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Mittwoch, den 17. Dezember 1930.

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Bedingt durch die wirtschaftlichen Verhältnisse der Nachkriegszeit vollzieht sich gegenwärtig in Deutschland eine Umschichtung in den Berufen, die in der Geschichte nicht ihres gleichen hat. Nachstehende Ausführungen beleuch

ten die ungeheure Tragweite dieses Vorganges.

Ein typisches Bild aus der Vorkriegszeit: Am Stammtisch erfährt man, daß ein gemeinsamer Bekannter aller Anwesen­den, ein gereifter Mann, von dem man seit einiger Zeit nichts mehr hörte, plötzlich seinen Beruf gewechselt hat.

Alle nehmen ihre Zigarren aus dem Mund und hören mit gesammelter Aufmerksamkeit der Unterhaltung zu. So etwas ereignet sich nicht alle Tage.

In Land- und Forstwirtschaft waren tätig im Jahre 1907: 14 918 098 Personen. im Jahre 1925: 14 373 256 Personen.

Wenn man die hauptberuflich Erwerbstätigen, die Men­schen also, die allein von der Ausübung ihres Berufes den Lebensunterhalt beziehen, ohne Zuschüsse aus Zinsen und ohne Rückhalt an Kapitalvermögen, für sich betrachtet, beträgt die Erhöhung sogar fast sieben Millionen oder sieben- Das bedeutet eine Abnahme von 544 842 Menschen, die in undzwanzig Prozent des früheren Bestandes. Der den letzten Jahren noch gestiegen ist. Scheinbar ist nach diesen erwerbstätige Teil der Bevölkerung ist also erheblich absoluten Zahlen der Gesamtbestand nur unbedeutend zurüd­stärker gewachsen als die Gesamtbevölkerung.

Weshalb er das bloß getan haben mag? Alle möglichen Vermutungen tauchen auf. Daß er sich etwas zu schulden tommen ließ, ist der nächstliegende Gedanke. Denn wer etwas fann und fleißig ist, fann auf jedem Gebiet so viel verdienen, als zum Lebensunterhalt gehört. Keiner hat es daher nötig, als erwachsener Mensch einen anderen Beruf zu ergreifen und von neuem anzufangen.

Das tommt in erster Linie von dem durch den Krieg ver­ursachten veränderten Altersaufbau der Bevölke­rung, denn die stark besetzten Geburtsjahrgänge der letzten Vorkriegsjahre sind zum großen Teil inzwischen in das er­werbsfähige Alter eingetreten. Dazu gesellen sich alle die Frauen, deren Zahl ja nicht unter Kriegsverlusten gelitten hat und die heute unter dem Druck wirtschaftlicher Verhältnisse längst einer hauptberuflichen Erwerbstätigkeit nachgehen, wäh­rend sie vor dem Krieg nur nebenher oder meist gar nicht be­ruflich arbeiteten. Dadurch ist die Zahl der Erwerbstätigen

Betretenes Schweigen herrscht in der Runde: Wer solcher Charakterschwäche fähig ist, fennzeichnet sich selbst Das ist die allgemeine Ansicht. Man hegt allgemein Bedauern für den Abwesenden, aber die meisten nehmen davon Abstand, ein Wort des Verständnisses für ihn einzulegen, aus Besorgnis, selbst als unsichere Kantonisten" angesehen zu werden.

Wie anders in unserer Zeit: Im falten Zimmer sitzen Mann und Frau. Zwei blasse, unterernährte Kinder schlafen im Bett der Mutter eng aneinandergedrückt. Der Mann starri verlorenen Blickes vor sich hin.

Mutter, mach dir keine allzu schlimmten Gedanken, es wird schon alles wieder gut werden. Es ist doch heute nun nicht anders, überall muß gespart werden und der junge Mann,

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Die Flucht aus der Selbständigkeit:

Eine charakteristische Erscheinung unserer Zeit ist der Nie­dergang der mittleren und fleinen Betriebe, deren Inhaber das Heer der Stellungslosen vergrößern.

den der Chef jetzt statt meiner eingestellt hat, erhält noch nicht einmal ein Viertel von dem, was er mir bezahlen müßte.. Wenn es nicht anders geht, stelle ich mich eben um und sicher werde ich etwas finden. Was meinst du, wenn ich versuchen würde, meine alte Liebhaberei zu einem neuen Beruf zu machen und es mal mit der Gärtnerei zu versuchen?"

Die Frau hat aufgehört zu weinen und mit dem Eifer, der Hoffnungslose für Stunden überkommt, wird der Plan be­sprochen.

Im gleichen Hause geht es nicht weniger als vier Familienvätern ähnlich. Jeder von ihnen mußte sich umstellen, sei es infolge Krieg, Verlust des Vermögens oder Änderung der allgemeinen Verhältnisse. Was vor zehn Jahren fast als unehrenhaft verschrien war, ist heute etwas Selbstverständliches geworden. Vielleicht werden bald sogar schon jene in der Minderheit sein, die in ihrem alten Beruf geblieben sind. Schreiner gehen als ungelernte Arbeiter in Metallwaren­fabriken, Kellner werden Bauarbeiter, Schmiede bilden sich als Mechaniter aus, Dachdecker als Chauffeure, Juristen als Kauf­leute, Künstler werden Agenten oder Fabrikanten von Scherz­artikeln und die Jugend weiß überhaupt nicht mehr, was sie eigentlich werden soll.

Untersuchen wir einmal, was sich grundlegend im deutschen Vaterland geändert hat und welche Folgen dies mit sid brachte. Zunächst hat sich die Gesamtbevölkerung des Deutschen Reiches seit 1907 um 7% Millionen vermehrt. Das bedeutet einen Zuwachs von 13% Prozent, obwohl im Bergleich mit früheren Jahrzehnten das Anwachsen langsamer geworden ist.

Die Verlufte an Menschen im Krieg, der Geburtenausfall während der Jahre 1914 bis 1918, haben ihren Einfluß sehr bemertbar gemacht. Dazu tommen die geringen Geburten siffern der Nachkriegszeit und aus diesen Umständen erklärt fich vor allem die besonders ungleichmäßige Zunahme ber beiden Geschlechter.

Troßdem hat sich die Zahl der Erwerbstätigen insgesamt um über fünf Millionen Menschen, das sind über achtzehn Prozent, erhöht. Ist es da ein Wunder, daß die Lebensbedingungen auf einer um riesenhafte Gebiete( Ostpreußen, Oberschleften, Elsaß- Lothringen und alle Rolonien) berringerten Fläche, wie sie das Deutsche Reich nach dem Kriege darstellt, entfeßlich schwierig, oft un­erträglich hart und grausam geworden ind

VII. 5. a

Die Flucht aus dem Haushalt: Infolge der zunehmenden Verarmung des Mittelstandes Stuft ständig die Zahl der Hausangestellten, die nun ihr Unterfomnien als Verkäuferinnen, ungelernte Arbeiterinnen usw. suchen müssen.

ausschlaggebend beeinflußt worden und wie schon oben gesagt, ist es ganz selbstverständlich, daß diese Entwicklung sich aui dem Arbeitsmarkt zu dem ohne Ausnahme auch alle Berufe, die ein Studium erfordern, gerechnet werden müssen und im ganzen Berufsleben unseres Volkes schwerwiegend aus wirkt. Die Überfüllung" einzelner- und es sind nicht wenige!- Berufszweige, von der so viel gesprochen wird, besteht tatsächlich. Denken Sie nur daran, daß durch die Her­absetzung der Heeresstärke gegenüber der Vorkriegszeit allein über eine halbe Million Männer freigeworden sind, die früher dem Wirtschaftsleben durch den Militärdienst immerhin für einige Jahre entzogen waren.

Diese Verhältnisse sind nicht aus der Welt zu schaffen Eine große Schwierigkeit tommt aber noch dazu. Die Um schichtung in den Berufen, durch die Millionen von Volksgenossen zum Wechsel ihrer Berufe gezwungen wurden. Durch die eben geschilderte Zunahme an Erwerbstätigen, die der Entwicklung der Gesamtbevölkerung nicht entspricht,

Die Flucht aus dem Studium: Die Überfüllung der akademischen Berufe zwingt einen großen Teil ihrer Angehörigen sich umzustellen und als Schofföre, Bergarbeiter, Agenten usw., ihr Brot zu suchen.

mußte sich notwendigerweise die Verteilung der Arbeitenden auf die einzelnen Berufszweige ganz erheblich verändern und das zahlenmäßige Gewicht der großen Wirtschaftsabteilungen: Land- und Forstwirtschaft, Industrie, Handel und Verkehr, wissenschaftliche freie Berufe ist im Rahmen der ganzen Bolts­wirtschaft dadurch stark beeinflußt worden.

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Ein aufschlußreiches, anschauliches Bild und eine sehr nüchterne Erklärung, warum in trassem Gegensaz zu früher ein nach Millionen zählender Teil der Gesamt­gleichsam über Nacht- und ohne viel Auf­bevölkerung hebens seinen Beruf gewechselt hat, weil es nicht anders mehr ging, ergibt sich aus der Gegenüberstellung einiger Bahlen, in denen die Berufsangehörigen nach einzelnen Wirt­schaftsabteilungen statistisch erfaßt find,

Die Flucht von der Scholle:

Die Notlage der Landwirtschaft verstärkt die Abwanderung nach den Städten.

gegangen, aber er zeigt doch, daß die heranwachsende land­wirtschaftliche Bevölkerung mehr und mehr ein Unterkommen in anderen Erwerbszweigen sucht. Was ist mit diesen sechs­hunderttausend Menschen geschehen? Die folgenden Vergleiche lassen annehmen, daß dieser überschuß von Industrie, Hand­werf und nicht zuletzt in steigendem Maße von Handel und Verkehr aufgenommen wird. In der großen Gruppe In­dustrie und Handwerk sieht es so aus:

im Jahr 1907 hatte diese Abteilung 22 403 392 Berufsangehörige, im Jahr 1925 wird eine Zahl von 25 781 281 aufgewiesen.

In Prozenten sind das fünfzehn vom Hundert mehr. Diese auf den ersten Blick enorme Steigerung gewinnt aber ein anderes Ansehen, wenn man erfährt, daß die Steigerung der zum Antrieb von Arbeitsmaschinen installierten Kraft­anlagen in den letzten Jahren auf das Dreifache an= wuchs, so daß in Wahrheit dadurch eine gewaltige Zahl von Erwerbstätigen überflüssig geworden ist und wiederum zur Berussumstellung getrieben wurde. Größtenteils haben diese in Handel und Verkehr eine Erwerbsmöglichkeit gefunden.

Mit der Zunahme an Berufszugehörigen um neun­undzwanzig Prozent gegenüber 1907 hat die Ab­teilung Handel und Verkehr das größte Wachs­tum aufzuweisen. Natürlich mußte das Wachstum der im Handel tätigen Personen an sich schon viel größer sein als in der Industrie, denn die Verwendung von Maschinen in der Güterverteilung hat bei weitem nicht den Umfang und die Steigerung angenommen wie in der Produktion.

Zudem haben die Verkleinerung der Haushaltungen, die Zunahme der städtischen Bevölkerung( Ab­wanderung aus der Landwirtschaft und aus ländlichen Be­zirken in die Städte!) und ganz besonders die Versuche, ohne viel kapital und ohne größere Vorkenntnisse im Handel eine Existenzmöglichkeit zu finden, zu dem enormen Anwachsen des Handels beigetragen. Daß dabei nicht alles rechtmäßig und reibungslos abgeht und viel fach direkt ungesunde Verhältnisse Platz gegriffen haben, zeigt die Unzahl von Zusammenbrüchen und das langsame Zu­grundegehen zumeist der kleineren Geschäfte.

Wohin die Entwicklung in den kommenden Jahren führt, ist nicht zu prophezeien. Die Jugend wird es nicht leichter haben als die Erwachsenen, die jetzt mitten im Leben stehen. Sollen wir darum verzweifeln? Nein. Die Flinte ins Korn werfen? Nein. Was denn? Arbeiten, ernst und bewußt arbeiten, mit Freude und Zuversicht und dem Wissen um Verantwortung, sich selbst und der Zukunft gegenüber. Dr. Walter Busche,

Die Flucht in die gerne: Das graufame Wort, daß Deutschland felt& riegsende Millionen von Menschen mehr hat, als es ernähren tonn, bewahrheitet sich in furchtbarer Weise.