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Samstag, den 26. Juli 1930.

Lokales.

Die Furcht vor dem Ende.

Es gibt tatsächlich Leute, die in den Urlaub fahren, be­sessen von der Furcht vor dem Ende. Sie zählen die Tage und die Stunden, die ihnen vergönnt siind, und wenn die Sonne sinkt, so empfinden sie ein Unbehagen darüber, daß schon wieder ein Ferientag vorbei ist. Sie kommen nicht zur Entspannung, nicht zur Erholung und nicht zum Genuß des Augenblicks, weil sie den Augenblick, der ihnen sonnig erscheint, festhalten möchten, um einer Zukunft, die das Licht vermissen läßt, zu entgehen.

Solche Menschen befinden sich in einer beklagenswerten, see­lischen Verfassung. Sie sind nicht imstande, die Gegenwart zu genießen. Sie schleppen die Ketten der Vergangenheit und der Zukunft. Sie lieben ferner die Arbeit überhaupt nicht. In dem ersten Falle ist ihnen nicht zu helfen. Dieses eiserne Zeit­alter ist nicht für müßiggehende Gentlemen geschaffen. Ueber sie gehen die ewigrollenden Räder des Schicksals. Im zweiten Falle sollten sie sich darauf besinnen, daß sie an der falschen Stelle und auf dem falschen Posten stehen. Sie sollten sich prü­fen und herausfinden, an welche Stelle sie zu eigener Freude und zu dem Nugen ihrer Mitmenschen Arbeit zu leisten ver­möchten. Sie sollten sich sagen, daß es besser ist, spät umzu­jatteln, als ewig auf verlorenem Posten zu stehen, nichts zu leisten und sich selbst zu zermürben.

Wenn sie so weit sind, wird ihnen die Zukunft nicht als Tretmühle, sondern als sonniges Ackerland erscheinen. Sie wer­den den Augenblick genießen, sie werden sich entspannen und erholen, und sie werden gestärkt zurückkehren, um ihr Steuer einem neuen Ziele zuzudrehen.

Zusammenlegung der Ortskrankenkassen Gießen- Stadt und Gießen- Land gescheitert.

Die Ausschußmitglieder der beiden Gießener Ortskranken­tassen befaßten sich in einer gemeinsamen Sitzung am vergange nen Dienstag mit der Verschmelzung der beiden Krankenkassen zu einer einheitlichen Geschäftsführung und sparsamer Verwal­tung. Der kommissarische Geschäftsführer der AOK. Gießen­Land, Georges, machte dementsprechende Ausführungen und hob als Folgerung der bestehenden Gemeinschaftsarbeit die Ver­einigung der Kassen hervor, die gleichzeitig eine wesentliche Er­sparnis darstellen würde. Nach längerer Beratung, und nach­dem die AOK. Gießen- Stadt einstimmig den Zusammenschluß wünschte, gab Bürgermeister Fendt Hungen für den Aus­schuß der AOK. Gießen- Land die Erklärung ab, daß die Arbeit­geber grundsätzlich nicht gegen den Zusammenschluß sind, jedoch ben augenblicklichen Zeitpunkt nicht für geeignet halten. Die Arbeitnehmer waren für eine Verschmelzung der Kassen. So­mit sind die Zusammenlegungsverhandlungen als gescheitert zu betrachten.

* Der Verfassungstag. Das Polizeiamt teilt mit: Nach Artikel 1 des hessischen Gesetzes vom 20. Juni 1929 ist der Ver­fassungstag( 11. August) ein staatlich anerkannter Feiertag und Festtag im Sinne des Artikels 139 der Reichsverfassung. An diesem Tag darf ein Geschäftsverkehr nicht stattfinden.

* Sonntagsfahrkarten am Verfassungstag. Am Verfassungs­tag( 11. August) werden von den Bahnhöfen in Hessen u. Baden Sonntagsrückfahrkarten ausgegeben. Da jedoch in diesem Jahre

,, Gießener Zeitung"

Wir gestatten uns, hierdurch zur Kenntnis zu bringen, dass wir die Vertretung für unsere

Personenwagen-, Last-, Nutzfahrzeuge und Omnibusse

der Firma

DR. E. SCHIRMER, GIESSEN

Bahnhofstrasse 90-92, Fernruf 41 4100

übertragen haben. Die Firma steht zu Auskünften, Angeboten und Probefahrten jederzeit zur Verfügung.

Alle Werkstättenarbeiten werden weiterhin von der Firma Neils& Kraft, Giessen, Marburgerstrasse 68, ausgeführt.

Wir bitten höflichst, die Dienste beider Firmen bei Bedarf in Anspruch zu nehmen.

Daimler- Benz Aktiengellschaft

Stuttgart- Untertürkheim

der 11. August auf einen Montag fällt, so gelten die in Baden und Hessen ausgegebenen Sonntagsrückfahrkarten zur Hinfahrt: am Samstag, den 9. August, von 12 Uhr an, am Sonntag, den 10. August, und am Montag, den 11. August; zur Rückfahrt: am Sonntag, den 10. August, am Monntag, den 11. August, und am Dienstag, den 12. August, bis 9 Uhr. In Preußen und Bayern ist der Verfassungstag fein gesetzlicher Feiertag; die in Preußen und Bayern gelegenen Bahnhöfe dürfen daher zum Verfassungstag auch keine Sonntagsrüdfahrkarten ausgeben.

* Allgemeine Ortskrankenkasse Gießen- Land. Die für den Monat Juni noch ausstehenden Krankenkassen- und Arbeitslo­senversicherungs- Beiträge können bis zum 1. August ohne Ko­sten gezahlt werden.

* Deff entlicher Vortrag. Herr Prof. Otfried Praetorius: Darmstadt spricht am Samstag vormittag, 11,15 Uhr, im Liebig­Museum auf Einladung der Gesellschaft Liebig- Museum über , Vorfahren, Nachkommen u. Sippschaft von Justus von Liebig". Anschließend findet eine Mitgliederversammlung der Gesellschaft statt.

* Lahnregatta. Der Wassersportverein Hellas" bringt am morgigen Sonntag die Lahn- Herbstregatta des Süddeutschen Ru­derverbandes zur Durchführung. Die Rennstrecke befindet sich vom Wehr bis zum Felsen( oberhalb Rübsamen).

* Vogelsberger Höhen- Club. Sonntag, den 27. Juli, Rim­bergfeier. Abfahrt nach Marburg 6,42 Uhr.

* Männer- Turnverein. Turngang nach Bad Salzhausen am kommenden Sonntag, den 27. Juli. Abfahrt 8,21 Uhr nach Nidda. Eine außerordentliche Generalver­* Cp. gg. 1900 d. 3.

Nr. 59.

* Milch auch in der Reisezeit. Ein Glas Milch, je nach der Jahreszeit balt oder warm, erfrischt jeden, der durstig da­nach greift, und gibt ihm neue Spannkraft. Die Zeiten, in denen man das Milchtrinken den Kinder und Schwachen über­ließ, sind vorüber. Heute hat sich die Erkenntnis vom Wert und Wohlgeschmack der Milch bereits in allen Volks- und Al­tersschichten durchgesetzt, und täglich wächst die Zahl derer, die regelmäßig Milch genießen. Eine wirksame Förderung des Verbrauches von Milch ist zu erwarten, wenn vermehrte Ge­legenheit zum Genuß geschaffen wird. Die Errichtung von Milchstuben oder Milchhäuschen in ansprechender Form an Aus­flugsorten, Schulen, Sportplätzen und Fabriken tragen diesem Gedanken Rechnung. Von besonderer Bedeutung ist, auch dem reisenden Publikum Gelegenheit zum Genuß von Milch zu geben. Diese wichtige Aufgabe fällt gerade den fahrbaren Milchwagen zu. Die leichte Beweglichkeit dieser Wagen, die ein Aufstellen überall dort gestatten, wo zu bestimmten Zeiten, wie bei grö­Beren sportlichen Veranstaltungen usw., erhöhte Nachfrage nach Trinkmilch besteht, läßt erhoffen, daß auch die Indienststellung von fahrbaren Milchwagen zur Hebung des Absatzes der Milch beitragen möge.

Straßensperrung,

mitgeteilt vom Oberhessischen Automobil- Club E. V.( A. v. D.), Die Straßensperre auf der Strecke Echzell bis Straße Ber­stadt- Wölfersheim wird ab 28. Juli 1930 aufgehoben.

Die Straßensperre auf der Strecke Großen- Linden- Lang­göns wird ab 29. Juli 1930 aufgehoben.

fammlung findet heute abend um 9 Uhr in der Gastwirtschaft Universal- Reichssteuer- Kassebücher

Boller statt.

Das Goethische Nichts- und Anti- Wissen. müssen. So aber war für Werther nicht die geringste Aussicht

Von Eugen Dühring.

Wenn für groß geltende Dichter, die aber eigentlich nur im Philinentypus zu Hause sind, ihre verbrecherische Fancy­weisheit austramen, dann beirrt und stört dieses unheilvolle Gewebe von Trug leicht den einfachen Sinn, der sich durch die hohlen Phrasen einnehmen läßt.

Um dem zu begegnen, muß man gleich im Anfang einsetzen. Dieser Faust- Goethe spreizt sich im Lehnstuhl, als wenn er alles mögliche Wissen hinter sich hätte. Er schmäht die Logik, die ihm natürlich für sein Gebahren unbequem ist. Er tut so, als wollte er alles ergründen, arbeitet aber im Gegenteil da­raufhin, alles zu umdunkeln. Er hat sich der Magie ergeben, d. h. dem Gegenteil von allem deutlichen und klaren Wissen. Er will hinter Geheimnisse kommen und verliert dabei den Boden der Wirklichkeit.

Vergegenwärtigen wir uns, so widerwärtig es auch ist, seine Gretchenberückung. Da bekommt die Mutter einen so starten Schlaftrunk, daß sie nie wieder erwacht. Aber auch Gretchen selbst fällt dem teuflischen Schicksal anheim. Sie wird wegen Kindesmord hingerichtet, und so ist die Tochter wie die Mutter auf ewig dahin und ein Opfer der niederträchtigen Faustbünste. Auch der Bruder ist im Zweikampf, und zwar nur mit Hilfe des Teufels, erstochen. Die ganze Familie Gretchens ist auf diese Weise durch Faust gemordet. Das ist der Dank des Teufelsgenossen für alles Gute und Liebe, was ihm gret­genseitig allzu vertrauensvoll zuteil geworden.

Dieser Ueberwisserich Faust hat noch nicht gelernt, was ein ordentlich erzogener Junge schon in der Schule sich zueigen machen muß. Dieser Goethe steht vielmehr noch auf dem Stand­punkt des Ptolemäus und sagt demgemäß: Ein jeder Mann hat seinen Wurm, Copernicus den seinen." Das ist in der Tat eine nette Bescherung, diese Absage Goethes an den ein­igen großen Fortschritt des Wissens, an das Copernicanische System. Dabei fancyt Goethe lustig darauf los und brodt einen zweiten Teil ,, Faust" mit feiner Einsicht, aber viel Behagen, weitläufig ein. Wie er sich dabei auch gegen Byron vergeht, ist längst dargetan.

Jetzt haben wir nur noch die Wertherei zu beleuchten, die eim gar leichtfertiges Stückchen ist. Jerusalem ist der wahre Name Werthers. Nebenbei bemerkt ist er ein blonder Jüng­limg von etwa fünfundzwanzig Jahren, von Beruf im diplo­matischen Fach zu Wetzlar tätig. Er hat das Unglück, die Elisabeth Herdt kennen zu lernen und sich in sie derartig zu Derlieben, daß keine Auswege, die er einschlägt, ihn von der Fascination freimachen. Wäre das Weib neutral gewesen und nicht schon verheiratet, so hätten Werther und Herdt sich be­züglich des Weibes einigen oder um sie miteinander fämpfen

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vorhanden, zu seinem Ziel zu gelangen.

Diese Art individuell fixierten Geschlechtsreizes, der sich nicht mehr losreißen kann, ist ein Armutszeugnis für den mensch­lichen Verstand, der dabei in die Brüche geht. Die Macht des Gemüts und des bloßen Gefühls ist dabei das Herrschende und nimmt dem Menschen sozusagen das Leben. Häßlich, daß auch noch die Bemühung um Pistolen ein erkünstelter Akt ist. Der Selbstmord ist unter diesen Umständen nichts Ueberraschen­des; aber Goethe hat noch anderthalb Jahr gewartet, ehe er sein Fancymachwerk, Wertherschrift, herausgab.

Dann sollten sich in Weimar die Herren, die das Werther­spiel mitmachten, denen aber der Wertherfrack als zu teuer über ihre Mittel ging, aus Staatsgeldern helfen lassen. So kam der allgemeine Wertherrummel zu Stande. Diesem leichtfertigen Goethe kam es allein darauf an, mit seiner Wertherschrift recht großes Aufsehen zu machen, bis zu den Chinesen hin. Das hat er erreicht, und sogar der alte Napoleon ist von der Werther­schrift gewissermaßen beirrt worden, indem er sie fast für bare Münze nahm, obwohl er daran Wesentliches auszusehen hatte.

Das Schlimmste bei Goethe war und blieb seine föhler­gläubige Auflehnung gegen die Wissenschaft. Er ist der anti­wissenschaftliche Dichter par excellence und gegen alle Freiheit und Aufklärung verschworen. Darum hat man sich vor allem zu hüten, was von ihm direkt oder indirekt ausgegangen. Zu der Teufelsgenossenschaft wäre es nie gekommen, hätte sie nicht im eigensten Goethischen Charakter selbst gelegen. Antimoral und Antiwissen vertragen und verkuppeln sich nur zu leicht. Solcher Dichtergebahrung wie der Goethischen gegenüber muß man vor beidem stets auf der Hut bleiben. Das gestörte natür­liche Menschenrecht will gegen dichtelnde Ungebühr ausdrüd­lich gewahrt sein, und darum haben wir den Philinen- Goethe als das gezeigt, was er ist- als einen Fälscher von Wissen und Leben, einen sittenwidrigen Charaktermenschen.

Gesunde Ferientage!

Prof. Dr. Erich Leschke- Berlin.

Tief in der menschlichen Persönlichkeit verankert ist der Reise- und Wandertrieb. Aber wie jede Triebbefriedigung Ge­fahren in sich birgt, so auch das Wandern und Reisen. Die erste Gefahr droht schon in der falschen Einstellung zu dem, was man mit der Reise erreichen will. Man soll sein Reise­ziel und dessen Erfüllung nicht allein seinen finanziellen, son­dern seinen körperlichen und geistigen Kräften anpassen. Der Ruhe und Erholungsbedürftige soll nicht anstrengende Wan­derungen und Bergtouren unternehmen, der vom Lärm der Großstadt Ermüdete nicht geräuschvolle Badeorte aufsuchen oder jeine Erholungszeit lediglich zur Befriedigung seines Bildungs­hungers mit Städtereisen ausfüllen.

Albin Klein, Giessen, Südanlage 21.

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Oberstes Ziel und Gesetz des Reisens seien Ferien vom Ich, d. h. Ausspannung vom Beruf, neue Umgebung, ausgleichende, aber schonende Uebung vernachlässigter Kräfte des seelischen Erlebens und der körperlichen Betätigung.

Nie vergesse man, daß der Klimawechsel ebenso gesundheits­fördend wie auch anstrengend ist, anstrengend so lange, bis der Körper sich gewöhnt, sich afklimatisiert hat. Die Unterschiede des Luftdruces, die stärkere Wirkung nicht nur der sichtbaren Sonnenstrahlen, sondern auch der unsichtbaren ultravioletten und ultraroten Strahlen des Sonnenlichts, die eben erst er­forschte Höhenstrahlung, der Reiz der bewegten Luft, der Salz­und Feuchtigkeitsgehalt der Meeresluft und noch andere Fat­toren mehr bedeuten für den Körper Reize, die ihm heilsam sind, an die er sich aber erst gewöhnen muß und die bei Ueber­dosierung schaden können.

Viele merken diese Wirkung daran, daß sie sich in den ersten Tagen in ihrer Sommerfrische abgespannt und müde fühlen, oder daß sie reizbarer sind und schlechter schlafen. Nichts würde per­tehrter und schädlicher sein, als diese Warnung zu überhöret und in falschem Heldentum seinem Körper sofort alle möglichen Anstrengungen zuzumuten.

m Meere Eine zu starke Besonnung, sei es am Meere oder in den Bergen, führt nicht allein zu Hautverbrennungen, sondern kann auch schlummernde Infektionen zum Aufflammen bringen.

Das gleiche gilt für den Reiz der bewegten Luft. Menschen, die ihr Leben im Zimmer verbringen, sind nicht so abgehärtet, wie der Bauer, der Forstmann, der Seemann oder der Gebirgs: bewohner. Es würde törichter Ehrgeiz sein, es vom ersten Tage an diesen gleichtun zu wollen. Auch hierzu muß der Körper erst langsam gewöhnt werden. Gerade hierbei spielt die Bekleidungsfrage eine wichtige Rolle, die vielfach unter­schätzt wird. Es ist kein Zufall, daß viele Menschen sich im Sommer leichter erkälten, als im Winter, weil der Körper auf geringe Temperaturunterschiede schwächer reagiert und sich darum auch schwächer gegen sie wehrt, als gegen starke und brüske. Die abendlichen Abkühlungen erfordern darum ebenso wie die Wit­terungsumschläge gerade im Sommer eine wärmere Beklei= dung, die man nicht zu Hause lassen darf in der falschen Hoff­nung auf unverändert schönes und warmes Wetter.

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Die Unterschiede des Luftdrucks stellen gleichfalls nur für ältere Menschen und solche mit erhöhtem Blutdrud einen Faktor dar, an den man sich erst gewöhnen muß. Es empfiehlt sich daher die Reise in höhere Gebingslagen zweds langfamer Gewöhnung an die dünnere Luft der Berge, möglichst in zwei Etappen zu machen, und dort angekommen, sich in den ersten Tagen ruhig zu verhalten. Junge Leute fündigen ge­rade hierin leicht und schädigen ihr Herz in unabsehbarer Weise, indem sie nicht schnell genug nach der Ankunft die schwierigsten Gipfel zu stürmen versuchen.