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Nr. 85

Samstag, den 25. Oftober 1930.

Tod durch Elektrizität.

Herborn. Bürgermeister Henn der Gemeinde Frechenhausen wollte das im Rohbau vollendete neue Rathaus besichtigen und kam hierbei der provisorisch eingebauten Lichtleitung zu nahe. Durch einen elektrischen Schlag wurde er derart schwer verletzt, daß der Tod an der Unfallstelle eintrat. Bürgermeister Henn hinterläßt Frau und acht unversorgte Kinder.

Bestechung beim Frankfurter Elektrizitätswert? Frankfurt a. M., 23. Oft. Gegen sechs bis acht Beamte des Städtischen Elektrizitätswerkes ist bei der Staatsanwalt= schaft von interessierter Seite Anzeige wegen Annahme von Bestechungsgeldern erstattet worden. Es soll sich teilweise um sehr erhebliche Sätze handeln.

Frankfurt a. M. Ein Arbeiter, der mit einem Stein nach einem Polizeiauto geworfen hatte, wurde vom Schnellrichter zu achi Monaten Gefängnis verurteilt.

Höchst a. M. Eine Beitragsherabsetzung bei den Höchster Krankenkassen wurde beschlossen. Die Reduktion ging von 7,5 auf 6 Prozent.

Vier Bauernhöfe durch Feuer vernichtet. Heidelberg, 24. Oft. In Gerchsheim( Unterbaden) brach am Donnerstag in einer mit Erntevorräten gefüllten Scheune Feuer aus. Das Feuer breitete sich mit ungewöhnlicher Schnel­ligkeit auf vier Bauernanwesen aus, die vollständig nieder­brannten. Ein 80jähriger Greis konnte nur mit Mühe aus den Flammen gerettet werden.

Rüdesheim. Der Betrieb der Zahnradbahn nach dem Nie­derwalddenkmal wurde für dieses Jahr eingestellt.

125 000 Mart unterschlagen.

Kassel. Das große Schöffengericht in Kassel verurteilte den Bureaudirektor Karl Erbelich aus Kassel wegen fortge= setzten Betruges in 13 Fällen, Unterschlagung und Untreue zu drei Jahren und sechs Monaten Gefängnis und drei Jahren Ehrenrechtsverlust. Erbelich betätigte sich nebenbei als Ver­mögensverwalter, Sachberater und Testamentsvollstrecker, in welcher Eigenschaft er insgesamt 125 000 RM. unterschlagen hat.

Die Hilfsaktion für die Hinterbliebenen der Koblenzer Brückeneinsturzkatastrophe

ist nun abgeschlossen. Insgesamt sind von amtlicher Seite 55 100 und von privater 20 000 Mark eingegangen. Kurz nach dem Unglück wurden zur Linderung der größten Not 5100 Mark ausgegeben.

Osnabrück. Jeder sechste Einwohner wird hier aus öffent­lichen Mitteln unterstützt.

Ein 75jähriger wegen Totschlags verurteilt. Vor dem Eisenacher Schwurgericht wurde gegen den 72 Jahre alten Schuhmachermeister Friedrich Mehne verhandelt, der am 30. Mai d. J. im Verlaufe eines Streites den Fuhr­mann Fischer mit einem Messer erstach. Das Gericht verurteilte Mehne zu fünf Monaten Gefängnis.

Die längste bisher erreichte Fernsprechverbindung. Berlin, 24. Okt., Ende dieser Woche wird der König von Siam in der Lage sein, sich mit seiner Gesandtschaft in Washington telephonisch zu unterhalten. Das Fernamt Berlin hat in diesen Tagen versuchsweise eine Gesprächsverbindung Banglof Washington hergestellt. Obwohl die beiden Städte mehr als 15 000 km auseinanderliegen, war die Verständigung sehr gut. Das Gespräch wird zum Teil über Fernkabel geführt. Es handelt sich bei dem Gespräch um die längste Fernverbin­dung, die bis jetzt hergestellt worden ist.

Stollberg. Die Biersteuer verweigert haben die Gastwirte der Amtshauptmannschaft. Sie wollen bei Aufrechterhaltung sämtliche Gaststätten schließen.

Schacht in Boston.

Newyork, 24. Oktober. In Boston sprach Dr. Schacht über die Ziele der BJ3. Er wies darauf hin, daß man für den Winter in Deutschland mit 4 Millionen Arbeitslosen rechnen müsse.

Gießener Zeitung"

Eine megikanische Stadt durch Hochwasser vernichtet. Newyori, 24. Oktober. Wie aus Meriko- Stadt berichtet wird, ist ein Hauptmann mit den Truppen der Garnison Alamo in Tampico eingetroffen. Wie er berichtet, ist die Stadt Alamo durch das verheerende Hochwasser am letzten Dienstag völlig vernichtet worden. Hunderte von Menschen haben in den hoch­gehenden Fluten den Tod gefunden.

Ermordung eines Chicagoer Bandenführers. London, 24. Okt. Wie aus Chicago gemeldet wird, ist der Führer einer großen Schmugglerbande, Joe Aiello, ermordet worden. Als er seine Wohnung verließ, wurde er von Un­bekannten durch zahlreiche Revolverschüsse niedergestreckt. Der Anschlag war auf das genaueste vorbereitet.

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3 116 000 Arbeitslose.

Nach dem Bericht der Reichsanstalt für die Zeit vom 1. bis 15. Oktober belief sich die Zahl der Hauptunterstügungsempfän­ger am 15. Oktober auf rund 1 491 000. Jm gleichen Zeitpunkt wurden über 488 000 Krisenunterstützte gezählt, d. h. um etwa 16 000 mehr als Anfang des Monats. Die Gesamtbelastung beider Unterstützungseinrichtungen beträgt rund 1980 000, etwa 14 000 höher als Anfang Oktober. Die Meldungen verfügbarer Arbeitssuchender beliefen sich am 15. Oktober auf nahezu 3 184 000, von denen etwa 3 116 000 als tatsächlich arbeitslos gelten können. Die starke Zunahme dieser Zahl gegenüber dem vorigen Berichtsabschnitt um rund 112 000 ist zum Teil darauf zurückzuführen, daß die von den Gemeinden unterstützten Wohlfahrtserwerbslosen mehr als bisher von der Statistik der Arbeitsämter erfaßt werden. Auch die Zugänge entlassener An­gestellter dürfien, wie stets zum Quartalswechsel, zum Anschwel­len dieser Zahl beigetragen haben. Die Zunahme vom 15. Sep­tember zum 15. Oktober beläuft sich auf rund 133 000. Die Aus­wirkungen des Reichswohnungsbauprogramms schaffen, wie zu erwarten war, nur in beschränktem Maße ein Gegengewicht.

Um die Frage der Wehrfähigkeit.

Der Herr Reichskanzler hat in seiner Reichstagsrede am 16. Oktober zum Ausdruck gebracht, daß die Reichsregierung sich für die Erhaltung der Wehrfähigkeit des deutschen Volkes ein­setze. Wir haben diese Erklärung mit Genugtuung zur Kennt­nis genommen und wollen hoffen, daß dieser Erklärung Taten folgen. Es wird allerhöchste Zeit, daß das Reich gegen die ständig anwachsende Agitation der Kriegsdienstverweigerer Front macht. Wir nehmen an, daß auch der Reichsregierung es nicht entgangen sein wird, daß sich eine Internationale Aktion gegen Wehrpflicht und militärische Ausbildung der Jugend" gebildet hat, die bezeichnender Weise in den Ländern ( wie Frankreich und Polen), die militärische Jugendausbil­dung haben, keinen Boden findet, im entwaffneten, wehrlosen Deutschland aber gleich ein Schock Männer des heutigen Sy­stems an ihrer Spitze sieht. Daß darunter sozialdemokratische Führer und solche des Reichsbanners sind, ist selbstverständlich. Da diese ,, Aktion" angekündigt hat, auf Reichstag und Reichs­regierung im Sinne ihrer Bestrebungen einzuwirken und da­hin zu drücken, daß gegen ale diejenigen von staatswegen ein­geschritten wird, die für die Wehrfähigkeit von Staat und Volk eintreten, wird der Herr Reichskanzler sehr schnell Gelegenheit haben, zu beweisen, daß es der Reichsregierung mit ihrer wehrfreundlichen Erklärung bitter ernst ist.

Der Zuschußbedarf der öffentlichen Verwaltung.

Somit ist seit dem ersten Berichtsjahr 1925/26 der Gesamt zuschußbedarf der öffentlichen Verwaltung um rund 5% Mil liarden RM. oder 44,6% gestiegen.

Die Steigerung der allgemeinen Deckungsmittel läuft nicht parallel zur Entwicklung des gesamten Zuschußbedarfs, sondern bleibt im letzten Berichtsjahr( 1928/29) gegenüber dem Vorjahr erheblich hinter dessen Zunahme zurück. Ueber die Entwicklung im einzelnen gibt nachstehende Tabelle Aus kunft:

Zu der Neichsfinanzstatistik für das Rechnungsjahr 1928/29 werden nunmehr die vorläufigen Ergebnisse über den Zuschußbedarf der öffentlichen Verwaltung( Reich, Länder, Gemeinden und Gemeindeverbände) bekannt gegeben. Unter Zuschußbedarf wird hierbei der Teil des Finanzbedarfs( Brut­toausgaben ohne Doppelzählungen) verstanden, der nach Abzug der speziellen Deckungsmittel( Gebühren, Beiträge, Schulden­aufnahme usw.) verbleibt und durch die allgemeinen Deckungs­mittel( Steuern, Zölle und Erträge des Erwerbsvermögens) seine Deckung findet. Der Gesamtzuschußbedarf der öffentlichen Verwaltung im Deutschen Reich( Reich, Länder, Gemeinden u. Gemeindeverbände) beträgt für das Rechnungsjahr 1928/29 rund 17 Milliarden Reichsmark. Gegenüber dem Vorjahr ist somit ein Mehrbedarf von nahezu 2 Milliarden RM. oder 13,2 v. H. vorhanden. Im einzelnen gibt nachstehende Tabelle Auskunft über die Entwicklung seit 1925/26:

Gesamt­zuschußbedarf

Steigerung gegenüber dem Vorjahr

in v. H.

Rechnungsjahr 1925/26 1926/27 1927/28 1928/29

in Mill. RM

in Mill. RM

11 728,3

13 628,6

I 900,3

14 979,4

16 958,2

I 978,8

16,2 9,9 13,2

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Allgemeine Dedungs­mittel insg. in Mill. RM

Rechnungs­jahr

Steuern

u. Zölle

10 578,1

II 675/3 13 544,2

I 121,3

I 351,6

14 282,1

I 415,3

15 697,4

1925/26 1926 27 1927/28 1928/29

II 146,9 12 796,6 14 895,8

Steigerung gegenüber dem Vorjahr

in Mill. RM

I 649,7

2 099,2

in v. 5.

+14,8

+16,4

801,6+5,4

Der Zuschußbedarf der Gemeinden mit mehr als 10 000 Einwohnern betrug in den einzelnen Jahren:

1925/26 2,337 Milliarden NM.

1926/27 2,710

"

"

1927/28 2,925

"

"

1928/29 3,220

"

"

Umgerechnet auf den Kopf der Bevölkerung stieg der Zuschuß bedarf in den angegebenen Jahren von 84,98 RM. im Jahre 1925/26 auf 98,10 RM. im Jahre 1926/27, um für 1927/28 bezw. 1928/29 den Betrag von 105,39 RM. bezw. 115,05 RM. zu erreichen. Die legte Ziffer bedeutet gegen über dem Stand im Jahre 1925/26 eine Steigerung von 35,4%.

An dem Zuschußbedarf nimmt das Wohlfahrtswesen der Gemeinden den größten Anteil für sich in Anspruch. Allein in den Jahren 1927/28 zu 1928/29 stiegen die Ausgaben für Wohlfahrtswesen ohne Erwerbslosenfürsorge um 158 Mil lionen RM. Die Ursache für diese große Aufwärtsbewegung ist in erster Linie die wachsende Zahl der Wohlfahrtserwerbs losen, deren Unterstützung den Gemeinden und Gemeindever bänden in vollem Umfang obliegt.

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