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Gamstag, den 29. November 1930.
Stadtratsjikung
am Freitag, dem 28. November 1930, im Sitzungssaal des Stadthauses. Am Magistratstisch: Herr Oberbürgermeister Dr. Keller, Bürgermeister Dr. Seib, Beigeordneter Dr. Hamm. Zu Urfundsbeamten bestimmt der Oberbürgermeister die Stadtratsmitglieder Mann und Fischer.% 5 Uhr tritt man in die Verhandlungen ein.
1. Krediterweiterungen für den Voranschlag 1930 sowie Bereitstellung der erforderlichen Deckungsmittel,
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Dazu liegen folgende Anträge des Finanz- Ausschusses vor: 1. Antrag: Der Zuschuß zur Wohlfahrtspflege HauptAbt. VIII, Titel I wird um 130 000 RM. erhöht und auf( 863 000 RM.+130 000 RM.)= 993 000 RM. festgesetzt.
Der 2. Antrag besagt, daß die für Wohlfahrtszwede im Sommer bereitgestellten 50.000 RM. je zur Hälfte auf die Betriebs- und auf die Vermögensrechnung umzulegen sind.
3. Antrag: Der Finanzzuschlag zum elektrischen Strompreis wird mit Wirkung vom 1. Dezember 1930 um 2 Rpf., also von 3 auf 5 Rpf. je Kw. für Lichtstrom und von 2 auf 4 Rpf. je Kw. für Kraftstrom erhöht.
4. Antrag: Zu dem Gaspreis wird mit Wirkung vom 1. Dezember 1930 ab ein Finanzzuschlag von 1 Rfp. je cbm erhoben.
Der 5. Antrag sah in der Fassung der Stadtverwaltung eine Erhöhung des Wassergeldes um 5 Pfg. für den cbm vor, der Finanzausschuß änderte ihn dahingehend ab, daß statt einer Wasserpreiserhöhung eine Anschlußgebühr von jedem Wohnungsinhaber nach einem besonderen Ortsstatut durch den Hausbesitzer erhoben werden soll.
6. Antrag: Die von der Straßenbahn für die Jahre 1926 bis 1929 aufzubringenden Beträge für Anleiheablösung nebst Zinsen werden mit zusammen 21 370,60 RM. dem Rüdlagefonds für Anleiheaufwertung entnommen.
7. Antrag: Der von dem städtischen Elektrizitätswerk abzuliefernde Betriebsüberschuß unter Haupt- Abt. V Titel 1,1 wird um 40 000 RM., also von 338 000 auf 378 00 RM., erhöht.
8. Antrag: Der von dem städtischen Wasserwerk unter Haupt.- Abt. V Titel 4 als Betriebsüberschuß abzuliefernde Betrag wird um 22 629,40 RM., also von 157 706,95 RM. auf 180 036,35 RM. erhöht. Weiter liegen zwei Anträge der bürgerlichen Parteien vor: 1. anstatt 2 Rpf. Finanzzuschlag zum elektrischen Strom, den Lichtstrom nur um 1 Rpf. zu erhöhen und die Diffe= renz auf die restlichen Tarife zu übernehmen;
2. die neuen Zuschläge nur für dieses Etatsjahr, d. h. bis 31. März 1931 zu genehmigen, mit der Maßgabe, daß dieselben überhaupt nur soweit erhoben werden, als sie erforderlich werden.
Der Berichterstatter des Finanzausschusses, Herr Goerz, führt dazu aus, daß der Stadtrat leider zum dritten Male über seinen diesjährigen Etat beraten müsse, um erforderliche Kredite nachzubewilligen und zu decken. Die Stadt Gießen habe noch vor Jahresfrist nur 200 Parteien mit 524 Personen in WohlfahrtsFürsorge gehabt. Diese Zahlen sind auf 469 Parteien mit 1228 Personen angewachsen, statt 13 000 RM. im Monat in 1929 brauche man heute 30 000 RM. im Monat. Die erforderlichen Mittel, um diesen Etatsposten den tatsächlichen Verhältnissen anzupassen, betragen 130 000 RM. Der Berichterstatter geht dann Die einzelnen Deckungsvorschläge durch, die, wenn auch nicht einstimmig, aber mit Mehrheit im Finanzausschuß genehmigt seien. Stadtratsmitgl. Menn( Soz.) lehnte die Deckungsvorschläge des Tinangausschusses ab und verlangte statt ihrer entsprechende Erhöhung der Gießener Realsteuersätze. Seiner Meinung nach tonne man in ciner Zeit des Preis-, Lohn- und Gehaltsabbaues Die Tarife nicht erhöhen und die Allgemeinheit nicht belasten. Lieber solle man die Realsteuersätze an die wesentlich höheren Stadtratsmitgl. Horn anderer he fischer Städte angleichen. ( Bürgerl. Mitte) stellt den grundsätzlichen Gegensatz zwischen seinem Standpunkt und dem der Sozialdemokraten fest, deren Vorgehen er als mittelstandsfeindlich bezeichnet. Eine Erhöhung. irgend einer Steuer sei zur Zeit ganz ausgeschlossen. Beschwerden aus Kreisen der Geschäftswelt haben ihn und seine Freunde in Verbindung mit der Wirtschaftspartei sogar veranlaßt, die Erhöhung des Strompreises um 2 Pfg., die der Finanzausschuß vorschlägt für den Lichtstrom abzulehnen, da die Gießener Ge
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,, Gießener Zeitung"
schäftswelt den höheren Preis durch scharfe Einschränkung be kämpfen würde und der entstehende Ausfall die Mehreinnahmen illusorisch machen würde. Im übrigen stimme seine Fraktion, wenn auch schweren Herzens für die Anträge.- Stadtratsmitgl. Nicolaus( Wirtschaftsp.) verlangt, daß diese, durch die allgemeinen Verhältnisse bedingte Mehrausgaben auch durch alle Volkskreise zu tragen sind. Realsteuern sind unsozial und un= gerecht. Eine Erhöhung derselben würde viele Existenzen vernichten. Wie er gehört habe, lägen von c. 20 Gießener Firmen Anträge bei den maßgeblichen Behörden um die Genehmigung von Zwangsausverkäufen zur Deckung ihrer Verbindlichkeiten Treibe man diese Kreise durch Realsteuererhöhungen zur Geschäftseinstellung, würde das Heer der Arbeitslosen noch vermehrt. Herr Nicolaus legte Wert auf die Tatsache, daß diese Erhöhungen nur für dieses Etatsjahr zu gelten haben und bei der Beratung des neuen Etats durch entsprechende Ausgabensenkungen wieder einzusparen seien.
vor.
Die zweite Garnitur der Redner verliert sich im Kampf der Meinungen: Hie Konsum und Genossenschaft- hie Privatbetrieb. Beachtenswert ist, daß Herr Diener( Soz.) dabei behauptete, im Verhältnis zahlen die Konsumvereine die meisten(!) Steuern und die Privatwirtschaftsbetriebe trieben durchweg Steuerverschleierung(!) Seine Zahlen scheinen aber nicht ganz licht und waschecht, denn im Laufe der Debatte wird ihm von bürgerlicher Seite manche Unmöglichkeit nachgewiesen.
Die Verhandlungen zu Punkt 1 werden um diese Zeit unterbrochen, um zunächst Punkt 11 vorzunehmen, da Herr Bürgermeister Dr. Seib durch andere Verpflichtungen abgerufen wird. 11. Winterbeihilfe 1930-31 an die Fürsorgeempfänger des Wohlfahrtsamtes und andere Bedürftige.
Dazu liegen folgende Anträge vor:
a) Ein Erwerbslosen- Antrag, den die Kommunisten sich zu eigen machen: 50 RM. für den Mann, 15 RM. für Frau und jedes Kind, 3 Zentner Brand im Monat, Mietbeihilfe, frei Strom und Gas usw.
b) Ein Antrag der Sozialdemokraten: 24 RM. der Ledige, 30 RM. der Verheiratete, für jedes Kind 5 RM. c) Antrag des Wohlfahrts- und Finanzausschusses: Den Kriegsbeschädigten und Kriegerhinterbliebenen, Kriegselterngeldempfängern, Sozialrentnern, Kapitalrentnern, Empfängern der Arbeitslosen- und Krisenunterstützung, sowie solchen Bedürftigen, die nicht in laufender Fürsorge des Wohlfahrtsamtes stehen, und Armenunterstützungsempfängern einschl. Wohlfahrtserwerbslosen und Fürsorgearbeitern, wird zur Beschaffung von Winterbedarf eine besondere Unterstützung unter Berücksichtigung einer besonderen Sonderregelung gewährt, und zwar: dem Alleinstehenden 16 RM., dem Ehepaar ohne Kinder 23,60 RM., jedem unversorgten Kind im Haushalt des Unterstützungsempfängers 3,20 RM., Vollwaisen 12 RM. und Halbwaisen 6 RM.
Nach kurzer Debatte wird mit den Stimmen der Bürgerlichen dem letzten Antrag zugestimmt.
Die Weiterberatung des Punkt 1 wird fortgesetzt, bis um werden kann und man zur kurz nach 7 Uhr dieselbe geſchloſſen werd Abstimmung schreitet. Antrag 1 wird einstimmig angenommen, desgl. Antrag 2. Antrag 3 wird einstimmig abgelehnt. Antrag 4 gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, Kommunisten und Nationalsozialisten angenommen, desgl. Antrag 5. Antrag 6 wird einstimmig, Antr. 7 und 8 gegen die Linke angenommen. Desgl. werden die beiden Anträge der bürgerlichen Fraktionen angenommen.
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14. 3. 1910 erforderliche Zustimmung des Stadtrats wird erteilt. 7. Aenderung der Baufluchtlinie in der Straße Am Steg. Die Baufluchtlinie der Straße wird für die Länge des geplanten Anbaues der Veterinärklinik an dem Bau Ede Frank futerstraße Am Steg mit der Straßenfluchtlinie zusammengelegt. 8. Wasserversorgung der Gemeinde Klein- Linden.
Mit der Lieferung von Wasser an die Gemeinde KleinLinden erklärt man sich einverstanden und genehmigt den vorgelegten Vertragsentwurf. Die Kosten der Wasserzuführungslei tung nach Klein- Linden einschließlich der Wassermesseranlage in Höhe von 15 500 RM. werden zu Lasten des Erneuerungsfonds bewilligt.
9. Vergebung von Arbeiten und Lieferungen:
a) Vergebung von Betonarbeiten im Marktlaubengebäude. Die Betonarbeiten zur Herrichtung der Kellerfußböden im Marktlaubengebäude werden der Firma H. W. Rinn zum Angebotspreis von 9925,83 RM. vergeben.
b) Beschaffung eines dritten Müllwagens.
Der Beschaffung eines Müllwagens mit 8 kvm. Fassungsvermögen wird zugestimmt. Die erforderlichen Mittel in Höhe von 36 400 RM, werden aus den Rücklagen aus dem Kapital für die beiden vorhandenen Müllwagen entnommen.
c) Errichtung einer Kuttelei am Schlachthof; hier: Vergebung der Eisenbetonarbeit zur Errichtung eines Majsivdaches.
Die Arbeiten werden an den Bauunternehmer Ernst Wagner, Gießen, zu dessen Angebotspreis von 7850 RM. vergeben. d) Befestigung der Fahrbahn und des nördlichen Bürgersteigs in der Licherstraße zwischen dem alten Steinbacherweg und der Straße An der Kaserne; hier: Vergebung der Pflasterarbeiten.
Die Arbeiten werden an die Firma Gebr. Pausch in Gießen zu deren Angebotspreisen von 4969,20 RM. vergeben.
e) Errichtung eines Marktlaubengebäudes; hier: Vergebung der Arbeiten.
Die Glaserarbeiten werden der Gießener Glasermeister- Vereinigung zum Angebotspreis von 6871,50 RM. übertragen.( Es gibt feine ,, Doppelfenster"), sondern die inzwischen schon ausgeführte Arbeit wird nur nachträglich genehmigt.)
Die Maler und Weißbinderarbeiten werden wie folgt vergeben: Los 1 an die drei Mindestfordernden und zwar Karl Balser, Peter Fatum und Ludwig Euler; Los 2 an den Joh. Fink und die Firma Gebr. Nicolaus; Los 3 an die Firmen Klippel & Laucht, W. Feuerbach und Karl Wagner zum Angebotspreis der Firma Klippel& Laucht, Los 4 an den Weißbindermeister Gust. Chr. Schmidt.
10. Kreditbewilligungen:
a) Erhöhung des Titel 6 Einnahmen und des Titel 8 Pos. 27 Ausgaben im Voranschlag des Gaswerks Rj. 1930.
Der im Voranschlag des Gaswerks vorgesehene ReklameKredit wird um 3000 RM. erweitert zu Lasten der zu erwartenten Mehreinnahmen.
b) Erneuerung des Feuerversicherungsbuches der Stadt Gießen.
Für die Erneuerung des Feuerversicherungsbuches der Stadt Gießen und der damit verbundenen Arbeiten wird ein Kredit von 2500 RM. bereitgestellt.
c) Straßenbeleuchtung in der Stadt Gießen. Die Erweiterung bezw. Verbesserung der Straßenbeleuchtung in dem verlängerten Asterweg, in der Körnerstraße, Uhlandstraße, neue Straße von der Wilhelmstraße abzweigend, Straße Hinter der Kaserne, Plockstraße und Friedrichstraße wird
2. Festsetzung der Gemeindehundesteuer für die Stadt Gießen genehmigt und hierfür 10 000 RM. bereitgestellt. für das Kalenderjahr 1931.
Nach eingehendem Referat des Herrn Schwieder wird ein vorliegender Antrag der Verwaltung einstimmig abgelehnt. 3. Aenderung der Ortssagung über die Erhebung einer Bier: steuer in der Stadt Gießen.( Hinfällig geworden!)
4. Ortssagung über die Rechte und Pflichten der städtischen Beamten.
Der vorliegende Entwurf einer Ortssatzung über die Rechte und Pflichten der städtischen Beamten wird genehmigt.
5. Instandhaltung des Schulgebäudes des Realgymnasiums. Für die Vornahme dringender Reparatur- und Instandwird ein Kredit setzungsarbeiten im Schulgebäude 1200 RM. zur Verfügung gestellt.
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6. Baugesuch zur Errichtung eines Nebengebäudes Bergstr. 3 Ernst Wagner.
Die laut§ 3 des Nachtrags zum Ortsbaustatut vom
d) Krediterweiterung für die Anschaffung eines Ajag- Wagens( Straßenbaumaschine).
Der Anschaffung zum Preise von 4500 RM. wird zugestimmt. 12. Gesuche um Erlaubnis zum Schantwirtschaftsbetrieb. a) des Frizz Bieler zu Gießen um Erlaubnis zum Kleinhandel mit Branntwein in festverschlossenen Flaschen im Hause Bahnhofstraße 92( Ladengeschäft)( befürwortet);
b) des Deutschnationalen Handlungsgehilfen- Verbandes, Geschäftsstelle Gießen, um Erlaubnis zum Schanfwirtschaftsbetrieb mit Branntweinausschank im Hause Lennstraße 18; Neuerrichtung, beschränkt auf den Kreis der Mitglieder und deren Gäste,( befürwortet);
c) der Gießener Studentenhilfe E. V. zu Gießen, um Erlaubnis zum Schankwirtschaftsbetrieb im neu errichteten Studentenhaus am Leihgesternerweg; Neuerrichtung,( es wurde nur eine beschränkte Konzession befürwortet);
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