Nr. 75.
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Gießener Zeitung
Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüdsendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
43. Jahrg.
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Bolitische Rundschau.
( Gießener Tageblatt)
Druck und Verlag von Albin Klein in Gießen. Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postscheckkonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.
Mittwoch, den 24. September 1930
Reichspräsident von Hindenburg hat am Montag vormittag den Ozeanflieger von Gronau und seine Kameraden empfangen und sich über den Flug Bericht erstatten lassen.
Im Zusammenhang mit den französischen Manövern bei Dijon wurde festgestellt, daß zahlreiche kommunistische Propa. gandaschriften, die zur Gehorsamsverweigerung aufforderten, unter den Reservisten verteilt worden sind.
Frankreich hat, wie sich die„ Sunday Times" aus Genf berichten läßt, den italienischen Vermittlungsvorschlag zur Erzielung einer Verständigung in den Flottendifferenzen der beiden Mächte abgelehnt. Die Verhandlungen sind damit zum völligen Stillstand gekommen.
Auf dem Hartmannsweilerfopf wurde gestern unter großen Feierlichkeiten und in Anwesenheit zahlreicher französischer politischer und militärischer Persönlichkeiten ein Leuchtireuz enthüllt.
Die Zahl der Arbeitslosen in England hat seit dem 1. September um weitere 110 000 Mann zugenommen.
Am Montag wurde in Preßburg der Mitangeklagte des früheren siowakischen Abgeordneten Professor Tuka, Ingenieur Stöger, zu fünf Jahren Zuchthaus und dreijährigem Entzug der Ehrenrechte verurteilt.
Die Strafmaßnahmen gegen die Ukrainer in Ostgalizien werden von der polnischen Regierung energisch durchgeführt. In zahlreichen Orten wurden Verhaftungen vorgenommen.
Der verhaftete frühere rumänische Kriegsminister Nircescu, der im Verdacht steht, wichtige militärische Dokumente an das Ausland weitergegeben zu haben, verübte einen Selbstmordversuch, indem er sich eine Kugel in die Brust schoß.
Die Wahlen zu den Provinziallandtagen in Schweden brachten den Sozialdemokraten und den Rechtsparteien einen Stimmenzuwachs, während die Mittelparteien einen großen Teil ihrer Mandate verloren haben.
In Mostau hat die OGPU. eine große sowjetfeindliche Organisation entdeckt, die in verschiedenen Städten Hungersnöte hervorrufen wollte, um dadurch Aufstände gegen die Sowjetregierung herbeizuführen.
Nach dem Bericht des Volkskommissariats hat die Zahl der jugendlichen Vagabunden in Sowjet- Rußland am 1. September rund fünf Millionen betragen. Die Tscheka ist angewiesen, im dritten Wiederholungsfalle die Todesstrafe auch gegen Jugendliche anzuwenden.
Seit drei Tagen finden in Leningrad straßenweise Haussuchungen nach verstecktem Silbergeld statt. Die Zahl der Verhafteten soll schon viertausend überschreiten. Massenexekutio= nen durch die Tscheka haben in der Peter- Paul- Festung begon
nen.
Die Umbildung des türkischen Kabinetts ist mit dem Rücktritt des Justizministers Mahmud Essad eingeleitet worden.
In Chile find Hunderte von Personen im Zusammenhang mit der Militärrevolte im Süden des Landes verhaftet wor: den. Die Lage in Chile ist immer noch äußerst ernst.
Die als Zeugin im Bombenlegerprozeß auftretende Frau ven Dergen ist aus der Haft wieder entlassen worden.
Vor dem Schwurgericht in Berlin Moabit begann am ge= strigen Montag der Prozeß gegen den Kommunisten Ali Höhler und Genossen, die beschuldigt sind, den Nationalsozialisten Horst Wessel erschossen zu haben.
Vor dem Schwurgericht in Berlin begann der Prozeß wegen der Schießerei in der Naugarderstraße im Nordosten Berlins, bei der zwei Mitglieder des unpolitischen Fußballklubs„ Germania" getötet wurden.
Der Münsteraner Flieger Weichelt hat einen neuen Welt: rekord im Rückenflug aufgestellt.
Die seit 150 Jahren bestehende Lederfabrik Johannes Döhle in der hessischen Kreisstadt Eschwege ist bis auf die Grundmauern niedergebrannt.
Der langjährige Intendant des Kasseler Hoftheaters, Kammerherr des Kaisers, Rittmeister a. D. der Deuzer Kürassiere, Wilhelm Adrian Graf von Byland, ist im 72. Lebensjahr ge= storben.
Neuer Fehlbetrag
von 4-500 Millionen RM.
Am Dienstagnachmittag trat, wie aus Berlin gemeldet wird, die Reichsregierung zu einer Kabinettsizung zusammen, um die Gesetzentwürfe über das finanzpolitische Reformprogramm der Regierung zu beraten. Die seit Monaten geleisteien Vorarbeiten gelangen damit in das entscheidende Stadium. Die Kabinettsberatungen werden voraussichtlich mehrere Tage in Anspruch nehmen. Die Reichsregierung will das Reformprogramm in feiner Gesamtheit mit Ausnahme der Wahlreform, Das vom Kabinett schon verabschiedet ist, und beim Reichsrat liegt, einer gründlichen Erörterung unterziehen und nach Abhluß ihrer eigenen Beratungen die offiziellen Verhandlungen
mit den Parteiführern aufnehmen. Zunächst nahm das Kabinett das vom Reichsfinanzminister Dietrich angekündigte Sparprogramm in Angriff. Es handelt sich dabei um die Verwaltungsreform, um die Arbeitslosenfrage, um die Einschränfung der öffentlichen Ausgaben und um die Entlastung der Wirtschaft. Darüber hinaus wird das Kabinett in weiteren Besprechungen die Grundlagen festlegen, auf denen dann mit den Parteien verhandelt werden soll.
Besondere Schwierigkeiten werden dabei wiederum die Fragen der Arbeitslosen- Unterstützung bereiten Die erwartete Entspannung auf dem Arbeitsmarkt ist nicht eingetreten. Es ist wieder ein Loch in der Etats- Ausstellung aufgebrochen, für dessen Füllung neue Mittel bereitgestellt werden müssen. Hinzu tommt, daß sich auch die Steuereingänge aus den kürzlich beschlossenen neuen Steuern nicht in der Weise in der Reichskasse fühlbar machen, wie dies vom Reichsfinanzminister erwartet wurde. So hat sich beispielsweise die letzte Biersteuererhöhung bisher nur in sehr geringem Umfange ausgewirkt. An zuständigen Stellen rechnet man unter diesen Umständen mit einem neuen Fehlbetrag von mindestens 400 bis 500 Millionen RM. An weitere Steuererhöhungen ist mit Rücksicht auf die ohnehin schon schwer belastete Wirtschaft nicht mehr zu denken. Man wird aber zu einer weiteren Erhöhung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung gelangen.
Neben dem Fehlbetrag des Reiches wird sich das Reichskabinett auch mit den Haushaltsfehlbeträgen bei den Ländern und vor allem bei den Gemeinden befassen, die für die endgültige Gestaltung der Finanzreform und des Finanzausgleichs von nicht geringer Bedeutung sind. Bei den Gemeinden ist die kurzfristige Verschuldung im Laufe der letzten Jahre von 3½ auf 4 Milliarden Reichsmark gestiegen.
Schiele verzichtet.
Berlin, 23. 9. Nach längerer Ueberlegung hat der Reichsernährungsminister Schiele sich entschlossen, für den neugewählten Reichstag kein Mandat anzunehmen. Er begründet diesen Entschluß damit, daß er sich die notwendige Handlungsfreiheit im Kampf um die Landwirtschaft bewahren wolle.
Mussolini über das Ergebnis
des 14. September.
Rom. Das Befehlsblatt der Faschistischen Partei enthält eine außerordentlich beachtliche Stellungnahme zu den deutschen Wahlergebnissen. Der Verfasser ist ohne Zweifel Mussolini selbst. In dieser Stellungnahme heißt es u. a.:
Die Generation des 20. Jahrhundert ist bezaubert von nur zwei neuen politischen Systemen, die es in der Welt gibt, dem Faschismus und dem Bolschewismus. Die Alternative zeichnet sich immer deutlicher und dramatischer am Horizont ab. Die Wahlen des 14. September, die im Zeichen Hitlers stattfanden, bestätigen das. Deutschland ist im Begriff, sich zu entscheiden und hat inzwischen sein erregtes Gesicht, aber gleichzeitig seinen festen, tiefen, unbezwingbaren Geist gezeigt.
Gibt es noch jemand, der träumt, er könne ihn auslöschen? Gibt es noch jemand, der glaubt, daß der Youngplan ge nau im Jahre 1988 ablaufen werde und daß die Verträge auf Ewigkeit dauern werden?
Die stürmische nationale Wiedererhebung Deutschlands interessiert uns. Die Annahme, die hier und dort besprochen wird, von einem kommunistischen Vorläufer erschreckt uns nicht im geringsten. Das faschistische Italien greift nicht vor, noch täuscht es sich. Es bereitet sich vor.
904 Arbeitslose in Frankreich.
Paris, 22. 9. Wie aus dem Statistischen Bericht des Arbeitsministeriums hervorgeht, beträgt die Gesamtzahl der Arbeitslosen in Frankreich 904, gegenüber 928 in der vorigen Woche.
Aufdedung umfangreicher Spritschiebungen.
Kehl. Auf Veranlassung der Zollfahndungsstelle wurde der Steuererheber von Kork bei Kehl verhaftet. Er steht im Verdacht, schon seit mehreren Jahren Spritschiebungen begünstigt zu haben. Die eingeleiteten Nachforschungen und eine während seiner Abwesenheit vorgenommene Hausuntersuchung förderte schwer belastendes Material zu Tage. Auf Grund des Ergebnisses der Haussuchungen wurden auch in Achern( Baden) und in Stuttgart Verhaftungen vorgenommen.
Kommunalpolitische Tagung.
Der Verein für Kommunalwirtschaft und Kommunalpolitik E. V., eine Organisation von mehr als 1000 deutschen Städten und Kommunalverbänden, hält seine diesjährige Tagung in Osnabrück ab. Der Zeitersparnis wegen sind die Verhandlungen zusammengedrängt auf den 10. und 11. Oktober. Im Vordergrund stehen die Berichte:„ Fehlentwidlungen in der Selbstverwaltung", Oberbürgermeister Prof. Dr. Most, Duisburg- Ruhrort, und„ Umorganisation der Reichs-, Länder- und Gemeindefinanzen".
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Nummer 76
Reichsverfassung und das deutsche Handwerk.
Von Rechtsanwalt Dr. von Köbke, Ober- Regier.- Rat z. D Wie sich schon jetzt bei Beginn des Wahlkampfes zeigt, treten diesmal die Kämpfe um Probleme der Außenpolitik gegen früher in den Hintergrund; desto stärker bewegen die Wäh lermassen innerpolitische Fragen, insbesondere solche finanz- und wirtschaftspolitischer Natur. Hier denke ich nur an das Programm zur Hebung der Landwirtschaft, an Fragen der Handelsvertragspolitik, an die Lasten der Steuern wie vor allem der Erwerbslosenfürsorge.
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Alle Berufsstände versuchen ihren Einfluß auf die Parteien zugunsten ihrer Wünsche und Forderungen geltend zu machen; der Reichsverband der Deutschen Industrie hat soeben seine Mitglieder zur aktiven Wahlbeteiligung wie zur Unterstützung nur solcher Parteien aufgefordert, die unzweideutig für die Erhaltung und Entwicklung der Privatwirtschaft sowie für das Privateigentum eintreten. Auch das Handwerk wird seine Forderungen und Ansprüche Forderungen und Ansprüche mit vollem Recht- geltend machen. Denn nicht nur die Landwirtschaft, auch der gewerbliche Mittelstand gehört zu den notleidendsten wie aber auch zu den wertvollsten Bestandteilen der deutschen Wirtschaft. Letztere hohe Bedeutung des deutschen Handwerks ist auch in Artikel 164 der Reichsverfassung ausdrücklich anerkannt; hier heißt es: Der selbständige Mittelstand in Landwirtschaft, Gewerbe und Handel ist in Gesetzgebung und Verwaltung zu fördern und gegen Ueberlastung und Aufsaugung zu schützen".
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Dieser Artikel enthält viel mehr als seine schlichte Fassung Unbesagt; er hat geradezu programmatische Bedeutung. sere Verfassung wurde errichtet im Jahre 1919, in dem noch die Jdeengänge der Planwirtschaft wie die der Sozialisierung und Kommunalisierung fast unumschränkt herrschten. Mit Recht führt Anschüß, der berühmte Kommentator der Reichsverfassung in einer Vorbemerkung zu dem Teil der Reichsverfassung, der das Wirtschaftsleben behandelt, aus: ,, Kein Teil der Verfassung zeigt so ausgeprägt sozialistische Züge wie dieser. Dies ist erklärlich; denn der Sozialismus ist eine Wirt schaftsanschauung, hier handelt es sich um das Wirtschaftsleben". Zu Artikel 164 wird aber von Anschüß ausgeführt: ,, Die Verfassung geht davon aus, daß die Erhaltung dieses sozialen Zwischenbaues zwischen Kapitalismus im engeren Sinne und Arbeiterschaft möglich, und daß sie, daß weiterhin auch die Stärkung und Förderung des Mittelstandes im Gemeininteresse notwendig ist. In beiden Beziehungen steht die Verfassung mit Theorie und Politik des marristischen Sozialismus im Widerspruch; Artikel 164 ist einer der am meisten antisozialistischen Artikel der Grundrechte".
Aus diesen Ausführungen erhellt aber überzeugend, welch hohe Bedeutung dem Artikel 164 der Reichsverfassung, der in der Praxis allzuoft gänzlich vergessen wird, in Wirklichkeit zukommt, und daß die Forderung des gewerblichen Mittelstandes nach tatsächlicher Durchführung dieser Vorschrift vollauf berechtigt ist.
Was nun diesen kurzen Artikel der Reichsverfassung selbst anlangt, so trifft dieser mit klarem Blick den Kern der Sache. Nicht von Sondervorteilen, Subventionen und dergl., die den Gedanken der Selbsthilfe im gewerblichen Mittelstand nur lähmen, ist die Rede; es wird dagegen nur allgemein von 1. Förderung in Gesetzgebung und Verwaltung und 2. Schuß gegen Ueberlastung und Aufsaugung gesprochen. In diesem Rahmen aber halten sich die Forderungen des Handwerks dem Reich, den Ländern und auch den Gemeinden gegenüber.
An erster Stelle des Artikels 164 steht ,, Förderung in Gesetzgebung und Verwaltung". An eine Subventionspolitik alten Stiles ist hierbei gewiß nicht gedacht. Es ist ein Glück für das Handwerk, daß es in seiner überwiegenden Mehrheit wie auch seine leitenden Führer von solchen Gedankengängen frei sind. Zu denken ist jedoch hier an Forderungen auf kulturellem Gebiet, insbesondere an Förderung der Berufsausbildung wie der Fortbildung von Meistern und Gesellen, deren weittragende Bedeutung gerade in der Gegenwart im Zeichen der ,, Rationalisierung" nicht genug gewürdigt werden kann. Gedacht wird aber auch an Förderung der genossenschaftlichen wie der berufsständischen handwerklichen Drganisationen und ihrer Belange durch verständnisvolles Eingehen der öffentlichen Verwaltungen auf die handwerklichen Forderungen; so z. B. durch entsprechende Beteiligung des Handwerks bei Vergebung öffentlicher Arbeiten, durch Berücksichtigung seiner Belange bei den Handelsverträgen usw. usw. Kurz es sollte keine Maßnahme irgendwelcher Art seitens des Reichs, der Länder und Gemeinden geplant oder beschlossen werden, ohne daß ihre Rückwirfungen auf das Handwerk eingehend geprüft und Zurücksetzungen vermieden werden! Den Worten des Lobes und der Unerkennung, die von Behördenvertretern bei Handwerkerversammlungen so oft gesprochen werden, müssen entsprechende Taten folgen. Bei alledem darf aber die staatliche oder gemeindliche Förderung nicht in ,, Bevormundung" ausarten; dem Handwerk muß die Freiheit seines Handelns gewahrt bleiben. Die Selbstverwaltung im Handwerk darf nicht geschmälert, muß vielmehr erweitert werden; der Gedanke der Selbstverantwortung ist unantastbar.


