Nr. 74
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Dresden
Gießener Zeitung
Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüdsendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
43. Jahrg.
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Politische Rundschau.
( Gießener Tageblatt)
Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen. Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21.
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Samstag, den 20. September 1930
Wie die Landvolk- Nachrichten erfahren, wird der Führer der Reichsliste der Landvolkpartei, Staatsrat a. D. Höfer, auf jein Reichstagsmandat verzichteen, um seine Arbeitskraft dem Thüringischen Landtage zu erhalten.
In dem Beleidigungsprozeß des 2. Bundesführers des Stahlhelms, Oberstleutnant Düsterberg, gegen den Hauptgeschäftsführer des Jungdo, Bornemann, und den Schriffleiter der Zeitung ,, Der Jungdeutsche", Pastenaci, wurden diese zu einer Geldstrafe von je 50 Rmt. verurteilt.
In einer halbamtlichen Erklärung im„ Giornale d'Italia" wird festgestellt, daß die italienisch- französischen Verhandlungen nicht nur nicht abgeschlossen seien, sondern nicht einmal vor einer Lösung zu stehen schienen. Man studiere, prüfe und unterhandele noch.
Amerikanische Zollbeamte haben an Bord des deutschen Dampfers„ Europa" Morphium im Werte von 20 000 Dollar beschlagnahmt.
Der argentinische Gesandte in Paris, Alvarez de Toledo, hat sein Rücktrittsgesuch eingereicht.
Generalmajor Adam, bisher Chef des Stabes des Gruppentommandos I, ist mit Wirkung vom 1. Oktober ab zum Chef des Truppenamtes ernannt worden. Generalmajor Freiherr von Hammerstein, der jetzige Chef des Truppenamtes, der als der zukünftige Chef der Heeresleitung genannt wird, ist mit dem gleichen Zeitpunkt zum Stab des Gruppenkommandos I versetzt worden.
Wie aus Moskau gemeldet wird, ist das russische Flugzeuggeschwader von seinem Flug Moskau Angora- Teheran- Kabul- Taschkent- Orenburg zurückgekehrt und in Moskau glatt gelandet. Die Flieger haben eine Strede von 9600 km in 61,30 Stunden zurückgelegt. Sie überbrachten dem stellvertretenden Außenkommissar Briefe des Afghanenkönigs und des Schahs von Persien, Riza Khan Pechweli.
Der Zentralegekutivvollzugsausschuß hat eine Verfügung erlassen, wonach die Höchstgrenze, bis zu der Rubelnoten im Verhältnis zu Tscherwonzennoten ausgegeben werden dürfen, von 75 auf 100 Prozent erhöht wird. Das bedeutet, daß die Gold: und sonstige Dedung aller Noten auf 12 Prozent herabgesetzt wird.
Die Polizei in Dehli hat 150 Kongreßfreiwillige verhaftet, die auf dem Ashram- Seminar für den Feldzug des zivilen Ungehorsams ausgebildet wurden.
,, Sera Secolo" meldet aus Port Said, daß englische Transportschiffe seit Dienstag früh wieder den Suezkanal passieren. Es handelt sich offenbar um neue Truppen für die englischen Garnisonen in Indien.
Die Verteilung der Abgeordnetensiße im Reichstag.
Die Verteilung der Abgeordnetensitze auf die Kreis- und Reichswahlvorschläge ergibt sich aus der nachstehenden Ueber
ficht:
Parteien: SPD. NSDAP. KPD.
Zahl der Size auf Kreiswahl: Reichswahl: vorschlag: vorschlag: zusammen: 143
133
10
98
9
107
69
7
76
Zentrum
61
7
68
Deutschnationale
33
8
41
Deutsche Volkspartei
21
9
30
ureden, Oberhausen(
Wirtschaftspartei
15
8
23
Deutsche Staatspartei
13
7
20
Bayr. Volkspartei
17
19
11
18
7
14
4
6
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Deutsches Landvolk Chr.- Soz. Volksdienst Deutsche Bauernpartei Konserv. Volkspartei Deutschhann. Partei Landbund
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Eine interessante Berichtigung zum Wahlergebnis. Innerhalb der deutschnationalen Mandate tritt infolge eines Additionsfehlers eine ganz interessante Verschiebung des Wahlergebnisses ein. Die Deutschnationalen hatten nach den vorläufigen Feststellungen im Wahlkreise Düsseldorf- West 61 189 Stimmen erhalten, so daß der Spitzenkandidat des Kreiswahlvorschlages, Senatspräsident Dr. Deerberg, Berlin, als gewählt galt. Nun ist aber festgestellt worden, daß bei der Addition der Krefelder Stimmen ein Fehler unterlaufen ist und die deutschnationale Stimmzahl nur 58 997 betrug. Dadurch fällt das Wahlkreismandat fort und die Deutschnationalen erhalten einen Sit mehr auf der Reichsliste.
Falsche Gerüchte über Hitler.
München. Das an der Berliner Börse am Donnerstagvormittag hartnädig sich haltende Gerücht, Adolf Hitler sei in
München erschossen worden, ist falsch. Hitler befindet sich zur Zeit wohlbehalten in München und beabsichtigt, nach den Strapazen des Wahlkampfes sich heute für einige Tage zur Erholung in die Berge zu begeben.
Ein Berliner Mittagsblatt bringt in sensationeller Aufmachung die Meldung, daß Hitler angesichts des Wahlausfalles, sich nunmehr doch entschlossen habe, von München nach Berlin überzusiedeln und die Parteileitung ebenfalls dorthin zu verlegen. Die entscheidenden Besprechungen darüber fänden am Donnerstag statt. Wie wir dazu in München erfahren, ist auch diese Meldung absolut unzutreffend. Die nationalsozialistische Parteileitung hat vor einigen Monaten in München das Palais Barlow erworben, in das die Parteileitung in Kürze übersiedeln wird. Noch am Mittwoch hat Hitler bei dem Richtfest für das zur Zeit in Umbau befindliche Palais in einer Ansprache die Erwartung ausgesprochen, daß das neue Heim von der Parteileitung hoffentlich bald bezogen werden fönne.
Die Wirtschaftspartei fordert Auflösung
des Preußischen Landtags.
Namens der Fraktion der Wirtschaftspartei hat, wie aus Berlin gemeldet wird, der Abgeordnete Ladendorff im Preußischen Landtag einen Antrag eingebracht, wonach der Landtag mit sofortiger Wirkung aufgelöst werden soll. In der Begründung heißt es u. a.:,,Nach dem Ergebnis der Reichstagswahlen steht fest, daß hinter der heute in Preußen herrschenden Regierungskoalition nicht mehr annähernd die Mehrheit des Volkes steht. Es kommt hinzu, daß die Demokratische Partei, eine der Regierungsparteien, unter ihrem alten Namen in den ReichsNationaltagswahlen gar nicht mehr aufgetreten ist. Die sozialistische Partei, die im Preußischen Landtag noch nicht Fraktionsstärke besitzt, ist in Wirklichkeit heute die zweitgrößte Partei Preußens. Wenn wenigstens noch, die letzten äußeren Formen des demokratischen Prinzips gewahrt werden sollen, muß dieser Landtag sich jetzt sofort selbst auflösen."
Die Geheimfonten der österreichischen Bundesbahnverwaltung.
Wien, 19. Sept. Im Prozeß Strafella gegen ,, Arbeiterzeitung" gab es am Donnerstag neue Sensationen. Es wurde das ministerielle Protokoll der Untersuchung wegen der Geheimkonten der Bundesverwaltung veröffentlicht. Daraus geht hervor, daß über siebenhunderttausend Schilling willkürlich als Geschenke verteilt worden sind, wozu der Anwalt Strafellas, Dr. Gürtler, noch ergänzte, daß die Geheimfondssache nur einen Bruchteil der Mißwirtschaft bei den Bundesbahnen darstelle. Außerdem sind den sozialdemokratischen Gewerkschaften 2,7 Millionen Schilling für Ablösung einer unrechtmäßig benützten Frachtenfreiheit gegeben worden, dem sozialdemokratischen Lotomotivführerverband weitere siebenhundertfünfzigtausend Schilling für angebliche Ueberstunden der Lokomotivenführer.
Sein Landtagsmandat niedergelegt.
Der sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Oberregierungsrat Ritzel- Gießen, früher Bürgermeister von Michelstadt i. O., wird auf Grund seiner Wahl zum Reichstagsabgeordneten sein hessisches Landtagsmandat niederlegen. An seine Stelle wird voraussichtlich Frau Steinhäuser- Offenbach, die bereits früher dem Landtag angehörte, ein Mandat erhalten.
Kohlenbergbau in Ostafrika?
Daressalam, 17. 9. Von der Entdeckung eines großen Kohlenfeldes in Süd- Tanganyika, dem ehemaligen DeutschOstafrika, verspricht man sich eine völlige Umwandlung des neu entdeckte industriellen Lebens in Zentralafrika. Das Kohlenfeld soll nach Aussagen von Sachverständigen, die umfangreiche Untersuchungen durchführten, mehrere hundert Millionen Tonnen vituminöser Kohle enthalten, deren Ausbeutung sehr rentabel sei.
Die deutschen Aerzteverbände zur Notverordnung.
Der gesetzgeberische Eingriff der Notverordnung in die Rechtsbeziehung zwischen Aerzten und Krankenkassen ist als unerträgliche Entrechtung der Aerzte auf das Entschiedenste zu befämpfen. Solange die Notverordnung in Kraft bleibt, muß das Bemühen der Aerzteschaft darauf gerichtet sein, die ihre Berufsstellung erschütternden Auswirkungen nach Möglichkeit zu verhüten. In Uebereinstimmung mit dem Vorstand des Hartmannbundes hält es der Geschäftsausschuß des Deutschen Aerztever
( Neueste Nachrichten)
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Nummer 75
Arbeitslosigkeit- Kauffraftausfall.
Unter allen Wirkungen der gegenwärtigen Wirtschaftsdepression wird die Arbeitslosigkeit in breiten Volksschichten am schwersten empfunden. Sie bedeutet nicht allein und Sorge für die unmittelbar Betroffenen, sie stellt sich zugleich als r teste Belastungsprobe der öffentlichen Finanzen und der gesamten Wirtschaft dar. Von der Produktionsseite gesehen, bedeutet das erzwungene Feiern von Millionen arbeitswilliger Hände einen ausschlaggebenden Ausfall von Kaufkraft, der un= mittelbar und auf allen Märkten mehr oder weniger stark zu verzeichnen ist.
Unverkennbar ist: wenn weniger verdient wird, kann nur weniger ausgegeben werden; sinkt der Umsatz des Einzelhandels, so können die ungünstigen Rückwirkungen auf den Großhandel, auf Industrie, Landwirtschaft und Kleingewerbe nicht ausbleiben. Um welche Beträge handelt es sich nun bei dem Kauffraftausfall infolge der Massenarbeitslosigkeit? Darüber stellte das Institut für Konjunkturforschung neuerdings Berechnungen an. Aus der Gesamtzahl der Arbeitslosen und den Verdiensten, die die Arbeitslosen zuletzt bezogen haben, wird der Bruttolohnausfall berechnet. Er beträgt im ersten Halbjahr 1930 nicht weniger als 3,05 Milliarden RM. gegenüber 2,09 Milliarden RM. im ersten Halbjahr 1929. Für die Arbeitslosen selbst ist der Kaufkraftausfall allerdings geringer; die beziehen Unterstützungsbeträge zur Bestreitung des notdürftigsten Lebensunterhalts. Setzt man für das erste Halbjahr 1930 von dem Bruttolohnausfall in Höhe von 3,05 Milliarden RM. diejenige Summe ab, die die Arbeitslosen aus der Arbeitslosenversicherung, der Krisenunterstützung oder der Wohlfahrtspflege bezogen haben, so erhält man einen Betrag von 1,85 Milliarden RM., der als Nettolohnausfall bezeichnet werden kann. Allerdings ist dabei zu berücksichtigen: diese Unterstügungsbeträge sind kein ursprüngliches Einkommen. Sie werden vielmehr durch Versicherungsbeiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sowie durch die Steuerzahler aufgebracht, also von deren Einkommen gleichsam abgezweigt. Volkswirtschaftlich gesehen, wird demnach die Zif= fer des Bruttolohnausfalls im Betrage von 3,05 Milliarden im ersten Halbjahr 1930 am ehesten eine annähernde Größenvorstellung von dem gesamten Kauffraftausfall in der Arbeitnehmerschaft vermitteln können.
Es handelt sich also um gewaltige Summen, die infolge der Massenarbeitslosigkeit, weniger durch die deutsche Volkswirtschaft strömen. Nicht alle Wirtschaftszweige werden jedoch durch Am stärkdiese Kaufkraftschrumpfung gleichmäßig betroffen. sten wirkt sie sich zweifellos auf Teile der Lurusindustrie und auf das Vergnügungsgewerbe aus. Schwer betroffen werden fermer u. a. die Textil- und Lederwarenindustrie, die Produktion von Hausrat usw. Verhältnismäßig weniger werden die Folgen auf den Nahrungsmittelmärkten spürbar sein; hier wird es sich vor allem um eine Verschiebung der Nachfrage von den teuren, zum Teil höherwertigen zu den billigeren, zum Teil geringerwertigen Lebensmitteln handeln. Alle diese Wirkun gen des Kaufkraftausfalls infolge der Arbeitslosigkeit werden wesentlich verstärkt durch die Einkommensminderung, die auch in anderen Wirtschaftsgruppen, namentlich in der Landwirtschaft und im Kleingewerbe, festzustellen ist.
Also doch!
Der Vorsitzende der Deutschen Zentrumspartei, Dr. Kaas, hat sich in einer Zentrumsversammlung in Trier u. a. auch gegen die Vorwürfe verteiditgt, daß er in den Jahren 1918 und 1919 separatistische Bestrebungen unterstützt habe. Er hat dabei aber zugegeben, daß er mit Trimborn und anderen dafür eingetreten sei, das Rheinland von Preußen loszulösen und aus ihm einen selbständigen Bundesstaat wie Baden, Bayern, Thüringen und Sachsen zu machen. Diese Bestrebungen hätten nichts zu tun gehabt mit dem Vorgehen der Separatisten späterer Zeit, die das Rheinland zu einem selſtändigen Staat neben Deutschland machen wollten; das sei natürlich Landesverrat ge= wesen. Als Grund für seine Stellungnahme in jener Zeit führt er an, daß im November und Dezember 1918 alles schwankte und der sozialistische Kultusminister Hoffmann ein Kulturprogramm entworfen habe mit der Trennung von Staat und Kirche.
Was Kaas hier ausführt, ist nicht neu. Er zeigt aber klar und deutlich, daß tatsächlich bei den Verhandlungen über die Reichsverfassung die Bestrebungen der Rheinländer auf Losreizung von Preußen start in die Waagschale gefallen sind und wesentlich zur Gestaltung des Schulkompromisses beigetragen haben. Daß dabei namhafte Persönlichkeiten aus der Zentrumspartei hervorragend beteiligt gewesen sind, steht nach den neuesten Auslassungen des Zentrumsführers außer Zweifel.
einsbundes für ſtandesunwürdig, wenn ein Arzt entweder selbst Herabseßung der Krankenkassenbeiträge.
oder durch seine Hilfspersonen die Notverordnung dadurch sabotiert, daß er den Versicherten die Krankenscheingebühr oder den Arzneikoſtenanteil erstattet. Der Geschäftsausschuß macht es den Aerzten zur Pflicht, die auf wirksame Ersparnismaßnahmen in der Reichsversicherungsordnung gerichteten gesetzgeberischen Bestrebungen zu unterstützen, soweit dies ohne Schädigung des Zwedes der Versicherung möglich ist.
Die Sozialdemokratie macht gegenwärtig ein großes Agitationsgeheul über die Notverordnung zur Krantenversicherung. Sie verschweigt dabei, daß diese Notverordnung in erster Linie den Zwed hat, eine Ermäßigung der Krankenkassenbeiträge, also auch eine Entlastung der Versicherten zu erreichen. In welchem Umfange letzteres bereits der Fall ist, zeigen die Beschlüsse einer


