Nr. 14.
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Gießener Zeitung
Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüdsendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
43. Jahrg.
Politische Rundschau.
Die allgemeine Aussprache auf der Genfer Zollfriedens: fonferenz ist am Donnerstag abgeschlossen worden.
Die deutschen Reichsminister Schmidt und Dietrich werden am Montag nach Berlin zurückreisen. Die Führung der deutschen Abordnung auf der Zollfriedenskonferenz werden dann Staatssekretär Dr. Trendelenburg und Minister a. D. Dr. Hilferding übernehmen.
Die Handels: und Industrie- Beiräte der Deutschen Zentrumspartei haben Freitag ihre 5. Generalversammlung abge= halten. Im Laufe der Aussprache führte der Vorsitzende der Zentrumsfraktion, Dr. Brüning, aus, daß das Zentrum an seinem Vorschlag, die Sanierung der Reichsfinanzen vor der Erledigung des Youngplanes vorzunehmen, festhalten werde.
*
Die polnische Regierung lehnt es ab, mit der deutschen Reichsregierung noch irgendwelche ergänzenden Verhandlungen über den Inhalt der Warschauer Liquidationsabkommen vom 31. Oktober zu führen.
Der Verkehrsausschuß des Reichstages beschäftigte sich am Donnerstag mit einer Eingabe zur Abänderung des Postgesetzes. Darin wird eine erweiterte Haftung der Reichspost bei Reisen mit Postkraftwagen verlangt. Die Eingabe wurde der Reichsregierung zur Erwägung und, soweit sie sich mit der Reform der Haftpflicht befaßt, zur Berücksichtigung überwiesen.
Die in den letzten Tagen angeregte erneute Verstärkung der französischen Grenzbefestigungen nach der deutschen und italienischen Seite hin wird in den Kreisen der Londoner Flottentonferenz als„ ,, wenig ermutigend" für die weiteren Verhandlungen angesehen.
Nach den Regierungsmitteilungen im Verkehrspolitischen Ausschuß sollen die neuen Rheinbrüden bei Mannheim- Ludwigshafen im Jahre 1930, bei Marau 1931 und bei Speyer 1932 gebaut werden.
Die Berliner Stadtverordnetenversammlung stimmte mit 101 gegen 98 Stimmen der Aufnahme des 45 Millionenkredites der Stadt Berlin zu.
Wie aus Moskau gemeldet wird, beabsichtigt die Regierung Sie aus Mostau der Sowjetunion, in Moskau ein neues Krematorium zu er richten und sämtliche Friedhöfe in Moskau zu schließen. Die Gottlosenverbände stellten Antrag bei der Sowjetregierung, in Zukunft nur noch Verbrennungen zu gestatten.
*
Die mexikanische Polizei hat durch einen Zufall Kenntnis von angeblichen Attentatsplänen gegen den nordamerikanischen Bundespräsidenten Hoover erhalten. Die mexikanische Polizei hat eine umfassende Untersuchung der Angelegenheit eingeleitet.
Die Finanzkrise der Stadt Chicago ist beendet. Für 122 Millionen Dollar wird eine sogenannte„ Freiheits- Anleihe" aufgelegt werden.
Bei dem Explosionsunglück bei Athen find 500 000 Handgranaten im Werte von 12 Millionen Mark in die Luft geflo=
gen.
Kampf gegen die Beamten
gehälter in Hessen.
Darmstadt. Die heutige Debatte im Finanzausschuß drehte fich fast ausschließlich um die Frage, ob eine Sanierung durch Kürzung der Beamtengehälter rechtlich möglich und praktisch durchführbar sei. Obwohl sich die Regierung gegen derartige Absichten aussprach und dringend darum bat, im Interesse der Beruhigung der Beamtenschaft von dessen Erörterung abzusehen, sprachen sich alle Redner der Sozialdemokratie für eine Kürzung aus. Auch der Landbund setzte sich, entsprechend seinen Anträgen, für eine Herabsetzung ein. Selbst das Zentrum ließ er= tennen, daß es nicht ohne Sympathie diesen Absichten gegenübersteht. Die Erörterungen bewegten sich hauptsächlich um die Wohnungsgelder und die Kinderzuschläge der Beamten. Zusammentritt des Hess. Landtagsplenums Ende April.
Der Finanzausschuß des Landtages hofft das vorliegende Material in etwa sechs Wochen aufarbeiten zu können. Das Plenum dürfte erst Ende April oder sogar Anfang Mai zusammentreten, um dann allerdings in einem Zuge Etat, Sparprogramm und Sofortprogramm zu verabschieden.
Amnestie für Südtirol.
Rom, 21. 2. Mussolini hat eine Amnestie für ganz Südtirol angeordnet, indem er alle aus politischen Gründen gegen
( Gießener Tageblatt)
Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen. Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postschecktonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.
Samstag, den 22. Februar 1930
deutschsprachliche Angehörige der Provinz Bozen erlassenen polizeilichen Maßnahmen aufheben läßt. Infolgedessen wurde auch die sofortige Freilassung des Gemeindearztes von Steinhaus im Ahrntal verfügt, der unter der Anschuldigung staatsfeindlicher Gesinnung und antifaszistischer Betätigung vor einem Jahre zu dreijähriger Verbannung verurteilt worden war. Dr. Joseph Kiener war gegenwärtig der einzige Verbannte Südtirols und wohnte auf der Insel Ponza bei Neapel, wohin ihm seine wegen ihres deutschen Unterrichts polizeilich verwarnte Gattin freiwillig gefolgt war. Zugleich wurden auch die gegen acht Südtiroler erlassenen polizeilichen Verwarnungen aufgehoben, die mit einer gewissen Einschränkung der persönlichen Freiheit verbunden waren.
Nach diesem Straferlaß bleibt nach einer offiziösen Versicherung kein deutschsprechender Südtiroler mehr aus politischen Gründen polizeilichen Maßnahmen unterworfen. Diese Geste Mussolinis hat offenbar politische Bedeutung und soll nach dem Besuch Dr. Schobers in Rom das Verhältnis mit Desterreich und Deutschland verbessern helfen.
Radikalsozialisten in Front.
Paris. Der radikalsozialistische Abgeordnete Camille Chautemps ist vom Präsidenten der Republik, Doumerque, mit der Kabinettsbildung beauftragt worden.
Kabinett Chautemps.
Paris, 21. 2. Die heute abend ausgegebene offizielle Ministerliste sieht folgendermaßen aus: Ministerpräsidium und Inneres: Chau temps( radikal); Justiz: Steeg( radikal); Aeußeres: Briand( franz. Sozialist); Finanzen: Dumont ( radikal); Budgetministerium: Palmade( radikal); Krieg: Besnard( radikal); Marine: Albert Sarraut( radikal); Handelsmarine: Daniélon( rad. Linke); Handel: Georges Bonnet( radikal); Deffentliche Arbeiten: Daladier( radikal); Deffentlicher Unterricht: J. Durand( radikal); Kolonien: Lamoureux( radikal); Landwirtschaft: Queuille ( radikal); Arbeit: Loucheur( radikale Linke); Luftverkehr: Laurent Eynac( rad. Linke); Post: Julien Durand( radifal); Pensionen: Gallet( radikal).
Erhöhung des Kaffee und Teezolls.
Das Reichskabinett ermächtigte in seiner Donnerstag Sitzung den Reichsfinanzminister zum Erlaß einer Verordnung über die Inkraftsetzung der Zollerhöhungen für Kaffee und Tee, die in dem Gesetz vom 8. April 1922 über Erhöhung von Zöllen beschlossen sind. Die Erhöhung tritt am 5. März ds. Js. in Kraft.
Luftpostabkommen mit China.
Shanghai, 21. Febr. Nach langen Verhandlungen ist heute zwischen der Deutschen Lufthansa und dem chinesischen Verfehrsministerium ein vorläufiges Abkommen über die Einrichtung einer europäisch- asiatischen Luftpostverkehrslinie unterzeichnet worden.
Arbeitsmarktlage.
Noch keine Entspannung.- 2,29 Mill. Hauptunterstügte. Der Eintritt kälterer Witterung hat nach dem Bericht der Reichsanstalt für die Zeit vom 9. bis 16. Februar zu einer weiteren schwachen Welle von Entlassungen aus den Außenberufen geführt. Infolgedessen trat die für Mitte Februar erwartete Entspannung noch nicht ein. Die Zahl der Hauptunterstützungsempfänger in der versicherungsmäßigen Arbeitslosenunterstützung stieg um weitere 30 000 auf rd. 2 290 000 an.
Seit Ende Januar liegt die Kurve der Hauptunterstützungsempfänger um etwa 50 000 unter der des Vorjahres; diese Tatsache hat aber keinen symptomatischen Wert, da sie nicht auf allen bezirklichen Arbeitsmärkten erreicht ist und, wo sie eingetreten ist, lediglich auf einer schwachen Fortführung von Hoch- und Tiefbauten beruht. Die einzige Ausnahme bildet Westfalen, wo die Belastung der Versicherung fast um ein Drittel geringer ist als zur gleichen Zeit des Vorjahres. Diesem einen Bezirk, der eine verhältnismäßig günstige Entwicklung aufweist, stehen vier andere Landesarbeitsämter gegenüber, die den Stand des Vorjahres an Hauptunterstützungsempfängern erheblich überschritten haben, an der Spitze Sachsen, weiter Brandenburg, Hessen und Mitteldeutschland. Die anderen Bezirke entsprechen mehr oder weniger dem Reichsdurchschnitt mit seiner überaus gedrückten. Lage. Für alle Bezirke gleich ist jedoch die Ungewißheit über die künftige Gestaltung des Marktes.
Explosionsunglüd in Herford.
Herford( Westf.), 21. 2. Ein furchtbares Explosionsunglück ereignete sich am Freitag gegen 15 Uhr in der Bürstenfabrik von König& Böschte. Aus bisher unbekannter Ursache flog furz vor Schichtwechsel der Kessel in die Luft und zertrümmerte das ihn umgebende Gebäude vollständig. Aus den Trümmern wurden drei Schwerverletzte geborgen, die sofort dem Krankenhaus zugeführt wurden. Polizei und Feuerwehr arbeiten fieberhaft, da man annimmt, daß unter den Trümmern noch Verschüttete liegen.
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Nummer 15
Unser täglich Roggenbrot.
Was die hessischen Müller, Bäder, Aerzte und Hausfrauen zur Roggenbrotfrage zu sagen haben.
Ueber die Bedeutung der Roggenfrage für unsere gesamte Volkswirtschaft ist in den letzten Wochen viel geschrieben und gesagt worden. Die gesetzgeberischen Maßnahmen des Reiches, die eine Behebung der Roggenkrise durch Beimahlungszwang, Magazinierung, Brotgesetz und ähnliches beabsichtigen, sind in der Tagespresse und in den Fachblättern eingehend erörtert worden. Sie spielten auch hinein in eine Besprechung, die der hessische Wirtschaftsminister zu Beginn dieser Woche mit den Vertretern der an der Roggenfrage interessierten Beruse und Organisationen abhielt. Kernpunkt der Besprechungen aber waren nicht so sehr die beabsichtigten Gesetzesmaßnahmen, die in ihrer Auswirkung immer umstritten sein werden, sondern ganz einfache, jeden Volksgenossen, vor allem aber jede Haus frau und jede Mutter unmittelbar berührende Fragen. Ein Vertreter der hessischen Aerzteschaft hat dabei auf eine Tatsache hingewiesen, die zwingend für jeden ist, der noch nicht jeglichen Zusammenhang mit der Natur, ihren Kräften und ihren Werten verloren hat. Er verwies darauf, wie die Natur jedem Volte die Mittel zu seiner Ernährung stellt, die es braucht. Das, was im Lande wächst, was dem Klima angemessen ist, brauchen die Menschen des Landes, und sie verstoßen gegen die Gesetze der Natur, wenn sie deren Schätze durch falsche Behand lung, durch Mißachtung oder durch irrige Modegepflogenheiten verkommen lassen. Von dieser klaren Betrachtungsweise aus gewinnt die Roggenfrage eine über die volkswirtschaftliche Seite hinausgehende Bedeutung. Von den beiden Brotfrüchten, dem Roggen und dem Weizen, überwiegt in Deutschland der Roggenbau bedeutend, weil das deutsche Klima und die deutschen Bodenverhältnisse für den Roggen besonders geeignet sind. Die Natur weist uns also gleichsam den Roggen als Brotfrucht zu. Wo Bodenverhältnisse und Klima den Anbau von Weizen möglich machen, wird dieser natürlich gleichfalls angebaut. Wir erhalten somit ein bestimmtes Maß an Brotforn aus Roggen und Weizen bestehend, und zwar, wenn Wachstum und Ernte glücklich verlaufen, so viel, daß der Bedarf des Landes an Brotnahrung gedeckt ist. Es ist doch nun das Natürliche, daß die deutsche Bevölkerung auch ihren Verbrauch an Roggen und Weizen entsprechend einstellt. In unserer Ernte erhalten wir angenähert auf 70 Teile Roggen 30 Teile Weizen. Der Verbrauch in den letzten Jahrzehnten erforderte aber auf 55 Teile Roggen 45 Teile Weizen. Eigenerzeugung und Verbrauch sind daher noch weit auseinander, und es ist nötig, daß der Weizen überall da, wo er nicht eine besondere Aufgabe zu erfüllen hat, eingespart wird. Auf das tägliche Brot übertragen, besagen obige Zahlen folgendes: Bei einem mittleren Jahresbedarf von 160 Kilogramm Brotgetreide pro Kopf würden bisher täglich verbraucht sein 245 Gramm Roggenbrot und 190 Gramm Weizenbrot, also auf jedes halbe Pfund Brot 4-5 Brötchen. Es ist fein Opfer, wenn man verlangt, daß die Zahl der Brötchen zugunsten des Brotes etwa auf die Hälfte verringert und daß als Brot reines Roggenbrot vom Bäder gefordert wird. Also auf Drei Biertel Blune Roggenbrot 2 bis 3 Brötchen.
Ehe diese Ziffern bekannt geworden sind, hat sich in der Bevölkerung selbst schon eine Reaktion auf den übermäßigen Weizenbrotgenuß bemerkbar gemacht. Die Erkenntnisse der Ernährungswirtschaft und der besonders aus der Jugend und dem nach gesünderen Zuständen sich sehnenden Voltsteil ertönenden Ruf nach größerer Natürlichkeit in der Lebensführung haben dazu geführt, daß weite Schichten unseres Volkes sich wieder stärker dem Roggenbrot zuwenden. In der Konferenz wurde das von den Hausfrauenvertreterinnen, aber auch von den Bädern bestätigt. Wie stark die Bewegung zur natürlicheren und damit gesünderen Brotnahrung bereits ist und wie bereit= willig auch die noch nicht von ihr erfaßten Bevölkerungsschich ten auf die aufklärende Unterweisung eingehen, das zeigt deutlich der Erfolg, der in Gießen bereits erzielt wurde. Dort hat sich in der letzten Zeit die Roggenbrotnachfrage in den fleineren Bäckereien um 20 Prozent, in den größeren um 40-50 Prozent gehoben. Aber auch in den anderen Städten sind bereits überall dort gute Erfolge erzielt worden, wo man ein einwandfreies ( nicht zu stark ausgemahlenes) Roggenbrot erhält. Beweis für die zunehmende Nachfrage aber ist der starke Auftrieb, den der Absatz der Spezialbrote aus Roggenmehl erfahren hat. Es fann natürlich nicht das Ziel sein, Roggenbrot zum Delikateßbrot werden zu lassen. Die hessischen Bäder sind deswegen bemüht, entsprechend der steigenden Nachfrage nach dem bekömmlichen Roggenbrot den Wünschen der Bevölkerung nach einem guten Brotmaterial Rechnung zu tragen. Eine Reihe von Badproben gab davon einen überzeugenden Beweis. Mit ihnen gehen die Müller einig, die der Ausmahlung des Kornes eine besondere Beachtung widmen. Eine Reihe von technischen Fragen gilt es dabei noch zu klären. Auch sie wurden in der Aussprache, an der sich auch Vertreter der Landwirtschaft beteiligten, offen behandelt. Der Wille zur Gemeinschaftsarbeit stand über allen Erörterungen. Auf ihn wurde auch für die Zukunft vertraut. Für den Volksstaat Hessen gab Minister Korell dazu die Versicherung ab, daß er es an gutem Willen wie bisher nicht fehlen lassen, diesen Willen vielmehr auch in seinem Wirkungsfelde durch Tatbeweise erhärten werde..


