Nr. 22.
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Gießener Zeitung
Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr.- Für Aufbewahrung oder Rüdsendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
43. Jahrg.
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Politische Rundschau.
Der Reichstag hat sich am Mittwoch bis zum nächsten Mon tag vertagt.
( Gießener Tageblatt)
Der Reichsrat nahm vom Republikschutzgesetz Kenntnis, ohne Einspruch zu erheben.
Der Vorsitzende des Steuerausschusses des Reichstages hat den Ausschuß zur Beratung der neuen Steuervorlagen der Reichsregierng zum 26. März einberufen.
Als deutsche Vertreter im Verwaltungsrat der Bank für internationalen Zahlungsausgleich sind neben den von Amts wegen in den Rat eintretenenden neuen Reichsbankpräsidenten Dr. Luther die Herren Melchior und Poensgen in Aussicht ge=
nommen.
Der Vorstand des Deutschen Städtetages hat in eingehenden Beratungen die Grundsäge für ein einheitliches deutsches Städte: recht aufgestellt und den Entwurf einer Reichsstädteordnung beschlossen.
Der große faschistische Rat hat die Haltung der italienischen Flottenabordnung in London in ihrer Verteidigung des italienischen Standpunkt auf Flottengleichheit mit der am meisten gerüsteten Kontinentalmacht gebilligt.
Wie die Warschauer Presse berichtet dürfte die Kabinettsbildung durch den Senatsmarschall Szymanski heute beendet sein. Wenn er bis dahin keinen Erfolg habe, werde er den Auftrag zurückgeben.
Gevering contra Thüringen.
Mit Sorge verfolgt man in Berlin die Bestrebungen des thüringischen Innenministers Dr. Frick, das Land zu einer Pflanzstätte nationalistischer Gesinnung zu machen. Bekannt ist, daß Frick das Verbot der politischen Jugendverbände in Thüringen aufgehoben hat. Bekannt ist seine schroffe Erklärung bei der Schlußabstimmung über die Younggesetze; bekannt ist endlich, daß Frick bemüht sein soll, eine Art nationalsozialistischer Zellenbildung bei der Schutzpolizei in Thüringen zu versuchen.
Die durch diese und ähnliche Vorfälle erzeugte Spannung hat am Mittwoch zu einer aussehenerregenden Entladung ge= führt. Reichsinnenminister Severing hat folgendes Schreiben an das thüringische Staatsministeriu gerichtet:
Severings Brief an Dr. Frick.
Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen. Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postschecktonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.
,, Auf mein Schreiben vom 17. Februar habe ich bis heute eine Antwort nicht erhalten. Dagegen hat nach bisher unwidersprochenen Zeitungsmeldungen das Mitglied des Thüringischen Staatsministeriums, Herr Minister Frick, in einer öffentlichen Versammlung erklärt, daß ich auf eine Antwort lange warten könne. Diese Haltung des Herrn Staatsministers Frick hat mich veranlaßt, für den Geschäftsbereich meines Ministeriums Anordnungen dahin zu treffen, daß Anordnungen und Schreiben des Thüringischen Staatsministeriums nicht früher beantwortet werden, bis eine Antwort auf mein Schreiben, auf die ich übrigens keineswegs warte, eingegangen ist. Gleichzeitig sind die zuständigen Stellen meines Ministeriums angewiesen worden. alle Ueberweisungen aus Fondsmitteln des Reichsinnenministeriums an Thüringen einstweilen einzustellen. Schließlich mache ich darauf aufmerksam, daß der Reichsregierung Nachrichten zugegangen sind, die begründete Zweifel darüber erwecken, ob die Voraussetzungen für die Gewährung eines Reichszuschusses für Polizeizwecke von seiten des Thüringischen Staatsministeriums noch erfüllt sind. Ich bin daher nicht in der Lage, weitere Zuschußzahlungen anzuweisen, wenn nicht vom Thüringischen Staatsministerium der bündige Beweis dafür erbracht werden kann, daß von ihr die Grundsätze für die Gewährung des Reichszuschusses im vollen Umfange beobachtet werden. gez. Severing."
Samstag, den 22. März 1930
Es sei eine nahezu groteske Vorstellung, ein Land zu strafen, weil zwischen seinem Minister und einem Reichsminister Severing bedeutet einen Bruch der dienstlichen Beziehungen zwischen dem Reichsinnenminister und Dr. Frick. Von Herrn schwere Reibungen beständen.
Dieser höchst ungewöhnliche Schritt des Innenministers Severing wird man verlangen müssen, daß er unverzüglich mit dem Material herausrückt, das er angeblich noch gegen Frick besitzt.
Dithilfe beschlossen.
Ausbau des Verkehrsnezes. Wirtschaftliche Maßnahmen. Preußischer Grenzlandfonds geplant. Gesamtprogramm: 300-400 Millionen.
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Das Reichskabinett trat Donnerstag unter dem Vorsitz des Reichskanzlers zu einer größeren Anzahl laufender Angelegenheiten in der Reichskanzlei zu einer Sitzung zusammen. In erster Linie kamen die Anregungen, die der Reichspräsident in sei= nem bekannten Schreiben an die Reichsregierung vom 18. März gemacht hat, zu eingehender Erörterung. In diesem Zusammenhang hatte der Reichsminister des Innern vor kurzem dem Kabinett einen im Einvernehmen mit den beteiligten Reichs- und preußischen Ressorts ausgearbeiteten Plan einer Reichs- und Staatshilfe für die bedrängten Ostgebiete vorgelegt, der in der heutigen Kabinettssitzung die grundsätzliche Zustimmung der Reichsregierung gefunden hat.
Der dadurch verursachte Notenwechsel zwischen Berlin und Weimar geht weiter. Am Freitag früh ist in Berlin die Antwort des thüringischen Staatsministeriums auf den Sperrbrief des Reichsministers eingelaufen. Postwendend ist nach Weiwar die Erwiderung abgesandt worden. Sie wird in den Nachmittagsstunden des Freitags in die Hände des Kabinetts in Weimar gelangt sein. Danach will das Reichsinnenministerium den Verkehr mit Thüringen wieder aufnehmen, hält aber die Geldsperre aufrecht und verlangt Untersuchung gegen Frick.
Wie im Anschluß an die Kabinettssitzung zuverlässig verlautet, wird die thüringische Regierung für den Fall, daß die Ankündigung des Reichsinnenministers, dem Lande Etatsmittel vorzuenthalten, durchgeführt werden sollte, zur Herbeiführung einer Entscheidung den Staatsgerichtshof anrufen.
Scharfe Verurteilung Severings in Bayern. München. Das Vorgehen Severings gegen Thüringen findet, wie zu erwarten, auch in Bayern schärfste Kritik. Die Bayrische Volkspartei- Korrespondenz erklärt, was Severing getan habe, das sei bereits die Durchführung einer Reichsexekutive.
Verkehrsrückgang und Finanzlage bei der Reichsbahn. Berlin. Am nächsten Montag und Dienstag wird der Verwaltungsrat der Reichsbahn tagen, um zu der überaus gespann=" ten finanziellen Lage des Verkehrsunternehmens Stellung zu nehmen. Bekanntlich ist eine Entscheidung des Reichskabinetts über den Antrag der Reichsbahn auf Erhöhung der Tarife noch nicht gefallen. Die angespannte finanzielle Lage der Reichsbahn wird besonders erschwert durch den Verkehrsrückgang in den ersten Monaten dieses Jahres.
Frankreich zum Youngplan.
Paris. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Paul Boncour, wies auf die Dringlichkeit der Beratun gen der Haager Abmachungen hin. Er hätte nichts dagegen einzuwenden, daß der Vorschlag sofort wegen seiner finanziellen Auswirkungen dem Finanzausschuß überwiesen werde.
( Neueste Nachrichten)
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Ministerpräsident Tardieu schloß sich den Ausführungen Paul Boncours an. Der Youngplan sei der Ersatz für das System, das die deutschen Reparationszahlungen hätte sichern sollen. Zur Wirklichkeit werde er jedoch erst an dem Tage, an dem der erste Abschnitt der Obligationen in der Oeffentlichkeit untergebracht sei. Um diese Unterbringung im Mai vornehmen zu können, müsse die Kammer alles daran sehen, daß der Gesetzesvorschlag bis zu spätestens Anfang April verabschiedet werde.
Dr. Koesters Nachfolger für Belgrad.
Das Agrement für den zum Gesandten in Belgrad in Aus= sicht genommenen bisherigen deutschen Gesandten in Kopenhagen, Hassell, ist bei der Belgrader Regierung nachgesucht und bereits erteilt worden. Der neue Belgrader Gesandte gehört dem Auswärtigen Amt seit langen Jahren an und war, bevor er den Kopenhagener Gesandtenposten übernahm, Generalkonsul in Barcelona. Von Hassell, ein Schwiegersohn des vor einigen Tagen verstorbenen Großadmirals von Tirpit, tritt seinen Posten voraussichtlich in etwa drei bis vier Wochen an.
Gegen den Vatikan.
Kowno. Gestern wurden in der gesamten Sowjetunion Kundgebungen gegen den Vatikan und den Aufruf des Papstes abgehalten. Viele Betriebe der Sowjetunion faßten EntschlieBungen, in denen erklärt wird. daß die Arbeitermassen mit der tommunistischen Partei an der Spitze versuchen würden, die Macht der katholischen Kirche zu vernichten.
Bom hessischen Finanzausschuß.
Nummer 23
Neue Wege zur wirtschaftlichen
Gesundung deutschlands.
Seit Jahr und Tag sind die Spalten unserer Zeitungen mit Nachrichten über die Notlage unserer gesamten Wirtschaft, insbesondere der Landwirtschaft, gefüllt; jahraus, jahrein predigt man den Deutschen, bei Bedarf in erster Linie deutsche Erzeugnisse zu berücksichtigen. In den Wartesälen der Bahnhöfe, an Anschlagstafeln, Litfaßsäulen, in den Gastwirtschaften, überall liest man die kategorischen Imperative: Trinkt deutschen Wein! Eßt Roggenbrot! Fahrt deutsche Autos! Kauft deutsche Waren! und trotzdem geht es mit der Landwirtschaft immer rapider abwärts, trotzdem sieht man auf den Straßen mehr und mehr ausländische Autos und mehren sich die Arbeitslosen mit erschreckendem Maße. Mit beneidenswerter Seelenruhe trinkt dabei der Deutsche Auslandsweine, ißt Butter, Eier und Gemüse der Holländer und Dänen, läßt deutsches Obst auf den Bäumen und den Landstraßen verfaulen, um dafür kalifornische und australische Birnen und Aepfel, Bananen und Drangen zu kaufen, gerade als ob es sich darum handelte, die Handelsbilanz der betreffenden ausländischen Staaten bessern zu müssen.
Der Finanzausschuß des Hessischen Landtages hat am Donnerstag Kapitel 72 des Staatsvoranschlags, Landestheater, be raten und angenommen. Für den Etat stimmten Sozialdemo= fraten und Demokraten mit 6 Stimmen, gegen ihn der Landbund mit 2 Stimmen, der Stimme enthielten sich das Zentrum mit 3, die Deutsche Volkspartei und Volksrechtpartei mit 2 Stimmen. Der Fehlbetrag des Landestheaters ist von 1,6 auf 1,25 Millionen Reichsmark gesenkt worden. Der Staatszuschuß, der im Vorjahre noch 887 983 Rmt. betrug, wird im neuen Etat mit 690 000 Rmk. angeführt.
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Einberufung des Landtags.
Der hessische Landtag ist zur Sigung auf Freitag, den 28. März, einberufen. Auf der Tagesordnung steht als wichtigster Punkt die Regierungsvorlage über die Hefrag und die in Verbindung mit ihr stehenden Anträge und Anfragen. Ebenso kommt u. a. zur Verhandlung die Regierungsvorlage: ,, Verfahren gegen Junge und Genossen wegen Landfriedensbruch" und die vom Finanzausschuß bereits genehmigte Verlängerung des Finanzgesetzes 1929 auf weitere drei Monate.
Kürzlich bezeichnete der Hessische Landwirtschaftsminister dieses Verhalten des deutschen Publikums richtig als typisch deutsch, schimborassohaftem Unverstande entspringend. Wenn es sich um inländische Waren handelt: so wird wegen des Preises, der Qualität, der Aufmachung herumgenörgelt. Bei Auslandswaren dagegen werden die größten Fehler, die unverschämtesten Preise übersehen.
Die Angewohnheit des Deutschen ist aber so tief eingewurzelt, außerdem gibt es bei etwaigen Vorhaltungen so billige Ausreden, die alles entschuldigen, daß es fast aussichtslos erscheint, dagegen den Kampf aufzunehmen.
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Durch die überaus große wirtschaftliche Notlage gezwungen, hat man bald nach der Stabilisierung unserer Währung versucht, auf die Konsumenten einzuwirken, damit wenn es Preis und Qualität rechtfertigen deutsche vor ausländischen Waren bevorzugt werden. Was lag nun näher, als die bisher geübte kaufmännische Werbung im Geschäftsleben einfach zu kopieren u. bei der Propaganda für deutsche Produkte anzuwenden. So wie der Kaufmann sich in erster Linie an die Erwachsenen wendet, so suchte man nun auch bei der Werbung für deutsche Waren die Hausfrau, oder den Familienvater, durch deren Hände ja der Arbeitsverdienst fast ausschließlich geht, zu erfassen und zu beeindrucken.
Man vergaß aber vollkommen, daß die Erhöhung oder Verminderung des Absages inländischer Waren ein reines Erziehungsproblem ist; daß man wohl die Jugend, aber nicht mehr oder viel schwieriger den Erwachsenen erziehen kann. Das alte Sprichwort: ,, Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr", das hat auch hier Geltung und sagt uns, daß alle Versuche, die jetzige erwachsene Generation zur Vernunft zu bringen, ergebnislos bleiben müssen, weil es bei ihr versäumt wurde, die Grundlage ihres Handelns zu legen, die ihr den Verbrauch deutscher Produkte zur Pflicht macht. Gibt man den Kindern nicht durch die 10 Gebote feste Lebensregeln mit für den ganzen Lebensweg; Befehle, die noch bis ins Greiſenalter im Unterbewußtsein schlummern und wirksame Hemmungen auslösen, wenn irgend eine Versuchung herantritt. Nichts wäre verkehrter, als wenn man den Religions- und Moralunterricht aufgeben und ihn ersehen wollte durch Plakate in den Bahnhöfen und an den Litfaßsäulen mit der Aufschrift: ,, Du sollst nicht stehlen!" oder ,, Du sollst nicht lügen!" Aber wendet man dieses verkehrte, unsinnige Verfahren nicht bei der Werbung für deutsche Erzeugnisse an? Schaltet man hier die Schule nicht vollkommen aus und glaubt diese Versäumnis dadurch wett zu machen, daß man überall Plakate anbringt: Trinkt deutschen Wein! usw.
Welchen Erfolg man mit solch unpsychologischen Werbemethoden hat, zeigt uns die amtliche deutsche Weinpropaganda. Da wurden nach den Bernkasteler Winzerunruhen im Jahre 1926 eine Million Reichsmark bewilligt und mit dieser Summe alle möglichen und unmöglichen Propagandamittel aufgeboten: in Presse, Kino, Lautsprecher, Radio, Vorträgen, Wigblättern, auf Klebezettel, Plakaten, Weinkarten, bei Weinproben wurde das Thema ,, Trinkt deutschen Wein" nach allen Richtungen abgehandelt mit dem überraschenden Erfolg, daß innerhalb eines Jahres etwa die ganze Million aufgebraucht und verschwunden war. Gewiß, man sagt, das Geld wäre nicht umsonst gewesen, der Wein der Jahre 1926/27 wäre gut und rasch verkauft worden. Doch zu beweisen ist es nicht, ob der Wein der genannten Jahrgänge nicht auch ohne diese mit amtlichen Geldern gewährte Werbung verkauft worden wäre.
Wenn wir nun heute die gefüllten Keller der Winzer und Weinhändler sehen, wenn uns in allen deutschen Weinbaugebieten gesagt wird, daß trok hervorragender Qualität, trog niedrigster Preise, welche die Produktionskosten nicht decken, nichts verkauft wird, so dürfte damit bewiesen sein, daß die im Jahre 1927 ausgegebene Million Propagandagelder insoweit nuglos waren, als die erwartete nachhaltige Propagandawir


