Nr. 50.
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Gießener Zeitung
Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr.- Für Aufbewahrung oder Rüdsendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
43. Jahrg.
Politische Rundschau.
Der Aeltestenrat des Reichstages hielt am Mittwochmittag eine Sigung ab, in der der Arbeitsplan des Reichstages für die nächste Zeit festgesetzt wurde. Mit dem Beginn der Sommerpause ist nicht vor Ende Juli zu rechnen.
Die Sigung des Zentralvorstandes der Deutschen Volks: partei, die für den 4. Juli nach Mainz einberufen worden war, ift auf den 13. Juli nach Berlin verlegt worden.
In Warschau beginnen die deutsch- polnischen Verhandlungen über die Verlängerung des am 30. Juni ablaufenden deutsch- polnischen Roggenablommens.
Der preußische Haushalt wurde in namentlicher Abstimmung mit 230 Stimmen der Regierungsparteien gegen 8 Stimmen angenommen, die von den Deutsch- Hannoveranern, der Boltsrechtpartei und dem Christlich- Sozialen Volksdienst abgegeben wurden. Die übrigen Parteien hatten sich an der Abstimmung nicht beteiligt.
Die Klageschrift Thüringens an den Staatsgerichtshof wegen Streichung der Reichszuschüsse für die thüringische Polizei ist abgegangen.
Der Preußische Landtag genehmigte die Strafverfolgung von zwölf kommunistischen Abgeordneten wegen versuchten Hochverrats oder wegen Beleidigung.
Die den Rheinischen Stahlwerken gehörige Zeche Schacht Ahrenberg hat beim Demobilmachungskommissar angezeigt, daß fie 750 Arbeitern und 20 Angestellten gekündigt hat. Die Kündigungen treten am 16. Juli in Kraft.
Die freie Ministerialdirektorstelle im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft ist mit dem bisherigen Ministerialdirigenten im Reichsfinanzministerium, Dr. Wachs: mann, besetzt worden.
General Kriebel, der hervorragendste deutsche Ratgeber deer chinesischen Nanking- Regierung ist zurückgetreten. Man nimmt an, daß diesem Schritt weitere Rücktritte deutscher Offiziere, die in Diensten der Ranting- Regierung stehen, folgen
werden.
Auf Grund von Besprechungen wird Major Papst eine zeitweise Aufenthaltsbewilligung für Tirol zum Zwecke der Ordnung seiner persönlichen Angelegenheiten erhalten.
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Die englische Marineleitung wird im Jahre 1931 Schiffe in Auftrag geben, die sämtlich zur Ersetzung veralteter Schiffe dienen sollen
In San Franzisko ist eine japanische Luftverkehrsgesellschaft gebildet worden, die vom Herbst 1931 ab einen regelmäßigen Zeppelinverkehr zwischen San Franzisko und Tokio plant.
Dr. Dietrich Reichsfinanzminister.
Berlin. Der Reichspräsident hat nach dem Vortrag des Reichskanzlers in Neuded den Reichsminister Dietrich unter Entbindung vom Amte des Reichswirtschaftsministeriums zum Reichsminister der Finanzen ernannt und den Staatssekretär im Reichswirtschaftsministerium, Dr. Trendelenburg, bis auf weiteres mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Reichswirtschaftsministers beauftragt.
Das Steuerprogramm.
Nachdem der Reichskanzler am Freitag früh in Begleitung des Staatssekretärs Meißner von seinem Besuch beim Reichspräsidenten in Neuded wieder nach Berlin zurückgekehrt ist, hat nunmehr die entscheidende Kabinettssitzung am Freitag 16 Uhr begonnen. Bei dieser Gelegenheit hat der Finanzminister Dietrich in längeren Ausführungen den Ministern sein Programm unterbreitet. Kurz nach ½ 18 Uhr ist die Kabinettsfihung beendet.
Ueber den Verlauf der Nachmittagssitzung wurde kurz nach 18 Uhr folgende( amtliche) Mitteilung herausgegeben: Der Reichskanzler Dr. Brüning ist am Freitagvormittag mach Berlin zurückgekehrt und berichtete in der Sitzung des Reichskabinetts am Freitag zunächst über seinen am Donnerstag dem Herrn Reichspräsidenten erstatteten Vortrag. Das Kabinett verabschiedete dann sodann die inzwischen fertiggestellten Texte der dem Reichsrat und dem Reichstag vorzuLegenden Vorlagen.
Bereits am Sonnabendvormittag 10 Uhr wird die Reichsregierung durch den Mund des Reichskanzlers und des neuen Reichsministers für die Finanzen in öffentlicher Sihung des Meichsrats den Staats- und Ministerpräsidenten der deutschen Länder die Vorlage unterbreiten und auf deren schleunigste Erledigung dringen, um sie möglichst noch im Laufe der nächstten Woche dem Reichstag zur Entscheidung zuleiten zu können. Die Deckungsvorschläge sehen folgendes vor:
1. Ein Notopfer in Höhe von 2½ Prozent des Nettoeinkommens für sämtliche Festbesoldeten mit einem Einkommnen von 8400 Mark jährlich. Für die Beamten des Reiches, dier Länder und der Gemeinden wird aber die Mindestgrenze
( Gießener Tageblatt)
Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen. Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postscheckkonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.
Samstag, den 28. Juni 1930
( Neueste Nachrichten)
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Dank für Treue und Opfermut.
Darmstadt. Die gestrige Sitzung des Hessischen Landtags wurde abgeschlossen mit der Verlesung der nachstehenden Entschließung, die der Franktionsvorsitzende des Zentrums für alle Fraktionen einbrachte:
,, Wenn zur Mitternachtsstunde des letzten Junitages in allen Dörfern und Städten unseres besetzten Gebietes die Glocken die endliche Befreiung einläuten, dann löst sich ein schwerer Druck von der deutschen Seele und alle Herzen schlagen höher in gemeinsamer Freude.
Mehr als elf Jahre haben unsere Brüder und Schwestern im besetzten Gebiet Unsagbares ertragen müssen. Fremdes Militär hat in unserem Lande geherrscht mit Nachrichtenzensur, Verkehrssperre, Spionagesystem, maßlosen Presseschikanen, erdrückenden Quartierlasten, Eingriffen in die deutsche Gesetzgebung und Verwaltung, grausamen Urteilen der Militärgerichte, Massenausweisungen und Freiheitsberaubungen in efelerregenden Gefängnissen, scheußlichen Ueberfällen einer schwarzen Soldateska auf deutsche Frauen und Mädchen. Passiver Widerstand und Separatismus rufen Bilder voll Elend und Trübsal in Erinnerung zurück: Verödete Bahnhöfe und Haufen verrosteter Eisenbahnschienen' und stillgelegte Fabriken, mit französischem Gelde bestochene Vaterlandsverräter. Aber all das hat nicht vermocht, die Treuegesinnung der Bevölkerung ins Wanken zu bringen, ihren Helden und Leidensmut zu erschüttern und das enge Band zwischen links- und rechtsrheinischer Bevölkerung zu lockern.
Deshalb gilt in dieser Stunde zuerst der Dank der Bevölkerung des besetzten Gebietes. Ihrer Treue und ihrem Opfermut ist es zu verdanken, daß die französische Rheinpolitik gescheitert ist. Der Rhein ist auch fünftig Deutschlands Strom und nicht Deutschlands Grenze. Der Dank gilt weiterhin all den Staatsmännern, durch deren kluge und zähe Verſtändigungspolitik diese große Stunde der Befreiung heraufgeführt wurde. Auch durch die Unversöhnlichkeit unserer ehemaligen Gegner haben sie sich nicht von dem Weg der Befriedung Europas abdrängen lassen. Die Räumung des besetzten Gebietes bedeutet einen großen Schritt vorwärts in der Liquidierung des Krieges und sie soll uns ein Unterpfand sein, daß wir auf die= sem Wege weiterschreiten, und daß unser Vaterland seine volle Selbständigkeit und nationale Ehre zurückgewinnt. Noch wartet das Saargebiet der Rückkehr zum Reich.
Wir erleben diese hehre Stunde in einer Zeit größter wirtschaftlicher Not. Das wird die laute Freude dämpfen, aber dafür sie verinnerlichen und sie vertiefen und zugleich die Mahnung in uns wecken, den Frieden, den wir mit unseren ehemaligen Gegnern erstreben, vor allem durch den Frieden im eigenen Volk vorzubereiten, die Mahnung zur Selbstbesinnung und Einigkeit."
Zeppelin und ,, D. 2000" bei den Befreiungsfeiern.
Wiesbaden. Anläßlich des Rheinlandbefreiungsfluges,
zu welchem 88 Flugzeuge von Köln mit bestimmter Aufgabenstellung nach Wiesbaden, Mainz, Worms, Neustadt a. d. H. und Kaiserslautern starten werden, werden auch das Luftschiff ,, Graf Zeppelin" und das Junkers- Großflugzeug ,, D. 2000" über den Flughäfen der Städte Mainz und Wiesbaden er= scheinen.
des jährlichen Einkommens, das dem Notopfer unterliegt, auf 2000 Mart festgesetzt.
2. Erhöhung der Schankverzehrsteuer, wobei die Ueberf nachtungssteuer den Städten vorbehalten bleibt.
3. Erhöhung des Versicherungsbeitrages für die Arbeitslosenversicherung sowohl für die Unternehmer als auch für die Versicherungspflichtigen um 1 Prozent. In diesem Vorschlag kündigt die Regierung außerdem an, daß sie zu einem noch festzusetzenden Zeitpunkt die Streichung des§ 163 des Arbeitslosenversicherungsgesetzes beantragen werde, der die Zuschußpflicht des Reiches an die Arbeitslosenversicherung enthält.
4. Einführung einer Ledigensteuer in Höhe von 10 Prozent der Einkommensteuer.
5. Abstriche im Ausgabenetat für 1930 in Höhe von 130 Millionen Mark.
Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß die Deutsche Volkspartei in der Parteiführerbesprechung durch Dr. Scholz das Finanzprogramm entschieden ablehnen wird. Daß die demofratische Fraktion diesem Programm ebenfalls recht skeptisch gegenübersteht, ist ebenfalls bekannt. Die Wirtschaftspartei Die Wirtschaftspartei hat bereits Einspruch gegen die Erhöhung der Schankverzehrsteuer erhoben.
Curtius bleibt auf jeden Fall Außenminister. Das in manchen Blättern verzeichnete Gerücht, wonach ein Rücktritt des Außenministers Curtius bevorstehe, trifft, wie von unterrichteter Seite versichert wird, in keiner Weise zu. Curtius wird Außenminister bleiben, auch wenn es dem Reichskanzler nicht gelingen sollte, die Zustimmung der Volks= partei für sein Finanzprogramm zu erhalten. In Regierungsfreisen beurteilt wan übrigens die Aussichten für das Pro
Nummer 51
Die Rheinpfalz frei!
Landau. Die letzten französischen Truppen haben am Donnerstag abend Landau verlassen. Unter großem militärischem Pomp wurde die letzte Trikolore in der Pfalz von der Villa des Generals Mangin eingezogen. Der General, der am Vormittag dem Regierungspräsidenten einen Abschiedsbesuch abgestattet hatte, nahm sodann die letzte Parade der Truppen ab, die sofort in einem Sonderzug über Weißenburg nach Frankreich abiransportiert wurden. Domit ist die Pfalz von seiner Bejagung nach fast zwölf Jahren endgültig frei.
Räumung von Mainz am 30. Juni 13,40 Uhr.
Mainz. Es jicht nunmehr fest, daß der Rest der Besatzung am 30. Juni um 13,40 Uhr mit einem Sonderzug Mainz verlassen wird. General Guillaumont, der noch einmal nach Mainz zurückgekehrt ist, wird gleichfalls diesen Zug benutzen. Wenn auch die französische Räumungsamnestie bisher amtlich noch nicht erlassen ist, so ist doch mit Sicherheit darauf zu schließen, daß die in französischen Gefängnissen befindlichen deutschen Gefange= nen im Laufe des Sonntags und Montags freigelassen werden, während die Gefangenen französischer Nationalität am Donners: tag nach Frankreich abtransportiert wurden.
Die Feier in Mainz.
Nachdem die letzten französischen Truppen im Laufe des 30. Juni die Stadt Mainz verlassen haben, wird um 17 Uhr pünktlich die deutsche Reichsfahne auf den Gebäuden wie Zitadelle, Schloß, Zeughaus, Gouvernement usw. gehißt. Gleichzeitig legt die Stadt allgemein Fahnenschmuck an. Zu dem selben Zeitpunkt rückt, von Mainz- Kastel kommend, die Schutzpolizei mit Musik in Mainz ein. 19½ Uhr Festvorstellung Fidelio“ im Mainzer Stadttheater. Hieran anschließend Jlluminierung der Stadt. 24 Uhr große Befreiungs fundgebung Vortragsfolge: unter freiem Himmel auf dem Halleplay. Glockengeläute von sämtlichen Kirchen von Groß- Mainz, gemeinschaftliches Lied Großer Gott, wie loben dich", ,, Deutsch der Rhein" von Hansen, gesungen von den vereinigten Sängern von Groß- Mainz, Ansprache des Herrn Oberbürgermeisters Dr. Külb, Hochziehen der deutschen Reichsflagge auf dem Stadthalleplay, Deutschlandlied,
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Ansprache des Herrn Staatspräsidenten Dr. Adelung, Ansprache des Herrn Reichsministers Dr. Wirth, „ Frühling am Rhein" von Breu, gesungen von den vereinigten Sängern von Groß- Mainz,
,, Largo" von Händel, gespielt von den vereinigten MusiBern von Groß- Mainz.
Deutschlandlied, 3. Strophe, gemeinschaftlich gesungen mit Musikbegleitung,
Böllerschießen.
Während dieser Kundgebung findet eine Rheinuferbeleuchtung, sowie der Straßenbrüde statt., Die Befreiungslundgebung wird durch den Rundfunk auf die Sender Frankfurt, Stuttgart, Berlin, Königsberg, Leipzig übertragen
gramm Dietrichs günstig, trotzdem nicht weniger als vier hinter der Regierung stehende Parteien sich gegen Einzelheiten des Finanzprogramms ausgesprochen haben; nämlich außer Demofraten, Wirtschaftspartei und Volkspartei auch die ChristlichNationalen Bauern.
An der Sonnabendsitzung des Reichstates, in der das Finanzprogramm der Regierung beraten wird, werden auf besonderen Wunsch der Reichsregierung die Ministerpräsidenten sämtlicher deutschen Länder teilnehmen.
Verkehrssteigerung bei der Reichspost.
Berlin. Der Arbeitsausschuß des Verwaltungsrates der Deutschen Reichspost trat gestern zusammen. Bei dieser Gelegenheit stellte Reichspostminister Dr. Schäzel fest, daß Verkehr und Einnahmen in fast allen Betriebszweigen der Deutschen Reichspost im Mai gegenüber dem Vormonat erfreuliche Steigerungen erfahren haben. Der Reichspostminister sprach die Hoffnung aus, daß die Aufwärtsbewegung des Postverkehrs anhalten und sich als günstiges Anzeichen für die allgemeine deutsche Konjunkturentwidlung erweisen werde.
Flaggen und Läufen am 1. Juli.
Berlin, 27. Juni. Aus Anlaß der Befreiung der rhei: nischen Lande flaggen am 1. Juli im ganzen Reiche alle Behör: den und Steilen des Reiches, der Länder und der Gemeinden. Außerdem werden von 12 bis 13 Uhr die Kirchen aller Konfessionen ein feierliches Geläute anstimmen.( Es ist selbstverständlich, daß die Bevölkerung Gießens ganz allgemein auch flaggen wird.


