstüdshandel mußte zum Beweise der Notwendigkeit der Boden-( besig-) reform herhalten. Schrieb er doch kurz vor dem Bundestage in verschiedenen Tageszeitungen, zu denen selbstverständlich auch die„ Vossische Zeitung" zählt;„ Und noch eins: Stadtrat Busch, der Berliner Grundstücksdezernent, berichtete in seiner letzten Denkschrift, daß die Stadt am 1. Juli 1929 rund 60 000 Hektar Land besaß, dessen Wert nach Abzug des Wertes aller Baulichkeiten auf 933 Millionen geschätzt werden müsse. Eine Bodenvorratswirtschaft in solchem Umfange muß bei den heutigen Zinssätzen natürlich ernste Bedenken wecken. Wäre das Wohnheimstättengeset" in Kraft und könnte die Stadt nach ihm zu jeder Zeit zum ,, gerechten" Preis Boden für notwendige Zwecke erwerben, so wäre eine derartige Bodenvorratswirtschaft natürlich unnötig".
Man muß wahrlich die Verdrehungskünste von Herrn Damaschte bewundern. Wie schreibt er noch: ,, Wäre das ,, Wohnheimstättengeset" in Kraft,... so wäre eine derartige Bodenvorratswirtschaft natürlich unnötig." Er tut ja beinahe so, als wäre er nicht der Vater des Gedankens der kommunalen Boden
vorratswirtschaft. Fordert denn nicht ſein Wohnheimſtättengesetz", auf das er sich immer wieder beruft und dessen Annahme durch den Reichstag in einer langen Entschließung auf dem Würzburger Bodenreformtag gefordert wurde, die kommunale Bodenvorratswirtschaft á la Stadtrat Busch?
Magistratsrat Dr. von Bremen( Potsdam) beschwert sich gerade in seinem lesenswerten Aufsatze über„ Wohnheimstättengesetz und Gemeinden" in Nr. 2 von 1930 des„ Deutschen Städtetages" darüber, daß die Gemeinden durch das Damaschkesche ,, Wohnheimstättengesetz" reichsgesetzlich verpflichtet werden sollen, Bodenvorratswirtschaft zu treiben. Dieser Kommunalbeamte, der in seinen Ausführungen keinen Hehl daraus macht, daß er Anhänger der freiwilligen Bodenvorratswirtschaft der Gemeinden ist, schreibt nach einem Hinweis auf die Tatsache, daß die Gemeinden bereits sehr viel Grund und Boden erworben haben, u. a. wörtlich( Hervorhebungen von uns. Die Schriftleit.):
,, Wenn man sich die Tatsachen vor Augen hält, erscheint es um so verwunderlicher, mit welchem Mißtrauen das Wohnheimstättengesez den Städten entgegentritt. Der Entwurf sieht vor, daß die Gemeinden zur Durchführung des Art. 155 RV.( ,, Jedem Deutschen eine gesunde Wohnung") verpflichtet werden, in dem Umfange Bodenvorratswirtschaft zu treiben, als die Landbeschaffung für Wohnheimstätten, Kleingärten, Turn-, Spiel- und Sportplätze, Verkehrs- und andere öffentliche Anlagen, sowie sonstige Zwecke der Wohnungswirtschaft aller Art es erfordert. Nach dem Entwurf sind die Gemeinden verpflichtet, für ihr Gebiet, gegebenenfalls bei Bestehen eines einheitlichen Siedlungs- und Planungsbedürfnisses der weitere Gemeinde- oder Siedlungsverband, Nutzungspläne auszustellen. Man sollte meinen, daß dieser Hinweis auf die selbstverständlichen Pflichten der Selbstverwaltung genügen dürfte. Doch gefehlt! Der Gesetzentwurf sieht vielmehr von(§ 7), daß die Aufsichtsbehörde eine geeignete Stelle ermächtigen kann, diese Aufgaben der Gemeinden und Gemeindeverbände zu erfüllen, wenn nach Meinung der Aufsichtsbehörde die Gemeinde dieser Aufgabe nicht genügend nachkommt. Ich glaube, daß selten ein so schwerer Eingriff in die Selbstverwaltung vorgeschlagen worden ist wie in diesem Entwurf. Dieser sagt zwar in seiner Begründung, daß ,, nur dort, wo kleine, aber mächtige Interessengruppen eine genügende Bodenvorratswirtschaft verhindern, die Pflicht auferlegt und die Möglichkeit eröffnet werden, das verfassungsmäßige Recht der Bürger zu befriedigen." Diese Begründung zeigt sehr klar, daß hier in völlig einseitiger Weise der Bodenreformerartikel der Reichsverfassung ohne Rücksicht auf die Belange der gesamten Bürgerschaft zur Durchführung kommen soll."
Ohne Rücksicht auf die Belange der gesamten Bürgerschaft sollen die Gemeinden nach dem Vorschlage des Herrn Damaschte Bodenvorratswirtschaft treiben. Wenn er in dem oben zitierten Zeitungsartikel behauptet, daß die Bodenvorratswirtschaft natürlich unnötig wäre, wenn das Wohnheimstättengesetz" in Kraft wäre, so ist das wissentliche Unwahrheit, Demagogie!
Zu dem Vorschlag Damaschkes, die zwangsmäßige kommunale Bodenvorratswirtschaft, die im Wohnheimstättengeset" veranfert werden soll, aus den Aufkommen der Wertzuwachssteuer und der Hauszinssteuer sowie aus Gewinnen aus Bodenpreissteigerungen zu finanzieren, schreibt Magistratsrat Dr. von Bremen:


