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Nr. 76.
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Gießener Zeitung
Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüdfendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
13. Jahrg.
Politische Rundschau.
( Gießener Tageblatt)
Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen. Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21.
Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postscheckkonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.
Samstag, den 27. September 1930
Am 6. Oktober beginnen vor dem Reichsrat Beratungen über die Wahlreform.
Die Vollversammlung des Völkerbundes und der Völkerbundsrat einigten sich auf die Wahl von vierzehn im ersten Wahlgang benannten Richtern für den Internationalen Haager Gerichtshof, für Deutschland Prof. Schücking.
Die Beratungen der Reichsrats- Ausschüsse über die Novelle zum Wahlgeset werden am Montag, dem 6. Oktober, beginnen. Am 8. Oktober wird von den Ausschüssen auch die Beratung des Pensionstürzungsgesetzes in Angriff genommen werden.
Milderung der Notverordnung verlangt in einer Eingabe der der Zentralverband Deutscher Kriegsbeschädigter Reichsregierung.
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Wegen Beleidigung des thüringischen Innenministers Dr. Frid zu 50 Mark Geldstrafe verurteilt wurde der Verleger und verantwortliche Schriftleiter der Darmstädter satyrischen Wochenschrift„ Der Datterich", Rudolph.
Die Bergarbeiterverbände haben das Achtstunden- Arbeitsablommen im Ruhrbergbau zum 30. November gekündigt.
Die Bensheimer Kommunistenausschreitungen gelegentlich der Wiedersehensseier der 117er tommen om 6. Oktober vor dem Bezirksschöffengericht Darmstadt zur Abierteilung. Angeklagt henauplatz 14 jint 13 Personen, Zeugen sind 40 geladen. Für die Verhandlung sind drei Tage vorgesehen.
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Die sich seit einigen Tagen Abend für Abend wiederholenden wüften Ausschreitungen gegen die Deutschen und Juden Prags haben neben der gesamten deutschen Einwohnerschaft auch in dem gemäßigten tschechischen Teil eine große Empörung und Erregung ausgelöst.
Der Mailänder ,, Corriere della Sera" tritt mit beachtlicher Deutlichkeit für eine Revision der Friedensverträge ein.
Der kanadische Fliegerhauptmann Boyd hat seinen begonneuen Ozeanflug unterbrochen. Er ist in Harbour Grace( Neujundland) gelandet.
Zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern im belgi. jchen Kohlenbergbau ist eine Einigung über eine Lohnsenkung um 5 Prozent zustandegekommen.
Der frühere österreichische Bundeskanzler Dr. Seipel, der am Mittwoch in Oslo eintras, um Vorträge über die Verhältnisse in Desterreich zu halten, erhielt, wie Berliner Blätter aus Oslo melden, am Donnerstagnachmittag ein Telegramm über den Rücktritt der österreichischen Regierung. Dr. Seipel wurde aufgefordert, sofort zurückzukehren, um on Verhandlungen über die Neubildung des Kabinetts teilzunehmen.
Feierschichten oder Entlassungen
bei der Reichsbahn.
Berlin, 25. 9. Den am Tarifvertrag für die Reichsbahnarbeiter beteiligten Gewerkschaften ist von der Reichsbahnge= sellschaft mitgeteilt worden, daß vom 1. Oktober d. J. ab entreder 5000 Werkstättenarbeiter entlassen oder neue Feierschich ten eingelegt werden müssen. Dagegen vertreten die Gewerkschaften die Auffassung, daß solche einschneidenden Maßnahmen nicht durchgeführt werden können, solange die Reichsbahn über die normalen Beamtengehälter hinaus noch 25 Millionen Mark für außerordentliche Reistungszulagen an Beamte auszahlt. Diese Leistungszulagen sollen hauptsächlich den höheren Beemten zugute kommen.
Besorgniserregende Zahlen.
Die Betreuung der Wohlfahrtserwerbslosen bilder für Gemeinden und Kreise augenblicklich das schwierigste Finanzproblem. Der Präsident des Deutschen Landkreistages Dr. von Stempel bringt in der ,, Zeitschrift für Selbstverwaltung" Nr. 18 vom 15. 9. 1930 interessante statistische Angaben. Aus diesem geht hervor, daß neben den Stadtkreisen auch die Landkreise als Bezirksfürsorgeverbände in weitestem Maße von der Sorge für die Wohlfahrtserwerbslosen betroffen werden. Die Entwicklung in den Landkreisen hat jedes vorauszusehende Maß überschritten und die Etats der Kreise vollständig über den Haufen geworfen. Ausschlußreich sind die Zahlen für den Kreis Mörs. Hier wurden betreut:
am 31. 7. 1928 145 Wohlfahrtserwerbslose( Parteien) am 31. 3. 1929 190
am 31. 7. 1929 183
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am 31. 3. 1930 446(= 100%)
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am 30. 6. 1930 926(= 207,5%) ,,
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33
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Für die bevorstehende Zeit gestalten sich die Zahlen nach den Berechnungen des Arbeitsamtes folgendermaßen:
am 31. 7. 1930 am 31. 8. 1930 am 30. 9. 1930 am 31. 10. 1930 am 30. 11. 1930
1266- 282,5 1602= 359 1886
2313
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423 gegenüber dem Stande 518 vom 31. 3. 1930 (= 100)
2609 585
am 31. 12. 1930 2902= 681
Die Fürsorgeaufwendungen betragen am 31. 12. 1930 in diesem Kreise 1,1 Million mehr als für das Rechnungsjahr 1929. Davon entfallen auf den Kreis 770 000 Mart, auf die kreisangehörigen Gemeinden 330 000 mark. Da der Kreis Mörs aus Reichssteuerüberweisungen nur 710 000 Mark erhält, übersteigt die vorstehende Belastung diese Summe noch um 60 000 Marf. Im Kreise Bitterfeld werden am 30. 9. 1930 von 1000 Einwohnern 135,65 Wohlfahrtserwerbslosenunterstützung beziehen, das sind 13,56% der Bevölkerung. Bis zum Ende des Jahres wird sich diese Zahl auf 20,46 gesteigert haben.
Daraus ist zu ersehen, wenn nicht seitens des Reiches in irgendeiner Form Abhilse geschaffen wird, eine Reihe von Landkreisen in kürzester Frist am Ende ihrer Finanzkraft ange: langt sein werden. Die Forderung der Landkreise nach einer wirksamen Reichshilfe enispringt einer brennenden Notlage, deren Bewältigung ihnen aus eigener Kraft nicht mehr möglich ist. Es handelt sich mithin für die Kreise geradezu um eine Lebensfrage, und vom Reich muß erwartet werden, daß es unverzüglich) Maßnahmen ergreift, eine wirksame Verminderung der kommunalen Belastung durch die Wohlfahrtserwerbslosen herbeizuführen, um den drohenden finanziellen Zusammenbruch der Kreise abzuwenden.
Der deutsche Gesandte schreitet ein.
Prag, 26. September. Der deutsche Gesandte in Prag, Dr. Walter Koch, stattete heute im Prager Außenministerium einen Besuch ab, um in Anwesenheit des Außenministers Dr. Benesch dem bevollmächtigen Minister Dr. Krofta seine ernsten Bedenken wegen der in den letzten Tagen erfolgten Ausschreitungen und Demonstrationen gegen das Deutschtum im allge: meinen und gegen den deutschen Tonfilm im besonderen auszudrücken. Die Bedenken wurden lediglich in Form ernster Vorstellungen vorgebracht.
Ein Chance für Dr. Curtius.
In Berliner amtlichen Stellen werden, wie man aus Berlin hört, die Prager Vorgänge ernst beurteilt. Es besteht die Gefahr einer erheblichen Trübung des Verhältnisses zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei. Man glaubt, daß auch Reichsaußenminister Dr. Curtius in Genf Gelegenheit nehmen wird, den dort anwesenden tschechischen Persönlichkeiten den Standpunkt des deutschen Reiches mit allem Nachdrud klar zu machen.
Ein gutes Beispiel.
Hamburg. Die Mitglieder des Senats sind übereingekommen, bis auf weiteres 10 v. 5. ihres Gehalts der Wohlfahrtsbehörde zum Zwecke der Erwerbslosenspeisung zu überweisen.
Hepp verzichtet in Hessen- Nassau. Hanau, 26. 9. Reichslandbundpräsident Hepp, der auf der Reichsliste der Landvolkpartei gewählt worden war, hat auf sein Mandat in Hessen- Nassau verzichtet. An seine Stelle tritt Bürgermeister Lind- Nieder- Jssigheim.
48 Todesurteile in Moskau vollstreckt. Mostau, 25. Sept. Jm abgekürzten GPU.- Verfahren ist die Schädlingsorganisation auf dem Gebiet der Lebensmittelversorgung, deren Entdeckung aus Veröffentlichungen der GPU. vor drei Tagen bekannt wurde, erledigt worden. Die Zeitungen berichten vom Kollegium der GPU., daß dieses die Sache durchgesehen und verfügt habe, achtundvierzig Personen als aktive Teilnehmer der Schädlingsorganisation und demnach unversöhnliche Feinde der Rätemacht, zu erschießen. Dieses Urteil ist vollstreckt worden.
Ein Geheimfonds Stalins im Ansland. Enthüllungen der„ Daily Mail“.
London, 26. Sept. ,, Daily Mail" veröffentlicht in großer Aufmachung Einzelheiten über einen Geheimfonds Stalins. Einer der führenden Belschewisten soll in einer der größten Banken Berlins eine Attentiste deponiert haben, deren Inhalt nach seinem Tode oder nach seinem Verschwinden aus Rußland veröffentlicht werden solle. Sie enthalte angeblich den vollen von staatlichen Geldern Beweis für große Veruntreuungen
durch Stalin. Wie der diplomatische Korrespondent der„ Daily Mail" aus zuverlässiger Quelle erfahren haben will, soll Stalin seit mehreren Jahren größere Summen, die durch den Verkauf von Waren und Juwelen im Ausland erzielt wurden, einem besonderen„ eisernen Fonds" überweisen lassen. Dieser solle so= lange unangerührt bleiben, wie die Bolschewisten an der Macht feien.
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Nummer 77
Der Einzelhandel
im ersten Halbjahr 1930.
Der gesamte deutsche Einzelhandel stand seit der zweiten Hälfte des Jahres 1929 unter dem Zeichen mehr und mehr zunehmender Depression. Es ist nicht zu verkennen, daß die Weltwirtschaftskrise auch auf den deutschen Binnenhandel wachsenden Einfluß gewonnen hat.
Nachdem von der Forschungsstelle für den Handel in ihrer neuesten Veröffentlichung( Bd. 9 der Schriftreihe, Selbstverlag) errechneten Index sind die Umsätze im Handel mit Textilwaren, Bekleidung, Schuhen, Drogen und Hausrat( ausschließ lich Möbel) gegen den gleichen Vorjahrsabschnitt um 8% zurückgegangen.
Diese Umsatminderung darf wohl je zur Hälfte auf einen Rückgang der Preise und der Mengenumfäße zurückgeführt werden. Deutlich geht aus dem umfangreichen Material hervor, daß aber nicht alle Branchen von diesem Umsagrückgang gleichmäßig betroffen sind. Besonders charakteristisch ist die Feststellung, daß gerade die Warenhäuser nur eine unbedeutende Umsageinbuße( 3,2%) zu verzeichnen haben. Bei den Komsumvereinen( 5,0%) hingegen wird der Umsaßrückgang, der bei den Lebensmitteln stark preisbedingt ist, durch die wachsende Hinzunahme von Bekleidung und Hausrat etwas verdeckt. Auffallend stark in Erscheinung tritt in den einzelnen Branchen der Uebergang zu niedrigeren Preislagen z. B. bei Schuhen, und zu geringeren Qualitäten z. B. bei Glas und Porzellan. Das zeigt, daß die Konsumenten teils aus dem Zwang der wirtschaftlichen Verhältnisse, teils unter dem psychologischen Eindruck der Wirtschaftsnot zu besonders billigen Artikeln greifen. Kennzeichnend für die Gesamtlage im Handel ist deshalb besonders das weithin stärkere Vordringen des Einheitspreisgeschäfts(+ 15,0%).
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Die Wareneingänge beim Handel sind um 10,0% zurückgegangen, also um ½ mehr als der Umsatz. Wenn man von einigen Fällen, die durch besondere Umstände verursacht sind, absieht, hat der Handel wohl der Umsatzverminderung allmählich Rechnung getragen. An sich ist aber im ganzen die Anpassung der Disposition an den Umsatz immer noch sehr unelastisch. Schlecht lag der Schuhwarenhandel,( Umfaß- 11,5%, Wareneingänge 9,8%) der wegen der veränderten Preiskonstellation bei der Zusamenstellung seines Frühjahrssortiments mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Auch beim Eisenwarenhandel 7,5%), der an sich ( Umsätze- 11,2%, Wareneingänge schon in Anbetracht der wenig günstigen Frühjahrsaussichten auf dem Baumarkt vorsichtig disponiert hatte, waren die Wareneingänge größer als die Umsätze, da die Baukonjunktur noch hinter den schon niedrig gespannten Hoffnungen zurückblieb. Umso stärker tritt dann in den Monaten Mai- Juni dieZnrückhaltung in der Warendisposition in Erscheinung, so daß wohl in Kürze ein Ausgleich zwischen Umfaß und Lager in dieser Branche zu erwarten steht.
Die Kosten sind für den gesamten Handel eher absolut etwas gestiegen. Diese Tendenz ist wohl im wesentlichen zurückzuführen auf stärkere Mietaufwendungen, erhöhte Grundsteuern, die auf die Mieter abgewälzt werden, erhöhte Tarife für Licht, Kraft und Heizung, Erwerbslosenfürsorge usw. Da die Kosten nur schwer dem Umsaz anzupassen sind, so ergibt sich natürlich bei zurückgehendem Umfaß eine Steigerung der prozentualen Belastung des Umsatzes, die zu einer Schmälerung des Gewinnes führt. Rechnet man dazu noch die Preisverluste am Warenlager, so erklären sich ohne weiteres die zunehmenden Schwierigkeiten im Handel. Besonders stark gestiegen sind die Kosten im Wäschehandel(+ 4,1%) und im Schuhhandel(+ 1,2%), während die Textilkaufhäuser ihre Kosten in etwa dem Umsatz anpassen konnten.
Die Forschungsstelle für den Handel kommt zu der Auffassung, daß die Verdünnung der Lagerdecke im deutschen Einzelhandel, die gerade in den letzten Monaten starke Fortschritte macht, die im Herbst an wichtiger Stelle zu erwartende Konfumbelebung stärker als sonst auf die Produktion hinwirken lassen wird. Für etwaige konjunkturpolitische Einwirkungen dürfte die Erkenntnis dieser Tatsache höchst bedeutsam sein.
Schwete Zuchthausstrafen im Wessel- Prozeß. Das Schwurgericht beim Landgericht 1 Berlin verkündete am Freitagnachmittag folgendes Urteil im Prozeß gegen Ali Höhler und Genossen: Wegen gemeinschaftlichen Totschlages und unbefugten Wassenbesizes werden verurteilt die Angeklagten Höhler und Rüdert zu je 6 Jahren 1 Monat Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlustt, wegen gemeinschaftlichen Todschlages und Diebstahls der Angeklagte Kandulski zu 5 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust, wegen gemeinschaftlichen Totschlages Mar Jambrowski zu 2 Jahren Gefängnis. Frau Salm, Walter und Willi Jambrowski werden zu 1 Jahr 6 Monaten Gefängnis, Joned und Else Cohn zu 1 Jahr Gefängnis verurteilt. Wegen Begünstigung erhalten die Angeklagten Kupferstein, Sander, Willi Drewnih je 4 Monate Gefängnis.
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