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Samstag, den 22. Februar 1930

Fußball- Länderspiel verdrängt Karnevalszug.

Da der Deutsche Fußball- Bund es abgelehnt hat, den Be­ginn des Länderspieles Deutschland Italien am 2. März von 3 auf 2 Uhr vorzulegen, haben die verantwortlichen Stellen beschlossen, den Frankfurter Karnevalszug ausfallen zu lassen, da als Beginn des Zuges die Zeit von 5 Uhr nachmittags für zu spät angesehen wird.

Fulda. Die Geflügelfarmbesitzer Kurhessens haben sich zu­sammengeschlossen, um den Absatz zu regeln.

Bad Ems. Am 3. und 4. Mai findet hier die Jahreshaupt­versammlung der Bezirksgruppe Hessen- Nassau des Verbandes der Kommunalbeamten und Angestellten Preußens statt.

Kassel. Das Dorf Sand wurde von einer schweren Brand­fatastrophe heimgesucht. 8 Gebäude sind vollkommen niederge­brannt.

Sobernheim. Die Besayung hat die hiesige Flugzeughalle abgebrochen.

Oberhausen. Hier kam ein 19jähriger Pole an, der von Warschau nach hier mit der Bahnsteigtarte gefahren ist.

Der Tambour von St. Privat gestorben. Debisfelde. Jm Alter von 83 Jahren ist am Donnerstag hier der bekannte Tambour von St. Privat, Friedrich Heinrich Rhode, gestorben, Rhode, der aus Calbe an der Saale stammt, hat im 4. Garderegiment gedient und machte den Sturm auf St. Privat im deutsch- französischen Kriege 1870-71 als Tam­bour mit. Als im ein Trommelstock weggeschossen wurde, schlug er die Trommel mit der Faust weiter.

Ein bedrohtes Kunstwert.

Die 600 Jahre alte Marienkirche in Stralsund, eines der markantesten Baudenkmäler Vorpommerns, ist vom völligen Verfall bedroht. Für die rund eine Viertelmillion erforderlichen Ausbesserungen stehen nur 70 000 Mark zur Verfügung. Man ist deshalb an das Ministerium um Genehmigung einer Lot­terie herangetreten.

Stromausfuhr Voralberg- Deutschland.

Das große Vermunt- Kraftwerk, der erste Teil der Voral­berger Jllwerke A.-G., kann die Riesenarbeit bald beginnen und auf einer 110 000- Bolt- Leitung elektrischen Strom nach Württemberg und ins Rheinland senden. Die große Stau­mauer der Vermuntwerkes, die ungefähr 110 000 Rubikmeter Wasser zurückhält und auf Vermunt in 1700 Meter Höhe steht, wird zwar erst im Herbst 1930 fertiggestellt werden können, die Technik von heute brachte es aber ohne diese Riesenmauer zu­stande, die Gletscherwasser im Einzugsgebiete des Werkes und des Juflusses zu sammeln und sie nach dem Wasserschlosse ober­halb des Ortes Parthenon zu leiten, um die ersten Kraftliefe­rungen zu ermöglichen. Im Maschinenhause bei Parthenon im hinteren Montofontale wird der von den Maschinen erzeugte Strom von 6000 Volt auf 110 000 Volt umgespannt. Die Höchst= spann- Freileitung ist fertiggestellt, hat eine Länge von 800 Kilometern und bringt den Strom weit hinaus ins Deutsche Reich, wo das oberschwäbische Elektrizitätswerk und das rhei­nisch- westfälische Werk die größten Abnehmer sind.

,, Gießener Zettung"

Vorbereitungen zum Franks. Sängerbundesfeit 1932. SBK. Noch wenig mehr als zwei Jahre bis zum großen Sängerbundesfest, dem elften in der Reihe der Feste des 1862 gegründeten Deutschen Sängerbundes und jetzt schon Vorbe­reitungen? Die beim flüchtigen Ueberlegen große Zeitspanne verringert sich sogleich beträchtlich, wenn man bedenkt, daß nach der Satzung des DSB. spätestens im Januar des dem Feste vor­hergehenden Jahres die Vortragsordnungen der Hauptauffüh rungen bekanntgegeben werden müssen. Mit anderen Worten: In knapp 10 Monaten müssen die Grundlinien des Festes da­stehen; denn die Auswahl der Chöre setzt Klarheit über die Man hat vielfach ge­Richtlinien des Gesamtplanes voraus. sagt, das Wiener Bundesfest im Jahre 1928 bilde einen Schluß­punkt in der bisherigen Gestaltung der Bundesfeste. Man müsse das nächste Fest einmal nach anderen Gesichtspunkten auf­ziehen. Wie war es bisher? Den wichtigsten Teil des Festes bildeten die Hauptaufführungen" der Massenchöre; man war von dem Bestreben geleitet, mindestens in einem Konzert jeden Teilnehmer des Festes singen zu lassen. Daneben waren Fest­zug und Sonderkonzerte von Bedeutung. In Wien hatte man, wie bekannt, für die Hauptaufführungen eine riesige Halle er­richtet, deren Podium ca. 30 000 Sänger umfaßte. Die Lei­tung des DSB. ist der Ansicht, daß in Frankfurt a. M. der Bau einer Festhalle nach dem Vorbild Wiens nicht in Frage kommt, da sie das Fest finanziell in untragbarer Weise belasten würde. Die Stadt Frankfurt hat allerdings ihre neu errichtete Groß­markthalle zur Benukung angeboten, doch ist diese erheblich kleiner als die Wiener Festhalle. Sie dürfte etwa die Hälfte der Zuschauer der Wiener Halle fassen. Bei der Programm­aufstellung muß auf diese Tatsache Rücksicht genommen werden. Nimmt man die Besucherzahl mit 80 000 an, eine Schätzung, die als sehr vorsichtig zu bezeichnen ist so müßten, wenn man an dem bewährten Grundsay, jeden Teilnehmer mindestens ein­mal im Massenchor singen zu lassen, festhält, mindestens vier, wenn nicht gar fünf Hauptaufführungen stattfinden. Es iſt deshalb zu überlegen, ob nicht eine große Kundgebung im Freien verstaltet, bei der alle Teilnehmer mitwirken, sich aber im übrigen auf Chorkonzerte der Einzelbünde( 5000-15 000 Sänger) beschränkt. Dafür könnte dann die Markthalle vor­gesehen werden. Die Sonderkonzerte der Vereine bleiben da= von natürlich unberührt. Der DSB. insbesondere der Mu­sikausschuß, der hier ein wichtiges Wort mitzureden hat steht vor grundlegenden Entscheidungen. In Verbindung mit dem Feſtausschuß in Frankfurt wird er sich bald über die Grund­lagen des Festes schlüssig werden müssen.

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Erwerbslose als Opfer des Spielteufels.

Es wird uns geschrieben:

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Der Bankier mit einem Kassenbestand von 91 Franken. höllennest ausgehoben hat. Besonders auffallend ist dabei, daß

Paris. Wegen Betruges und Vertrauensmißbrauches ist der Pariser Bankier Oleiner verhaftet worden. In der Kasse seiner Bank, die sieben Filialen in der Provinz zählt, fanden fich bei einer Revision nur 91 Franken und 50 Centimes. Die Verluste sollen sich auf mehrere Millionen belaufen.

Ein folgenschwerer Formfehler.

Wegen eines Formfehlers ist ein Diener aus dem Pariser Kultusministerium um 800 000 Mart gekommen, die ihm eine alte Dame im Testament zugedacht hatte. Das Testament wurde für ungültig erklärt, weil der Notar beurkundet hatte, daß die Erblasserin wegen vollständiger Gelähmtheit nicht selbst unter­zeichnen könne. Er hätte aber sagen müssen: Die Erblasserin erklärte, wegen Lähmung nicht unterzeichnen zu können."

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Nr. 15.

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Aus Essen wurde schon mehrfach über ähnliche Fälle be­richtet. In der sozialistischen ,, Volkswacht" Nr. 152 wurde eine Meldung aus bürgerlichen Zeitungen abgedruckt, wonach in den Anlagen der Stoppenbergstraße eine Gesellschaft von etwa 20 Personen, zumeist Erwerbslose, beim Glücksspiel ,, Meine Deine" von der Kriminalpolizei überrascht wurde. Im Essener Anzeiger Nr. 59 wurde gemeldet, daß in dem Hause Burg­grafenstraße 43 a eine Spielhölle bestand, deren Besitzer sich aus Arbeitern und Erwerbslosen zusammensetzten. In den letz ten Tagen der Woche habe das Geschäft stets besonders geblüht, weil dann die Lohntage waren. Das Nest wurde von der Kri­minalpolizei ausgehoben. In einem Bericht der Essener A! llgemeinen Zeitung" über ein Gerichtsverfahren gegen einen Spielhöllenbetrieb wurde auf Grund der Zeugenaussagen be merkt: Mit Vorliebe betätigen sich in der Spielhölle die Er= werbslosen, eine Erscheinung, die man in ähnlichen Fällen schon so oft erlebt hat. Kaum war die Spielhölle ausgehoben, da fanden sich auch schon in demselben Raum Spieler ein.

Man sollte meinen, daß mit der zunehmenden wirtschaft­lichen Not und dem Mangel an Geldmitteln die Zunft der ge­werbsmäßigen Glücksspieler allmählich aus dem Wirtschafts­leben" verschwinden würde; das Gegenteil scheint aber der Fall zu sein. Immer wieder liest man in den Zeitungen, daß die Polizei wieder mal in dieser oder jenen Großstadt ein Spiel­die ,, Unternehmer" dieser Betriebe sich ihre Opfer vornehmlich in den Kreisen suchen, von denen man annehmen sollte, daß sie die wirtschaftliche Not am schwersten empfinden. Soeben mel­det die ,, Kölnische Volkszeitung" aus Frankfurt a. M., daß in mehreren Fällen Erwerbslose ermittelt wurden, die ihre Un­terstützungen in den zahlreichen Etarté- Klubs vergeudeten, statt sie ihrer darbenden Familie zuzuwenden. In einer Straße unmittelbar neben dem Arbeits- und Wohlfahrtsamt gäbe es allein vier solcher Klubs. In Zukunft soll den Männern unter den Erwerbslosen, die Spielratten sind, kein bares Geld mehr ausgehändigt, sondern dieses unmittelbar an die Frau abgeführt werden. Ledige Personen sollen zwangsweise zu einer Arbeit her­angezogen werden, wenn sie Verpflegung und Nachtlager haben wollen.

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Sommer- Semester 1930 Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche, Rechtswissen­schaftliche, Medizinische( auch vorklinische Semester) und Philosophische Fakultät. Kaufmännisches und Handelslehrerstudium. Vorlesungsbeginn: Donners tag, den 24. April. Die Einschreibefrist läuft, vom 10.- 30. April einschließlich. Das Vorlesungsverzeich­nis fann vom Universitätssekretariat gegen Einsendung von 50 Rpfg.( dazu 15 Rpfg. Porto) bezogen werden.

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Solche immer wiederkehrende Berichte lassen darauf schlie­ßen, daß unter den Erwerbslosen sich viele befinden müssen, die auch beim Verlust ihrer Bareinnahmen aus der Erwerbs= losenfürsorge keineswegs zu hungern brauchen, sondern immer noch Mittel und Wege finden, um sich bis zur nächsten ,, Löh­nung" durchzuschlagen. Not ist zweifellos genug auch unter den Erwerbslosen vorhanden. Es zeigt sich hier wieder, wie drin= gend notwendig im Interesse der wirklich Notleidenden eine schärfere Kontrolle derjenigen ist, die die Erwerbslosenfürsorge in Anspruch nehmen.

Neue Bücher.

Hynose und Autosuggestion. Von Dr. med Alfr. Brauchle, leit. Arzt des Prießniz- Krankenhauses in Berlin- Mahlow. 80 S. Geb. 80 Rpfg. Verlag Phil. Reclam jun. Leipzig( Univ.- Bbl.) In unserer Zeit machen sich allerlei religiöser Aberglaube, Spiritismus, Okkultismus und Mystik breit zu ihrer Beurtei­lung ist die Kenntnis der Hypnose, Suggestion und Autosugge stion notwendig. Diese Kenntnis hat aber auch praktische Be­deutung, z. B. für Heilung vieler Krankheiten. Wir lernen in dem Büchlein gut gefaßte erstaunliche Tatsachen kennen und be greifen. Eine weitere Neuerscheinung des Verlags Reclam jun. sind auch die beiden nachfolgenden Bücher: 1. Der Flur­schütz, Roman von Alfr. Bod. Mit Nachwort von W. Scheller.. 120 S. Geb. 1,20 Rmt. Das Buch bringt eine aus dem Leben grgriffene spannende Bauerngeschichte. Durch seine Bauern= geschichten ist Bock weit über die Grenzen unseres Hessenlandes bekannt geworden. 2. Der kleine Moltke und die Rapierkunft.. Von W. Beheim- Schwarzba ch. 70 S. Geb. 80 Rpfg. Der kleine ,, Moltke", ein fümmerliches altes Männchen, von Be ruf Makler, erlebt eine komische Liebesgeschichte. Ein heiter und doch mitfühlend erzählter Ausschnitt aus dem Leben solcher, die im Schatten leben. Sch.

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Hessenland, Monatsschrift für Landes- und Volkskunde, Kunst und Literatur Hessens, Marburg a. d. L. Das Februar­heft bringt von Prof. G. Schröder eine geschichtliche Abhand­lung über ,, Hermann der Gelehrte", dessen Gelehrsamkeit nicht sehr überzeugend gewesen sein soll. Ueber die Schwälmer Volkstracht, die Gefahr läuft, allmählich von der Mode erdrückt zu werden, und deren Wandlungen berichtet Emil Wessel. Der Artikel ist illustriert. Bemerkenswert sind außerdem auch die Abhandlungen über hessische Dialektforschung, über Provinz theater und Opernproblem, über die Marburger Töpferwert­stätten usw. Jedem, der seine Heimat liebt, gehört diese Zeit­schrift. Ein Wunsch von uns wäre nur der, daß die Zeitschrift sich auch mehr für die oberhessischen Gebiete des Volksstaates Hessen interessierte.

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