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Gießener Zeitung

Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rück­endung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

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( Gießener Tageblatt)

Druck und Verlag von Albin Klein in Gießen. Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postscheckkonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.

Samstag, den 27. Dezember 1930

Staatskommissar für Gießen?!

Der Stadtrat gegen Steuer- und Mieterhöhung!

In einer höchst dramatischen Sigung verhandelte der Stadt­

rat heute mittag über die Anträge der Stadtverwaltung zur Dedung des Defizits im laufenden Etat. Die Verwaltung plante zum Ausgleich der fehlenden 127 000,- R.- Mart

1. die Gewerbesteuer vom Ertrag von 220 auf 280 R.- Pfg.;

2. die Gewerbesteuer vom Kapital von 55 auf 60 R.- Pfg.;

3. die Grundsteuer von Gebäuden und Bauplätzen von 27 auf 33 R.- Pig.;

4. das Wassergeld von 25 auf 28 R.- Pfg. je Kubikmeter;

5. die gesetzliche Miete um 2 Prozent zu erhöhen.

Und zwar sollten die Steuern und Abgaben 1 bis 3 rück: wirkend vom 1. April 1930, 4 und 5 vom 1. Januar 1931 erhöht

werden.

6. Die Wasseranschlußgebühr sollte in Fortfall kommen.

In ausführlichen Darlegungen nahmen die einzelnen Frak­tionen zu diesen Anträgen Stellung. Die Sozialdemokraten waren für die Steuererhöhungen, aber gegen eine Mieterhöhung. Die Arbeitsgemeinschaft der Mitte fiel auseinander. Zentrum und Demokraten waren für die Vorlage der Stadtverwaltung. Die Volkspartei dagegen; sie wandte sich vor allem gegen die rüdwirkende Erhöhung, im übrigen hatten sie von sich aus Aen­derungsanträge eingereicht, die sich mit denen der Stadtver: waltung decken, nur daß die Steuererhöhungen erst ab 1. De: zember dieses Jahres gelten und der unbeboute Grundbesitz feiner Grundsteuererhöhung ausgesetzt werden soll. Der rechte Flügel war gegen beide Vorlagen und lehnte es ab, dauernde einseitige Steuererhöhungen zu sanktionieren, wenn die Stadt­verwaltung nicht von sich aus auch der Not der Zeit Rechnung tragen würde, und auf der Ausgabenseite energisch spare. Die Nationalsozialisten lehnten wie auch die Kommunisten die Vor­lagen ab. Damit war deren Geschick vorauszusehen. Nach höchst dramatischer Abstimmung mit regster Geschäftsordnungsdebatte

Bolitische Rundschau.

Die vor einiger Zeit angekündigte Reise des Reichskanzlers nach den östlichen Provinzen wird vom 6. bis 12. Januar statt­finden. In der Begleitung des Kanzlers werden sich Reichs­finanzminister Dietrich und die Leiter der Osthilfe, Treviranus und Sirtsiefer, befinden.

Der Kirchensenat der evangelischen Kirche der altpreußischen Union hat beschlossen, daß auch die Bezüge der im Dienst der Kirchengemeinden und firchlichen Verbände stehenden Pfarrer, Beamten und Angestellten entsprechend den Bestimmungen der Verordnung des Reichspräsidenten zur Sicherung von Wirtschaft and Finanzen gekürzt werden sollen.

Mit Rücksicht auf die bevorstehende Tagung des Rates des Völlerbundes zeigt sich in der polnischen Presse eine auffällige Stimmungsmache gegen die freie Stadt Danzig.

Der Polizeihauptmann Schüler, der von der thüringischen Regierung wegen schwerer Verletzung der Amtsverschwiegenheit fristlos entlassen worden war, ist vom preußischen Innenmini­kerium bei der preußischen Schutzpolizei als Polizeihauptmann angestellt worden.

Am 1. Januar 1931 tritt der Präsident des bayerischen Ver­paltungsgerichshofes, Staatsrat Dr. Ritter von Kahr, in den auernden Ruhestand.

Das Schulschiff des deutschen Schulschiff- Vereins ,,, Deutsch­land", ist am 23. Dezember wohlbehalten in Porto Rico ange= tommen und wird am 2. Januar nach Pensacola weitersegeln.

Der Präsident des Amerikanischen Gesellschaftsverbandes, Billiam Green, erklärte, die Zahl der Erwerbslosen in den Ver­einigten Staaten habe sich seit Anfang Dezember um rund eine halbe Million erhöht und betrage augenblicklich 5,3 Millionen.

Der Fürst von Monaco hat die Gesetzgebende Versammlung bis auf weiteres aufgehoben, das heißt die gewählten Vertreter des Volkes nach Hause geschickt. Der Fürst wird in Zukunft mit Dent Staatsrat, dessen Mitglieder er ernennt, allein regieren.

Der Parlamentarische Ausschuß in Prag wird die Be­schwerden über die Verfälschung der Volkszählung in der Tschechoslowakei dem Völkerbunde zuleiten.

Die parlamentarische Untersuchungskommission für die Ou­hic- Affäre hat beschlossen, Außenminister Briand für Samstag Dorzuladen.

Ein schwerer Börsenskandal ist in Brüssel ausgebrochen, Elf Wechselagenten und ehemalige Mitglieder der Börsenkommission hab en im Jahre 1928 für die Einführung von Aktien der fran­öfifchen Automobilfabrik Citroen Prämien von 840 Franken pro Alt ie erhalten, während die Notierung an der Pariser Börse nur 1700 Franken betrug.

Das Weihnachtsfest ist in Moskau sowie in der ganzen Sovjetunion im Zeichen des Kampfes gegen die Religion ver­laufen. Alle Betriebe haben am 25. und 26. Dezember wie üb­light gearbeitet. Trotz der Hezze gegen das Weihnachtsfest waren am Abend sämtliche Kirchen in Moskau überfüllt.

Das Geschwader der 14 italienischen Wasserflugzeuge ist am

1. Weihnachtsfeiertag in Bolama, der Hauptstadt von Portu­

lehnte der Stadtrat mit großer Mehrheit zunächst die Anträge der Stadtverwaltung gegen die Stimmen des Oberbürgermei sters Dr. Keller, Bürgermeister Dr. Seib, Beigeordneter Dr. Samm, Justizrat Rosenberg und der Stadtratsmitglieder Fischer ( D.), Mayer( D.), Frau Dr. Mary( D.) und Goerz( 3.) ab. Die Anträge der Volkspartei wurden von rechts und links mit großer Mehrheit abgelehnt.

Nach kurzer Kreditnachbewilligung für die städtische Stra­ßenbahn 15 000 R- Mark mit der Maßgabe, der Stadt­verwaltung freie Hand für Ersparnisanlagen bei der Verwal­tung der Straßenbahn zu lassen, schloß kurz nach 2 Uhr Bürger­meister Dr. Seib sür den inzwischen fortgegangenen Oberbürger­meister die öffentliche Stadtratssitzung.

Das Stadtparlament hat sich damit selbst nach Hause ge­schickt. Nachdem es nunmehr nicht mehr möglich ist, die Finan­zen der Stadt Gießen auf gewöhnlicher, breitester Basis zu re­gulieren, wird wohl auch in Gießen ein Staatskommissar ein­ziehen, um diktatorisch zu verfügen, was seiner Meinung nach nötig tut.

Jrgend einen Vorwurf darf man unserem Stadtparlament Wo für die Ablehnung der Steuererhöhungen nicht machen. heute alles nach Lohn- und Preisabbau ruft, darf die Kommune nicht mehr verlangen. Letzten Endes kann man die Stadtrats­mitglieder selbst mit der Drohung vor dem ,, hösen Staatskom­missar" nicht zwingen, gegen ihre eigene Ueberzeugung ihr eige­nes Grab selbst zu schaufeln.

Wie wir aus unterrichteten Kreisen hören, ist als Staats­kommissar für die Stadt Gießen, Herr Regierungsrat Dr. Mei= er- Friedberg vorgesehen. Er findet eine schwere Aufgabe vor, wir wollen hoffen, daß er sie geschickt und gerecht zu meistern versteht.

giesisch- Guinea, angekommen. Damit ist die letzte afrikanische Etappe erreicht. Das nächste Flugziel ist Port Natal in Bra­fiilien.

Der amerikanische Nordpolforscher Wilkens will im fom: menden Jahre mit einem U- Boot unter dem Eise bis zum Nord­pol vorstoßen. Das umgebaute U.- Boot ist fertiggestellt.

Jm Tharrawaddy- Bezirk in Oberburma ist eine Eingebo­renenrevolte ausgebrochen, die bisher noch nicht unterdrückt werden konnte.

Neuer polnischer Vorstoß

gegen das Deutschtum in Oberschlesien.

Biala. Wie der Oberschlesische Kurier" meldet, plante das Schulinspektorat von Biala einen Vorstoß gegen die deutsche Volks- und Bürgerschule. Diese sollte in eine polnische Lehran­stalt umgewandelt werden. Die bisher. deutschen Klassen sollen dagegen in anderen Gebäuden untergebracht werden. Diese Neu­regelung soll mit dem Schulbeginn im neuen Jahre vorgenom men werden. Dieser angekündigte Vorstoß ist bereits erfolgt. Der Ortsschulrat beschloß, die Schule zu teilen. Diese Verfügung widerspricht einem verbrieften Recht. Das Schulgebäude ist von den Deutschen mit deutschem Gelde errichtet worden, und es iſt urkundlich festgelegt, daß das Gebäude, das der katholisch. Pfarr­gemeinde gehört, nur solange zu Schul- und Unterrichtszwecken zur Verfügung gestellt wird, als die Unterrichtssprache die deut­sche iſt.

Förderung des Kleinwaldbesizes.

Ueber eine Million Heftar Kleinwaldbesitz in Deutschland sind bisher noch nicht so genutzt wie es vom Standpunkte ra­tioneller Ausnutzung wünschenswert wäre. Der Landkreistag hat es sich zum Ziele gesetzt unter seiner Führung durch organi­satorische Zusammenfassung eine zweckmäßige Ausnutzung von Bauernwald und aufforstungsfähigem Dedland herbeizuführen. Auf diese Weise können viele Millionen an Volksvermögen und Volkseinkommen geschaffen werden. Die Organisation ist in be­ster Entwickelung. In allen Provinzen sind die Waldbauvereine an der Tätigkeit, um den Kleinwaldbesitz durch Beratung und geeignete Unterstützung zu größerer Intensität zu bringen, eine Aufgabe, die sich im Rahmen der gesamten Siedlungstätigkeit als Teilaufgabe lohnend gestalten wird.

Der Ausbruch des Merapi.

London, 26. Dezember. Nach Meldungen aus Batavia läßt sich die genaue Zahl der bei dem Ausbruch des Vulkans Merapi ums Leben gekommenen Personen bei der großen Ausdehnung des verheerten Gebietes noch immer nicht feststellen. Nachdem die oberen Lavaschichten durch Regen abgekühlt worden sind, sind mehrere Expeditionen zur Rettung der durch den Ausbruch des Vulkans abgeschnittenen Bewohner ausgesandt worden, doch werden die Rettungsarbeiten noch immer durch giftige Dämpfe erschwert. Insgesamt sind 24 000 Personen aus der Umgebung des Merapi geflüchtet. Die Lava hatte eine Temperatur von 1350 Grad Celsius.

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Nummer 103

Das 9. Volksschulpflichtjahr.

Die Erweiterung der Berufsschulpflicht.

In den letzten Jahren ist das 9. Volksschulpflichtjahr von den Volksschullehrerkreisen immer wieder gefordert worden, ob­wohl maßgebende Stellen und Personen auf die finanzielle Aus­wirkung einer derartig weitgehenden Maßnahme eindringlichst hingewiesen haben. Inzwischen sind wir nicht reicher, wohl aber wesentlich ärmer geworden. Man will nun der Arbeits­losigkeit dadurch steuern, daß man die Jugendlichen ein Jahr länger in der Schule beläßt und berechnet, daß etwa 250 000 Jugendliche so vom Arbeitsmarkt ferngehalten werden können. Es ist aber nichts darüber zu lesen, wie eine derartige Maß­nahme die Elternschaft der Jugendlichen gerade in jetziger Zeit belasten würde, wie der Arbeitsmarkt überhaupt dadurch eine andere und wesentlich günstigere Gestaltung bekommen kann und welche finanziellen Auswirkungen für den Haushalt der Gemeinden als den Trägern der Schulen sich ergeben werden. Doch darüber soll eine Denkschrift des Preußischen Ministeriums für Kultus und Unterricht Aufschluß geben, die zurzeit bear­beitet wird, nachdem bei internationalen Kongressen, in einem umfangreichen Schriftum u. a. m. das 9. Schuljahr nach allen Wirkungsrichtungen eingehend behandelt worden ist.

Auch das deutsche Handwerk hat sich mit der Frage der Erweiterung der Volksschulpflicht befaßt. Es ist der Auf­fassung, daß es besser sei, die Elementarfächer etwas intensiver zu treiben und alle Nebendinge, die davon ablenken, zu lassen. Für den Erfolg in der Erziehung des Lehrlingsnachwuchses ist das Alter von 14 Jahren von entscheidender Bedeutung. Solche Jugendliche fügen sich noch leicht den Anforderungen der Mei­sterlehre, sie stehen noch unter dem Einfluß der häuslichen Er­ziehung und der Schule. Zudem besteht bei weitem noch nicht überall das 8. Pflichtschuljahr, das die Reichsverfassung vor­sieht. Weite Teile der Landbevölkerung der südlichen Teile des Reiches sträuben sich noch sehr gegen die Einführung des 8. Schuljahres. Bei einer derartigen Uneinheitlichkeit unseres Volksschulwesens find allgemeine Reformen nahezu unmöglich, fie würden zu unüberwindlichen Schwierigkeiten führen.

Nach langer Fehde zwischen der Volksschule und Berufs schule ist auf der diesjährigen Tagung des Deutschen Lehrer­vereins in Kassel eine Einheitsfront der Kreise beider Schul­gattungen geschaffen worden. Es ist für das Handwerk inter­essant, die Leitsätze zu kennen, die dem Referat ,, Volksschule und Berufsschule" angefügt wurden und Annahme fanden: ,, 1. Die heutige, nur historisch begreifbare Trennung von Volksschule und Berufsschule muß innerlich und äußerlich überwunden werden durch den entschiedenen Willen der beteiligten Lehrerschaften und Schulverwaltungen, beide Schulgattungen, unbeschadet ihrer Eigenart und relativen Selbständigkeit, als eine Einheit zu sehen und nach einem in sich geschlossenen Bauplan für das gesamte Einheits schulwesen neu zu durchdenken und zu organisieren. Die bis­herige höhere Schule würde als Berufsschule für die intellektuellen Berufe in diesen Bildungsaufbau einzube­ziehen sein und aus dieser Deutung ihrer Wesensart die ihr gemäße Form im Gefüge des Ganzen empfangen.

2. Bis zur Vollendung dieser künftigen, um den pädagogisch so ergiebigen Berufsgedanken bereicherten Einheitsschule ist die Lösung der folgenden Gegenwartsaufgaben mit allem Nachdruck anzustreben:

a) flare Herausarbeitung der Eigenaufgabe der Volks schule, besonders ihrer oberen Jahrgänge, durch end­gültige Preisgabe des Vorbildes der höheren und Hoch­schule und Ueberwindung der unjugendlichen akademisch­systematisierenden Fächerung; Neuorientierung hinsicht lich der Stoff- und Aufgabenauswahl nach ihrer Ge­genwarts- und Wirklichkeitsbedeutung und im Sinne der Berufsannäherung und findung;

b) Erweiterung der Volksschulpflicht auf mindestens 9 Schuljahre als gemeinsame Gestaltungsaufgabe für Volks und Berufsschule und Aufrechterhaltung der unverkürzten Berufsschulpflicht;

c) restlose Durchführung der in der Reichsverfassung vorgesehenen Fortbildungsschulpflicht für alle Jugend­lichen bis zum vollendeten 18. Lebensjahr, besonders auch im Hinblick auf eine ausreichende Wochenstunden­zahl;

d) Schaffung vielfältiger Uebergangs- und Aufstiegs­möglichkeiten zur Hochschulreife, auch auf dem Wege über die Volks- und Berufsschule;

e) konsequente Durchführung und Erweiterung der Kin­derschutz und Jugendwohlfahrtsbestimmungen;

f) einheitliche Grundlinien für die Ausbildung der Lehrer aller Schulgattungen, durch die bei der Verschiedenheit der Bildungswege im einzelnen ihre Gleichwertigkeit im ganzen gewährleistet wird;

g) Zusammenfassung aller Schularten unter eine einheit­liche Leitung."

Diese Bestrebungen nach Vereinheitlichung sind an und für sich durchaus zu begrüßen. Die Zersplitterung und Viel­fältigkeit unseres gesamten Schulwesens von der Volksschule bis zur höheren Schule hat zu einer Unübersichtlichkeit geführt,

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