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in Gießen

Gießener Zeitung

Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rück­sendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

43. Jahrg.

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Nolitische Rundschau.

( Gießener Tageblatt)

Der Reichsrat stimmte am Donnerstag den Durchführungs­bestimmungen für die Erhebung der durch die Notverordnung des Reichspräsidenten geschaffenen Gemeindebiersteuer, Ge: meindegetränkesteuer und Bürgersteuer zu.

Mit Rücksicht auf die gegenwärtige allgemeine Lage ist der geplante Besuch des Landes Hessen durch den Reichsrat verschoben worden.

Spitzenkandidat der Nationalsozialisten in Hessen sind Pfarrer Münchmeyer- Düsseldorf, Lehrer Ringshausen- Offenbach, Arzt Dr. Daum- Oppenheim, Dekorateur Abt- Darmstadt, Prof. Dr. Werner- Buzzbach, Landwirt Dich:-Gau- Odernheim.

In einer Rede in Dresden bezeichnete Reichsfinanzminister Dr. Dietrich als die wichtigste Frage der deutschen Innenpolitik die Beseitigung der Arbeitslosigkeit.

Reichsarbeitsminister Dr. Stegerwald sprach sich in Breslau gegen die Durchführung sozialistischer Steuer- und Sozialpolitik

Qus.

Dem Völlerbund sind vom Juni 1929 bis Ende Mai 1930 weit über tausend Schreiben und Beschwerden von Minderheits­angehörigen zugegangen.

Die Gerüchte, daß eine Erhöhung der Posttarife, insbeson­deze des Stadtportos, beabsichtigt sei, entbehren jeder Grundlage. Jr Postministerium sind, wie aus Berlin mitgeteilt wird, teiner­lei Erörterungen über eine derartige Maßnahme gepflogen worden, die auch in der Tat bei der gegenwärtigen Wirtschafts­lage völlig unerträglich sein würde.

Die argentinische Hauptstadt starrt von Waffen. Die Re­gierung ist gerüstet, jeder etwaigen revolutionären Situation, die sich aus dem gegenwärtigen Telephon- und Telegraphen­angestelltenstreit ergeben könnte, Herr zu werden.

Ein Weltkongreß der Auskunfteien findet vom 14. bis 18. Dezember 1930 in Wien statt.

Der Oberstadthauptmann von Budapest hat die Abhaltung ein er Arbeitslosendemostration am 1. September verboten.

Der japanische Flieger Yoshiharo, der am 20. August von Berlin abflog, ist in Osaka eingetroffen. Man nimmt an, daß cr am Sonnabend in Tokio ankommen wird. Yoshihara benutte zu dieser Reise den Junkers Junior, der damit wirklich eine glänzende Probe seiner Leistungsfähigkeit abgelegt hat.

Die russische Regierung hat den ehemaligen Volkskommissar des Auswärtigen, Tschitscherin, eine monatliche Pension von 350 Rubel bewilligt. Das ist die höchste Pension die die russi­sche Regierung ihren Beamten gewährt.

Das hejjijche Arbeitsbeschaffungsprogramm.

Für 7500 Ausgesteuerte ein halbes Jahr Arbeit. Darmstadt, 29. 8. 30. Die Maßnahmen des hessischen Landtags zur Belebung der hessischen Wirtschaft und zur Beschäftigung von Wohlfahrtserwerbslosen hat in manchen Kreisen, nicht zuletzt auch in Kreisen der Wirtschaft, eine ablehnende Beurteilung er­fahren. Insgesamt werden im Rahmen des hessischen Programms Arbeiten im Gesamtbetrag von etwa 12½ Millionen Rmf. mit eimer Zinsverbilligung ausgestattet, wovon 7% Millionen Rmt. auf 3 Prozent verbilligt werden. Von diesen 12% Millionen Rmk. entfallen etwa Millionen Rmf. auf Materialkosten und etwa 6 Millionen Rmf. auf unmittelbare Arbeitslöhne. Wenn man nun einen durchschnittlichen Stundenlohn von 1 Rmk. zugrunde legt und den Arbeitsmonat zu 25 Tagen rechnet, können tatsäch­lich 5000 Wohlfahrtserwerbslose 6 Monate lang beschäftigt wer= den. Es stecken aber in den Millionen Rmt. Materialkosten auch etwa die Hälfte mittelbare Arbeitslöhne, die auf die Her­tellung der Materialien, wie Schotter für den Straßenbau, Runststeine, Zementrohre, Formstücke usw. für Kanal- und Ent­wässerungsanlagen entfallen. So wird durch das Arbeitsbe= haffungsprogramm unmittelbar für 5000 und für weitere 2500 Hrbeiter mittelbare Arbeitsgelegenheit für mindestens ein hal­bes Jahr geschaffen. Dabei darf nicht übersehen werden, daß durch den zusätzlichen Schlichtwohnungsbau für weitere Mil­lionen Rmf. Arbeiten ausgeführt werden und noch ein zusätzliches Straßenbauprogramm der Reichsregierung aussteht, von dem auf helen schähungsweise etwa 3% Millionen bis 4 Millionen Rmt. eni fallen dürften.

Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen. Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21.

Die Durchführung des hessischen Arbeitsbeschaffungspro­gramms, durch welche der hessischen Wirtschaft einschließlich der Reichsmaßnahmen in diesem Jahre etwa 20 Millionen Rmt. zu­geführt werden, bedeutet eine starke Belebung der Wirtschaft, handel, Handwerk und Gewerbe.

Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postschecktonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.

Samstag, den 30. August 1930

nehmen. Weiterhin empfiehlt er, nicht nur bei vorkommenden Neueinstellungen hiernach zu verfahren, sondern auch zu prüfen, ob der Frage der Doppelverdiener und der Nebenbeschäftigung von Beamten gebührende Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die Klagen über Doppelverdiener und Nebenbeschäftigung von Be­amten werden immer und immer wieder vorgebracht. Es ist ohne weiteres einzusehen, daß bei der großen Erwerbslosigkeit derar­iige Zustände laum tragbar sind und es wird von den Erwerbs= losen selbst als eine bittere Härte empfunden, wenn ihnen durch die Doppelverdiener oder von Beamten, die in festen Gehalts­verhältnissen stehen, die Verdienstmöglichkeit hinweggenommen wird. Es scheint aber auch vom Standpunkt der allgemeinen Wirtschaft aus gesehen notwendig zu sein, auf eine bessere Ver­teilung der freien Arbeitsplätze bedacht zu sein, um so die finan­zielle Notlage des Reiches, der Länder und der Gemeiden durch die große Zahl der Erwerbslosen und Ausgesteuerten nicht noch mehr zu verschärfen.

Ein Ausschreiben des hessischen Finanzministers gegen die Doppelverdiener unter den Beamten. Darmstad, 29. 8. 30. Unter Bezugnahme auf das Ausschreiben bom 6. September 1927 weist der Finanzminister erneut an, bei Deatung etwaigen Personalbedarfs, soweit dieser nicht ohne wei­teres den gesetzlich oder tariflich bestimmten Personengruppen zu at nehmen ist, grundsätzlich die Arbeitsnachweise in Anspruch zu

Verbotene kommunistische Veranstaltungen in Bayreuth.

Der Leiter der Polizei der Stadt Bayreuth hat durch eine Verfügung alle aus Anlaß des 16. Internationalen Jugendtages in Bayreuth am 6. und 7.September 1930 und der Internatio­nalen Jugendwoche vom 31. August bis 7. September 1930 in Bayreuth von der Kommunistischen Jugendvereinigung geplan­ten Kundgebungen und Veranstaltungen jeder Art in geschlosse= nen Räumen und unter freiem Himmel verboten. Das Verbot schließt auch die Abhaltung jeder etwa geplanten Ersatzveran­staltung in sich. Die Polizei ist angewiesen, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln das Verbot durchzuführen.

Hunderttausend RM. bei der Berliner Zentral- Schuld­deputation unterschlagen.

Berlin. Am Donnerstagnachmittag wurde der bei der Ber­liner Zentral- Schuldeputation seit vielen Jahren beschäftigte 51 Jahre alte Stadtsekretär Hans Wolf von der Kriminal­polizei verhaftet. Wolf soll Fälschungen und Unterschlagungen begangen haben, die die Höhe von etwa 100 000 RM. erreichen.

Riesenschmuggel nach Danzig.

Danzig, 29. 8. Durch das Danziger Zollamt wurden riesige Schmuggeleien aufgedeckt, die seit 1927 von Danziger und ost­preußischen Postbeamten im Verein mit Danziger Textilfirmen inszeniert worden sind. Der Schaden der Danziger Zollbehörde beträgt hunderttausende Danziger Gulden.

Neue Verschärfung der indischen Krise. Bombay, 29. August. Sämtliche Mitglieder des Arbeits­ausschusses des Allindischen Kongresses sind zu je sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden. Die indischen Nationalisten haben diese Strafe mit einem großen Streif und Protestdemonstratio= nen beantwortet. Hindus und Mohammedaner haben in diesem Augenblick ihre alte Feindschaft vergessen und sich in gemein­samen Aktionen zusammengefunden. Den nationalistischen Frei­willigen gelang es, fünfzig Betriebe ſtillzulegen.

,, Europa" sieben Stunden Vorsprung vor ,, Mauretania".

Newyork, 29. August. Das sogenannte ,, Wettrennen" zwi­schen dem deutschen Ozeanriesen ,, Europa" und dem englischen ,, Mauretania", der eine Viertelstunde früher als die Europa" Cherbourg verlassen hatte, hat mit dem Sieg der ,, Europa" ge= endet. Die ,, Mauretania" lief erst sieben Stunden hinter der ,, Europa" im Newyorker Hafen ein.

Gedenke, daß du ein deutscher bist!

Vom Deutschen Ausland- Institut wird folgende Mahnung verbreitet:

( Neueste Nachrichten)

Anzeigenpreise: die 30 mm breite Petitzeile auswärts 24 Pfg., lokal 12 Pfg., die 90 mm breite Reflame- Petitzeile 96 Pfg. Platz­vorschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Wiederholung Rabatt. Für Bollklischee- Anzeigen außerdem besondere Ermäßigung.

Nummer 69

Der Ruhrbergbau

im Zeichen des Preisabbaues.

Die Tarifverhandlungen zwischen Zechenverband und Ge­werkschaften sind am Montag, wie vorauszusehen war, ergeb­nislos verlaufen. Einigermaßen überraschend ist die Fest­setzung des neuen Verhandlungstermins noch vor den Reichs­tagswahlen. Wie in dem Bericht über die Verhandlungen mit­geteilt wird, wollen die Parteien für die neuen Verhandlungen weiteres statistisches Material beibringen, um ihre Forderungen zu begründen. Damit entfällt die Wahrscheinlichkeit, daß die Tarise kurzfristig verlängert werden. Der Schlichter wird Be­denken getragen haben, den auf der Grundlage der Lohnsenkung vorgesehenen Preisabbau über die Winterversorgung hinaus zu verschieben.

Innere Auseinandersetzungen sind nötig und nicht zu ver­meiden, solange sich gesunde politische Kräfte im Widerspiel mes= sen. So wird es auch in den kommenden Wochen des Wahl­kampfes sein. Aber so hart auch die Meinungen aufeinander­treffen, so sehr auch um die Persönlichkeiten gerungen wird, die unser Volk führen sollen: wir dürfen niemais vergessen, daß uns Aufgaben gestellt sind, die nur unter Mitarbeit aller Teile des Volkes zu lösen sind. An erster Stelle steht da die Sorge um 30 Millionen Menschen unseres Volkstums, die jenseits der Reichsgrenzen wohnen und denen der Zusammenhalt mit dem Mutterland den Lebensinhalt gibt, für den sie tagaus, tagein schwere Opfer bringen. Vergeßt sie auch in diesen Tagen nicht! Benutzt die Gelegenheit der Wahlversammlung, um auch ihrer zu gedenken und unseren Landsleuten daheim die Notwendigkeit des inneren Zusammenhaltens mit ihnen eindringlich vor Augen zu stellen! In erfreulichem Maße haben alle Parteien in den letzten Jahren diese Notwendigkeit erkannt und sich der Brüder draußen angenommen; schon lange ist das Ergehen der Volks­genossen draußen eine Frage, mit der sich unsere auswärtige Politik ernst und eingehend beschäftigt. Darum gehört mit Fug und Recht eine Erwähnung dieser Dinge in den Wahlreden und Diskussionen, zumal sie auch im heftigsten Meinungsstreit die Möglichkeit geben, das uns allen Gemeinsame zu betonen.

Die Gewerkschaften haben den Forderungen der Arbeit­geber, einen Anspruch auf Lohnerhöhung um 50 Pfg. pro Schicht, d. s. etwa 5 Prozent, gegenübergestellt. Man darf an­nehmen, daß dies aus taktischen Motiven geschehen ist, um die Gründe des Zechenverbandes für seine Wünsche abzuschwächen. Im Ernst werden auch die Gewerkschaften nicht daran glauben, daß angesichts einer nicht zu verkennenden Preisabbaubewegung anstatt einer Lohnsenkung eine Lohnerhöhung eintreten kann. Der Ausgang der Verhandlungen am Montag scheint auch die Möglichkeit auszuschließen, daß zum Schluß die Forderungen des Zechenverbandes und der Gewerkschaften gegeneinander aufge­wogen werden, wie es bisher der Fall war.

Die Lohnsenkung verliert die ihr anhaftende Härte, wenn sie durch Steigerung der Kaufkraft ausgeglichen wird. Nach einer Veröffentlichung des Statistischen Reichsamtes sind die Preise für Fleischwaren und andere wichtige Lebensmittel in Essen um 10 Prozent und mehr niedriger als im Vorjahre. Es muß da Aufgabe der Regierung sein, diese Preissenkung auch auf die anderen Gegenstände des täglichen Bedarfs aus­zudehnen. Selbst wenn eine derartige Aktion nicht auf allen Gebieten zum Ziele führen würde, wird der Bergarbeiter auch so durch einen 10prozentigen Lohnabbau nicht schlechter gestellt, vor allem dann nicht, wenn durch die Produktionskostensenfung eine Verringerung der Feierschichten erzielt wird. Allerdings werden auch durch den Lohnabbau die Halden nicht verschwin­den, doch darf man annehmen, daß die Preissenkung eine Be­lebung des Absatzes herbeiführt, die zugleich mit der Winter­bedarfsdeckung die Halden wieder zusammenschrumpfen läßt. Wenn dies auch nicht von heute auf morgen eintritt, wird doch der 10prozentige Verdienstausfall schnell durch eine entspre­chende Vermehrung der Schichtzahl wettgemacht.

Die Gewerkschaften haben gelegentlich darauf hingewiesen ,. daß die Senkung der Kohlenpreise für die Unternehmer nur ein problematisches Opfer bedeute, dagegen der Lohnverzicht für die Arbeiter eine durchaus reale Grundlage habe, da die Kohlenpreise infolge der ausländischen Konkurrenz schon ge= fallen seien, die Senkung des amtlichen Preises also hinter den Tatsachen her hinke, d. h. mit anderen Worten, daß die Zechen das Opfer schon seit längerer Zeit haben bringen müssen, ohne die Selbstkosten verringern zu können. Wenn sie also jetzt An­gleichung des Lohnes verlangen, so ist das nur ein naturnot­wendiges Zugeständnis an die Absatzbedingungen, nachdem die Unternehmer jahrelang auf einen Gewinn verzichtet oder sich mit einem geringen Gewinn begnügen mußten. Dazu kommt der erhebliche Verlust, den die Lagerung der Kohle durch die wiederholte Ladetätigkeit, den Zinsverlust, und nicht zuletzt die Wertminderung verursacht. Selbst wenn also diese Lagerbe­stände dem Markte zugeführt werden, erbringen sie bei weitem nicht mehr die Gestehungskosten. Rechnet man dazu die Er­höhung der anteiligen fixen Kosten infolge des Abfahrückganges, so ist unschwer einzusehen, daß die Unternehmer eine Preis­senfung nicht aus eigenen Mitteln durchführen können.

Man hat den Zechen vorgeworfen, daß sie jede Absatzschwie­rigkeit durch Einlegung von Feierschichten auf die Arbeiter ab­gewälzt hätten. Es ist ganz klar, daß bei rückgängigem Ab­satz die Förderung nicht in gleichem Maße aufrechterhalten wer­den kann, wenn nicht das ganze Revier von Halden über­schwemmt werden soll. Wenn nun die Zechen zur Einschränkung der Förderung nur soweit unbedingt notwendig zu dem oft harten, für die Unternehmer aber billigeren Mittel der Ent­lassungen greifen und im übrigen Feierschichten einlegen, so ge­schicht das doch nur im Interesse der Arbeiter. Die Selbstkosten erfahren durch die Fördereinschränkung im heutigen Umfange eine Steigerung um etwa 2 RM. je Tonne.

Der Inhalt des Arbeitskampfes, den der Bergbau heute führt, nicht gegen die Arbeiterschaft oder gegen die Gewerk­schaften, sondern um die Erhaltung der Betriebe, ist legten Endes auch das Interesse der Bergleute. Denn der Absaz­rückgang ist nicht nur eine Konjunkturerscheinung, sondern auch eine Folge des verschärften Konkurrenzkampfes der englischen und holländischen Kohle, sowie des Ausfalls der italienischen Reparationslieferungen. So ging z. B. die Ausfuhr nach Italien von 433 000 To. im Juli 1929 auf 276 000 To. im Juli 1930 zurück. Es entsteht also hier allein ein Verlust von mo­natlich etwa 160 000 To. Wenn diese Absatzmärkte wieder er­obert werden sollen, geht das nur auf dem Wege der Kohlen­