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Gießener Zeitung

Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüd­fendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

43. Jahrg.

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Politische Rundschau.

Die hessische demokratische Landtagsfraktion hat an die Reichstagsfrattion in Berlin das dringende Ersuchen gerichtet, gegen den Bau des Panzerkreuzers B zu stimmen.

( Gießener Tageblatt)

Zu den Meldungen über französische Transporte von Re­fruten in das besetzte Gebiet wird von unterrichteter Seite mit­geteilt, daß es sich bei diesen Transporten nur um den Aus­tausch mit alten Mannschaften handelt, die in die Heimat zu­rüdgelehrt sind.

Reichstagsabgeordneter Tangen hat seinen Austritt aus der Deutschen Demokratischen Partei erklärt und sein Reichstagsman­bat niedergelegt.

In Athen wurden in einer Bersammlung zur Borbereitung der Maifeier 122 Kommunisten verhaftet.

Wie aus Buenos Aires gemeldet wird, gelang es der po­litischen Polizei, in der Provinz Mendoza eine Verschwörung gegen das Leben des Staatspräsidenten Jrigoyen aufzudecken.

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Der Flottenchef mit den Linienschiffen Schleswig- Hol­stein und Hessen" ist am 28. April mittags in Palermo ein­gelaufen.

Am Sonntag wurde das Oberammergauer Passionstheater durch Kardinal Faulhaber feierlich eröffnet.

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Die anhaltische Staatsregierung hat in allen anhaltischen Schulen Unterricht im Berkehrswesen als Pflichtfach eingeführt.

Kein Eintritt des Landbundes in die hessische Regierung.

Zwischen den Koalitionsparteien des hessischen Landtags und dem Hessischen Landbund haben in der letzten Zeit Ber­handlungen stattgefunden. Sie bezweckten durch den Eintritt des Landbundes in die Regierung eine Verbreiterung der Koalition herbeizuführen.

Der Landbund wäre bereit gewesen, und er hat diese Be­reitwilligkeit auch ausgesprochen, einen Vertreter in die hessi­sche Regierung zu entsenden, wenn man ihm das Finanzmini­sterium zugebilligt hätte. Dabei war sich der Landbund der Verantwortung voll bewußt, die er mit diesem Schritte auf sich zu nehmen hatte. Er glaubte aber diese Verantwortung im Interesse des Landvolks übernehmen zu müssen, wenn ihm durch Uebernahme des Finanzministeriums oder auf anderem Wege in Verbindung mit der Erfüllung einer Reihe sachlicher Bedingungen maßgeblicher Einfluß zugestanden worden wäre. Da die Regierungsparteien auf diese Forderungen nicht ein­gehen zu können glaubten, sind die Verhandlungen zwischen den Koalitionsparteien und dem Landbund nunmehr abgebrochen

worden.

Keine Belastung des Reich Haushalt

planes durch das Ostprogramm.

Der im Reichsfinanzministerium ausgearbeitete Referenten­entwurf eines Osthilfegesetzes ist nunmehr dem Reichskabinett zur Vorbereitung einer entsprechenden Gesetzesvorlage zuge­leitet worden. Das Reichskabinett wird sich am Donnerstag mit dem Problem beschäftigen. Es wird voraussichtlich nicht zu abschließenden Ergebnissen kommen, sondern lediglich bestim= men, welche Fragen in das Osthilfeprogramm hereingenom­men werden sollen, wie weit der Kreis der der Regierung vom Reichstag zu gebenden Ermächtigungen zu ziehen ist und in welcher gesetzgeberischen Form das Osthilfeprogramm dem Reichsrat und Reichstag vorzulegen ist.

Das Reichsfinanzministerium erklärt hierzu, daß die notwendigen Mittel sich durchaus im Rahmen des Etats halten und eine Sonderbelastung nicht darstellen. Offenbar ist man bei dem Plan geblieben, die Mittel für die Osthilfe aus dem Verkauf des Reichseigentums zu gewinnen, das im besetzten Gebiet nach der Räumung frei wird und 400 Millionen Mark wert sein soll.

Die Franzosen räumen.

Wiesbaden, 29. 4. Die Besatzung hat in Mainz, Kreuznach, Trier, Neustadt( Haardt), Haßloch und Speyer verschiedene zu militärischen Zweden seither in Anspruch genommene Baulich­feiten und Liegenschaften an die deutsche Verwaltung zurückge­geben.

Kommunistischer Aufruf zum 1. Mai.

Wie aus Moskau gemeldet wird, hat die Kommunistische Gewerkschaftsinternationale am Montag einen Aufruf an das Weltproletariat veröffentlicht, in dem alle Arbeiter aufgefor­

Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen. Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postschecktonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.

Mittwoch, den 30. April 1930

dert werden, am 1. Mai die Arbeit niederzulegen und trotz der behördlichen Verbote zu demonstrieren. Die Arbeiterklasse müsse dem Bürgertum ihre Macht zeigen und beweisen, daß sie dem Kampf gegen die kapitalistische Herrschaft gewachsen sei. Die Parole der Gewerkschaftsinternationale sei der Kampf gegen das Bürgertum zum Schutze der Sowjetunion und der Kampf für die Idee der Weltrevolution.

Rußland fordert von Polen..

Kowno, 29. April. Wie aus Moskau gemeldet wird, hat die russische Regierung im Zusammenhang mit der Auffindung der Höllenmaschine im russischen Gesandtschaftsgebäude in War­schau folgende Forderungen an Polen gerichtet:

1. Auflösung sämtlicher russischer, weißrussischer und ukraini scher Organisationen, die das Sowjetregime bekämpfen, 2. Ausweisung verschiedener Führer der russischen Emigranten aus Polen,

3. strenge Bestrafung der Bombenanschläge,

4. Einstellung der Hezze der polnischen Presse gegenüber Rußland.

Die polnische Luftspionage.

Allenstein, 29. April. Wie die Flugzeugüberwachungsstelle Allenstein mitteilt, überflogen heute vormittag 9.50 Uhr drei polnische Flugzeuge, aus der Richtung Roggen tommend, den Kreis Neidenburg und die Ortschaft Baranowen. Von Bara­nowen aus nahmen die Flugzeuge die Richtung auf Framberg im Kreise Ortelsburg. Von hier bogen sie an der deutsch- pol­nischen Zollstraße nach Warschau ab. Es hat den Anschein, daß alle Vorstellungen von amtlicher deutscher Seite feinen Erfolg haben und daß man sich in Ostpreußen mit diesem polnischen Spionagesystem nun einmal abfinden muß.

Demokratischer Parteitag gefordert.

Berlin, 29. 4. Ein Austritt des Reichstagsabgeordneten Tanzen aus der Demokratischen Partei hat den letzten Anstoß gegeben, daß man in demokratischen Kreisen auf eine flare Stellungnahme der Partei zur politischen Lage und auf eine Erörterung über die Zukunft der Partei selbst drängt. Man verlangt: Die höchste Parteiinstanz, einen außerordentlichen Parteitag.

Riesenschmuggel gestohlener amerikanischer Automobile.

Berlin, 29. 4. Die Berliner Kriminalpolizei ist mit auf­sehenerregenden Ermittelungen beschäftigt, die sich nach Ham­burg, Bremen, dann nach Italien, Frankreich und der Schweiz erstrecken. Es handelt sich um die Aufdeckung eines Riesen­schwindels mit wertvollen Automobilen, die in Amerika gestoh­len und durch eine internationale Diebesbande unter Zuhilfe­nahme von falschen Papieren nach Europa geschmuggelt wur­den. Der Anführer der Bande, die zweifellos in Newyork ihren Hauptsitz hat, ist ein Italiener, nach dem bisher erfolglos ge­fahndet wurde. Die Art des Transports der Wagen nach Europa läßt darauf schließen, daß eine Transportgesellschaft oder einer ihrer Angestellten in die Angelegenheit verwidelt ist.

1000 Personen in einer chinesischen Stadt getötet. Shanghai, 29. 4. Ueber 1000 Einwohner und alle Beamte der Stadt Kingsuchen im Norden der Provinz Kiangsu sind nach hier eingelaufenen Nachrichten von einer 500 Mann starten Räuberbande niedergemezelt worden.

200 Menschen finden den Tod in den Wellen. Kalkutta, 29. April. Furchtbare Szenen haben sich bei dem Kentern des Passagierdampfers Condor" abgespielt, der auf dem Fluß Jamuna in Ostbengalen durch ein Zyklon über­rascht wurde. 200 Passagiere fanden den Tod in den Wellen und nur 18 konnten gerettet werden.

Der Aufruhr in Columbus zusammengebrochen. Columbus( Ohio), 29. April. Ein von den Gefangenen des hiesigen Zuchthauses gestern abend unternommener Ausbruchs versuch ist vollkommen zusammengebrochen. Die Wärter haben die Gewalt über das Zuchthaus fest in der Hand.

Ausdehnung der Favag- Voruntersuchung. Wie die Frankfurter Zeitung" meldet, hat der Unter­suchungsrichter die Voruntersuchung in der Favag- Angelegen­heit auch auf Generaldirektor Mädje von der Vereinigten Berlinischen und Preußischen Lebensversicherungs- A.- G. in Ber­lin, die bis zum Zusammenbruch der Favag zu deren Konzern gehörte, ausgedehnt. Das Verfahren ist eröffnet worden. Es wird geführt u. a. wegen Beihilfe zur Untreue und zum Be trug der Vorstandsmitglieder der Favag.

70 Jahre im Handwerk.

Andernach. Der Sattlermeister Valentin ist seit dem Jahre 1860 in seinem Handwerk tätig. Trog seiner 85 Jahre arbeitet der betagte Meister noch heute von morgens bis abends in der Werkstätte.

( Neueste Nachrichten)

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Nummer 34

Zur Reichsfinanzreform.

Der Deutsche Handwerks- und Gewerbekammertag und der Reichsverband des deutschen Handwerks haben unterm 7. April an die dem Steuerausschuß des Reichstags angehören­den Abgeordneten eine ausführlich begründete Eingabe gerichtet, die sie auf Grund des Finanzprogramms der Reichsregierung vom 12. Dezember 1929 dem Reichsfinanzministerium zuge stellt hatten. Wenn auch dieses Finanzprogramm durch neuere Vorlagen zu einem Teil wiederholt ist, so behalten die Ausfüh­rungen der Eingabe doch ihre grundsägliche Bedeutung, da sie die konkreten Wünsche des Handwerkers zusammenfassen und außerdem ein ausführliches Beweismaterial über die steuerliche Leistungsfähigkeit des Handwerks beibringen. Die in der Ein­gabe entwickelten Forderungen lassen sich wie folgt in Kürze wiedergeben:

Bei der Einkommensteuer ist das steuerliche Unrecht der wirtschaftlich wie sozial unbegründeten unterschiedlichen Rege­lung der Familienermäßigungen für Lohnsteuerpflichtige und veranlagte Einkommensteuerpflichtige, insbesondere bei kleineren Einkommen, durch entsprechende Erhöhung der Abzüge der ver­anlagten Pflichtigen zu beseitigen. Für diejenigen älteren Steuerpflichtigen, für deren Altersversorgung weder durch Ge­setz, noch durch das Vorhandensein eines gewissen Vermögens gesorgt ist, ist die Einkommensteuer in Wegfall zu bringen, bezw. zu ermäßigen. Dem Handwerk sind für mitarbeitende volljährige Familienangehörige dieselben Abzüge wie der Land­wirtschaft zu gewähren. Die steuerliche Schonung der ihm erhebliche Konkurrenz bereitenden Schwarzarbeit ist aufzn= heben. Bei Senkung des Tarifs ist die anerkanntermaßen un­verhältnismäßig stark und jäh ansteigende Belastung der mitt­leren Einkommen vordringlich zu mildern.

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Die starke Ueberspannung der Gewerbesteuer in den letz­ten Jahren hat dazu geführt, daß die ihrer Begründung als Aequivalent für besondere Lasten entsprechende Gestaltung in der Gesetzgebung mehr und mehr verwischt worden ist, indem die Steuer in steigendem Maße an den Ertrag und nicht mehr an Besteuerungsgrundlagen angeknüpft worden ist, die im Zu­sammenhang mit den abzugeltenden Lasten stehen. Dadurch sind insbesondere die Betriebe des gewerblichen Mittelstandes benachteiligt worden, die die durch die Gewerbesteuer abzugel­tenden Lasten nicht in dem Maße verursachen, wie sie durch die Verwischung des Aequivalenzcharakters zu dieser Steuer heran­gezogen werden. Diese Entwicklung hat in Verbindung mit der ungünstigen wirtschaftlichen Lage den Betrieben des gewerb­lichen Mittelstandes die bestimmungsgemäße Abwälzung der Gerverbesteuer unmöglich gemacht und hier die Wirkung einer steuerlich wie wirtschaftlich und sozial völlig unbegründeten zu­säglichen Einkommenbesteuerung hervorgerufen. Bei der Sen­kung der Gewerbesteuer ist in erster Linie der gewerbliche Mit­telstand zu entlasten, insbesondere ist die Ertragsbesteuerung ab­zubauen. Als besonderes Mittel hierzu wird die Ausschei dung des persönlichen Arbeitsverdienstes des Betriebsinhabers aus dem besteuerungsfähigen Ertrage empfohlen. Diese Frei­stellung soll sich auf Erträge von 10 000 Rmk. beziehen.

Ausländer als Hansbesiker.

In der Zeit der Inflation gingen bekanntlich, namentlich in den Großstädten, viele Häuser in ausländischen Besitz über. Die Preise, die gezahlt wurden, entsprachen selbstverständlich nicht dem Wert der Grundstücke. Für 100 Dollar wurden Häu­ser im Tarwert von 200 000 Rmt. fortgegeben, denn der Dollar wurde derart überschätzt, daß sich jeder mit 100 Dollar in der Tasche wie ein Krösus vorkam. Die Einsicht kam freilich dann, als es zu spät war. 3war gelang es in vielen Fällen, Nach­zahlungen und Auswertungen zu erreichen, aber in den meisten Fällen blieben die Ausländer Besitzer deutscher Häuser, aus denen sie jetzt recht gute Einnahmen beziehen. Es ist festgestellt, daß sie nichts für die Erhaltung dieser Häuser tun, die, langsam dem Verfall entgegengehen, so auch einen Ueberschuß heraus­wirtschaften. Der deutsche Grundbesitz kämpft seit geraumer Zeit gegen den ausländischen Hausbesitzer, ohne aber bisher einen Erfolg zu erreichen, denn die ausländischen Hausbesitzer, einerlei, ob sie in Warschau, Pragoder oder Newyork wohnen, müssen nach dem Gesetz behandelt werden, das sie auch nicht zu höheren Abgaben heranziehen kann. Wie wir hören. wird jetzt nieuer der Vorschlag gemacht, aus den reisen des deut­schen Hausbesites, der sich wahrscheinlich zu einem Antrag rer: dichten dürfte und der die Herabsetzung der Hauszinssteuer für den deutschen Grundbesitz, dagegen eine verzehnfachte Steigerung dieser Steuer für den ausländischen Hausbesig anregt. Mit die­ser Anregung werden noch die Forderungen verbunden, daß den Ausländern das Abwälzen der erhöhten Steuern auf die Mie­ter verboten werden soll und zwangsweise festzulegen ist, daß der frühere deutsche Besitzer das Verkaufsrecht zu einem richtigen Taywert auf sein ehemaliges Eigentum haben soll. Diese Vor­schläge gehen von der Voraussetzung aus, daß der deutsche Grundbesitz in ausländischen Händen nicht dazu benutzt werden soll, eine Rente abzuwerfen, die ins Ausland fließt.