Mittwoch, den 29. Januar 1930.
Vorschlag, in etwa fünf Jahren den Teil der Hauszinssteuer zu beseitigen, der für den Wohnungsbau Verwendung findet. Es bleibt aber zu berücksichtigen, daß die deutschen Städte, als fie jüngst die Forderung erhoben, die Sparkasseneinlagen zur Abdeckung ihrer kurzfristigen Schulden in Anspruch zu nehmen, der Meinung Ausdruck gaben, daß bei Fortsetzung der bisherigen öffentlichen Bautätigkeit 1935 eine Katastrophe auf dem Baumarkte eintreten müsse. Man kann also nicht gut fünf Jahre warten, sondern muß den Abbau von Hauszinssteuer und„, ge= meinnütziger" Bautätigkeit noch beschleunigen. Bedenken müſ= sen auch dagegen erhoben werden, daß die Grundvermögensteuer nur für die Landwirtschaft gesenkt werden soll. Zum Plan einer Mietsteuer kann erst Stellung genommen werden, wenn Einzelheiten darüber vorliegen. Vielleicht bringt die außerordentliche Mitgliederversammlung des Reichsverbandes der Deutschen Industrie am 12. Dezember Näheres hierüber. Der organisierte Haus- und Grundbesitz behält sich inzwischen in diesem Punkte alles vor.
Daß die Industrie sich in so eingehender Weise mit den Wohnungsfragen auseinandersetzt, ist auf jeden Fall ein Gewinn und beweist, daß dieses Wirtschaftsgebiet von elementarer Bedeutung für die gesamte deutsche Wirtschaft ist. Von der Wiederherstellung eines lebensfähigen Haus- und Grundbesitzes, eines gesunden Realkredites und eines freien Bauunternehmertums hängt das Wohlergehen auch der Industrie zu einem wichtigen Teil ab. Und wenn die Denkschrift scharf herausstellt, daß die Arbeitslosigkeit nur durch Rückkehr zu einer vernünftigen Wirtschaftspolitik beseitigt werden könne, und daß dies somit auch die beste Sozialpolitik sei, so trifft das für Baumarkt und Wohnungswesen in besonderem Maße zu.
Zusammenschluß von Württemberg und Baden gefordert.
Karlsruhe, 28. 1. Auf einer Konferenz der christlichen Gewerkschaften Südwestdeutschlands wurde die Forderung eines Zusammenschlusses von Württemberg und Baden zu einem Bundesstaat gestellt und fand lebhaften Beifall und auch die ausdrückliche Zustimmung des württembergischen Vertreters.
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Gießener Zeitung
Lokales.
Laßt die Kinder im Winter später zur Schule gehen bittet mit Recht in einer Berliner Zeitung der Dichter Herbert Eulenberg. Wer es mit den Kindern gut meint, besonders mit den schwächlichen, kann diese Bitte nicht nur verstehen, sondern wird sie auch dringend unterstützen. Eulenberg bedauert das Los unserer Schuljugend, die in den kalten, lichtlosen Wintermonaten bei Lampe oder Gasflamme morgens schnell ihr Frühstück hinunterschlingen und dann in der Finsternis forttrippeln müssen. Ich habe einmal mit leisem Neid und stiller Wut bei einer Autofahrt beobachtet, wie in Aachen die kleinen Kinder vor Kälte fröstelnd im Morgengrauen in ihre Schulkasernen traben mußten, was die belgischen Kinder hinter der Grenze erst bei aufgegangener Sonne und größerer Wärme eine volle® Stunde später zu vollführen hatten." Alle pädagogischen Be denken müßten überwunden werden, um unseren Kindern im Winter einen späteren Schulbeginn zu erkämpfen. Auf die Gesundheit müßte mehr Rücksicht genommen werden, denn die Aufgabe wahrer Pädagogik ist es, gesunde, lebensfrische und tüchtige Menschen zu erziehen. Sch.
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Direktor Dr. Janzen †.
Der Hüttendirettor Dr. ing. e. h. Janzen ist am Sonntag in Lollar an einem Herzschlag verschieden. Mit ihm ist einer der führenden Eisenhüttenleute dahingegangen, der sich weit über die ihm früher unterstellte Sophienhütte hinaus um das Eisenhüttenwesen verdient gemacht hat. Seine Arbeit wurde von der Wissenschaft durch Verleihung des Ehrendoktortitels der Bergakademie Clausthal( 1916) anerkannt und von der Praxis durch Verleihung( 1919) der Carl- Lueg- Medaille des Vereins Deutscher Eisenhüttenleute. Der Verstorbene ist 1916 in den Ruhestand getreten, wohnte zunächst in Gießen, um dann später zu seinem ältesten Sohn, dem Direktor der Main- Weser- Hütte nach Lollar zu verziehen. Seine hervorragenden menschlichen Eigenschaften haben ihm viele Freunde verschafft, die ihm alle ein ehrendes Andenken bewahren werden.
* Eine Stiftung für das Liebig- Museum. Zur Vervollständigung der Sammlung in dem Liebig- Museum, wo alle Andenken an den großen Chemiker Justus von Liebig zusammengetragen und systematisch geordnet aufbewahrt werden, hat Dr. van den Velden in Weimar dem Museum einen genealogischen Wandteppich in der Darstellung der Ahnentafel Justus von Liebigs gestiftet. Es handelt sich dabei um ein außerordentlich wertvolles Stüd, um das die Sammlung bereichert worden ist.
* Gießen bleibt Flughafen. Da Kassel bei Gestellung eines Flugplatzes Schwierigkeiten machte, fällt es in Zukunft als Halteplatz beim Flugverkehr aus. Die dadurch erfolgte Umstellung des Flugdienstes hat aber auf der Strede Hamburg- Hannover Frankfurt an Gießen als planmäßigem Halteplatz festgehalten.
* Ein Manteldieb gefaßt. Der Dieb, der kürzlich aus dem katholischen Vereinshaus einen neuen Ueberzieher stahl, ist ge= faßt und sitzt zur Zeit in Herborn in Gewahrsam.
* Anmeldung zu den höheren Schulen Gießens. Die Anmeldungen für den Eintritt in die höheren Gießener Schulen hat am Mittwoch, den 5. Februar von 10-1 Uhr in den Direktorenzimmern der betreffenden Anstalten zu erfolgen.
* Nähnachmittag. Die Hausfrauenberatung hält am Donnerstag für alle Hausfrauen bei freiem Eintritt einen Nähnachmittag mit praktischen Vorführungen ab. Der Besuch dürfte zu empfehlen sein.
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Nr. 8.
* Aus dem Stadttheater. Heute zum ersten Male unter der Leitung von Hans Tannert das Lustspiel ,, Du wirst mich heiraten!" von Berneuil. Morgen, Donnerstag, einmaliges Gastspiel von Paul Wegener als Dr. Kerschenzew in Andrejews ,, Der Gedanke". Freitag:„ Du wirst mich heiraten!" Sonntag, zum letzten Male als Fremdenvorstellung„ Katharina Knie". Dienstag zum letzten Male ,, Die lustige Witwe". Mittwoch, den 5. Februar ,, Kyritz Pyrit".
* Gagita! ,, Ganz Gießen tanzt", das Kostümfest des Stadttheaterpersonals im Klub, wird nach den Vorbereitungen zu urteilen, zu einem Glanzpunkt der Saison werden.
* Lichtspielhaus. Jm Lichtspielhaus in der Bahnhofstraße laufen ab heute zwei Charly- Chaplin- Filme ,,, The Pilgrim" und „ Feine Leute". Ein Besuch dieses Soloabends eines der größten Filmkomiker ist nur zu empfehlen.
* Das Schumann- Chopin- Konzert des Pianisten W. Backhaus, findet, wie der Konzertverein mitteilt, am kommenden Sonntag in der Universitäts- Aula statt.
* V.H.C. Monatsversammlung am Freitagabend im Eisenbahnhotel ,, Hopfeld".
Aus Nah und Fern.
Münster( Kreis Gießen). Eine Bürgermeisterwahl brauchte am Sonntag nicht stattzufinden, weil ein zweiter Wahlvorschlag nicht eingegangen war. Sonach gilt der seitherige Bürgermeister Heß für die neue Amtszeit von 9 Jahren als wiedergewählt.
Stillegung der Grube„ Friedrich". Hungen. Die Stillegungsverhandlungen wegen der Schliezung der Grube ,, Friedrich" fanden in Trais- Horloff unter dem Vorsitz von Ministerialrat Pennrich, Darmstadt, statt. Das Kreisamt Gießen war durch Regierungsrat Dr. Braun und die Hefrag durch Generaldirektor Ministerialrat Dr. Windisch vertreten. Dr. Windisch legte die Gründe der Stillegung dar. Er schilderte die Verluste der Gewerkschaft ,, Friedrich" im Jahre 1929, die 1,5 Mill. Mt. betrügen. Das Werk in Trais- Horloff bezeichnete er als feineswegs rentabel.. Es ist geplant, die beiden Schwelwerke zusammenzulegen. Wölfersheim soll neu aufgebaut und mit 14 Schwelöfen ausgestattet, Trais- Horloff dagegen soll abgebrochen werden. Die Uebersiedlung nach Wölfersheim soll bald in Angriff genommen werden. Zu einer Protestversammlung gegen die Stillegung gestaltete sich schließlich eine Versammlung der Belegschaft. Durch die Stilllegung des Werkes werden 400 Personen arbeitslos.
Alsfeld. Die Eisenerzgrube, die in der Feldgemarkung Bleidenrod( Kreis Alsfeld) betrieben wird, wurde in den letzten Tagen völlig stillgelegt. Die gesamte Belegschaft kam zur Entlassung.
Büdingen. In der am Sonntag hier abgehaltenen Bezirksversammlung des Wirtschaftsbezirks Büdingen- Stockheim, in der 24 Ortsgruppen des Milcherzeugungsverbandes Friedberg durch ihre Vertrauensleute und einen großen Teil ihrer Mitglieder vertreten waren, wurde in schärfster Weise gegen die Herabsetzung der augenblicklichen Milchpreise Stellung genom
men.
Mainz. Ein Teil der Verhandlungen, die die Verwertung der durch den Abzug der französischen Besatzungstruppen freiwerdenden Gebäude zum Zweck haben, ist bereits zum Abschluß gekommen. Verkauft sind die Garnisonskirche an die Mainzer evangelische Gemeinde, die frühere Fortifitation in der Heiliggrabgasse an den katholischen Klerus und weiterhin die umfangreichen Wagenhallen der Franzosen an die St. Ignaz= Pfarrgemeinde.
Die 20 Besten im Westdeutschen Spielverband.
Ueber 100 Meter 16 unter 11 Sekunden. Alt und Jung folgt in bunter Reihe. Viele neue Leute drängen nach vorn, ein Hessen- Hannoveraner ist leider nicht unter ihnen.
1. Borgmeier- Münster 10,4 in Herne 16. 6.
2. Corts- Remscheid 10,7 in Breslau 21. 7. 3. Birkelbach- Siegen 10,7 in Eitorf 25. 8.
4. Kremer- Köln 10,8 in Aachen 9. 6.
5. Buthe Pieper- Essen 10,8 in Kreuznach
6. Schüller- Krefeld 10,8 in Krefeld 11. 8.
7. Dobermann- Köln 10,8 in Stockholm
8. Pfeifer- Barmen 10,8 in Koblenz
9. Sibilsfi- Dinslaken 10,8 in Emmerich
10. Otto- Duisburg 10,9 in Rheinberg
11. Becker- Elberfeld 10,9 in Barmen
12. Fischer- Bielefeld 10,9 in Unna
13. Prager- Koblenz 10,9 in Höhr
14. Schmidt- Koblenz 10,9 in Grenzhausen
15. Diesel- Höhr 10,9 in Höhr
16. Heithoff- Büderich 10,9 in Kleve
17. Houben- Krefeld 11,0 in Lennep!!
18. Mölle- Düsseldorf 11,0 in Remscheid
19. Arens- Münster 11,0 in Hamm 20. Rauch- Krefeld 11,0 in Krefeld.
Wenig beliebt die 5000 Meter. Während in den übrigen Laufwettbewerben die Wettkampfbeteiligung eine außerordentlich starke war, war die in dieser Langstreckenkonkurrenz sehr mäßig. Kilp, unser westdeutscher Spitzenman, zählt mit zur ersten Deutschen Klasse. Viermal ist Hessen- Hannover vertreten, Gerhardt- Weilburg liegt sogar an 5. Stelle.
1. Kilp- Düsseldorf 15: 00,0 in Breslau
2. Paul- Siegen 15: 29,1 in Altenhunden
3. Schaumburg- Münster 15: 36,0 in Bochum
4. Siegers- Düren 15: 53,4 in Köln
5. Gerhardt- Weilburg 16: 02,0 in Weilburg am 9. 6.
6. Kollmann- Wanne 16: 03,1 in Altenhunden
7. Borgardts- Kempen 16: 03,1 in Oberhausen
8. Obelode- Wissen 16: 11,0 in Siegen
9. Deimann- Dortmund 16: 11,8 in Schalke
10. Sommer- Krefeld 16: 12,7 in Oberhausen
11. Klärner- Barmen 16: 12,2 in Wald
12. Konbloch- Bonn 16: 13,3 in Köln
13. Krämer- Solingen 16: 16,0 in Wald
14. Kappelmann- Iserlohn 16: 17,1 in Schalke
15. Melzenbach- Göttingen 16: 19,0 in Kassel am 9. 6.
16. Böke- Bielefeld 16: 48,7 in Bielefeld
17. Schenhing- Rassel 16: 22,0 in Kassel am 16. 6.
18. Paul- 1900 Gießen 16: 48,7 in Weilburg
19. Seidler- Schalke 16: 49,2 in Schalke
20. Ertel- Walsum 16: 51,0 in Dinslaken.
Der 110 Meter Hürdenlauf zeigt ebenfalls einen
Fortschritt.
Duisburg, Köln und neuerdings auch Münster sind die Pflegestätten dieser schweren, aber herrlichen Uebung. Sobattka, Hopfenmüller und Kleemann aus unserem Bezirk zählen
mit zu den 20 Besten, eine erfreuliche Feststellung.
1. Stöckmann- Duisburg 15,6 in Duisburg
2. Wienecke- Duisburg 15,8 in Köln
3. Pollmann- Düsseldorf 16,2 in Amsterdam
4. Esser- Köln 16,5 in Köln
5. Gerbracht- Kamm 16,6 in Erfurt
6. Veite- Düsseldorf 16,8 in Düsseldorf.
7. Sobottka- Kassel 16,8 in Kassel am 16. 6.
8. Kürten- Düsseldorf 16,8 in Düsseldorf
9. Ohmann- Duisburg 17,0 in Duisburg
10. Hopfenmüller- 1900 Gießen 17,0 in Kassel am 16. 6. 11. Dlt- Duisburg 17,0 in Duisburg
12. Stechenmesser- Münster 17,5 in Düsseldorf
13. Jockwer- Düsseldorf 17,5 in Düsseldorf
14. Wieler- Münster 17,9 in Duisburg 15. Hirth- Elberfeld 18,0 in Remscheid 16. Kleemann- Kassel 18,0 in Kassel am 16. 6.
17. Vögelin- Münster 18,3 in Düsseldorf
18. Otto- Solingen 18,4 in Remscheid
19. Lindermann- Herne 18,4 in Düsseldorf
20. Ruwe- Bielefeld 18,6 in Hamm.
Sehr guter Durchschnitt über 4 mal 100 Meter. Hessen- Preußen Kassel mit der sehr guten Leistung von 43,6 rangiert an 6. Stelle, während Gießen 1900 und der VfL. Wetzlar erst im letzten Viertel der Rangstufe sich befinden.
1. Preußen- Krefeld 42,8 in Duisburg
2. Münster 08 43,0 in Duisburg
3. KBC. Köln 43,1 in Duisburg
4. Duisburg 99 43,2 in Duisburg
5. Schwarz- Weiß Essen 43,6 in Dortmund
6. Hessen- Breußen Kassel 43,6 in Kassel am 21. 7.
7. Turu Düsseldorf 43,6 in Köln
8. Marienburg 43,7 in Köln
9. Essen 99 43,8 in Duisburg
10: Köln 99 44,2 in Siegburg
11. VfB. Ruhrort 44,5 in Angermund
12. Tus Bochum 44,8 in Duisburg
13. Duisburger SV. 45,0 in Duisburg 14. Koblenz 02 45,1 in Koblenz
15. Dortmund 95 45,2 in Dortmund 16. Hörde 45,5 in Herne
17. VfL. Wezlar 45,6 in Weglar am 25. 8. 18. 1900 Gießen 45,8 in Weglar am 25. 8.
19. SC. Höhr 45,9 in Koblenz
20. SpV. Büderich 46,0 in Kempen.
Viel Talente im Hochsprung.
Eine derart stattliche Reihe von Springern, die 1,70 Meter überboten, hai Westdeutschland noch nie nachweisen können. Der Durchschnitt erbringt bei 20 Athleten 1,76,5. Einfach prachtvoll. Das erfreuliche ist aber, daß noch weitere 22 Spinger aufge= zählt werden können, die die 1,70- Meter- Grenze ebenfalls überboten. Auch hier sind drei Hessen- Hannoveraner wiederum mit unter den Besten.
1. Busch- Köln 1,85 in Dortmund
2. Kraatz- Dortmund 1,85 in Dortmund
3. Pohlig- M. Gladbach 1,85 in Hilden
4. Elsen- Köln 1,82 in Köln
7. Olk- Duisburg 1,78 in Duisburg
5. Peters- Düsseldorf 1,80 in Dortmund
6. Stickelbrock- Duisburg 1,80 in Duisburg
de
8. Stechenmesser- Münster 1,77,5 in Duisburg
jen
10. Winkels- Wanne 1,75 in Duisburg
12. Kleinstoll- Duisburg 1,75 in Duisburg
9. Große- Ruhrort 1,75 in Duisburg
11. Kod- Wanne 1,75 in Duisburg
13. Runter- Krefeld 1,75 in Duisburg


